Boulevard-Feuerwerk zum Saisonschluss




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Das Schauspiel des Staatstheaters Darmstadt zeigt Ray Cooneys Boulevard-Komödie "Außer Kontrolle"

 

In einem Gespräch nach der Premiere dieses Stückes fiel die Bemerkung, eine gute (Boulevard-)Komödie dürfe nie witzig gespielt werden. Die eigentliche Komik ergäbe sich aus dem Kontrast zwischen dem Ernst, den die beteiligten Personen sich selbst und ihrer jeweiligen Situation gegenüber zeigen, und den tatsächlichen Gegebenheiten. Schauspieler, die schon mit einem mehr oder minder versteckten Lachen auf die Bühne kommen und sich selbst an der angeblichen Komik erfreuen, zerstören die Wirkung. Schöne Beispiele für diese These sind Komiker wie Stan Laurel und Oliver Hardy ("Dick und Doof") oder Buster Keaton, die mit ihrem todernsten und tieftraurigen Auftreten das Publikum zu Lachstürmen hinrissen.

Maika Troscheit (Jane Worthington), Gerd K. Wölfle (Ein Körper), Hubert Schlemmer (George Pidgen)Maika Troscheit (Jane Worthington), Gerd K. Wölfle (Ein Körper), Hubert Schlemmer (George Pidgen)

In Darmstadt setzte am letzten Juni-Wochenende das Ensemble des Schauspiels diese Komödien-Weisheit erfolgreich in die Tat um. Zum Ausklang einer langen Saison hatte man sich ein Stück ohne besonderen Tiefgang aber mit hohem Lachpotential ausgesucht, eine Boulevard-Komödie bester englischer Machart. In Ray Cooneys Farce "Außer Kontrolle" geht es vor allem darum, dass sich bestimmte Personen auf keinen Fall treffen bzw. das ein hoch kompromittierender Sachverhalt nichts ans Tageslicht kommt. Um diese Vorgabe in die komödiantische Form zu übersetzen, benötigt man mehrere Türen, die sich immer im genau richtigen bzw. falschen Moment öffnen oder schließen, einen "running gag", in diesem Fall ein selbständig wie ein Fallbeil herabfallendes Fenster, und eine - meist erotische bedingte - peinliche Ausgangssituation. Um sich vor der Entlarvung zuz schützen, müssen die Handlungsträger immer absurdere Ausreden erfinden, in deren Geflecht sie sich am Schluss unrettbar verfangen. Da (fast) alle Boulevard-Komödie nach diesem Rezept arbeiten, reicht es eigentlich, eine gesehen zu haben, um alle zu kennen. Wenn diese eine dann so gut dargebracht wird wie an diesem Abend, kann man mehr als zufrieden sei.

Doch zur Handlung: der Minister Richard Willey plant ein erotisches Wochenende mit - ausgerechnet! - der Sekretärin des Oppositionsführers, während er seiner Frau im einleitenden Telefonat etwas von einer nächtlichen Unterhaus-Debatte erzählt. Jane, die Geliebte in spe, hat ihrem Mann Ronny von einer Fahrt zu einer armen, alten Verwandten auf dem Lande ohne Telefon erzählt. Alles wäre also bestens, wenn die beiden nicht plötzlich im Fenster die eingeklemmte Leiche eines fremden Mannes entdecken würden. Während Jane entsetzt die Polizei rufen will, übersieht Richard sofort die bitteren Konsequenzen für seine Karriere und ruft seinen treuen Sekretär George zur Hilfe, um die Leiche auf diskrete Art zu entsorgen.

Versteht sich, dass die Planung sich nicht so einfach umsetzen lässt, da permanent irgendwelche unerwarteten Besucher an der Tür oder Telefonate die fieberhaften Aktivitäten unterbrechen. Da ist einmal ein schnöseliger Oberkellner, den bereits Richards geringes Trinkgeld beleidigt hat und der künftig die Geschehnisse in dieser Suite mit Argusaugen beobachtet. Weiterhin schöpft auch der Hoteldirektor bald Verdacht wegen der ungewöhnlichen Besuchsfrequenz in dieser Suite und wegen gewisser anderer Vorkommnisse, die nicht in ein Hotel dieser Klasse gehören. So erscheint irgendwann einmal zu allem Überfluss Ronnie, um seine untreue Ehefrau "in flagranti" zu erwischen. Als er einen zu diesem Zweck angeheuerten Privatdetektiv erwähnt, der sich nicht mehr gemeldet hat, ahnt der Zuschauer die Zusammenhänge. Ronnie aber in seiner ungebremsten Wut zerlegt prophylaktisch eine ganze Suite, worüber sich der distinguierte Hoteldirektor "not amused" zeigt.

Gerd K. Wölfle (Ein Körper), Hubert Schlemmer (George Pidgen), Hans Matthias Fuchs (Richard Willey)Gerd K. Wölfle (Ein Körper), Hubert Schlemmer (George Pidgen), Hans Matthias Fuchs (Richard Willey)

George dagegen erweist sich als denkbar ungeeigneter Helfer in der panischen Not, wohnt er doch zu Hause bei seiner Mutter, die sein Leben regelt, und hat eigentlich nur Ausgang bis zum Ende der Tagesschicht der seine Mutter betreuenden Schwester. George zeigt bei seinen Kommentaren das hoch verdichtete Charakterbild eines subalternen Bedenkenträgers, der in jeder Handlungsalternative nur die Katastrophe wittert. Zur Strafe stattet ihn der um keine reflexartige Ausrede verlegene Richard - ein typischer Politiker halt - laufend mit neuen erdichteten Verwandten und Titeln aus, um unvermutet auftretenden Dritten die jeweilige Personenkonstellation - Jane oder später die "Leiche" - zu erklären. Als man den Körper des vermeintlich Toten endlich verkleidet und in einen Rollstuhl verpackt hat, muss er mal den Bruder des armen George abgeben, dann wieder ist dieser ein bekannter Arzt, der einen Schwerkranken betreut, je nachdem, wer gerade Auskunft über die Menschen in der Suite verlangt.  Zwangsläufig verstricken sich Richard und der ihm mehr verzweifelt denn treu folgender Sekretär immer mehr in ihre eigenen Lügen, und zu allem Überfluss verschwindet erst die Leiche - der Zuschauer weiß warum - und erweist sich dann als ziemlich lebendig. Für Zündstoff ist also genug gesorgt, so dass das Erscheinen von Richards Frau oder das periodische Hereinstürmen des  labil-aggressiven Ronnie wie Brandbeschleuniger wirken.

Wie das Ganze ausgeht - Boulevard-Komödie gehen immer "staatstragend" aus -, wollen wir hier nicht näher ausführen, um potentiellen Besuchern nicht Spaß und Spannung zu rauben. Wir können aber jedem Interessenten hohes Tempo, ein hohes Maß an Situationskomik und viele gelungene Seitenhiebe auf Gesellschaft und Politik versprechen. Langeweile kommt in dieser Inszenierung keinen Moment auf, und die Darsteller spielen durchweg mit hohem Engagement und viel Spaß an der Handlung, wenn sie den Witz auch nicht vor sich hertragen (s. oben).

Maika Troscheit (Jane Worthington), Hubert Schlemmer (George Pidgen), Gerd K. Wölfle (Ein Körper), Hans Matthias Fuchs (Richard Willey), Tilman Meyn (Der Kellner)Maika Troscheit (Jane Worthington), Hubert Schlemmer (George Pidgen), Gerd K. Wölfle (Ein Körper), Hans Matthias Fuchs (Richard Willey), Tilman Meyn (Der Kellner)

Hubert Schlemmer glänzt mit einer grotesken Karikatur des überforderten George, der eigentlich nur seinen geordneten Feierabend liebt, sich zeitweise in heller Verzweiflung ob der vollständig "außer Kontrolle" geratenen Ereignisse zitternd in eine Zimmerecke drückt und - aus Not geboren - seine große Stunde als entflammter Liebhaber erlebt. Hans-Matthias Fuchs gibt den abgeklärten und über die Widrigkeiten des kleinbürgerlichen Lebens erhabenen Politikers, der die logischen Brände mit dem Benzin der Lüge zu löschen versucht und dabei noch den Überlegenen mimt, der alles unter Kontrolle hat. So ein Mann kämpft lügend noch bis zum letzten Atemzug. Maika Troscheit ist als verhinderte Geliebte ganz die brave Ehefrau auf Zeit, die sich lauthals über die angebliche Untreue ihres eigenen Mannes auslassen kann und noch angesichts ihrer kompromittierenden Situation die (klein-)bürgerliche Moral hochhält, und die sich im entscheidenden Augenblick am liebsten unsichtbar machen würde. Tilman Meyn verleiht dem Oberkellner den halbseidenen Glanz eines zukünftuigen Erpressers und Matthias Kleinert tritt als stocksteifer Hoteldirektor mit Haartolle, Schnurrbart und gemessen-energischem Habitus auf. Andreas Manz hat als Ronnie Schwerstarbeit zu verrichten, muss er doch permanent als wutenbranntes Kraftpaket durch die Räume stürmen und sich zwischendurch anfallartig in den Armen seines momentanen Gegnübers ausweinen. Gerd K. Wölfle hat als lange "tote Leiche" wenig zu sagen, stellt aber den sanft Entschlummerten überzeugend dar und lässt des Öfteren zum falschen - das heißt dramaturgisch richtigen - Zeitpunkt die Beine aus dem als Übergangssarg dienenden Kleiderschrank fallen. Sonja Mustoff schließlich spielt die anfangs recht resolute und später in Liebe entflammte Schwester Foster, und als Gast verkörpert Jutta Eckhardt Richards Frau Pamela, die misstrauisch die Vorgänge in dem Appartement beobachtet und unerwartet Objekt einer Liebeserklärung wird.

Alles in allem ein sehr unterhaltsamer Abend, gerade richtig für einen warmen Sommerabend, an dem man ungerne tiefe Tragik und schwere Sinnsuche auf sich genommen hätte. Das Publikum sah es auch so und spendete kräftigen Beifall für alle Beteiligten.

Frank Raudszus

Alle Fotos © Barbara Aumüller