Erst bei den "Alten" springt der Funke über

Juli 2009


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Der Buena Vista Social Club tritt beim Rheingau Musik Festival auf Schloss Johannisberg auf

 

Der Buena Vista Social ClubDer kubanische Buena Vista Social Club ist vor allem in den westlichen Industrieländern zu einer Ikone geworden. Ursprünglich ein zufälliger Zusammenschluss unbekannter "Hinterhof-Musiker" in Havanna, gewann dieses Ensemble dank einiger externer Förderer und einiger Zufälle in kürzester Zeit internationale Berühmtheit. In einer Welt der weitgehend kommerzialisierten Unterhaltungsmusik standen diese Amateure für Athentizität, Urwüchsigkeit und Lebens- wie Musikfreunde im wahrsten Sinne. Doch gerade dieser Erfolg, der einerseits auf einer stillen Sehnsucht des übersättigten westlichen Musikhörers nach dem Ursprünglichen, andererseits auf der ewigen Suche einer knallharten Konmkurrenzgesellschaft nach dem Einzigartigen, Originellen, Individuellen beruht, hat den Buena Vista Club aus seiner "naiven" Ecke ins Rampenlicht der Öffentlichkeit geholt und ihm leider die Aura der Authentizität genommen. Stellte der alte Sänger des "frühen" Clubs mit seiner Zahnlücke und der einfachen Kleidung noch ein authentisches Merkmal des Clubs dar, so erscheinen seine Nachfahren als Profimusiker im eleganten - westlichen! - Anzug und professionellem Entertainer-Auftritt. Am augenfälligsten wird dies an den beiden Sängern, zwei jungen, alerten Künstlern, die bewusst auf mediale Wirkung getrimmt sind: eine wohlproportionierte, attraktive junge Frau mit tiefem Ausschnitt und ein junger Sänger mit strahlendem Lächeln aber ohne Ecken und Kanten.

Omara Portuondo an der RampeOmara Portuondo an der Bühnenrampe

Die Musik dazu versucht natürlich, den ursprünglichen Stil beizubehalten, und das über weite Strecken auch mit Erfolg. Doch verströmen die älteren Herren - es sind keine wirklich Alten mehr dabei - eher eine gediegene, kontrollierte Atmosphäre denn ein überschäumendes Temperament. Dass sie ihre Instrumente beherrschen, versteht sich von selbst, aber sie gehen nicht mehr gestisch und mimisch aus sich heraus, wie es die ursprüngliche Truppe noch getan hat. Man hat den Eindruck, dass hier ein PR-Berater die Band auf die im westlichen Musikmarkt herrschenden Regeln eingeschworen hat. Dazu gehört auch, dass die Band plötzlich Stücke spielt, die man eher dem amerikanischen und europäischen Unterhaltungs- und Tanzmusikgenre zurechnen würde, zwar durchaus lateinamerikanisch, aber eben vom westlichen Musikmarkt schon lange vereinnahmt und sozusagen domestiziert. Man wird den Eindruck nicht los, dass die Band - oder die Veranstalter? - einem europäischen Publikum eben die Orientierung am Bekannten ermöglichen wollten. Ansonsten spielten sich die üblichen Rituale ab: sobald die Erkennungsmelodie ertönt, wird das Publikum schwach und gibt sich der Wiedererkennungseuphorie hin, in diesem Fall beim berühmten "Chan Chan", den viele  wegen des markanten Refrains vielleicht nur als "para marcané" kennen.

Das regengeschädigte Publikum, noch nicht erwachtDas regengeschädigte Publikum, noch nicht erwacht

Auf Schloss Johannisberg trat das Ensemble ohne die "alte Dame" Omara Portuondo auf - offiziell. Doch wie es der Zufall oder die bewusst lancierte Anekdote so will, weilte sie zu diesem Zeitpunkt in Deutschland und bat, an dem Auftritt der alten Freunde teilnehmen zu dürfen. Dass die Veranstalter keine Sekunge überlegten, versteht sich von selbst, und so erschien die alte Dame im knallroten Kleid nach einer längeren "Inkubationszeit", in der ihre junge Nachfolgerin bewies, dass sie das Publikum (noch) nicht von den Stühlen reißen kann. Omara Portuando ging nach kurzer Begrüßung alter Freunde aufs Publikum zu und inszenierte sofort ein Gemeinschaftswerk von Bühne und Zuschauerraum. Zum altbekannten "Que sas, que sas", das hier ganz anders klang als bei Doris Day, kitzelte sie erst das anschwellende Mitklatschen der Zuschauer, dann den gemeinschaftlich gesungenen Refrain heraus, bis schließlich das gesamte Publikum aufstand und musikalisch mitfeierte. Es war faszinierend anzuschauen, mit welchen einfachen Mitteln der direkten Kommunikation diese alte Dame die Zuschauer aus ihren Regenumhängen riss, die sie zu Beginn des Konzerts alle zu einem eintönigen Plastikwald reduziert hatten. Nun, befreit von Regen und Umhang, klatschten die Leute befreit, lachten und tanzten sogar, soweit das die Enge der Stuhlreihen zuließ. Omara Portuondo war sich auch nicht zu schade, sich mit "sexy" Posen über sich selbst lustig zu machen und auch selbst gleich  über sich zu lachen, oder mit dem Bandleader ein erotisch angehauchtes Tänzchen hinzulegen.

Dass fast gleichzeitig mit ihrem Auftritt die Wolken langsam der Sonne wichen, kann man nur unter dem Begriff "Symbolkraft" subsumieren. Jetzt gewann das Konzert deutlich an Fahrt; auch das Orchester gewann an Leben und Ausdruckskraft, und am Ende waren alle rundum zufrieden - dank Omara Portuondo.

Frank Raudszus