Kunstvolle Stimm-Arrangements für Pop-Dauerbrenner

Juli 2009


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Im 10. Kammerkonzert  des Staatstheaters Darmstadt tritt das Vokalensemble "Berlin Voices" auf

 

Vor fast genau zehn Jahren taten sich die Berliner Musikstudenten Sarah und Esther Kaiser, Marc Secara und Kristofer Benn zu  dem Vokalensemble "Berlin Voices" zusammen. Seitdem haben sie in vielen nationalen und internationalen Auftritten vor allem
bekannte Pop-Titel aber auch Jazz-Klassiker in speziellen Vokalarrangements neu belebt. Eine besondere Vorliebe hegt das Quartett dabei für die Musik von Billy Joel (*1949), eines der bekanntesten Verfasser und Sänger von populärer Songs (um nicht zu sagen "Lieder"). So war es nur logisch, dass dieser Musiker das Programm der Gruppe bei ihrem Gastspiel am 2. Juli in Darmstadt dominierte. Um ihren Vortrag musikalisch etwas anzureichern - reine Vokalmusik kann auch für das Publikum sehr anstrengend sein -, hatten sie die "Berlin Voices Band" mit den Musikern Rolf Zielke (Piano),  Ralf Graessler (Bass) und Kai Schoenburg (Schlagzeug) mitgebracht. Das gab den vier Sängern zwischendurch die Gelegenheit zur Erholung der Stimmbänder und bot dem Piblikum die entsprechende musikalische Auflockerung in Form einer Instrumentalbegleitung und verschiedener Soli.

Die Gruppe "berlin Voices" und ihr Lieblingssänger Billy JoelDie Gruppe "Berlin Voices" und ihr Lieblingssänger Billy Joel

Die ersten vier Stücke - Piano Man, Just the way you are, You're my home und New York State of Mind - stammen von Billy Joel und haben entweder das altbekannte Thema Liebe oder den Hexenkessel der Großstadt - natürlich New York - zum Gegenstand. Die Liebeslieder zeichnen sich dabei durch einen elegischen Grundtenor aus, der in der komplizierten mehrstimmigen Harmonik der Gruppe sehr gut zum Ausdruck kommt. Anschließend erfolgte  als Referenz an die Heimat Berlin das Lied "Irgendwo auf der Welt"  von den Comedian Harmonists als reine Vokalversion. Im Gegensatz zu den Comedians nahm die Gruppe jedoch das Tempo stark zurück und betonte durch sängerische Akzente das melancholische Moment dieses Stücks. Die noch in der Originalfassung vorhandene Dynamik mit ihrem inhärenten Optimismus fiel wohl bewusst dem im Nachhinein bekannten Schicksal der Comedian Harmonists zum Opfer. Die harmonische und dynamische Gestaltung verlieh diesem Lied eine nachdenkliche, fast schwermütige Färbung. Nach weiteren "Fremdwerken" von Miles Davis (Boplicity) und Richie Cole (New York Afternoon) mit umfangreichen Soli aller Instrumente kamen mit der reinen Vokalversion Honesty und dem expressiven Anyway wieder zwei Joel-Stücke auf die Bühne, bevor George Gershwins "Lady be good" den temperamentvollen Abschluss des ersten Teils bildete. Allerdings erkannte man in dem Arrangement dieses "Burners", wie der Sprecher das Stück nannte, kaum noch Gershwins Originalversion wieder. Die Motive lösten sich in den komplexen Gesangsstrukturen und weit ausladenden Soli des Pianos weitghehend auf.

Das erste Stück im zweiten Teil - The Great City - stammt von Curt Lewis und besingt natürlich wieder, wenn auch ungenannt, New York. Nach James, einer "Ode an einen Freund" von Billy Joel, folgte Bebop von Jazz-Altmeister Dizzie Gillespie, dieses Mal in einem sehr originellen, weitgehend den Vokalisten überlassenen Arrangement von Wolfgang Kerschek. Das darauf folgende fremdländische Ooh jah schien einer afrikanischen Sprache zu entstammen. Leider fehlte dazu eine ausführliche Erklärung, doch sowohl die Sprache als auch der musikalische Duktus verweisen eindeutig auf den schwarzen Kontinent. Nach zwei weiteren Liedern von Billy Joel - He's got a way und Summer Highland Falls - folgte das berühmte Over the Rainbow in einem eigenen Arrangement für vier Stimmen, das die ursprüngliche Fassung zwar auch völlig neu gestaltete, sich aber nicht so weit von der Originalversion entfernte wie "Lady be good". Nach einem kleinen Zwischenspiel mit der Eigenkomposition Open Invitation folgte zum Abschluss Billy Joels "Geschichtszusammenfassung" We didn't start the fire, in dem er die Namen amerikanischer und weltweiter politischer und anderer Größen aller Epochen kritisch miteinander verbindet und diese Auflistung immer wieder mit dem Titel gebenden Refrain konterkariert.

Eine weitere temperamentvolle Zugabe beendete ein Konzert, das durch die Komplexität sowie die harmonische und dynamische Vielfalt des Vortrags durchaus beeindruckte, aber ein wenig an mangelnden Überraschungen litt. Zu ähnlich waren sich viele Stücke und zu sehr dominierte die elegische Grundstimmung, als dass richtig Stimmung im Zuschauerraum hätte aufkommen können. Aber das lag vielleicht auch am Publikum, das sich aus dem klassischen, auf Streicquartette abonnierten  Kammerkonzert-Kreis rekrutierte. Andere, jüngere Zuhörer aus der Popmusik- oder Jazz-Szene sah man an diesem Abend im Kleinen Haus des Staatstheaters kaum. Sie hätten vielleicht mehr Resonanz gezeigt. So blieb der abschließende Beifall freundlich, steigerte sich aber nicht zu Ovationen irgendwelcher Art.

Frank Raudszus