Ein junger Pianist auf dem Marsch nach oben

Juli 2009























































  Ihre Meinung über E-Mail hier

Herbert Schuch spielt beim Rheingau Musik Festival Werke von Debussy, Chopin und Beethoven


 

 

Vor zwei Jahren sprang der junge Pianist Herbert Schuch - Jahrgang 1979 - beim Rheingau Musik Festival noch als "Ersatz" für einen ausgefallenen Stargast ein, in diesem Jahr war er schon fester Programmpunkt im Solistenprogramm auf Schloss Johannisberg  - und füllte allein durch seine Ankündigung den Saal bis zum letzten Platz. Dabei begann seine Karriere nicht unbedingt unter den besten Voraussetzungen, lebte er doch als Kind im rumänischen Temesvar noch unter dem Ceauscescu-Regime und wanderte erst 1988 in den Westen aus.

Solist Herbert SchuchSolist Herbert Schuch

Für diesen schönen Sommerabend - doch das weiß man aber vorher nie! - hatte Herbert Schuch ein der Umgebung angemessenes anspruchsvolles und reizvolles Programm zusammengestellt. Neben die abgründigen Akkorde und monomanischen Motive des alten Beethoven hatte er Debussys schwirrende und flirrende Préludes gesetzt, die im zweiten Teil Fréderic Chopins - ebenfalls letzter - Sonate Nr. 3 in h-moll gegenüberstanden. Zwei "letzte Werke" also, jeweils eingerahmt von den impressionistischen Gebilden eines Nachfahren. Nun ist es besonders für einen jungen Pianisten - und in diesem Genre ist man im Gegensatz zum Sport mit dreißig noch sehr jung - eine besondere Herausforderung, die Spätwerke bedeutender Komponisten mit ihrem Schatz an Erfolgen und Enttäuschungen sowie der Ahnung von Vergänglichkeit zu interpretieren. Zu leicht kann ein junger Solist in eine zu vordergündige Spielweise verfallen, die zwar das Notenmaterial glänzend präsentiert, aber die musikalisch-menschliche Aussage nicht vollständig trifft. Herbert Schuch jedoch meisterte diese Herausforderung mit Erfolg und bescherte dem Publikum dadurch einen denkwürdigen Klavierabend.

Bereits die ersten Töne von Debussys Prélude Nr. I aus dem Band I zeigten Herbert Schuchs hohe Anschlagskunst. Wie aus dem feinen Nebel eines Sommermorgens tauchten sie leise und mit weichem Legato aus der Tiefe des Flügels auf und erhoben sich dann langsam in den Raum. Daraus entwickeln sich die typischen flirrenden Klangmuster von Debussys Musik. Feinste Muster entfalten sich mal in der rechten, dann in der linken Hand, die Motive sind kurz und prägnant, und alles durchweht der für Debussys Klaviermusik typische, mal melancholische, mal körperlose Klang.  Doch nicht nur der träumende, pointillistische Aspekt kommt in diesen Préludes zum Tragen, sondern auch ein kräftigerer Ton, so in den "Feuilles mortes" oder dem expressiven "Les fées son d'exquises danseuses". Schuch gelang es dank seiner variablen und sensiblen Anschlagstechnik, alle diese Stimmungsmusik gleichermaßen zur Geltung zu bringen und dabei zwischen den einzelnen Ausdrucksmomenten in Sekunden zu wechseln.

Nach diesem facettenreichen Vorspiel - nichts anderes sind Préludes - folgte ein musikalisches Schwergewicht. Wie bei Bachs "Wohltemperierten Klavier" jeweils einem mehr oder minder leichtfüßigen Präludium eine mehrstimmige, hoch komplexe Fuge folgt, so schloss sich hier mit Beethovens letzter Sonate Nr. 32 c-moll op. 111 ein besonders anspruchsvolles Werk an, das trotz seiner "nur" zwei Sätze höchste Anforderungen an den Vortragenden stellt. Beethoven verlässt hier nicht nur weitgehend die übliche Sonatenstruktur sondern reduziert auch die Vorstellung und Verarbeitung eines gegebenen Themas - bei Mozart noch weitgehend durchgehalten - auf ein Minimum. Themen blitzen bei ihm zwar auch auf, doch immer nur kurzzeitig, um dann bis zur Unkenntlichkeit sowohl melodisch wie auch harmonisch und dynamisch zerlegt zu werden. Das Thema beherrscht nicht mehr den Gang der Musik sondern ist nur noch reines Material. Beethoven dringt mit dieser letzten Sonate in das Gefüge der Musik selbst ein und lässt sie aus sich selbst heraus sprechen. Die Musik erschließt sich dem Zuhörer nicht mehr in erster Linie über ein - liedhaftes - Thema sondern über die harmonische und rhythmische Struktur. Man redet hier nicht ohne Grund von "absoluter Musik, die nur ihren eigenen Gesetzen, nicht aber den Erwartungen der Rezipienten gehorcht.

Die beiden Sätze tragen die Bezeichnungen "Maestoso - Allegro con brio ed appassionato" und "Arietta. Adagio molto semplice e cantabile", lassen jedoch bei weitem nicht die deutlichen Tempo- und Motivwechsel wie in der klassischen Sonate erkennen. In gewisser Weise erinnert diese Sonate an die 8. Sinfonie Franz Schuberts, die "Unvollendete", deren zwei Sätze sich auch in Tempo und Gestus stark ähneln. Beethoven hat bei dieser Sonate die Agogik besonders stark ausgebaut. Immer wieder verlangsamt er den Lauf der Musik, bricht Themen auf, lässt bewusst keinen gleichmäßigen Strom gefälliger Motivketten aufkommen, sondern geht immer wieder in die Tiefe des einzelnen Motivs und lässt es dann in plötzlichen Akkorden geradezu explodieren. Insistierende, wiederkehrende Läufe wechseln sich mit harten Akkorden ab, Ruhe kehrt in diesem Stück nie ein. Und doch steht dahinter eine wohl durchdachte Struktur, die es herauszuarbeiten gilt, um den Geist dieser Musik adäquat auszudrücken. Herbert Schuch gelang dies auf bewundernswerte Weise. Bei ihm wirkte dieser späte Beethoven nie angestrengt oder gar nur laut, sondern er arbeitete die Zerrissenheit eines Spätwerks, dessen Schöpfer nicht nur mit seiner Taubheit sondern auch mit  seinen immer weiter ausgreifenden musikalischen Ideen kämpfte, in überzeugender Weise heraus. Soweit diese Sonate überhaupt "wie aus einem Guss" wirken kann, tat sie es unter den Händen des jungen Pianisten.

Der zweite Teil des Konzertabends verlief fast parallel zur ersten, nur mit anderen Werken. Wieder leiteten Debussys Préludes - diesmal die Nummern VIII, X, XI und XII aus dem zweiten Band - den Vortrag ein, und wie schon zuvor bestach Schuch durch seine vielfältigen Anschlagsvarianten und seine sensible doch nie romantisierende Interpretation. Debussys Akkorde kamen scharf gestochen, genauso wie die schnellen kleinen Figuren in beiden Händen oder die besonderen Klangfarben, die erst die spätromantische, extrem verinnerlichte Atmosphäre dieser Musik schaffen.

Den Abschluss bildete dann Fréderic Chopins Sonate  Nr. 3 in h-moll. Nicht ohne Grund hatte Herbert Schuch dieses Werk ausgewählt, erinnert es doch in vielen Aspekten an die letzte Beethoven-Sonate. Auch hier sind die großen Melodiebögen aus anderen Chopin-Werken - man denke nur an die Klavierkonzerte - zugunsten einer intensiven Verarbeitung der einzelnen Motive  auf ein Minimum reduziert; auch hier blitzen die großen Themen immer wieder kurz auf, bieten sich jedoch dem Publikum nicht mehr als Wiedererkennungs- und Identifikationsmuster an. Der Zuhörer kann nicht in den typischen Chopinschen Melodiebögen schwelgen, sondern muss dem Komponisten - hier vertreten durch den Interpreten Herbert Schuch - in die Tiefen der Musik folgen und sich dieses Werk buchstäblich erarbeiten. Zwar weist diese Sonate eine viersätzige Struktur mit den typischen Elementen "Scherzo" und "Largo" auf, zeigt also durchaus auch explizit benannte disjunkte Strukturelemente, doch die Präsentation dieser verschiedenen Sätze zeigt dann doch wieder, wie weit sich auch Chopin am Ende von der klassischen Sonatenform oder überhaupt von einem scheinbar verbindlichen Schema gelöst hatte. Er folgt nicht mehr einem vorgegebenen Schema, sondern seinen eigenen musikalischen Einfällen und dem Diktat der Musik selbst, die sich an diesem Abend unter den Fingern von Herbert Schuch zu voller Blüte entfaltete.

Das Publikum zeigte sich von Schuchs Spiel dermaßen begeistert, dass er noch zwei Zugaben spielte: eine Bagatelle von Beethoven - noch später als die letzte Sonate komponiert -, und das kurze Stück "Eusebius" aus Robert Schumanns "Carneval", das noch einmal die besondere Begabung Schuchs für die introvertierte Musik von Komponisten wie Schumann oder Debussy bewies.

Frank Raudszus