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Gelungene Reanimation eines Klassikers |
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Das
Staatstheater Wiesbaden präsentiert in Darmstadt Adolphe Adams
Ballett "Giselle" |
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Vor elf Jahren
brachte das Staatstheater Wiesbaden dieses romantische "Parade-Ballett"
zum letzten Mal auf die Bretter, damals als biedere, höchst
naturalistische Choreographie (siehe Link). Als habe er das
Bedürfnis einer gewissen Wiedergutmachung, hat sich jetzt Stephan
Toss, der neue Leiter des Wiesbadener Ballets, erneut diesem Stoff
gewidmet und ihn mit seiner Truppe aus einer zeitgemäßen
Sicht choreographiert.
Bereits
im Programmheft lässt Toss das Publikum deutlich wissen, dass es
ihm weniger um die melodramatische Liebesgeschichte des armen
Mädchens zwischen zwei Männern geht sondern vielmehr um die
Emanzipation und Selbstfindung einer jungen Frau. Den zweiten Akt, der
ursprünglich - nach dem Tod des unglücklichen Mädchens -
in einer jenseitigen Geisterwelt spielt, siedelt er deshalb in einer
Zwischenwelt an, die mehr auf geistig-seelische Prozesse denn auf ein
Weiterleben der gequälten Seele nach dem Tode verweist. Das
Bühnenbild von Arne Walther unterstützt diese Sicht
konsequent, indem es auf jegliche realistischen oder gar
naturalistische Elemente verzichtet. Zwei halbtransparente, leicht
geschwungene Glaswände verschieben sich mit der Drehbühne
gegeneinander und grenzen den Aktionsraum gegen die hintere Bühne
ab. Keine weiteren Hinweise auf die Handlung. Für die Kostüme
(Stephan Toss) gilt Ähnliches. Die Gesellschaft des ersten Aktes
trägt blaue Anzüge bzw. Kleider mit einem Hauch eines
Uniformcharakters, der Fremdling Albrecht hebt sich dagegen durch
legere Alltagskleidung ab. Im zweiten Akt dominieren eindeutig die
Schleier der "Wilis", die in der eigentlichen Geschichte weibliche
Geister aus dem Totenreich darstellen, hier dagegen so etwas wie neue
Gefährtinnen der sich emanzipierenden Giselle. Stephan
Toss stellt bei seiner Choreographie den Tanz selbst - und damit das
Ballett - in den Vordergrund, verleiht ihr damit einen
unübersehbar selbstreferenziellen Zug. Giselle lebt in einer
Gesellschaft, die gerne tanzt, durchaus vereinbar mit der
gesellschaftlichen Situation des frühen 19. Jahrhunderts, das im
Tanz die einzig erlaubte körperliche Annäherung der
Geschlechter sah und diesem daher kräftig frönte. Doch
diese Gesellschaft tanzt nach festen Regeln, die auf keinen Fall
individuelle, ungebremste Gefühle sichtbar lassen dürfen.
Außerdem erfolgen diese Tänze im öffentlichen,
möglichst großen Rahmen, um die Einhaltung der Konventionen
sicherzustellen. Genau diese Situation stellt die Truppe von Stephan
Toss tänzerisch nach. Die Tänzer und Tänzerinnen bewegen
sich in synchronen Figuren, meist in der Gruppe, mal gemeinsam,
mal nach Geschlechtern getrennt, mal paarweise. Vor allem der Paartanz
war damals im Ballett ein "Muss"; Stephan Toss lässt ihn zwar
entsprechend zur Geltung kommen, nutzt ihn aber dazu, die Beziehungen
der einzelnen Protagonisten auszudrücken. Giselle und ihr Freund
Hilarion, Giselle und ihr Vater, Giselle und ihre Mutter. Abgesehen von
der Betonung des Formationstanzes - Ausdruck von Konvention und
Konformismus - betont Toss die Eckigkeit und Vordergründigkeit der
Bewegungen, die nicht aus dem Inneren kommen, sondern von außen
vorgegeben und gelenkt werden. Nicht umsonst erinnern diese Bilder
zeitweise an entsprechende Bewegungsübungen in
einschlägigen religiösen oder esoterischen Vereinigungen mit
einem strengen moralischen Rahmen.
Mit
dem Auftreten Albrechts ändert sich die Situation schlagartig.
Giselle fühlt sich anfangs von seiner unmittelbaren, sinnlichen
Körpersprache verunsichert und wehrt sich gegen ihn, fühlt
sich dann jedoch immer mehr zu ihm hingezogen, versucht, seine
Bewegungssprache in ihrer eigenen Umgebung umzusetzen, scheitert jedoch
am Unverständnis ihrer Freunde und Verwandten und deren starrem
Beharren auf den eingeübten Tanzformen. Anrührend stellt Ina
Brütting den langsamen Übergang von der ewig
lächelnden - grinsenden? - Konformistin zur verunsicherten
und schließlich zur erst körperlich erwachenden, dann
verlassenen und verzweifelnden jungen Frau dar.
Auch ohne ein Wort und ohne naturalistsiche Requisiten
erschließt sich dem
Zuschauer die Aussage geradezu zwingend. Zum Ende des ersten Aktes
tanzt Giselle alias Ina Brütting in geradezu ekstatischer
Verzweiflung mitten zwischen den ratlosen, ihrer Formation verhafteten
Freunden, fleht den nunmehr aller Sinnlichkeit beraubten Albrecht an
und bricht dann zusammen.
Der
zweite Akt spielt bei Stephan Toss nicht in einem eindeutigen Jenseits,
nach dem Tode Giselles, sondern in einem nicht näher definierten
Zwischenzustand. Wollte man diesen realistisch verorten, könnte
man sich zum Beispiel eine Nervenklinik vorstellen. Doch Stephan Toss
hütet sich vor einer solchen Festlegung und hält sich
hinsichtlich Bühnenbild in gewisser Weise an die
ursprüngliche Vversion: eine überdimensionale, kalt
leuchtende Kugel erinnert an den Mond und dominiert die Bühne. Die
Tänzerinnen bewegen sich gleitend, fast schwebend in
schleierartigen Gewändern über die Bühne und lassen
Assoziationen an die elfenartigen "Wilis" in Adams Originalversion
aufkommen - offensichtllich gezielt. Die neuen Gefährten Giselles
sind frei von jeglichen Zwängen und Konventionen und haben eine
eigene Körpersprache entwickelt, die ihre Emotionen nach
außen trägt. Giselle erlernt diese neue Körperlichkeit
von ihren neuen Gefährten und wird eine der ihren. Noch einmal
versucht Albrecht, sich Giselle zu nähern, nun von ihrem neuen
Zauber berührt, doch er kann ihr nichts mehr geben, und so
entzieht sie sich ihm, um ein selbstbestimmtes Leben zu führen. In
diesem Ak ist jedoch keine so deutliche Entwicklung mehr zu spüren
wie im ersten. Giselles Transformation zu einem freien, nur sich selbst
verantwortlichen Wesen hat im Grunde mit ihrem Zusammenbruch eingesetzt
und wird jetzt im Kreis der Wilis nur noch gefestigt. Glücklich
und mit sich im Reinen lässt Giselle sich in deren Kreis
aufnehmen. Ina Brütting als Darstellerin der Giselle wird deshalb
ein nicht mher herausgehobenes Mitglied der "Wili"-Gruppe, und
gemeinsam leben sie jetzt eine harmonische Körperlichkeit aus. Wie
im ersten Akt bestimmt auch hier wieder das Kollektiv das
Bühnengeschehen, jetzt jedoch ohne externen Zwang aus den eigenen
Bedürfnissen heraus. Was
bei Adolphe Adam noch ein Geisterreigen im Jenseits darstellte, der
Giselles Seele für die Ewigkeit rettete - halt Romantik! -, ist
jetzt verschworene Gemeinschaft Gleichgesinnter, die einem neuen
Menschenbild folgen. Zwangsläufig entwickelt dieser Akt eine
gewisse Statik, weil keine fortschreitende Handlung mehr zu erkennen
ist. Wie das Meer schwebt und wogt das Feld der Tänzerinnen in
zeitlosem Tanz fast körperlos dahin und wendet den Abend damit von
einer nachvollziehbaren Handlung in reine Ästhetik. Deren
Selbstzweck wirkt jedoch am Ende glaubwürdiger als alle
aufgesetzten Konfliktlösungen oder mehr oder minder tragischen
Schlusswendungen. Das
Publikum im leider nicht ausverkauften Großen Haus zeigte sich
beeindruckt von dieser sehenswerten Produktion und dankte den
Darstellern durch lang anhaltenden Beifall und vereinzelte "Bravo"-Rufe
für die Hauptdarstellerin Ina Brütting. Frank
Raudszus Alle Fotos © Martin Kaufhold |
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