Von Kaffee- und anderen Freudenhäusern

Juli 2009



















































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Ein musikalisch-literarisches Trio lässt beim Rheingau-Musikfestival die Zeitd er Wiener Kaffeehäuser wieder aufleben


 

 

Das Rheingau Musik Festival trägt seine enge Beziehung zum Wein bereits im Namen; hier gilt sozusagen das Motto "nomen est omen". Dass der Großteil der Veranstaltungen in größeren - Schloss Johannisberg- oder kleineren Weingütern stattfindet, liegt dabei auf der Hand. Bisweilen jedoch wird die Veranstaltung selbst zur Hommage an den Wein und seine Auswirkungen, und bei diesen meist komödiantisch gefärbten Abenden bietet sich ein eher lauschiges, nicht ganz so "repräsentatives" Weingut als Veranstaltungsort an. Wien steht dabei für Grinzing, und wenn auch das berühmte Wiener Kaffeehaus eine eher andere flüssige Droge im Namen führt, ist doch auch dort der Weg vom Kaffee bis zum ersten Wein oft recht kurz.

v.l.n.r.: Heinrich Klug, Maria Reiter und Wolf EubaV.l.n.r.: Heinrich Klug (Cello), Maria Reiter (Akkordeon) und Wolf Euba (Sprache)

So mögen die Veranstalter gedacht haben, als sie das Trio Maria Reiter, Heinrich Klug und Wolf Euba einluden, einen Abend dem Thema "Kaffehaus" zu widmen. Maria Reiter ist eine Meisterin des Akkordeons und hat auf diesem bereits eine Reihe von Musikstielen und - epochen absolviert bzw. kreiert. Heinrich Klug ist Solo-Cellist bei den Münchner Philharmonikern und hat sich besonders für die Breitenmmusik engagiert. Wolf Euba schließlich hat zwar einmal Pädagogik studiert, ist aber unmittelbar nach dem Studium ins Schauspielfach gewechselt und betätigt sich mit Vorliebe als Sprecher literarischer Texte. Ihm kommt wie Heinrich Klug bei seinen komödiantischen Auftritten seine mundartliche Färbung zugute. Sein Fränkisch kann leicht ins Urbayerische umschlagen, und auch das Weanerische bereitet ihm keine Probleme. Heinrich Klug ist dank seiner Herkunft aus Wurzen bei Dresden - "vor Wurzen wurd's em schlecht, nach Wurzem wurd's em besser" - immer für einen Lacher gut, ohne ihn ihn dabei auf diese doch etwas strapazierte Komik festnageln zu wollen. Alle drei zeigen einen ausgesprochenen Humor und bringen diesen in den kurzen Szenen "à trois" auch gekonnt zum Ausdruck.

Wolf Euba kommt an diesem Abend die literarische Rolle zu. Er zitiert Texte von Alfred Polgar, Egon Friedell, Kurt Tucholsky, Ludwig Thoma (Josef Filser) und anderen, meist im Alpenraum angesiedelten Humoristen, Maria Reiter und Heinrich Klug unterlegen diese Lesungen mit passender Musik von Béla Bartók, Chopin, Schostakowitsch, Astor Piazolla und anderen mehr oder minder bekannten E- und U-Komponisten.

Gleich zu Beginn trägt Euba ein frivoles Gedicht über eheliche (Un-)Treue vor, das man glatt Kurt Tucholsky zuordnen würde, nur um dann zu erfahren, dass es von Gotthold Ephraim Lessing stammt und damit schon gut zweihundertfünfzig Jahre alt ist. Die musikalische Einleitung davor besteht aus einem wilden Duo von Béla Bartók, das geradezu vor musikalischem Witz strotzt und den beiden Musikern sichtlich Spaß bereitet. Vor allem Heinrich Klug unterstreicht sein expressives Spiel mit deutlichen Gesten und Grimassen. Anschließend kommt wieder Wolf Euba zu Wort mit Betrachtungen des Wiener Alltagschronisten Peter Altenberg über das "Café Herrenhaus", in denen dieser mit trockenem Humor die sozio-kulturelle Struktur des Wiener Kaffeehauses beschreibt.  Nach dem Chopin-Walzer o0p. 34 Nr. 2, gesetzt für Cello und Akkordeon, folgt Alfred Polgars melancholisch-philosophische Beschreibung des "Café Central", in dem er den es bewohnenden verlorenen Seelen ein kleines literarisches Denkmal setzt. Schostakoswitschs "Frühlingswalzer", wiederum in einer eigenwillig aufwühlenden Interpretation von Cello und Akkordeon, setzt den Kontrapunkt zu diesem fast ein wenig larmoyanten Essay. 

In Egon Fridells "Die Schale Nussgold" geht es um in satirisch-parodistischer Form um die Ausbildung Wiener Kellner, wobei auch Maria Reiter als "resche" Kellnerin und Heinrich Klug als - sächsischer - Kellner auftreten und gemeinsam den Schlendrian sowie die Bequemlichkeit und das lose Mundwerk Wiener Kaffeehaus-Bedienungen aufspießen. Dazu passt dann Astor Piazollas ursprünglich für Gitarre und Flöte (sic") konzipierte Stück "Das Bordell", das Maria Reiter und Heinrich Klug wieder mit viel Witz und überraschenden Einfällen vortragen. 

Ein Abstecher führt von Wien ins feindliche Bayern (Österreicher und Bayern waren sich noch nie recht grün, weil sie sich so ähnlich sind), wo sich Ludwig Thomas Josef Filser in urbajuwarischer Mundart drastisch über die seltsame Toilettenhierachie im bayerischen Landtag auslässt, und das musikalische Duo trägt zusammen mit Wolf Euba als Sänger Georg Kreislers "Telefonbuchpolka" mit dem schönen Refarin "Vondrak, Vortel, Viplaschil, Vojtech, Vozek, Vimlatil, Viora, Vrabl, Vrtilek, Viklasch, Vrazet, Vychnalek, Vreka, Vrba, Vikutil, Vrablic, Vuzem, Viplaschil, Vochetecka, Vuckelic, Vrtatko, Vukasinovic, Vorak, Voralek, Vorlicek, Vosmych, Vorlych, Vrmbl, Vrzl, Vodruk, Vap, Vozenilek, Vrinis, Voustarek, Vrtala, Viplasil, Vrzala, Vistlaschil, Vouk, Votikba, Vicesal, Vrazdil Vrana, Vimmeltal, Vrbicki, Vrbecki, Vranek usw." vor. Die zweite Hälfte des Abends ist weitgehend von Alfred Polgars szenischer Erzählung "Der Heurige" geprägt, in der Polgar das bedächtig und nutzlos dahinströmende Leben in einem Kaffeehaus schildert: der schlechte Kaffe, die harten Kipferln, die ewig klammen und schnorrenden Gäste, die Besserwisser und Schlitzohren, die schnell noch einen anderen Gast über den Tisch ziehen, und die bleierne EInsamkeit, die über den Tischen liegt.

Die drei Protagonisten auf der Bühne schufen mit ihrem Auftritt eine echte Kaffeehaus-Atmosphäre und ließen den längst verloren gegangenen morbiden Charme der späten k.u.k.-Zeit in Wien wieder aufleben. Wolf Eubas gekonnte Imitationen des "Weanerischen" und anderer Idiome trugen ebenso zur Erheiterung des Publikums bei wie die Einwürfe seiner musikalsichen Begleiter sowie deren  humorvolle und gekonnt präsentierte Musik. Die Zuschauer, unter ihnen der Ministerpräsident Roland Koch und seine "body guards", bedankten sich dafür mit anhaltendem, rhythmischem Beifall und holten auf diese Weise noch zwei Zugaben heraus.

Frank Raudszus