Nordische Musik im warmen Süden

Juli 2009



































































  Ihre Meinung über E-Mail hier

Die Philharmonie Stockholm präsentiert im Wiesbadener Kurhaus Werke von Brahms, Nielsen und Stenhammar


 

 

Der August zeigte sich an diesem Donnerstagabend von seiner besten Seite. Bis zu 38 Grad hatte das Thermometer am Tage angezeigt, und so war es fast erstaunlich, dass trotzdem so viele Besucher den Weg zum Kurhaus in Wiesbaden gefunden hatten, wo das Rheingau Musik Festival ein Sinfoniekonzert veranstaltete. Doch Kenner dieses jährlichen Sommerfestivals wundern sich weniger, ist doch das Festival für die hohe Qualität seiner Interpreten und Orchester bekannt. Außerdem spielte an diesem Abend die junge lettische Geigerin Baiba Skride, die schon vor zwei Jahren an dieser Stelle aufgetreten war. So war denn der Alfred-Thiersch-Saal im Kurhaus nahezu ausverkauft.

Das Programm begann mit der Konzertouvertüre "Excelsior" des schwedischen Komponisten Wilhelm Stenhammar (1871-1927). Die skandinavischen Komponisten haben - von wenigen Ausnahmen wie Nielsen und Gade abgesehen - das Pech, in Mitteleuropa dank der seit dem 16. Jahrhundert großen Konkurrenz und eines sehr intensiven Musikbetriebs weitgehend unbekannt zu sein. Da ist es immer wieder lobenswert, wenn ein Veranstalter nicht nur Ensembles vom Polarkreis einlädt, sondern wenn diese auch konsequent ihre lokalen Komponisten vorstellen. Mozart und Beethoven spielt schließlich jeder - ob er's kann oder nicht....

Dirigent Sakari OramoDirigent Sakari Oramo

So kam denn die Philharmonie Stockholm unter der Leitung des finnischen Dirigenten Sakari Oramo mit zwei skandinavischen Werken, der besagten Ouvertüre des Schweden Stenhammar und der Sinfonie Nr. 4 des Dänen Carl Nielsen (1865-1931). Zwischen diese beiden Werke hatte man als Reverenz an das Veranstalterland Johannes Brahms' Violinkonzert in D-Dur Nr. 77 in der Interpretation von Baiba Skride plaziert.

Stenhammars Konzertouvertüre entstand im Jahr 1896 und steht deutlich im Zeichen der Hochromantik. Mangels landeseigener Vorbilder orientierte sich Stenhammar notgedrungen an der mitteleuropäischen Musikszene, in der zu dieser Zeit die Deutschen ein gewichtiges Wort mitredeten. Dass sich Stenhammar nicht dem französischen Musikgeschmack öffnete sondern sich eindeutig an der deutschen Romantik ausrichtete, liegt wohl an der ähnlichen Mentalität. Auf jeden Fall klingt seine Konzertouvertüre bisweilen wie ein Werk von Brahms - daher auch die Programmnachbarschaft an diesem Abend. Lange Melodiebögen und fast schwermütige Themen prägen dieses Stück, das oft wie eine musikalische Beschreibung der weiten skandinavischen Landschaft klingt. Obwohl Stenhammar weder im Titel noch in entsprechenden Aufzeichnungen auf einen eventuellen Programmcharakter dieses Stückes hinwweist, schlägt sich doch seine Lebenserfahrung als Skandinavier in der Musik nieder. Auschlussreich in diesem Zusammenhang ist seine Bemerkung gegenüber seinem Freund Carl Nielsen, man  müsse mehr skandinavische Einflüsse nutzen, um nicht der Musik Wagners zu verfallen. So kann man denn auch in dieser Ouvertüre keinerlei Anklänge an die Musik des Bayreuthers oder seiner Nachfolger Mahler und Strauss erkennen. Stenhammar verweigert sich der mystischen Versenkung und bleibt im klaren Umfeld der weiten skandinavischen Landschaft.

Die Philharmonie Stockholm interpretierte Stenhammars Ouvertüre auf beinahe heitere Weise, ohne jede aufgesetzte Bedeutung oder besondere Schwere. Als Auftakt zu einem nordischen Programm und "Vorspiel" zu Brahms' Violinkonzert eignet sich dieses Stück ausgezeichnet, und das Publikum bedankte sich für die frische Spielweise des Orchesters mit kräftigem Beifall.

Die Geigerin Baiba SkrideDie Geigerin Baiba Skride

Das einzige Violinkonzert von Johannes Brahms entstand im Schatten der großen Vorgänger Beethoven und Mendelssohn und bereitete dem Komponisten daher auch große Schwierigkeiten, zumal er die Geige selbst nicht spielte. Ohne seinen Freund, den berühmten Geiger Joseph Joachim, hätte er das Stück in der Form wohl kaum zu Ende gebracht. Der erste Satz beeindruckt durch seine sinfonische Länge und Ausgestaltung. Das Orchester spielt hier einen wesentlich bedeutenderen Part als in vielen zeitgenössichen Virtuosenkonzerten. Die Tempi des ersten Satzes, vor dem nur ein einfaches "Allegretto" steht, wechseln durch alle gängigen Bezeichnungen und lassen diesen ersten Satz bereits zu einem Konzert im Konzert werden. Da stehen schnelle, expressive Pasagen neben langsamen und ausgesprochen innigen, auch temperamentvolle Läufe und zupackende Doppelgriffe sind nicht selten. Die junge Baiba Skride intonierte diesen ausgesprochen schwierigen Part mit einer solchen Selbstverständlichkeit und einer solch ausgereiften Technik, dass viele Zuhörer den dreifachen Schlussakkord dieses Satzes für das Ende des Konzerts nahmen und begeistert applaudierten. Erst angesichts der zurückhaltenden Reaktion von Dirigent und Solistin und deren offensichtlicher Konzentration auf den zweiten Satz verebbte der Beifall langsam. Der zweite Satz, ein typisches Adagio, präsentierte Baiba Skride ausgesprochen lyrisch und ließ den Ton bisweilen fast ins Unhörbare verklingen. Dabei faszinierte vor allem ihre Fähigkeit, auch die höchsten Töne noch weich und pianissimo zu spielen, ohne dass der Klang auch nur einen Moment darunter litt. Der dritte Satz begann dann - ohne Zwischenapplaus! - mit schnellen, kräftigen Doppelgriffen, deren Präzision das Publikum gefangen nahm. Auch wer die technischen Eigenarten der Geige nicht im Einzelnen kennt, merkte in dieser Phase, welche Schwierigkeiten zu bewältigen waren und mit welcher außerordentlichen Leichtigkeit und Perfektion Baiba Skride sie meisterte. Doch nicht nur die Solistin zeigte in diesem Konzert ihr ganzes Können, sondern auch das Orchester war gefragt und erfüllte seinen Part mit Verve und Präzision. Denn in Brahms' Violinkonzert tritt das Orchester als gleichberechtigter Partner neben die Solistin und hat selbst ein differenziertes Klangbild zu realisieren, in dem die Holzbläser eine wichtige Rolle spielen. Sie verleihen dem Stück die notwendige Wärme und wirken als klangliches Gegenstück zur Violine, die aufgrund der Technik eher die hellen, strahlenden Klänge in den Vordergrund stellt. Dirigent Oramo gelang es immer wieder, diese beiden Aspekte auszubalancieren und dem Stück die musikalische Fülle zu verleihen, die es über ein reines Solokonzert hinaushebt.

Das Publikum zeigte sich von der Leistung des Orchesters und - vor allem - der Solistin begeistert und dokumentierte dies mit lang anhaltendem Beifall, der schließlich noch zu einer Zugabe von Baina Skride führte, die wir ohne genauere Kenntnis J.S. Bach zuordnen würden.

Den Schluss des Programms bildete Carl Nielsens 4. Sinfonie, "Die Unauslöschliche". Die Sinfonie entstand während des Ersten Weltkriegs und war wohl als Hymne auf das "unauslöschliche Leben" gedacht. Obwohl viersätzig, gehen die einzelnen Sätze nahtlos ineinander über und lassen sich auch kaum als disjunkte Teile identifizieren. Man staunt eine Zeitlang über die Länge des ersten Satzes, bis man merkt, dass es keine klar getrennten Sätze gibt. Das gilt nicht nur für die fehlenden Übergänge sondern ebenfalls für die Charakteristiken der einzelnen Sätze. Die Bezeichnungen lauten mit "Allegretto", "Poco allegretto", "Poco adagio quasi andante" und "Allegro" nominell unterschiedlich, doch der Duktus der Musik hält sich nicht an diese nur ungefähren Angaben und geht souverän als großer Klangstrom darüber hinweg. Alles in dieser Sinfonie ist Leben und wie dieses immer ein wenig chaotisch. Nielsen hat wohl bewusst auf klare Strukturelemente verzichtet, wie wir sie beispielhaft von der Klassik kennen, und lässt den puren Klang herrschen. Dazu setzt er massiv Pauken und andere Schlaginstrumente ein, und die Blechbläser hatten an diesem Abend Schwerarbeit zu verrichten. Wie auch das hier besungene Leben ist die Musik nicht immer "schön" im herkömmlichen Sinn, sondern wild, ungebärdig und voller Affekte und Effekte. Sakari Oramo und das Orchester ordneten dieses Klangchaos jedoch und verliehen ihm mit einer präzisen Ausgestaltung dennoch eine innere Struktur und Transparenz.

Das Publikum honorierte diese gelungenen Bemühungen mit kräftigem Beifall und erfuhr dafür eine ungewohnte Gegenleistung. Das Orchester lieferte spontan zwei Zugaben: die Ouvertüre zu Carls Nielsens Oper "Die Maskerade" und einen ungarischen Tanz (welchen?) von Johannes Brahms. Wer das Konzert unmittelbar nach dem offiziellen Ende wegen des Verkehrsstaus verlassen hatte, hatte etwas versäumt!

Frank Raudszus