"Do it Yourself" - auf dem Tanzboden




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Das Tanztheater des Staatstheaters Darmstadt holt in einem Workshop Laien auf die Bühne

 

"Das Picknick"Bei dem Versuch, neue Zielgruppen für das Theater zu erschließen, zeigt das Staatstheater Darmstadt Einfallsreichtum. Wie schon im vergangenen Jahr hat die Tanztheater-Sparte wieder einen offenen Workshop für interessierte Laien angeboten. In nur drei Tagen mit jeweils zwei Stunden erarbeiteten Mei Hong Lin und Vertreter ihrer Truppe mit vier Gruppen vier verschiedene Choreographien und präsentierten sie am 6. Juni im Kleinen Haus. Der Zuschauerraum war an diesem Abend gut gefüllt, wobei man davon ausgehen konnte, das sich das Publikum weitgehend aus den Verwandten der Teilnehmer rekrutierte. Mei Hong Lin stellte die Laientruppe und die kurze Geschichte des Workshops vor der Veranstaltung in wenigen Worten vor. Über achtzig Interessenten hatten sich gemeldet, die jüngste neun, die älteste dreiundsiebzig Jahre alt. Neben Mei Hong Lin selbst betreuten Eszter Kosár, László Kocsis und Christina Comtesse die tanzfreudigen Laien.

Der Titel des Workshops lautete "Somemrwind" und hatte vor allem sommerliche (Urlaubs-)Freuden zum Thema, die im familiären Kreis angesiedelt sind. Daher war eine wesentliche Bedingung bei der Anmeldung, dass sich jeweils zwei (oder mehr) Familienmitglieder gemeinsam zusammen meldeten.

Die erste Choreografie nannte sich "Picknick" und beschreibt ganz einfach mit körperlichen Ausdrucksmittel einen sonntäglichen Ausflug der Familie zum Picknick im Freien. Zu diesem Zweck bildete die Gruppe alle erforderlichen Requisiten und Umgebungen mit den Körpern nach - die Eisenbahn (oder den Bus?) als Käfig aus Menschenleibern, den Wald mit seinen Bäumen mit erhobenen, leicht schwankenden Armen und Vogelgezwitscher aus den Mündern (nicht vom Band!), den Genuss eines Pilzes und die Ohnmacht der Eltern, den Bach, den die nach Hilfe suchenden Kinder überqueren mussten, den Telefonanruf durch einen langen Draht, der die Worte überträgt, den Rettungshubschrauber und schließlich sogar die einzelnen Buchstaben zum glücklichen ENDE. Das Ganze war mit viel Humor und witzigen Einfällen garniert, und die einfach nachzuvollziehende Handlung zog sich als roter Faden durch die ganze Choreographie.

UrlaubsfreudenIn der zweiten Produktion stellten verschiedene Paare - Mann/Frau, Mutter/Tochter, etc. - ihre Urlaubsvorstellungen und -erwartungen bei der Abreise vor, wobei alle möglichen Variationen dieser Situation durchgespielt wurden - Fotoapparat oder Geld vergessen sowie andere kleinere und größere Katastrophen. Im zweiten Bild genießen alle den Urlaub am Strand, wieder werden die einzelnen Stereotypen durchgespielt, unter anderem ein Mann, der sich an alle Frauen heranzumachen versucht und überall abblitzt. Zum Schluss überrascht ein schweres Gewitter die Urlauber, so dass sie fluchtartig den Strand respektive die Bühne verlassen. Auch hier war viel Wert auf Situationskomik und die entsprechende Umsetzung in Bewegung gelegt woren.

Die dritte Gruppe präsentierte verschiedene Gruppensituationen, bei denen der Tanz im Mittelpunkt stand. Paarweise tanzten alle Gruppenmitglieder nach verschiedener Musik und in verschiedenen Stilrichtungen und brachten damit die Beziehung zwischen Musik und Körperbewegung zum Bewusstsein.

In der vierten und letzten Choreographie präsentierte sich die Gruppe unter der Leitung von Mei Hong Lin persönlich als "stehendes Bild" wie für eine Fotoaufnahme. Zu den einschmeichelnden Klängen des uralten Schlager "Que sera, sera" drehten sich die Darsteller wie in Zeitlupe und präsentierten dabei ein ständig changierendes Bild einer großen Gruppe. Diese Choreographie stellte wegen der fehlenden "Handlung" die größten Anforderungen an Konzentration und Spannung der Teilnehmer, verzichtete daher aber notgedrungen auf die humoristischen Effekte der ersten beiden Vorführungen.

Das Publikum dankte "seinen" Darstellern mit begeistertem Beifall und folgte gerne der Aufforderung von Mei Hong Lin, gemeinsam mit dem Ensemble auf der Bühne zu tanzen. Man kann diese Publikumsaktion des Staatstheater uneingeschränkt als einen großen Erfolg bezeichnen, auch wenn es vielleicht nicht Eingang in die Feuilletons der großen Zeitungen findet.

Frank Raudszus

Alle Fotos © Barbara Aumüller