Blick zurück ohne (?) Zorn




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Susanne Schädlich liest beim Rheingau Literatur Festival aus Ihrem Buch "Immer wieder Dezember"

 

Dieses Buch ist so etwas wie der "Befreiungsschlag" einer DDR-Geschädigten. Dabei geht es jedoch nicht um die üblichen politischen Repressalien im ersten deutschen sozialistischen Staat, sondern um einen schwerwiegenden Missbrauch familiären Vertrauens, unter dem die Autorin lange zu leiden hatte. Im Rahmen des Rheingau Literatur Festivals trug Susanne schädlich Passagen aus ihrer literarischen Aufbarbeitung ihres Lebens in und nach der DDR vor. Ruth Fühner, die bekannte Moderatorin des Hessischen Rundfunks, führte das Interview im Weingut "Geheimrat J. Wegeler" in Oestrich-Winkel auf ihre bekannt charmante und kompetente Art.

Susanne Schädlich und ihr BuchSusanne Schädlich, Jahrgang 1965, ist in der DDR aufgewachsen und erlebte die Wende im noch jugendlichen Alter von fünfundzwanzig Jahren. Ihr Buch beginnt mit dem Selbstmord ihres Onkels Karlheinz Schädlich, den sie als einen "Gentleman mit Pfeife" schätzen gelernt hatte, ohne zu wissen, dass er als IM der Stasi sein eigene Familile bespitzelte. Ihr Vater, Hans-Joachim Schädlich, war anerkannter - und bei den Machthabern missliebiger - Schriftsteller, und so lag es nahe, dass die Stasi seinen Bruder Karlheinz als IM gegen ihn ansetzte. Bis zur Ausreise von H.-J. Schädlich mit seiner Familie im Jahre 1977 schöpfte der eigene Bruder und Onkel die Familie ab, erfahren haben das die Betroffenen jedoch erst nach der Wende. Der nunmehr Bloßgestellte - und zumindest implizit Geächtete - lebte noch einige Zeit mit dem Makel, ohne ihn öffentlich als solchen einzugestehen, und erschoss sich 2007 auf einer Parkbank.

Die Autorin beginnt ihr Buch mit diesem Selbstmord und geht dann zurück in die Vergangenheit. Dabei geht es ihr um die berühmten "Ws": "Woher komme ich, wohin gehe ich?" Nach der Ausreise 1977 in den Westen nach Hamburg zu Günther Grass leidet sie anfangs unter dem typischen Kulturschock. Die westliche Konsumwelt ist ihr fremd, und sie muss erst lernen, dass sich dort niemand für ihre Heimat - die DDR - interessiert. Obwohl Deutsche und der Sprache mächtig, fühlt sie sich in Hamburg wie eine Ausländerin. Für die Westler riechen die Menschen aus der DDR anders, sie verfügen jedoch andererseits über einen anderen, wesentlich feiner entwickelten Spürsinn für gesellschaftliche Verhältnisse.

Susanne Schädlich las an diesem Abend unter anderm Passagen über einen Urlaub in Italien im Jahr 1979 und über ihre Entscheidung, im Jahr 1984 in Ostberlin wegen einer Ausbildung zur Kostümbildnerin nachzufragen. Schließlich hatte sie legal die DDR verlassen und brauchte daher keine Repressalien zu befürchten. So fuhr sie zu Gesprächen nach Ostberlin, nur um dort in eine Orwellsche oder kafkeske Situation zu geraten. Die beiden Gespräche über die Ausbildung fanden in einem kargen Raum mit vergitterten Fenstern und einer Tür ohne Klinke statt. Sie konnte sich also ausmalen, welche Art von "Gesprächen" hier normalerweise geführt wurde.

Nach der Wende erfuhr sie von der Bespitzelung durch den eigenen Onkel, wodurch sich das bereits latente Gefühl der Entwurzelung massiv verstärkte. Dieses Gefühl führte mit dazu, dass sie für zehn Jahre in die USA ging, um Abstand von Deutschland zu gewinnen. In ihrem Buch verarbeitet sie diese Entwurzelung und Entfremdung, beleuchtet kritisch die ihr unbekannte westliche Konsumwelt und das Desinteresse sowie die Unkenntnis ihrer Mitschüler hinsichtlich der DDR. In dem anschließenden Gespräch mit Ruth Fühner nahm natürlich die Bespitzelung durch den Onkel Karlheinz einen besonderen Platz ein. Für Susanne Schädlich war der Freitod des Onkels so etwas wie ein familiärer "Raub", da dadurch eine weitere Auseinandersetzung und gemeinsame Verarbeitung der Geschehnisse in der DDR nicht mehr möglich war. Die Fäden dieser Geschichte hängen seitdem lose in der Luft, und Susanne Schädlich versucht in ihrem Buch, sie wieder zu einer konsistenten Geschichte zu verknüpfen und damit den elementaren Vertrauensbruch für sich zu verarbeiten.

Das kleine und eher familiär anmutende Weingut J. Wegeler schuf die entsprechende intime Atmosphäre, die für die Lesung aus einem derart privaten Buch und die Diskussion über solch persönliche Verletzungen erforderlich ist. Das bewusst begrenzte Publikum von etwa vierzig Zuhörern war denn auch den beiden Damen am Lesetisch wie bei einer privaten Veranstaltung recht nahe.

Frank Raudszus