Gelungener Doppel-Auftakt in Darmstadt




























































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Das 1. Sinfoniekonzert unter dem neuen GMD begeistert mit einem überzeugenden Programm


Der Auftakt zur Konzertsaison am 6./7. September 2009 stand unter einem doppelten Anfangszeichen: außer dem üblichen Saisonbeginn, der immer Erwartungen weckt, stand zum ersten Mal der neue Generalmusikdirektor Constantin Trinks als Verantwortlicher für Auswahl und Durchführung am Pult. Im Vorfeld der Saison hatten sich bereits Kritiker zu Wort gemeldet, die sein Jahresprogramm als zu traditionell empfanden. Dort sei zu viel 18. und 19. und zu wenig 20. Jahrhundert vertreten, vom jungen 21. ganz zu schweigen, hieß es. Trinks hatte darauf bereits geantwortet, sein Musikverständnis beruhe vor allem auf der Tradition der Klassik und Romantik, und daraus entwickele er auch seine Programme, selbstverständlich mit gebührender Beachtung der Moderne. Wie man dazu auch stehen mag: für Diskussionsstoff war gesorgt, und jeder war gespannt, wie Trinks sich - und natürlich das Orchester - beim ersten Konzert präsentieren würde.

Halbwegs auf der Linie der eher avantgardistisch gesinnten Kritiker lag denn auch das Programm des Auftaktkonzertes. Es begann mit Richard Strauss, der ja mittlerweile zu den akzeptierten "Klassikern" zählt, wenn auch seine Tondichtung "Don Juan" Ende des 19. Jahrhunderts entstand. Am Ende stand Beethovens 7. Sinfonie in A-Dur, der Klassiker schlechthin, und in der Mitte Dmitri Schostakowitschs Celloconcert aus dem Jahr 1959. Der Programmaufbau war insofern Wasser auf die Mühlen der Kritiker, als das "moderne" Stück an eine Programmstelle gestellt wurde, die ein späteres Erscheinen oder gar ein vorzeitiges Verlassen des Konzertes unmöglich machte. Angesichts der bekannten - und durchaus legitimen - Vorliebe der Publikumsmehrheit für Klassik und Romantik und einer immer noch vorhandenen Skepsis gegenüber der Musik des ausgehenden 20. Jahrhunderts erscheint diese Maßnahme durchaus gerechtfertigt, will man ein Ausdünnen der Zuhörerschaft vermeiden. Die Protagonisten der neuen Musik jedoch werden sie immer als Diskriminierung der Moderne verstehen.

Generalmusikdirektor Constantin Trinks
Generalmusikdirektor Constantin Trinks

Soweit zu den Misstönen im Vorfeld dieser Saison und damit auch dieses Konzertes.  "Lasst uns jetzt angenehmere anstimmen - und freudenvollere". Anlass dazu bot das Konzert selbst mehr als genug, stimmte es doch sehr angenehme und freudenvolle Töne an. Es begann bereits mit Richard Strauss' Tondichtung "Don Juan", die Constantin Trinks vom ersten Ton an kraftvoll und mit einer klaren Konturierung der Bläser präsentierte. Darüber hinaus arbeitete er die rhythmischen Aspekte deutlich heraus und nahm dem Stück dadurch von vornherein die latente Gefahr eines breiigen Dahinströmens. Geradezu dominant setzten sich die metrischen Akzente über lange Strecken durch und trieben dadurch die musikalische Aussage voran. Schließlich besagt bereits der Titel, dass es hier um Programm-Musik geht, wenn auch von der feineren Art. Hintergrund ist die Lenau-Dichtung "Don Juan", die diesen Typus in drei Phasen schildert: erst den von der Erotik Beseelten, dann den vom Begehren selbst Besessenen und schließlich den vom übermäßigen Genuss Enttäuschten und Gelangweilten. Es ging also auch Richard Strauss bei der Umsetzung dieser Vorlage nicht um schöne Klänge sondern um die Herausstellung des suchtartigen Triebs, der Besessenheit dieses Charakters. Überwiegen im ersten Teil die lyrischen Motive, setzen sich im zweiten Teil schrill auffahrende Klangfiguren, zerrissene Themen und teilweise dissonante Harmonien durch, die dann plötzlich in wenigen entsagungsvollen, ja geradezu resignierend leeren Schlussakkorden enden. Das Orchester bewahrte in jeder Phase dieses Interpretation eine hohe Transparenz der einzelnen Stimmen bis zu den Flöten, Klarinetten, Oboen und Hörnern. Jedes einzelne Instrument ließ sich in seiner Intonation verfolgen, keine Stimme ging im allgemeinen Orchesterklang unter. Schon diese Konzerteinleitung war ein Genuss und wurde vom Publikum auch durch entsprechenden Beifall gewürdigt.

Die Cellistin Natalia Gutman
Die Cellistin Natalia Gutman

Das Solokonzert bestritt an diesem Abend die russische Cellistin Natalia Gutman mit Schostakowitschs Cellokonzert in Es-Dur. Dieses Konzert entstand Ende der fünfziger Jahre in einer etwas freundlicheren Umgebung als zu Stalins Zeiten und fand auch beim Moskauer Publikum sofort großen Anklang. Es beginnt mit einem Cello-Solo, das sofort die ganze Aufmerksamkeit der Zuhörer erfordert. Langsam und verhalten schließen sich die Holzbläser an, dann folgt das Orchester mit einem expressiven Marschrhythmus. Tonal erinnern so manche Harmonien und Figuren an den Jazz, vor allem in den Solopartien. Der zweite Satz setzt mit einem erstaunlich tonalen "tutti" des Orchesters ein, dem sich dann klar konturiert die Hörner anschließen und dann erst das Cello. Ein liedhafter, geradezu lyrischer Grundtenor beherrscht diesen Satz, in dem sich das Orchester und das Cello abwechseln, bis dieses zu einer langen Kadenz ausholt, die wiederum hohe Intensität und Verinnerlichung auszeichnen. Die Kadenz geht dann nahezu übergangslos in das "Allegro con moto" des Finalsatzes über, der in schnellen Sechsachtel-Ketten vorantreibt, wobei neben dem Cello immer wieder die Hörner hervorstechen. Der Schlussakkord kommt dann plötzlich und unerwartet, so dass die Zuhörer sich erst über das Ende klar werden mussten, bevor der Beifall einsetzte. Natalia Gutman interpretierte dieses Konzert mit hoher technischer Perfektion, die sich vor allem in den langen Doppelgriff-Passagen zeigte. Doch neben der reinen Virtuosität überzeugte vor allem die Interpretation, die eine solche Dichte erreichte, dass man kaum ein Husten im Saal hörte, was angesichts der um sich greifenden akustischen Verwahrlosung im Zuschauerraum als bemerkenswert hervorzuheben ist. Das Publikum ließ sich buchstäblich gefangen nehmen von diesem Vortrag der russischen Cellokünstlerin. Constantin Trinks hielt das Orchester mit viel Fingerspitzengefühl auf gebührendem akustischen Abstand und setzte nur dort die Akzente, wo sie erforderlich waren. Das Publikum zeigte sich ein weiteres Mal begeistert und erreichte mit stürmischem Beifall noch eine Zugabe.

Zum krönenden Abschluss erklang nach der Pause Beethovens 7. Sinfonie in A-Dur, die nicht wenige Musikexperten als seine beste bezeichnen. Trinks ließ den ersten Satz mit mäßigem Tempo angehen, baute aber von den ersten Akkorden an Spannung auf. Markant und präzise kamen die Einsätze der einzelnen Instrumentengruppen, wie schon bei Strauss bestachen die Transparenz und die innere Spannung des Orchesters. Auch hier überzeugten wieder die Bläser, deren Einsätze nicht einfach sind, doch wie gestochen kamen. Den zweiten Satz nahm Trink erstaunlich schnell, hielt sich aber an die Tempobezeichnung "allegretto". Man hat diesen Satz schon wesentlich langsamer gehört, im Stil eines Trauermarsches, als der er bisweilen auch bezeichnet wird. Trinks verlieh ihm durch das höhere Tempo einen federnden Schwung und nahm ihm das Düstere, das diesen Satz in vielen Interpretationen umschwebt. Auch die Bezeichnung des dritten Satzes nahm Trinks wörtlich und trieb ihn schneller voran als andere Dirigenten vor ihm. Immerhin ist es ein "Presto", warum also nicht? Trotz des hohen Tempos zeigte sich gerade bei dem "polyphonen" Charakter dieses Satzes mit seinen unterschiedlichen Stimmführungen die hohe Präzision des Orchesters, waren doch wieder die einzelnen Instrumente in ihren Melodieführungen genau herauszuhören, und die Einsätze erfolgten zupackend und wie aus der Pistole geschossen, vor allem bei den schwierigen Hörner, aber auch bei den anderen Bläsern. Der Finalsatz schließlich präsentierte sich mit einem geradezu leidenschaftlichen Auftakt. Auch hier betonte Trinks wieder deutlich das metrische Muster und trieb über diesen Grundtakt die Musik unaufhaltsam voran, so wie es sich der bereits weitgehend taube Beethoven vorgestellt haben mag. Immer schneller und dabei höchst diszipliniert drehte sich das Klangkarussel, vorbei an abrupten Tempowechseln, die wie ein vorzeitiger Schlussakkord wirkten, dann wieder weiter sich aufschwingend bis zum Schlussakkord, in den sich das Orchester regelrecht hineinsteigerte.

Das Publikum reagierte auf diese mitreißende Interpretation mit begeistertem Beifall und reichlichen "Bravo"-Rufen und ließ Trinks eins ums andere Mal aus den Kulissen zurückkommen, um die einzelnen Musiker hervorzuheben. Zwar ließ er Einzelne - zu Recht - aufstehen, aber an diesem Abend hätte er alle Musiker des Orchesters hervorheben können, und am Ende tat er das auch, nachdem ihm das Orchester durch beharrliches Sitzenbleiben und Klopfen seine Reverenz erwiesen hatte. Die Zuhörer gingen aufgekratzt und voller Musik im Kopf nach Hause und dürfen sich mit Recht auf eine spannende Konzertsaison freuen.

Frank Raudszus