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Nordische Musik im warmen Süden |
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Die
Philharmonie Stockholm präsentiert im Wiesbadener Kurhaus Werke
von Brahms, Nielsen und Stenhammar |
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Der August
zeigte sich an diesem Donnerstagabend von seiner besten Seite. Bis zu
38 Grad hatte das Thermometer am Tage angezeigt, und so war es fast
erstaunlich, dass trotzdem so viele Besucher den Weg zum Kurhaus in
Wiesbaden gefunden hatten, wo das Rheingau Musik Festival ein
Sinfoniekonzert veranstaltete. Doch Kenner dieses jährlichen
Sommerfestivals wundern sich weniger, ist doch das Festival für
die hohe Qualität seiner Interpreten und Orchester bekannt.
Außerdem spielte an diesem Abend die junge lettische Geigerin
Baiba Skride, die schon vor zwei Jahren an dieser Stelle aufgetreten
war. So war denn der Alfred-Thiersch-Saal im Kurhaus nahezu ausverkauft. Das
Programm begann mit der Konzertouvertüre "Excelsior" des
schwedischen Komponisten Wilhelm Stenhammar (1871-1927). Die
skandinavischen Komponisten haben - von wenigen Ausnahmen wie Nielsen
und Gade abgesehen - das Pech, in Mitteleuropa dank der seit dem 16.
Jahrhundert großen Konkurrenz und eines sehr intensiven
Musikbetriebs weitgehend unbekannt zu sein. Da ist es immer wieder
lobenswert, wenn ein Veranstalter nicht nur Ensembles vom Polarkreis
einlädt, sondern wenn diese auch konsequent ihre lokalen
Komponisten vorstellen. Mozart und Beethoven spielt schließlich
jeder - ob er's kann oder nicht....
So
kam denn die Philharmonie Stockholm unter der Leitung des finnischen
Dirigenten Sakari Oramo mit zwei skandinavischen Werken,
der besagten Ouvertüre des Schweden Stenhammar und der Sinfonie
Nr. 4 des Dänen Carl Nielsen
(1865-1931). Zwischen diese beiden
Werke hatte man als Reverenz an das Veranstalterland Johannes Brahms'
Violinkonzert in D-Dur Nr. 77 in der Interpretation von Baiba Skride
plaziert. Stenhammars
Konzertouvertüre entstand im Jahr 1896 und steht deutlich im
Zeichen der Hochromantik. Mangels landeseigener Vorbilder orientierte
sich Stenhammar notgedrungen an der mitteleuropäischen Musikszene,
in der zu dieser Zeit die Deutschen ein gewichtiges Wort mitredeten.
Dass sich Stenhammar nicht dem französischen Musikgeschmack
öffnete sondern sich eindeutig an der deutschen Romantik
ausrichtete, liegt wohl an der ähnlichen Mentalität. Auf
jeden Fall klingt seine Konzertouvertüre bisweilen wie ein Werk
von Brahms - daher auch die Programmnachbarschaft an diesem Abend.
Lange Melodiebögen und fast schwermütige Themen prägen
dieses Stück, das oft wie eine musikalische Beschreibung der
weiten skandinavischen Landschaft klingt. Obwohl Stenhammar weder im
Titel noch in entsprechenden Aufzeichnungen auf einen eventuellen
Programmcharakter dieses Stückes hinwweist, schlägt sich doch
seine Lebenserfahrung als Skandinavier in der Musik nieder.
Auschlussreich in diesem Zusammenhang ist seine Bemerkung
gegenüber seinem Freund Carl Nielsen, man müsse mehr
skandinavische Einflüsse nutzen, um nicht der Musik Wagners zu
verfallen. So kann man denn auch in dieser Ouvertüre keinerlei
Anklänge an die Musik des Bayreuthers oder seiner Nachfolger
Mahler und Strauss erkennen. Stenhammar verweigert sich der mystischen
Versenkung und bleibt im klaren Umfeld der weiten skandinavischen
Landschaft. Die
Philharmonie Stockholm interpretierte Stenhammars Ouvertüre auf
beinahe heitere Weise, ohne jede aufgesetzte Bedeutung oder besondere
Schwere. Als Auftakt zu einem nordischen Programm und "Vorspiel" zu
Brahms' Violinkonzert eignet sich dieses Stück ausgezeichnet, und
das Publikum bedankte sich für die frische Spielweise des
Orchesters mit kräftigem Beifall.
Das
einzige Violinkonzert von Johannes Brahms entstand im Schatten der
großen Vorgänger Beethoven und Mendelssohn und bereitete dem
Komponisten daher auch große Schwierigkeiten, zumal er die Geige
selbst nicht spielte. Ohne seinen Freund, den berühmten Geiger
Joseph Joachim, hätte er das Stück in der Form wohl kaum zu
Ende gebracht. Der erste Satz beeindruckt durch seine sinfonische
Länge und Ausgestaltung. Das Orchester spielt hier einen
wesentlich bedeutenderen Part als in vielen zeitgenössichen
Virtuosenkonzerten. Die Tempi des ersten Satzes, vor dem nur ein
einfaches "Allegretto" steht, wechseln durch alle gängigen
Bezeichnungen und lassen diesen ersten Satz bereits zu einem Konzert im
Konzert werden. Da stehen schnelle, expressive Pasagen neben langsamen
und ausgesprochen innigen, auch temperamentvolle Läufe und
zupackende Doppelgriffe sind nicht selten. Die junge Baiba Skride
intonierte diesen ausgesprochen schwierigen Part mit einer solchen
Selbstverständlichkeit und einer solch ausgereiften Technik, dass
viele Zuhörer den dreifachen Schlussakkord dieses Satzes für
das Ende des Konzerts nahmen und begeistert applaudierten. Erst
angesichts der zurückhaltenden Reaktion von Dirigent und Solistin
und deren offensichtlicher Konzentration auf den zweiten Satz verebbte
der Beifall langsam. Der zweite Satz, ein typisches Adagio,
präsentierte Baiba Skride ausgesprochen lyrisch und ließ den
Ton bisweilen fast ins Unhörbare verklingen. Dabei faszinierte vor
allem ihre Fähigkeit, auch die höchsten Töne noch weich
und pianissimo zu spielen, ohne dass der Klang auch nur einen Moment
darunter litt. Der dritte Satz begann dann - ohne Zwischenapplaus! -
mit schnellen, kräftigen Doppelgriffen, deren Präzision das
Publikum gefangen nahm. Auch wer die technischen Eigenarten der Geige
nicht im Einzelnen kennt, merkte in dieser Phase, welche
Schwierigkeiten zu bewältigen waren und mit welcher
außerordentlichen Leichtigkeit und Perfektion Baiba Skride sie
meisterte. Doch nicht nur die Solistin zeigte in diesem Konzert ihr
ganzes Können, sondern auch das Orchester war gefragt und
erfüllte seinen Part mit Verve und Präzision. Denn in Brahms'
Violinkonzert tritt das Orchester als gleichberechtigter Partner neben
die Solistin und hat selbst ein differenziertes Klangbild zu
realisieren, in dem die Holzbläser eine wichtige Rolle spielen.
Sie verleihen dem Stück die notwendige Wärme und wirken als
klangliches Gegenstück zur Violine, die aufgrund der Technik eher
die hellen, strahlenden Klänge in den Vordergrund stellt. Dirigent
Oramo gelang es immer wieder, diese beiden Aspekte auszubalancieren und
dem Stück die musikalische Fülle zu verleihen, die es
über ein reines Solokonzert hinaushebt. Das
Publikum zeigte sich von der Leistung des Orchesters und - vor allem -
der Solistin begeistert und dokumentierte dies mit lang anhaltendem
Beifall, der schließlich noch zu einer Zugabe von Baina Skride
führte, die wir ohne genauere Kenntnis J.S. Bach zuordnen
würden. Den
Schluss des Programms bildete Carl Nielsens 4. Sinfonie, "Die
Unauslöschliche". Die Sinfonie entstand während des Ersten
Weltkriegs und war wohl als Hymne auf das "unauslöschliche Leben"
gedacht. Obwohl viersätzig, gehen die einzelnen Sätze nahtlos
ineinander über und lassen sich auch kaum als disjunkte Teile
identifizieren. Man staunt eine Zeitlang über die Länge des
ersten Satzes, bis man merkt, dass es keine klar getrennten Sätze
gibt. Das gilt nicht nur für die fehlenden Übergänge
sondern ebenfalls für die Charakteristiken der einzelnen
Sätze. Die Bezeichnungen lauten mit "Allegretto", "Poco
allegretto", "Poco adagio quasi andante" und "Allegro" nominell
unterschiedlich, doch der Duktus der Musik hält sich nicht an
diese nur ungefähren Angaben und geht souverän als
großer Klangstrom darüber hinweg. Alles in dieser Sinfonie
ist Leben und wie dieses immer ein wenig chaotisch. Nielsen hat wohl
bewusst auf klare Strukturelemente verzichtet, wie wir sie beispielhaft
von der Klassik kennen, und lässt den puren Klang herrschen. Dazu
setzt er massiv Pauken und andere Schlaginstrumente ein, und die
Blechbläser hatten an diesem Abend Schwerarbeit zu verrichten. Wie
auch das hier besungene Leben ist die Musik nicht immer "schön" im
herkömmlichen Sinn, sondern wild, ungebärdig und voller
Affekte und Effekte. Sakari Oramo und das Orchester ordneten dieses
Klangchaos jedoch und verliehen ihm mit einer präzisen
Ausgestaltung dennoch eine innere Struktur und Transparenz. Das
Publikum honorierte diese gelungenen Bemühungen mit kräftigem
Beifall und erfuhr dafür eine ungewohnte Gegenleistung. Das
Orchester lieferte spontan zwei Zugaben: die Ouvertüre zu Carls
Nielsens Oper "Die Maskerade" und einen ungarischen Tanz (welchen?) von
Johannes Brahms. Wer das Konzert unmittelbar nach dem offiziellen Ende
wegen des Verkehrsstaus verlassen hatte, hatte etwas versäumt! Frank Raudszus |
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