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Ein junger Pianist auf dem Marsch nach
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Herbert
Schuch spielt beim Rheingau Musik Festival Werke von Debussy, Chopin
und Beethoven |
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Vor zwei
Jahren sprang der junge Pianist Herbert Schuch - Jahrgang 1979 - beim Rheingau Musik
Festival noch als "Ersatz" für einen ausgefallenen
Stargast ein, in diesem Jahr war er schon fester Programmpunkt im
Solistenprogramm auf Schloss Johannisberg - und füllte
allein durch
seine Ankündigung den Saal bis zum letzten Platz. Dabei begann
seine
Karriere nicht unbedingt unter den besten Voraussetzungen, lebte er
doch als Kind im rumänischen Temesvar noch unter dem
Ceauscescu-Regime
und wanderte erst 1988 in den Westen aus.
Für
diesen schönen Sommerabend - doch das weiß man aber vorher
nie! - hatte
Herbert Schuch ein der Umgebung angemessenes anspruchsvolles und
reizvolles Programm zusammengestellt. Neben die abgründigen
Akkorde und
monomanischen Motive des alten Beethoven hatte er Debussys schwirrende
und
flirrende Préludes gesetzt, die im zweiten Teil Fréderic
Chopins -
ebenfalls letzter - Sonate Nr. 3 in h-moll gegenüberstanden. Zwei
"letzte Werke" also, jeweils eingerahmt von den impressionistischen
Gebilden eines Nachfahren. Nun ist es besonders für einen jungen
Pianisten - und in diesem Genre ist man im Gegensatz zum Sport mit
dreißig noch sehr jung - eine besondere Herausforderung, die
Spätwerke
bedeutender Komponisten mit ihrem Schatz an Erfolgen und
Enttäuschungen
sowie der Ahnung von Vergänglichkeit zu interpretieren. Zu leicht
kann
ein junger Solist in eine zu vordergündige Spielweise verfallen,
die
zwar das Notenmaterial glänzend präsentiert, aber die
musikalisch-menschliche Aussage nicht vollständig trifft. Herbert
Schuch jedoch meisterte diese Herausforderung mit Erfolg und
bescherte dem Publikum dadurch einen denkwürdigen Klavierabend. Bereits
die ersten Töne von Debussys Prélude Nr. I aus dem Band I
zeigten
Herbert Schuchs hohe Anschlagskunst. Wie aus dem feinen Nebel eines
Sommermorgens tauchten sie leise und mit weichem Legato aus der Tiefe
des Flügels auf und erhoben sich dann langsam in den Raum. Daraus
entwickeln sich die typischen flirrenden Klangmuster von Debussys
Musik.
Feinste Muster entfalten sich mal in der rechten, dann in der linken
Hand, die Motive sind kurz und prägnant, und alles durchweht der
für
Debussys Klaviermusik typische, mal melancholische, mal körperlose
Klang. Doch nicht nur der träumende, pointillistische Aspekt
kommt in
diesen Préludes zum Tragen, sondern auch ein kräftigerer
Ton, so in den
"Feuilles mortes" oder dem expressiven "Les fées son d'exquises
danseuses". Schuch gelang es dank seiner variablen und sensiblen
Anschlagstechnik, alle diese Stimmungsmusik gleichermaßen zur
Geltung
zu bringen und dabei zwischen den einzelnen Ausdrucksmomenten in
Sekunden zu wechseln. Nach
diesem facettenreichen Vorspiel - nichts anderes sind Préludes -
folgte
ein musikalisches Schwergewicht. Wie bei Bachs "Wohltemperierten
Klavier" jeweils einem mehr oder minder leichtfüßigen
Präludium
eine mehrstimmige, hoch komplexe Fuge folgt, so schloss sich hier mit
Beethovens letzter Sonate Nr. 32 c-moll op. 111 ein besonders
anspruchsvolles Werk an, das trotz seiner "nur" zwei Sätze
höchste
Anforderungen an den Vortragenden stellt. Beethoven verlässt hier
nicht
nur weitgehend
die
übliche Sonatenstruktur sondern reduziert auch die Vorstellung und
Verarbeitung eines gegebenen Themas - bei Mozart noch weitgehend
durchgehalten - auf ein Minimum. Themen blitzen bei ihm zwar auch auf,
doch immer nur kurzzeitig, um dann bis zur Unkenntlichkeit sowohl
melodisch wie auch harmonisch und dynamisch zerlegt zu werden. Das
Thema
beherrscht nicht mehr den Gang der Musik sondern ist nur noch reines
Material. Beethoven dringt mit dieser letzten Sonate in das Gefüge
der
Musik selbst ein und lässt sie aus sich selbst heraus sprechen.
Die
Musik erschließt sich dem Zuhörer nicht mehr in erster Linie
über ein -
liedhaftes - Thema sondern über die harmonische und rhythmische
Struktur. Man redet hier nicht ohne Grund von "absoluter Musik, die nur
ihren eigenen Gesetzen, nicht aber den Erwartungen der Rezipienten
gehorcht. Die
beiden Sätze tragen die Bezeichnungen "Maestoso - Allegro con brio
ed
appassionato" und "Arietta. Adagio molto semplice e cantabile", lassen
jedoch bei weitem nicht die deutlichen Tempo- und Motivwechsel wie in
der klassischen Sonate erkennen. In gewisser Weise erinnert diese
Sonate an die 8. Sinfonie Franz Schuberts, die "Unvollendete", deren
zwei Sätze sich auch in Tempo und Gestus stark ähneln.
Beethoven hat
bei dieser Sonate die Agogik besonders stark ausgebaut. Immer wieder
verlangsamt er den Lauf der Musik, bricht Themen auf, lässt
bewusst
keinen gleichmäßigen Strom gefälliger Motivketten
aufkommen, sondern
geht immer wieder in die Tiefe des einzelnen Motivs und lässt es
dann
in plötzlichen Akkorden geradezu explodieren. Insistierende,
wiederkehrende Läufe wechseln sich mit harten Akkorden ab, Ruhe
kehrt
in diesem Stück nie ein. Und doch steht dahinter eine wohl
durchdachte
Struktur, die es herauszuarbeiten gilt, um den Geist dieser Musik
adäquat auszudrücken. Herbert Schuch gelang dies auf
bewundernswerte
Weise. Bei ihm wirkte dieser späte Beethoven nie angestrengt oder
gar
nur laut, sondern er arbeitete die Zerrissenheit eines Spätwerks,
dessen
Schöpfer nicht nur mit seiner Taubheit sondern auch mit
seinen immer
weiter ausgreifenden musikalischen Ideen kämpfte, in
überzeugender Weise
heraus. Soweit diese Sonate überhaupt "wie aus einem Guss" wirken
kann,
tat sie es unter den Händen des jungen Pianisten. Der
zweite Teil des Konzertabends verlief fast parallel zur ersten, nur mit
anderen Werken. Wieder leiteten Debussys Préludes - diesmal die
Nummern
VIII, X, XI und XII aus dem zweiten Band - den Vortrag ein, und wie
schon zuvor bestach Schuch durch seine vielfältigen
Anschlagsvarianten
und seine sensible doch nie romantisierende Interpretation. Debussys
Akkorde kamen scharf gestochen, genauso wie die schnellen kleinen
Figuren in beiden Händen oder die besonderen Klangfarben, die erst
die
spätromantische, extrem verinnerlichte Atmosphäre dieser
Musik
schaffen. Den
Abschluss bildete dann Fréderic Chopins Sonate Nr. 3 in
h-moll. Nicht
ohne Grund hatte Herbert Schuch dieses Werk ausgewählt, erinnert
es
doch in vielen Aspekten an die letzte Beethoven-Sonate. Auch hier sind
die großen Melodiebögen aus anderen Chopin-Werken - man
denke nur an
die Klavierkonzerte - zugunsten einer intensiven Verarbeitung der
einzelnen Motive auf ein Minimum reduziert; auch hier blitzen die
großen Themen immer wieder kurz auf, bieten sich jedoch dem
Publikum
nicht mehr als Wiedererkennungs- und Identifikationsmuster an. Der
Zuhörer kann nicht in den typischen Chopinschen Melodiebögen
schwelgen, sondern muss dem Komponisten - hier vertreten durch den
Interpreten Herbert Schuch - in die Tiefen der Musik folgen und sich
dieses Werk buchstäblich erarbeiten. Zwar weist diese Sonate eine
viersätzige Struktur mit den typischen Elementen "Scherzo" und
"Largo" auf, zeigt also durchaus auch explizit benannte disjunkte
Strukturelemente, doch die Präsentation dieser verschiedenen
Sätze zeigt dann doch wieder, wie weit sich auch Chopin am Ende
von der klassischen Sonatenform oder überhaupt von einem scheinbar
verbindlichen Schema gelöst hatte. Er folgt nicht mehr einem
vorgegebenen Schema, sondern seinen eigenen musikalischen
Einfällen und dem Diktat der Musik selbst, die sich an diesem
Abend unter den Fingern von Herbert Schuch zu voller Blüte
entfaltete. Das
Publikum zeigte sich von Schuchs Spiel dermaßen begeistert, dass
er noch zwei Zugaben spielte: eine Bagatelle von Beethoven - noch
später als die letzte Sonate komponiert -, und das kurze
Stück "Eusebius" aus Robert Schumanns "Carneval", das noch einmal
die besondere Begabung Schuchs für die introvertierte Musik von
Komponisten wie Schumann oder Debussy bewies. Frank Raudszus |
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