Festlicher Bläserklang im Klostergemäuer

Juli 2009


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Das Blechbläserensemble Ludwig Güttler beim Rheingau Musik Festival im Kloster Eberbach

 

Das Kloster Eberbach ist im Rahmen des Rheingau Musik Festivals eine der wichtigsten Spielstätten. So manches feinsinnige Solistenkonzert litt hier in der Vergangenheit wegen dafür nicht idealen Akustik, doch am Abend des 9. Juli boten die Mauern der Basilika die richtige optische und akustische Kulisse für ein Konzert. Denn an diesem Abend gastierten die Blechbläser der Orchester verschiedener sächsischer Städte - Dresden, Leipzig Chemnitz - mit einem weit gefächerten Programm von der Spätrenaissance bis zur Moderne. Der Halleffekt des dreigeteilten Kirchenschiffes, für zartere Klänge nicht unbedingt optimal, ließ in diesem Fall den kräftigen und belastbaren Klang der Blechbläser sich frei entfalten. Fünf Trompeten, vier Posaunen, ein Waldhorn und eine Tuba deckten den gesamten Klangbereich vom tiefen Bass bis zum hellen Tenor ab. Ensemblegründer Ludwig Güttler leitete das Ensemble selber vom vorderen Platz und wendete sich zwischendurch auch an das Publikum im wieder einmal ausverkauften Kirchenschiff.

Das Programm begann in der späten Renaissance mit "Fünf Tänzen" von Tylman Susato (1500-1564) und einem auf sieben Bläser reduzierten Ensemble. Fanfarenartige, kurze Stücke mit weitgehend homophoner Struktur charakterisieren diese aus verschiedenen Tanzgattungen zusammengestzte Folge, die mal festlich, mal feierlich und dann auch temperamentvoll daherkommt. Man kann sich gut vorstellen, dass diese Musik zur Begrüßung der Gäste eines großen Festes gespielt wurde.

Das Blechbläserensemble Ludwig GüttlerDas Blechbläserensemble Ludwig Güttler

Danach erklang Musik von Moritz Landgraf von Hessen, der gut siebzig Jahre nach Susato lebte und bereits im Frühbarock lebte. Von ihm spielte das mittlerweile auf 11 Mitglieder aufgestockte Ensemble je zwei Pavanen und Gagliarden, die offensichtlilch verschiedenen Personen bzw. Städten gewidmet waren. Mal im 4/4-Takt, mal im 6/8-Takt entfaltete sich die Musik festlich oder majestätisch schreitend, und die zusätzlichen vier Bläser füllten den Raum der Basilika bis zur letzten Stuhlreihe. Es erübrigt sich zu sagen, dass dieses Ensemble perfekt intoniert und zusammenspielt; wichtig ist jedoch, auf die feine Abstimmung von Dynamik und Stimmgewichtung hinzuweisen, die jedem Instrument ausreichend Präsenz sicherte. Die Transparenz der einzelnen Stimmen, gerade bei Blechbläsern wegen der speziellen Klangcharakteristik nicht einfach einzuhalten, ging hier keinen Augenblick verloren.  Nach einer angehängten "Canzone" desselben Komponisten folgte John Dowlands fast schwermütige Pavane "Lacrimae" - der Name sagt alles! - für Blechbläser. Hintergrund des gedrückten Grundtenors dieses Stückes ist die Tatsache, dass Dowland aus religiösen Gründen seine Heimat England verlassen musste und auf dem Kontinent nie richtig heimisch wurde. Nach all den festlichen Klängen zu Beginn bildete diese so andersartige Komposition einen Kontrast, der zeigte, über welche Ausdruckbandbreite ein gutes Blechbläserensemble verfügt, wird doch mit Blechbläsern gerne der dörfliche Musikzug assoziiert.

Mit William Brade kam anschließend ein eher unbekannter Komponist um 1600 zu Wort. Seine Suite mit sieben Einzelstücken wie "Der Cornwallische Aufzug", "Der alte Hildebrandt" oder "My Ladi Wraths Mascherada" weist eine wesentlich vielfältigere Struktur als die vorangegangenen Stücke auf. So wechseln Takt, Tempo und Ausgestaltung der einzelnen Stimmen deutlich von Stück zu Stück und verleihen jedem einen ganz eigenen Charakter. Vor allem das abschließende "Aufzug vor Grienwitsch"(!) zeichnet sich durch zwischenzeitlichen Metrikwechsel aus. Mit William Brade gewinnt die Musik erste Anzeichen einer Eigenständigkeit über die Lobpreisung des jeweiligen Herrschers bzw. Mäzens hinaus. 

Diese bei Brade schon in Ansätzen erkennbare Entwicklung der höfischen Musik kommt dann bei Johann Sebastian Bachs (1685-1750) Motette "Singet dem Herren" noch viel stärker zum Ausdruck. Hier erkennt man deutlich den Sprung, den die Musik bis Bach gemacht hat und in dem sie einen wahren Meister fand. Die dreisätzige Motette zeichnet sich durch eine weitgehend polyphone Stimmführung aus, die der ursprünglich für rein geistliche Zwecke komponierten Motette eine Bedeutung weit über diesen Zweck hinaus sichert. Man spürt bei diesem Stück förmlich, dass es Bach in erster Linie um die Musik und nicht um die religiöse Lobpreisung ging. Höhepunkt ist die komplexe Fuge am Schluss, die eine hohe Verdichtung der Musik zur Folge hat und die es in dieser Form vorher nicht gegeben hat.

Nach der Pause folgten anfangs mehrere Canzonen von Costanzo Antegnati (1549-1613) und Giovanni Gabrieli (1557-1613), die eher dem Stil der Stücke zu Beginn des Konzerts entsprachen. Danach folgte jedoch mit Anton Bruckners (1824-1896) "Drei Stücken für Blechbläser" erstmals eine Bläserkomposition aus dem 19. Jahrhundert, also der Spätromantik. Die drei Stücke tragen alle religiöse Bezeichnungen - z. B. "Ave Maria" - und verströmen eine ausgesprochen insbrünstige, weihevolle Atmosphäre. Wer nicht gewusst oder im Programmheft gelesen hat, dass Bruckner ein tief gläubiger Mann war, erfuhr es jetzt aus der Interpretatiion seiner drei Bläserstücke. Das Ensemble brachte den religösen Ernst der Komposition ohne jegliche schwülstige Übertreibung deutlich zum Ausdruck, was angesichts der leicht zum "Schmettern" neigenden Instrumente nicht selbstverständlich ist. Doch gerade bei der Interpretation dieser introvertierten Stücke bewies das Ensemble Ludwig Güttler seine Meisterschaft.

Bei der folgenden Komposition hielt Ludwig Güttler es für angemessen, sich ans Publikum zu wenden, ging es doch um ein zeitgenössisches Werk des Komponisten Bernd Franke (*1959), also um einen weiteren Zeitsprung von gut eineinhalb Jahrhunderten. Frankes "Chagall-Impressionen für Blechbläser" setzen die Eindrücke der Bilder des russischen Malers auf den Komponisten um, ohne deswegen in reine Programmmusik auszuarten. Das Ganze ist als ein Zyklus organisiert, der langsam und getragen - sehr dicht - beginnt, sich dann zu aufgeregten, teilweise fluchtartigen Bewegungen aufschwingt und dann wieder zurückkehrt zur dichten Ruhe des Anfangs. Wer will, kann hier zeitgenössische Assoziationen pflegen, sie sind jedoch nicht ausdrücklich vom Künstler beabsichtigt. Sein Ziel war lediglich, Chagalls malerische Welt in Klänge umzusetzen. Erstaunlich ist dabei der hohe Anteil homophoner Strukturen, wie wir sie von den Stücken der Renaissance kennen. Damit fügte sich der innere Zyklus von Frankes Werk in den großen Zyklus des Abends passgenau ein. Da war es dann nur folgerichtig, dass eine Canzona, eine Gagliarda und eine Battaglia des Barock-Komponisten Samuel Scheidt den Abschluss des zyklischen Konzertabends bildeten.

Das Publikum zeigte sich von der präzisen und prächtigen Musik des Bläserensembles derartig angetan, dass die Musiker noch zwei Zugaben folgen ließen, ehe sie die Zuhörer auf die Heimreise schickten. 

Frank Raudszus