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Blick zurück ohne (?) Zorn |
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Susanne
Schädlich liest beim Rheingau Literatur Festival aus Ihrem Buch "Immer
wieder Dezember" |
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Dieses Buch ist so etwas wie der
"Befreiungsschlag" einer DDR-Geschädigten. Dabei geht es jedoch
nicht um die üblichen politischen Repressalien im ersten deutschen
sozialistischen Staat, sondern um einen schwerwiegenden Missbrauch
familiären Vertrauens, unter dem die Autorin lange zu leiden
hatte. Im Rahmen des Rheingau Literatur
Festivals trug Susanne schädlich Passagen aus ihrer
literarischen Aufbarbeitung ihres Lebens in und nach der DDR vor. Ruth
Fühner, die bekannte Moderatorin des Hessischen Rundfunks,
führte das Interview im Weingut "Geheimrat
J. Wegeler" in Oestrich-Winkel auf ihre bekannt charmante und
kompetente Art.
Die Autorin beginnt ihr Buch mit
diesem Selbstmord und geht dann zurück in die Vergangenheit. Dabei
geht es ihr um die berühmten "Ws": "Woher komme ich, wohin gehe
ich?" Nach der Ausreise 1977 in den Westen nach Hamburg zu Günther
Grass leidet sie anfangs unter dem typischen Kulturschock. Die
westliche Konsumwelt ist ihr fremd, und sie muss erst lernen, dass sich
dort niemand für ihre Heimat - die DDR - interessiert. Obwohl
Deutsche und der Sprache mächtig, fühlt sie sich in Hamburg
wie eine Ausländerin. Für die Westler riechen die Menschen
aus der DDR anders, sie verfügen jedoch andererseits über
einen anderen, wesentlich feiner entwickelten Spürsinn für
gesellschaftliche Verhältnisse. Susanne Schädlich las an
diesem Abend unter anderm Passagen über einen Urlaub in Italien im
Jahr 1979 und über ihre Entscheidung, im Jahr 1984 in Ostberlin
wegen einer Ausbildung zur Kostümbildnerin nachzufragen.
Schließlich hatte sie legal die DDR verlassen und brauchte daher
keine Repressalien zu befürchten. So fuhr sie zu Gesprächen
nach Ostberlin, nur um dort in eine Orwellsche oder kafkeske Situation
zu geraten. Die beiden Gespräche über die Ausbildung fanden
in einem kargen Raum mit vergitterten Fenstern und einer Tür ohne
Klinke statt. Sie konnte sich also ausmalen, welche Art von
"Gesprächen" hier normalerweise geführt wurde. Nach der Wende erfuhr sie von
der Bespitzelung durch den eigenen Onkel, wodurch sich das bereits
latente Gefühl der Entwurzelung massiv verstärkte. Dieses
Gefühl führte mit dazu, dass sie für zehn Jahre in die
USA ging, um Abstand von Deutschland zu gewinnen. In ihrem Buch
verarbeitet sie diese Entwurzelung und Entfremdung, beleuchtet kritisch
die ihr unbekannte westliche Konsumwelt und das Desinteresse sowie die
Unkenntnis ihrer Mitschüler hinsichtlich der DDR. In dem
anschließenden Gespräch mit Ruth Fühner nahm
natürlich die Bespitzelung durch den Onkel Karlheinz einen
besonderen Platz ein. Für Susanne Schädlich war der Freitod
des Onkels so etwas wie ein familiärer "Raub", da dadurch eine
weitere Auseinandersetzung und gemeinsame Verarbeitung der Geschehnisse
in der DDR nicht mehr möglich war. Die Fäden dieser
Geschichte hängen seitdem lose in der Luft, und Susanne
Schädlich versucht in ihrem Buch, sie wieder zu einer konsistenten
Geschichte zu verknüpfen und damit den elementaren Vertrauensbruch
für sich zu verarbeiten. Das kleine und eher
familiär anmutende Weingut J. Wegeler schuf die entsprechende
intime Atmosphäre, die für die Lesung aus einem derart
privaten Buch und die Diskussion über solch persönliche
Verletzungen erforderlich ist. Das bewusst begrenzte Publikum von etwa
vierzig Zuhörern war denn auch den beiden Damen am Lesetisch wie
bei einer privaten Veranstaltung recht nahe. |
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