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Ein fulminanter Saison-Kehraus |
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Im 8.
Sinfoniekonzert des Staatstheaters Darmstadt zieht das Orchester
noch einmal alle Register |
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Das Programmheft
zum letzten Sinfoniekonzert des Jahres im Staatstheater Darmstadt
begrüßte die Besucher mit einer Programmänderung.
Gegenüber der ursprünglichen Planung hatte man den zweiten
Teil des Konzerts kurzfristig umgestellt: die Rumänische Rhapsodie
von George Enescu rückte an das Ende des Konzerts, doch eine
Erklärung fehlte. Die Besucher nahmen's als gegeben hin, und erst
hinterher war allen der Grund für die Umstellung klar. Doch dazu
später.
Das
letzte Konzert der Saison stellte das 20. Jahrhundert in den
Mittelpunkt, wobei die Kompositionen in der schließlich
gespielten Reihenfolge immer älter wurden. Als Gastdirigent hatte
man den Rumänen Nicolae Moldoveanu gewonnen, der gleich mit
südländischem Temperament ans Werk ging. Den Beginn machte Béla
Bartóks weithin bekannte Musik
für Saiteninstrumente, Schlagzeug und Celesta aus dem Jahre
1936. Dieses Werk zeichnet sich durch einige Besonderheiten aus. In dem
bereits verkleinerten Orchester sind die Streicher in zwei separaten
Gruppen links und rechts mit jeweils ersten und zweiten Violinen sowie
Violen aufgestellt. Zwischen ihnen stehen zentral ein Flügel und
besagte Celesta, ein klavierähnliches Instrument, dessen Tasten
jedoch keine Saiten sondern Stahlplättchen anschlagen. Dadurch
ergibt sich ein ganz besonderer Klang, der dem Instrument nicht umsonst
den "himmlischen" Namen verliehen hat. Im Hintergrund reichert neben
den Bläsern ein umfangreiches Schlagwerk mit Pauken, Trommeln,
Becken, Tamtam - ja, so heißt das wirklich! - und Xylophon den
Orchesterklang an. Man sieht also, Bartók experimentierte tonal
und klanglich auf mannigfaltige Weise. Der
erste Satz beginnt mit dichten Streicherpassagen, die ein getragenes,
fugiertes Thema mit hoher Spannung vortragen. Nach einer stetigen
Steigerung des Ausdrucks verklingt der Satz im Pianissimo, das in
diesem Fall bereits einen vorzeitigen Beifall aus dem Publikum
provozierte. Der zweite Satz beginnt mit den Pauken und dem Flügel
und setzt damit sofort kantige Akzente. Die Geigen bewegen sich
über längere Strecken im Pizzicato, und der Allegro-Satz
steigert sich schließlich zu einem wilden Finale. Dabei sind
musikalische Themen im herkömmlichen Sinne kaum noch zu erkennen
sondern nur kurze Motive, die schnell wechseln und sich selten
wiederholen. Der dritte Satz beginnt mit einzelnen, verlorenen
Schlägen eines hölzernen Xylophons, dem sich nach einigem
Zögern der Flügel und die Celesta anschließen. Das lang
gezogene Adagio lebt von seiner inneren Spannung, zu der die
schwebenden Streicher maßgeblich beitragen. Auch dieser Satz
erstirbt im Pianissimo. Im Finalsatz schließlich beginnen die
Geigen wie eine Gitarrengruppe in seltsam gutturalen Pizzicati und
gehen dann über zu tänzerischen Themen mit
Volksliedcharakter. Zwischendurch verlässt Joachim Enders seine
Celesta und unterstützt den Pianisten Thomas Peuschel bei
vierhändigen Passagen, die eine dunkle Klangfarbe ins Spiel
bringen. Der temperamentvolle Satz mit unterschiedlichen und immer
wieder neuen Klangkonstellationen endet abrupt mit einem Schlag,
völlig überraschend für das Publikum, das dann auch
einige Momente für Reaktionszeit benötigte. Dann jedoch
setzte der Beifall für Orchester und Dirigent einhellig und
kräftig ein.
Der
zweite Teil des Konzerts begann mit Edward Elgars Sinfonie Nr. 2 Es-Dur aus den
Jahren 1909-1911. Dieses monumentale Werk zeigt gleich zu Beginn, wo
sich der Komponist die Anregungen geholt hat. Da England zu Elgars Zeit
keine bedeutenden Musiker hervorgebracht hat - die mussten alle das
Empire mit aufbauen -, hörte er sich notgedrungen auf dem
Kontinent um. Und schon die ersten Takte zeigen deutlich seine Liebe zu
Brahms, glaubt man doch fast, den Kopfsatz einer Brahms-Sinfonie vor
sich zu haben: die langgezogenen, fast schwermütigen
Motivbögen mit der für das norddeutsche Vorbild typischen
Klangfarbe. Doch bald entdeckt der aufmerksame Zuhörer daneben die
hellen und markanten Klangfarben und Motivmuster von Richard Strauss,
die wiederum vom Wagnerschen Streicherpassagen abgelöst werden und
sich zeitweise ein wenig an Mahler orientieren. Elgar hat das
kontinentaleuropäische Musikwesen offensichtlich mit heißem
Bemühn studiert. Auch hier, wie bei Bartók, überwiegt
die "Dekonstruktion" in eine Fülle kurzer Motive ohne den
Überbau einer thematischen Verarbeitung, wie wir sie noch von
Klassik und Romantik kennen. Das Larghetto erinnert in seiner
Düsternis und Dichte noch einmal an Wagner, während das
anschließende Rondo:Presto
des dritten Satzes wieder nach Richard Strauss klingt und mit hoher
Spannung einem wahrhaft starken Schluss entgegenstrebt. Der letzte Satz
schließlich strapaziert mit seiner Länge Geduld und
Aufnahmefähigkeit des Publikums in nicht geringem Maße und
lässt ein wenig an innerer Struktur vermissen. Dass Dirigent und
Orchester dennoch die Spannung bis zum Schluss halten konnten, ist
ihnen als besondere Leistung hoch anzurechnen. Dass Edward Elgar diese
Komposition mit "freudig und unbeschwert" charakterisiert hat, nimmt
allerdings etwas Wunder, kommt doch die Sinfonie über lange
Strecken eher getragen und zeitweise düster daher. Aber vielleicht
hatten die Engländer und vor allem ihre musikalischen Sprecher zur
Zeit des späten britischen Empires eine andere Vorstellung von
Freude und "Wonne", einem Begriff, den Elgar ausdrücklich mit
seiner 2. Sinfonie verbindet.
Einige
Zuhörer waren nach dieser Sinfonie entweder erschöpft oder
hatten übersehen, dass noch ein Stück folgte, und
verließen den Saal. Vielleicht hielten sie die Rumänische
Rhapsodie von George
Enescu auch nicht für weiter hörenswert, worin sie sich
gewaltig getäuscht haben dürften. Denn hier kam im anfangs
unauffälligen Kleid der Volksmusik à la Smetanas Moldau ein echter
Saison-Rausschmeißer auf die Bühne. Langsam lässt
Enescu die Rhapsodie mit einem Dreier-Gespräch zwischen
Klarinette, Oboe und Flöte beginnen, dem das Orchester geduldig
zuhört, bevor es sich mit sattem Einsatz meldet. Von nun an
gewinnt das Stück stetig an Temperament und instrumentaler wie
motivischer Originalität. Neben lokalen Volksmusikthemen kommen
zunehmend typische Elemente der "Zigeunermusik" - ich weiß,
politisch nicht korrekt - mit dem dazugehörigen Tempo zum Tragen.
Immer schneller und wilder jagen sich die Motive und die
Klangkombinatiionen zwichen den Instrumentengruppen. Schließlich
hetzen sich Bläser und Streicher gegenseitig durch den
harmonischen Raum, und das Schlagzeug drischt mitten in diese Jagd
hinein. Das Ganze erfolgt mit äußerster Präzision und
viel Gespür für die humoristische Seite dieses Spektakels.
Die Musiker hatten offensichtlich viel Spaß an dieser
Aufführung. Manch
puristischer Musikliebhaber mag über diesen Ausbruch an schierer
Musikalität und - ja! - Effekthascherei die Nase rümpfen,
aber ein musikalischer Spaß allererster Güter ist diese
Rhapsodie auf jeden Fall, voll von unerwarteten Einfällen und
Wendungen bis zu dem plötzlichen Schlussakkord, der den Dirigenten
sich zum Publikum umschauen lässt, dessen Beifall und "Bravo"
provoziert, um dann doch wieder mit einem neuen Thema zu beginnen und
dieses genüsslich zu variieren und musikalisch nach allen Regeln
der Kunst auszuschlachten. Versteht sich, dass der "richtige" Schluss
dann noch einmal mit großem Aplomb daherkam und das Publikum
schließlich fast von den Sitzen riss. Jetzt
verstand man auch, warum dieses Stück an den Schluss gerückt
war. Zu Beginn des zweiten Teils hätte das Orchester damit sein
Pulver zu früh verschossen und das Publikum schwerlich bei der
Elgar-Stange gehalten. So gingen alle nach einer langen
Beifallsschlacht aufgekratzt nach Hause und diskutierten noch am
Theaterausgang und auf dem Bürgersteig Enescus Rhapsodie. Frank Raudszus |
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