Gelungene Reanimation eines Klassikers




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Inszenierung von 1998

































































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Das Staatstheater Wiesbaden präsentiert in Darmstadt Adolphe Adams Ballett "Giselle"

 

Vor elf Jahren brachte das Staatstheater Wiesbaden dieses romantische "Parade-Ballett" zum letzten Mal auf die Bretter, damals als biedere, höchst naturalistische Choreographie (siehe Link). Als habe er das Bedürfnis einer gewissen Wiedergutmachung, hat sich jetzt Stephan Toss, der neue Leiter des Wiesbadener Ballets, erneut diesem Stoff gewidmet und ihn mit seiner Truppe aus einer zeitgemäßen Sicht choreographiert.

Ina Brütting (Giselle M.),  Christian Maier (Albrecht)Ina Brütting (Giselle M.),  Christian Maier (Albrecht)

Bereits im Programmheft lässt Toss das Publikum deutlich wissen, dass es ihm weniger um die melodramatische Liebesgeschichte des armen Mädchens zwischen zwei Männern geht sondern vielmehr um die Emanzipation und Selbstfindung einer jungen Frau. Den zweiten Akt, der ursprünglich - nach dem Tod des unglücklichen Mädchens - in einer jenseitigen Geisterwelt spielt, siedelt er deshalb in einer Zwischenwelt an, die mehr auf geistig-seelische Prozesse denn auf ein Weiterleben der gequälten Seele nach dem Tode verweist. Das Bühnenbild von Arne Walther unterstützt diese Sicht konsequent, indem es auf jegliche realistischen oder gar naturalistische Elemente verzichtet. Zwei halbtransparente, leicht geschwungene Glaswände verschieben sich mit der Drehbühne gegeneinander und grenzen den Aktionsraum gegen die hintere Bühne ab. Keine weiteren Hinweise auf die Handlung. Für die Kostüme (Stephan Toss) gilt Ähnliches. Die Gesellschaft des ersten Aktes trägt blaue Anzüge bzw. Kleider mit einem Hauch eines Uniformcharakters, der Fremdling Albrecht hebt sich dagegen durch legere Alltagskleidung ab. Im zweiten Akt dominieren eindeutig die Schleier der "Wilis", die in der eigentlichen Geschichte weibliche Geister aus dem Totenreich darstellen, hier dagegen so etwas wie neue Gefährtinnen der sich emanzipierenden Giselle.

Stephan Toss stellt bei seiner Choreographie den Tanz selbst - und damit das Ballett - in  den Vordergrund, verleiht ihr damit einen unübersehbar selbstreferenziellen Zug. Giselle lebt in einer Gesellschaft, die gerne tanzt, durchaus vereinbar mit der gesellschaftlichen Situation des frühen 19. Jahrhunderts, das im Tanz die einzig erlaubte körperliche Annäherung der Geschlechter sah und diesem daher kräftig frönte. Doch diese Gesellschaft tanzt nach festen Regeln, die auf keinen Fall individuelle, ungebremste Gefühle sichtbar lassen dürfen. Außerdem erfolgen diese Tänze im öffentlichen, möglichst großen Rahmen, um die Einhaltung der Konventionen sicherzustellen. Genau diese Situation stellt die Truppe von Stephan Toss tänzerisch nach. Die Tänzer und Tänzerinnen bewegen sich in synchronen Figuren, meist in der Gruppe, mal gemeinsam, mal nach Geschlechtern getrennt, mal paarweise. Vor allem der Paartanz war damals im Ballett ein "Muss"; Stephan Toss lässt ihn zwar entsprechend zur Geltung kommen, nutzt ihn aber dazu, die Beziehungen der einzelnen Protagonisten auszudrücken. Giselle und ihr Freund Hilarion, Giselle und ihr Vater, Giselle und ihre Mutter. Abgesehen von der Betonung des Formationstanzes - Ausdruck von Konvention und Konformismus - betont Toss die Eckigkeit und Vordergründigkeit der Bewegungen, die nicht aus dem Inneren kommen, sondern von außen vorgegeben und gelenkt werden. Nicht umsonst erinnern diese Bilder zeitweise  an entsprechende Bewegungsübungen in einschlägigen religiösen oder esoterischen Vereinigungen mit einem strengen moralischen Rahmen.

Ina Brütting (Giselle M.), Sandr Westphal (Hilarion), EnsembleIna Brütting (Giselle M.), Sandr Westphal (Hilarion), Ensemble

Mit dem Auftreten Albrechts ändert sich die Situation schlagartig. Giselle fühlt sich anfangs von seiner unmittelbaren, sinnlichen Körpersprache verunsichert und wehrt sich gegen ihn, fühlt sich dann jedoch immer mehr zu ihm hingezogen, versucht, seine  Bewegungssprache in ihrer eigenen Umgebung umzusetzen, scheitert jedoch am Unverständnis ihrer Freunde und Verwandten und deren starrem Beharren auf den eingeübten Tanzformen. Anrührend stellt Ina Brütting den langsamen Übergang von der ewig lächelnden  - grinsenden? - Konformistin zur verunsicherten und schließlich zur erst körperlich erwachenden, dann verlassenen und verzweifelnden jungen Frau dar. Auch ohne ein Wort und ohne naturalistsiche Requisiten erschließt sich dem Zuschauer die Aussage geradezu zwingend. Zum Ende des ersten Aktes tanzt Giselle alias Ina Brütting in geradezu ekstatischer Verzweiflung mitten zwischen den ratlosen, ihrer Formation verhafteten Freunden, fleht den nunmehr aller Sinnlichkeit beraubten Albrecht an und bricht dann zusammen.


Ina Brütting (Giselle M.), EnsembleIna Brütting (Giselle M.), Ensemble  

Der zweite Akt spielt bei Stephan Toss nicht in einem eindeutigen Jenseits, nach dem Tode Giselles, sondern in einem nicht näher definierten Zwischenzustand. Wollte man diesen realistisch verorten, könnte man sich zum Beispiel eine Nervenklinik vorstellen. Doch Stephan Toss hütet sich vor einer solchen Festlegung und hält sich hinsichtlich Bühnenbild in gewisser Weise an die ursprüngliche Vversion: eine überdimensionale, kalt leuchtende Kugel erinnert an den Mond und dominiert die Bühne. Die Tänzerinnen bewegen sich gleitend, fast schwebend in schleierartigen Gewändern über die Bühne und lassen Assoziationen an die elfenartigen "Wilis" in Adams Originalversion aufkommen - offensichtllich gezielt. Die neuen Gefährten Giselles sind frei von jeglichen Zwängen und Konventionen und haben eine eigene Körpersprache entwickelt, die ihre Emotionen nach außen trägt. Giselle erlernt diese neue Körperlichkeit von ihren neuen Gefährten und wird eine der ihren. Noch einmal versucht Albrecht, sich Giselle zu nähern, nun von ihrem neuen Zauber berührt, doch er kann ihr nichts mehr geben, und so entzieht sie sich ihm, um ein selbstbestimmtes Leben zu führen. In diesem Ak ist jedoch keine so deutliche Entwicklung mehr zu spüren wie im ersten. Giselles Transformation zu einem freien, nur sich selbst verantwortlichen Wesen hat im Grunde mit ihrem Zusammenbruch eingesetzt und wird jetzt im Kreis der Wilis nur noch gefestigt. Glücklich und mit sich im Reinen lässt Giselle sich in deren Kreis aufnehmen. Ina Brütting als Darstellerin der Giselle wird deshalb ein nicht mher herausgehobenes Mitglied der "Wili"-Gruppe, und gemeinsam leben sie jetzt eine harmonische Körperlichkeit aus. Wie im ersten Akt bestimmt auch hier wieder das Kollektiv das Bühnengeschehen, jetzt jedoch ohne externen Zwang aus den eigenen Bedürfnissen heraus.

Was bei Adolphe Adam noch ein Geisterreigen im Jenseits darstellte, der Giselles Seele für die Ewigkeit rettete - halt Romantik! -, ist jetzt verschworene Gemeinschaft Gleichgesinnter, die einem neuen Menschenbild folgen. Zwangsläufig entwickelt dieser Akt eine gewisse Statik, weil keine fortschreitende Handlung mehr zu erkennen ist. Wie das Meer schwebt und wogt das Feld der Tänzerinnen in zeitlosem Tanz fast körperlos dahin und wendet den Abend damit von einer nachvollziehbaren Handlung in reine Ästhetik. Deren Selbstzweck wirkt jedoch am Ende glaubwürdiger als alle aufgesetzten Konfliktlösungen oder mehr oder minder tragischen Schlusswendungen.

Das Publikum im leider nicht ausverkauften Großen Haus zeigte sich beeindruckt von dieser sehenswerten Produktion und dankte den Darstellern durch lang anhaltenden Beifall und vereinzelte "Bravo"-Rufe für die Hauptdarstellerin Ina Brütting.

Frank Raudszus

Alle Fotos © Martin Kaufhold