Ein fulminanter Saison-Kehraus

Juli 2009


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Im 8. Sinfoniekonzert  des Staatstheaters Darmstadt zieht das Orchester noch einmal alle Register

 

Das Programmheft zum letzten Sinfoniekonzert des Jahres im Staatstheater Darmstadt begrüßte die Besucher mit einer Programmänderung. Gegenüber der ursprünglichen Planung hatte man den zweiten Teil des Konzerts kurzfristig umgestellt: die Rumänische Rhapsodie von George Enescu rückte an das Ende des Konzerts, doch eine Erklärung fehlte. Die Besucher nahmen's als gegeben hin, und erst hinterher war allen der Grund für die Umstellung klar. Doch dazu später.

Béla BartókBéla Bartók

Das letzte Konzert der Saison stellte das 20. Jahrhundert in den Mittelpunkt, wobei die Kompositionen in der schließlich gespielten Reihenfolge immer älter wurden. Als Gastdirigent hatte man den Rumänen Nicolae Moldoveanu gewonnen, der gleich mit südländischem Temperament ans Werk ging. Den Beginn machte Béla Bartóks weithin bekannte Musik für Saiteninstrumente, Schlagzeug und Celesta aus dem Jahre 1936. Dieses Werk zeichnet sich durch einige Besonderheiten aus. In dem bereits verkleinerten Orchester sind die Streicher in zwei separaten Gruppen links und rechts mit jeweils ersten und zweiten Violinen sowie Violen aufgestellt. Zwischen ihnen stehen zentral ein Flügel und besagte Celesta, ein klavierähnliches Instrument, dessen Tasten jedoch keine Saiten sondern Stahlplättchen anschlagen. Dadurch ergibt sich ein ganz besonderer Klang, der dem Instrument nicht umsonst den "himmlischen" Namen verliehen hat. Im Hintergrund reichert neben den Bläsern ein umfangreiches Schlagwerk mit Pauken, Trommeln, Becken, Tamtam - ja, so heißt das wirklich! - und Xylophon den Orchesterklang an. Man sieht also, Bartók experimentierte tonal und klanglich auf mannigfaltige Weise.

Der erste Satz beginnt mit dichten Streicherpassagen, die ein getragenes, fugiertes Thema mit hoher Spannung vortragen. Nach einer stetigen Steigerung des Ausdrucks verklingt der Satz im Pianissimo, das in diesem Fall bereits einen vorzeitigen Beifall aus dem Publikum provozierte. Der zweite Satz beginnt mit den Pauken und dem Flügel und setzt damit sofort kantige Akzente. Die Geigen bewegen sich über längere Strecken im Pizzicato, und der Allegro-Satz steigert sich schließlich zu einem wilden Finale. Dabei sind musikalische Themen im herkömmlichen Sinne kaum noch zu erkennen sondern nur kurze Motive, die schnell wechseln und sich selten wiederholen. Der dritte Satz beginnt mit einzelnen, verlorenen Schlägen eines hölzernen Xylophons, dem sich nach einigem Zögern der Flügel und die Celesta anschließen. Das lang gezogene  Adagio lebt von seiner inneren Spannung, zu der die schwebenden Streicher maßgeblich beitragen. Auch dieser Satz erstirbt im Pianissimo. Im Finalsatz schließlich beginnen die Geigen wie eine Gitarrengruppe in seltsam gutturalen Pizzicati und gehen dann über zu tänzerischen Themen mit Volksliedcharakter. Zwischendurch verlässt Joachim Enders seine Celesta und unterstützt den Pianisten Thomas Peuschel bei vierhändigen Passagen, die eine dunkle Klangfarbe ins Spiel bringen. Der temperamentvolle Satz mit unterschiedlichen und immer wieder neuen Klangkonstellationen endet abrupt mit einem Schlag, völlig überraschend für das Publikum, das dann auch einige Momente für Reaktionszeit benötigte. Dann jedoch setzte der Beifall für Orchester und Dirigent einhellig und kräftig ein.

Edward ElgarEdward Elgar

Der zweite Teil des Konzerts begann mit Edward Elgars Sinfonie Nr. 2 Es-Dur aus den Jahren 1909-1911. Dieses monumentale Werk zeigt gleich zu Beginn, wo sich der Komponist die Anregungen geholt hat. Da England zu Elgars Zeit keine bedeutenden Musiker hervorgebracht hat - die mussten alle das Empire mit aufbauen -, hörte er sich notgedrungen auf dem Kontinent um. Und schon die ersten Takte zeigen deutlich seine Liebe zu Brahms, glaubt man doch fast, den Kopfsatz einer Brahms-Sinfonie vor sich zu haben: die langgezogenen, fast schwermütigen Motivbögen mit der für das norddeutsche Vorbild typischen Klangfarbe. Doch bald entdeckt der aufmerksame Zuhörer daneben die hellen und markanten Klangfarben und Motivmuster von Richard Strauss, die wiederum vom Wagnerschen Streicherpassagen abgelöst werden und sich zeitweise ein wenig an Mahler orientieren. Elgar hat das kontinentaleuropäische Musikwesen offensichtlich mit heißem Bemühn studiert. Auch hier, wie bei Bartók, überwiegt die "Dekonstruktion" in eine Fülle kurzer Motive ohne den Überbau einer thematischen Verarbeitung, wie wir sie noch von Klassik und Romantik kennen. Das Larghetto erinnert in seiner Düsternis und Dichte noch einmal an Wagner, während das anschließende Rondo:Presto des dritten Satzes wieder nach Richard Strauss klingt und mit hoher Spannung einem wahrhaft starken Schluss entgegenstrebt. Der letzte Satz schließlich strapaziert mit seiner Länge Geduld und Aufnahmefähigkeit des Publikums in nicht geringem Maße und lässt ein wenig an innerer Struktur vermissen. Dass Dirigent und Orchester dennoch die Spannung bis zum Schluss halten konnten, ist ihnen als besondere Leistung hoch anzurechnen. Dass Edward Elgar diese Komposition mit "freudig und unbeschwert" charakterisiert hat, nimmt allerdings etwas Wunder, kommt doch die Sinfonie über lange Strecken eher getragen und zeitweise düster daher. Aber vielleicht hatten die Engländer und vor allem ihre musikalischen Sprecher zur Zeit des späten britischen Empires eine andere Vorstellung von Freude und "Wonne", einem Begriff, den Elgar ausdrücklich mit seiner 2. Sinfonie verbindet.

Dirigent Nicolae MoldoveanuDirigent Nicolae Moldoveanu

Einige Zuhörer waren nach dieser Sinfonie entweder erschöpft oder hatten übersehen, dass noch ein Stück folgte, und verließen den Saal. Vielleicht hielten sie die Rumänische Rhapsodie von George Enescu auch nicht für weiter hörenswert, worin sie sich gewaltig getäuscht haben dürften. Denn hier kam im anfangs unauffälligen Kleid der Volksmusik à la Smetanas Moldau ein echter Saison-Rausschmeißer auf die Bühne. Langsam lässt Enescu die Rhapsodie mit einem Dreier-Gespräch zwischen Klarinette, Oboe und Flöte beginnen, dem das Orchester geduldig zuhört, bevor es sich mit sattem Einsatz meldet. Von nun an gewinnt das Stück stetig an Temperament und instrumentaler wie motivischer Originalität. Neben lokalen Volksmusikthemen kommen zunehmend typische Elemente der "Zigeunermusik" - ich weiß, politisch nicht korrekt - mit dem dazugehörigen Tempo zum Tragen. Immer schneller und wilder jagen sich die Motive und die Klangkombinatiionen zwichen den Instrumentengruppen. Schließlich hetzen sich Bläser und Streicher gegenseitig durch den harmonischen Raum, und das Schlagzeug drischt mitten in diese Jagd hinein. Das Ganze erfolgt mit äußerster Präzision und viel Gespür für die humoristische Seite dieses Spektakels. Die Musiker hatten offensichtlich viel Spaß an dieser Aufführung.

Manch puristischer Musikliebhaber mag über diesen Ausbruch an schierer Musikalität und - ja! - Effekthascherei die Nase rümpfen, aber ein musikalischer Spaß allererster Güter ist diese Rhapsodie auf jeden Fall, voll von unerwarteten Einfällen und Wendungen bis zu dem plötzlichen Schlussakkord, der den Dirigenten sich zum Publikum umschauen lässt, dessen Beifall und "Bravo" provoziert, um dann doch wieder mit einem neuen Thema zu beginnen und dieses genüsslich zu variieren und musikalisch nach allen Regeln der Kunst auszuschlachten. Versteht sich, dass der "richtige" Schluss dann noch einmal mit großem Aplomb daherkam und das Publikum schließlich fast von den Sitzen riss.

Jetzt verstand man auch, warum dieses Stück an den Schluss gerückt war. Zu Beginn des zweiten Teils hätte das Orchester damit sein Pulver zu früh verschossen und das Publikum schwerlich bei der Elgar-Stange gehalten. So gingen alle nach einer langen Beifallsschlacht aufgekratzt nach Hause und diskutierten noch am Theaterausgang und auf dem Bürgersteig Enescus Rhapsodie.

Frank Raudszus