Last und Lust der Musen

Juli 2009















































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Eine kabarettistische Reise durch die Musikgeschichte über Musiker und ihre Musen


 

 

Neben einem anspruchsvollen musikalischen Programm bietet das Rheingau Musik Festival auch komödiantische bis kabarettistische Veranstaltungen rund um und mit Musik. Dafür wählt man gerne die Weingüter der Region, da dort erstens eine eine weniger "strenge" Atmosphäre als im Konzertsaal herrscht und zweitens das gastronomische Beiprogramm gesichert ist. Schließlich möchte man unterhaltsame Darbietungen bei Getränken und Speisen der Region genießen und nicht nur asketisch den  Künstlern lauschen. Das Weingut Diefenhardt in Martinsthal bot sich in diesem Fall aus zweifachem Grunde für den musikalischen Gang durch den Mythos der Musen an: kam doch Ulrike Neradt, die Chansonette dieses Abends, als Tochter des heutigen Weingutbesitzers zur Welt und bereiste sogar als Weinkönigin die halbe Welt. Doch ihre stille Liebe galt immer dem Gesang, und so gab sie ihren eher technischen Beruf auf und widmete sich fortan nur noch dem Gesang. Glücklicherweise, muss man sagen, denn andernfalls hätten wir uns nicht an ihren Bühnenauftritten erfreuen können.

Ulrike NeradtUlrike Neradt

Ulrike Neradt zur Seite stehen der ausgebildete Pianist, Dirirgent und Komponist Alfons Nowacki sowie der "Allround-Künstler" Frank Golischewski, der zwar Musik studiert hat, doch sein künstlerisches Talent in vielfältigen Positionen und Tätigkeiten unter Beweis gestellt hat. In diesem Trio sind die Rollen klar verteilt: Ulrike Neradt steht als Frau, "Muse" und Sängerin im Mittelpunkt, Alfons Nowacki ist für die musikalische Begleitung am Klavier und ironische bis sarkastische Bemerkungen zuständig, und Frank Golischewski bildet den immer wieder wechselnden männlichen Gegenpart zu Ulrike Neradt, mal als musenbedürftiger Mozart, mal als schmusebedürftiger Kurt Weill, mal als bloßes Opfer weiblicher Herrschsucht.....

Alfons NowackiAlfons Nowacki

Als Ouvertüre zur Geschichte der Musen singt Ulrike Neradt die "Hymne à l'Amour" von Edith Piaf. Es folgt ein "Dauerbrenner" der Musikliteratur, das von Generationen missverstandene und strapazierte "Ständchen" von Franz Schubert ("Lei..heise flehen mei..heine Lieder....), das Ulrike Neradt und Frank Golischewski mit herrlich augenzwinkernder Naivität vortragen. Schnell kommt man über Bach zu Mozart, der sich natürllich beim Thema "Musen" geradezu anbietet. Das "Bäsle" findet ebenso Erwähnung wie die Schwestern Weber aus Mannheim, die Mozart soviel Glück und Schmerzen bereitet haben (oder er ihnen...). Nach Goethes "Veilchen", von Mozart vertont, hören wir eine von Frank Golischewski in modernem Sprechgesang - nicht unbedingt RAP - vorgetragene Version des "bezaubernden Bildnis" aus der "Zauberflöte", dem das frech interpretierte Duett "Bei Männern, welche Liebe fühlen" und dann eine wiederum modern-"coole" Interpretation der Arie "Hier soll ich dich nun sehen" aus der "Entführung" folgen. Ein Höhepunkt des ersten Teils ist das Duett "Reich mir die Hand mein Leben" aus "Don Giovanni", das Ulrike Neradt und Frank Golischewski zur fetzigen Begleitung von Alfons Nowacki im Stil des Jazz-Rock vortragen. Gelächter und Szenenapplaus!

Von da geht es schnurstracks ins 20. Jahrhundert in die " Dreigroschenoper" zu Kurt Weill und Lotte Lenya. Das "Eifersuchtsduett" wird ebenso mit Lebensdaten von Lotte Lenya und Kurt Weill unterlegt wie die folgenden Schlager aus den zwanziger Jahre, wobei Ulrike Neradt mal als Lotte Lenya, mal als Alma Mahler-Werfel-Gropius- (und was sonst noch) auftritt. Diesen Musen zu Füßen liegt dann unter anderem ein Gustav Mahler, der sich gerne - wie auch Kurt Weill - in debilen Kosewörtern für seine doch so reale Muse ergeht. Als besonderen Gag führt Ulrike Neradt alias Alma Mahler bei dem Song "Willst Du mit mir gehn" (nun schon spätes 20. Jahrhundert!) den vor ihr auf Knien hechelnden Golischewski alias Mahler an der roten Hundeleine. Der erste Teil endet wie er begonnen hat, mit einem Lied von Edith Piaf, dem, berühmten "La vie en Rose".

Frank GolischewskiFrank Golischewski

Der zweite Teil beginnt dann noch einmal frech und provokant mit zwei Liedern aus der "Dreigroschenoper", dem "Barbara"-Song und der Zuhälterballade, landet dann aber ein wenig zu gefällig in der amerikanischen Musicalszene mit Evergreens wie "Speak low" oder "Septembersong", die wie auch "Ich steh im Regen" zwar nett-nostalgisch aber doch auch etwas langweilig wirken. "Der Mond über Soho" aus der Dreigroschenoper bringt noch einmal etwas Kabarett ins Programm, bevor dann nach zwei eher unbekannten Liedern Ulrike Neradt mit einer temperamentvollen Parodie von Marylin Monroes "I wanna be loved by you" vor Mr. Kennedy alias Frank Golischewski das Publikum zu Szenenapplaus hinreißt. Den Reigen schließt passend das uralte Kult- und  Casablanca-Lied "As time goes by", wobei Ulrike Neradt in vertauschten Rollen als Humphrey Bogart mit Trenchcoat und Hut und Frank Golischewski als großäugige Ingrid Bergmann auftreten. Immerhin, von der Größe her hätte es passen können, und Ulrike Neradts Rick muss von unten zu ihrem Partner "Schau mir in die Augen, Kleiner" sagen.

Da der Wettergott ein Einsehen hatte und auch an diesem Abend einen wolkenfreien Himmel und sommerliche Wärme lieferte, der Wein dem Standard des Rheingaus entsprach und die Speisen die kulinarische Ansprüche des Publikums erfüllten, stand dem Erfolg dieser Veranstaltung nichts mehr im Wege.

Frank Raudszus