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Boulevard-Feuerwerk zum Saisonschluss |
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Das
Schauspiel des Staatstheaters Darmstadt zeigt Ray Cooneys
Boulevard-Komödie "Außer Kontrolle" |
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In einem
Gespräch nach der Premiere dieses Stückes fiel die Bemerkung,
eine gute (Boulevard-)Komödie dürfe nie witzig gespielt
werden. Die eigentliche Komik ergäbe sich aus dem Kontrast
zwischen dem Ernst, den die beteiligten Personen sich selbst und ihrer
jeweiligen Situation gegenüber zeigen, und den
tatsächlichen Gegebenheiten. Schauspieler, die schon mit einem
mehr oder minder versteckten Lachen auf die Bühne kommen und sich
selbst an der angeblichen Komik erfreuen, zerstören die Wirkung.
Schöne Beispiele für diese These sind Komiker wie Stan Laurel
und Oliver Hardy ("Dick und Doof") oder Buster Keaton, die mit ihrem
todernsten und tieftraurigen Auftreten das Publikum zu Lachstürmen
hinrissen.
In
Darmstadt setzte am letzten Juni-Wochenende das Ensemble des
Schauspiels diese Komödien-Weisheit erfolgreich in die Tat um. Zum
Ausklang einer langen Saison hatte man sich ein Stück ohne
besonderen Tiefgang aber mit hohem Lachpotential ausgesucht, eine
Boulevard-Komödie bester englischer Machart. In Ray Cooneys Farce
"Außer Kontrolle" geht es vor allem darum, dass sich bestimmte
Personen auf keinen Fall treffen bzw. das ein hoch kompromittierender
Sachverhalt nichts ans Tageslicht kommt. Um diese Vorgabe in die
komödiantische Form zu übersetzen, benötigt man mehrere
Türen, die sich immer im genau richtigen bzw. falschen Moment
öffnen oder schließen, einen "running gag", in diesem Fall
ein selbständig wie ein Fallbeil herabfallendes Fenster, und eine
- meist erotische bedingte - peinliche Ausgangssituation. Um sich vor
der Entlarvung zuz schützen, müssen die Handlungsträger
immer absurdere Ausreden erfinden, in deren Geflecht sie sich am
Schluss unrettbar verfangen. Da (fast) alle Boulevard-Komödie nach
diesem Rezept arbeiten, reicht es eigentlich, eine gesehen zu haben, um
alle zu kennen. Wenn diese eine dann so gut dargebracht wird wie an
diesem Abend, kann man mehr als zufrieden sei. Doch
zur Handlung: der Minister Richard Willey plant ein erotisches
Wochenende mit - ausgerechnet! - der Sekretärin des
Oppositionsführers, während er seiner Frau im einleitenden
Telefonat etwas von einer nächtlichen Unterhaus-Debatte
erzählt. Jane, die Geliebte in spe, hat ihrem Mann Ronny von einer
Fahrt zu einer armen, alten Verwandten auf dem Lande ohne Telefon
erzählt. Alles wäre also bestens, wenn die beiden nicht
plötzlich im Fenster die eingeklemmte Leiche eines fremden Mannes
entdecken würden. Während Jane entsetzt die Polizei rufen
will, übersieht Richard sofort die bitteren Konsequenzen für
seine Karriere und ruft seinen treuen Sekretär George zur Hilfe,
um die Leiche auf diskrete Art zu entsorgen. Versteht
sich, dass die Planung sich nicht so einfach umsetzen lässt, da
permanent irgendwelche unerwarteten Besucher an der Tür oder
Telefonate die fieberhaften Aktivitäten unterbrechen. Da ist
einmal ein schnöseliger Oberkellner, den bereits Richards geringes
Trinkgeld beleidigt hat und der künftig die Geschehnisse in dieser
Suite mit Argusaugen beobachtet. Weiterhin schöpft auch der
Hoteldirektor bald Verdacht wegen der ungewöhnlichen
Besuchsfrequenz in dieser Suite und wegen gewisser anderer
Vorkommnisse, die nicht in ein Hotel dieser Klasse gehören. So
erscheint irgendwann einmal zu allem Überfluss Ronnie, um seine
untreue Ehefrau "in flagranti" zu erwischen. Als er einen zu diesem
Zweck angeheuerten Privatdetektiv erwähnt, der sich nicht mehr
gemeldet hat, ahnt der Zuschauer die Zusammenhänge. Ronnie aber in
seiner ungebremsten Wut zerlegt prophylaktisch eine ganze Suite,
worüber sich der distinguierte Hoteldirektor "not amused" zeigt.
George
dagegen erweist sich als denkbar ungeeigneter Helfer in der panischen
Not, wohnt er doch zu Hause bei seiner Mutter, die sein Leben regelt,
und hat eigentlich nur Ausgang bis zum Ende der Tagesschicht der seine
Mutter betreuenden Schwester. George zeigt bei seinen Kommentaren das
hoch verdichtete Charakterbild eines subalternen Bedenkenträgers,
der in jeder Handlungsalternative nur die Katastrophe wittert. Zur
Strafe stattet ihn der um keine reflexartige Ausrede verlegene Richard
- ein typischer Politiker halt - laufend mit neuen erdichteten
Verwandten und Titeln aus, um unvermutet auftretenden Dritten die
jeweilige Personenkonstellation - Jane oder später die "Leiche" -
zu erklären. Als man den Körper des vermeintlich Toten
endlich verkleidet und in einen Rollstuhl verpackt hat, muss er mal den
Bruder des armen George abgeben, dann wieder ist dieser ein bekannter
Arzt, der einen Schwerkranken betreut, je nachdem, wer gerade Auskunft
über die Menschen in der Suite verlangt. Zwangsläufig
verstricken sich Richard und der ihm mehr verzweifelt denn treu
folgender Sekretär immer mehr in ihre eigenen Lügen, und zu
allem Überfluss verschwindet erst die Leiche - der Zuschauer
weiß warum - und erweist sich dann als ziemlich lebendig.
Für Zündstoff ist also genug gesorgt, so dass das Erscheinen
von Richards Frau oder das periodische Hereinstürmen des
labil-aggressiven Ronnie wie Brandbeschleuniger wirken. Wie
das Ganze ausgeht - Boulevard-Komödie gehen immer "staatstragend"
aus -, wollen wir hier nicht näher ausführen, um potentiellen
Besuchern nicht Spaß und Spannung zu rauben. Wir können aber
jedem Interessenten hohes Tempo, ein hohes Maß an Situationskomik
und viele gelungene Seitenhiebe auf Gesellschaft und Politik
versprechen. Langeweile kommt in dieser Inszenierung keinen Moment auf,
und die Darsteller spielen durchweg mit hohem Engagement und viel
Spaß an der Handlung, wenn sie den Witz auch nicht vor sich
hertragen (s. oben).
Hubert
Schlemmer glänzt mit einer grotesken Karikatur des
überforderten George, der eigentlich nur seinen geordneten
Feierabend liebt, sich zeitweise in heller Verzweiflung ob der
vollständig "außer Kontrolle" geratenen Ereignisse zitternd
in eine Zimmerecke drückt und - aus Not geboren - seine
große Stunde als entflammter Liebhaber erlebt. Hans-Matthias
Fuchs gibt den abgeklärten und über die Widrigkeiten des
kleinbürgerlichen Lebens erhabenen Politikers, der die logischen
Brände mit dem Benzin der Lüge zu löschen versucht und
dabei noch den Überlegenen mimt, der alles unter Kontrolle hat. So
ein Mann kämpft lügend noch bis zum letzten Atemzug. Maika
Troscheit ist als verhinderte Geliebte ganz die brave Ehefrau auf Zeit,
die sich lauthals über die angebliche Untreue ihres eigenen Mannes
auslassen kann und noch angesichts ihrer kompromittierenden Situation
die (klein-)bürgerliche Moral hochhält, und die sich im
entscheidenden Augenblick am liebsten unsichtbar machen würde.
Tilman Meyn verleiht dem Oberkellner den halbseidenen Glanz eines
zukünftuigen Erpressers und Matthias Kleinert tritt als
stocksteifer Hoteldirektor mit Haartolle, Schnurrbart und
gemessen-energischem Habitus auf. Andreas Manz hat als Ronnie
Schwerstarbeit zu verrichten, muss er doch permanent als wutenbranntes
Kraftpaket durch die Räume stürmen und sich zwischendurch
anfallartig in den Armen seines momentanen Gegnübers ausweinen.
Gerd K. Wölfle hat als lange "tote Leiche" wenig zu sagen, stellt
aber den sanft Entschlummerten überzeugend dar und lässt des
Öfteren zum falschen - das heißt dramaturgisch richtigen -
Zeitpunkt die Beine aus dem als Übergangssarg dienenden
Kleiderschrank fallen. Sonja Mustoff schließlich spielt die
anfangs recht resolute und später in Liebe entflammte Schwester
Foster, und als Gast verkörpert Jutta Eckhardt Richards Frau
Pamela, die misstrauisch die Vorgänge in dem Appartement
beobachtet und unerwartet Objekt einer Liebeserklärung wird. Alles
in allem ein sehr unterhaltsamer Abend, gerade richtig für einen
warmen Sommerabend, an dem man ungerne tiefe Tragik und schwere
Sinnsuche auf sich genommen hätte. Das Publikum sah es auch so und
spendete kräftigen Beifall für alle Beteiligten. Frank
Raudszus Alle Fotos © Barbara Aumüller |
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