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Das
Staatstheater Darmstadt eröffnet die Opernsaison mit
Janáčeks "Katja Kabanowa" |
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Doch genug der wohlfeilen weil
populistischen Analogien. Auf dem Programm der ersten Opernpremiere
stand Leoṥ
Janáčeks Oper "Katja Kabanowa", die er im reifen
Alter von sechsundsechzig Jahren komponierte. Die Oper basiert auf dem
Theaterstück "Der Sturm" alias "Das Gewitter" des russischen
Literaten Alexander
Nikolajewitsch Ostrowski (1823-1886), in dem dieser die
gesellschaftlichen Zustände im Russland des 19. Jahrhunderts
anhand einer tragischen Liebesgeschichte anprangert. Janáček ging es in seiner Oper jedoch
weniger um die Kritik an einer konkreten, "real existierenden"
Gesellschaft, sondern um das individuelle Schicksal einer einzelnen
Person unter diesen Verhältnissen, wobei auch dort die
menschlichen Schwächen und Abgründe
die
wesentliche Rolle spielen. Das mag einerseits daran liegen, dass Janáček erklärter Russenfreund
war, andererseits daran, dass er in dieser tragischen Liebesgeschichte
auch seine unglückliche Liebe zu einer achtunddreißig Jahre
jüngeren Frau verarbeitete. Katja Kabanowa lebt irgendwo an
der Wolga mit ihrem Mann Tichon und dessen Mutter Marfa, genannt
Kabanicha, die ihren Sohn und ihre Schwiegertochter tyrannisiert. Vor
allem Katja demütigt sie gerne und ausgiebig, weil sie ihr
vorwirft, ihr die Liebe des Sohnes zu entziehen. Katjas Verhältnis
zu Tichon ist eher von ehelichem Pflichtgefühl als von Liebe
geprägt, und in Wirklichkeit hat sie sich bereits ein wenig in den
jungen Boris Grigorjewitsch verliebt, der im Geschäft seines
Onkels Dikoj arbeitet und sich ebenfalls in Katja verliebt hat. Doch
beide wissen nichts von ihrer gegenseitigen Zuzneigung. Dikoj ist
ähnlich herrisch wie die Witwe Kabanicha und lässt seinen
Neffen dessen Abhängigkeit mehr als deutlich spüren. Dieser
wiederum muckt nicht auf, da er und vor allem seine Schwester - beide
Waisen - vom Onkel abhängig sind. Als Tichon auf eine längere
Dienstreise geht, bittet ihn Katja aus Angst vor ihrer Neigung zu
Boris, ihr einen Schwur abzunehmen, keine anderen Männer
anzusehen, doch Tichon wischt dies beiseite. Stattdessen zwingt seine
Mutter ihn, seiner Frau vor ihren Augen und Ohren demütigende
Anweisungen für die Zeit seiner Abwesenheit zu erteilen. Es kommt,
wie es kommen muss: die lebenslustige und stets erfindungsreiche
Pflegetochter Barbara vermittelt ein Rendezvous zwischen Katja und
Boris, und die beiden finden zusammen. Als Tichon unvermutet
zurückkehrt, verfällt Katja in Gewissensqualen und beichtet
ihr Verhältnis öffentlich. Als daraufhin Dikoj, seinerseits
Liebhaber der Kabanicha, Boris in eine Niederlassung nach Sibirien
schickt, bricht eine Welt für Katja zusammen. Von dem schwachen
Geliebten allein gelassen mit der hasserfüllten und
rachsüchtigen Schwiegermutter sowie einem ungeliebten und dem
Alkohol verfallenen Ehemann, springt sie in die Wolga. Janáčeks Oper zeichnet
sich durch Geschlossenheit und Konzentration auf das - aus der
Perspektive des Komponisten - Wesentliche aus. Die rigide, hierarchische Haltung der Gesellschaft
schlägt sich prägnant und zugespitzt in Dikoj und Kabanicha
nieder, die von ihren Eltern gebrochene jüngere Generation der
Männer spiegelt sich in Tichon und Boris wider. Die jüngeren
- insgeheim bereits aufbegehrenden - Frauen kommen dagegen wesentlich
besser weg: Barbara macht aus der Situation das beste und versucht,
sich kleine Freiheiten herauszunehmen. Sie stellt eine neue Generation
junger Frau dar, die sich gegen die starren Strukturen wenden. Katja
dagegen ist durch die Ehe mit Tichon in das System gepresst, dem sie
aus eigener Kraft nur durch den Tod entfliehen kann. Doch in der
künstlerischen Überhöhung der Oper ist dieser Tod nicht
Niederlage und Kapitulation, sondern Fanal zur Gegenwehr.
Bühnenbildner Heinz Balthes
hat für die Darmstädter Inszenierung ein bewusst kalt und
starr wirkendes Bühnenbild geschaffen. Der Bühnenhintergrund
erstrahlt durchweg in einem stahlharten Blau, das sozusagen die Seele
der Witwe Kabanicha reflektiert. Die Personen agieren auf einer
brückenartigen Konstruktion im Stil des späten 19.
Jahrhunderts mit viel - angedeutetem - Schmiedeeisen. Diese
Brücken führen über Wasser, das auf dem Bühnenboden
leichte Wellen schlägt (ist es "richtiges" Wasser?) und sich auch
im Blau des Hintergrunds in stetiger Unruhe bewegt. Dieses Wasser hat
offensichtlich eine Bedeutung über den Freitod der Titelfigur
hinaus, die sich auch hätte erhängen oder vergiften
können. Wasser wirkt bekanntlich erodierend und kann über
Jahrtausende Felsmassive zerschneiden. Ähnlich spielt hier das
Wasser scheinbar harmlos um die Konstrukte der (russischen)
Gesellschaft, weicht sie doch vom Untergrund her auf und
unterspült die nur scheinbar festen Fundamente der
Ständegesellschaft. In dem leichten Wellenschlag des Wasser
kündigt sich bereits die - nicht nur russische - Revolution an,
die dann im 20. Jahrhundert nach mehreren missglückten Versuchen
endgültig das alte Gesellschaftssystem und damit die Welt
verändern wird. Ob diese danach besser geworden ist, sei
dahingestellt. Im dritten Akt kündigt ein Gewitter - auch der
Namensgeber der Vorlage - die nahende Katastrophe an. Während
vordergründig dabei wieder das Wasser eine Rolle spielt,
lässt sich dieses Gewitter auch als eine Katharsis verstehen, die
eine sich immer weiter zuspitzende Situation einer
endgültigen Klärung und damit Reinigung zuführt. Die
Katharsis mündet zwar in den Tod der Titelfigur, setzt jedoch in
der Umgebung neue Kräfte für eine Veränderung der
Verhältnisse frei. Die erstmalige Weigerung Tichons, den
Anweisungen seiner Mutter zu folgen, um stattdessen die Leiche seiner
Frau zu betrauern, ist als Hinweis auf diese veränderungen zu
verstehen. John Dew hat Janáčeks Oper kompakt und ohne
überflüssige Schnörkel inszeniert. Die Handlung
läuft von Anfang an konsequent auf das Ende zu, die beteiligten
Personen werden anhand der wichtigsten Ereignisse prägnant
vorgestellt. Dadurch entwickelt die Inszenierung überzeugende
Dramatik und Dichte, was sich auch in der Aufführungsdauer von nur
zweieinhalb Stunden mit Pause niederschlägt. Obwohl die
Darmstädter Version auf Deutsch gesungen wird - die Musik hat Janáček allerdings ursprünglich
auf die tschechische Sprachmelodie abgestimmt -, zeigt die
elektronische Anzeige über der Bühne noch einmal den Text,
wie es Zuschauer am Ende der letzten Saison in einer Diskussion mit dem
Intendanten angeregt hatten. John Dew hat diesen Wunsch trotz der
eigenen Skepsis - das Mitlesen
lenkt seiner Meinung nach vom Bühnengeschehen ab - in die Tat
umgesetzt und erhöht damit auf jeden Fall die
Verständlichkeit der Handlung im Detail. Der Ablenkungseffekt ist
jedoch nicht von der Hand zu weisen.
Janáčeks Musik trägt
angesichts des Entstehungsdatums (1921) erstaunlich tonale Züge. Zwischen ihm und jüngeren
Zeitgenossen wie Webern, Schönberg oder Berg liegen musikalische
Welten, am ehesten ist er wohl mit Richard Strauss oder Gustav Mahler
zu vergleichen, die wie er auf einer tradititionellen Basis ein
Höchstmaß an differenzierten Klangfarben entwickelten. Janáčeks bezieht sich - wie seine
Landsleute Smetana und Dvorak - immer wieder auf Volkslieder und die
nationale böhmisch-mährische Musiktradition, entwickelt diese jedoch im Sinne einer
modernen Harmonik und Dynamik weiter. Seine Musik zeigt deutliche
Zeichen des Expressionismus, mit großen Intervallsprüngen
und deutlicher Betonung des dramatischen Moments. Die Darsteller beeindrucken
durch überzeugende Leistungen, allen voran Susanne Serfling in der
Titelrolle, die der Rolle der Katja Kabanowa eine breite Palette von
lyrischen bis dramatischen Momenten verleiht und damit diese Figur in
ihrer Zerrissenheit lebendig und glaubhaft werden lässt. Als ihre
Gegenspielerin Kabanicha zeigt Sonja Borowski-Tudor nicht nur
stimmliche Präsenz sondern auch die eiskalte Bosheit dieser
herrschsücghtigen alten Frau, die im hochgeschlossenen Schwarzen
und mit einer matronenhaften Frisur des späten 19. Jahrhunderts
die jungen Frauen in ihrer Umgebung vor Angst erstarren lässt.
Viola Zimmermann betont als anderer weiblicher Gegenpart zur Titelrolle
den Optimusmus und die Lebenslust einer neuen Generation, die sich
immer weniger um die rigide Hierarchie der Familie kümmert. Bei
den männlichen Darstellern ragt vor allem Andreas Daum mit seinem
raumfüllenden Bass und auch seiner schauspielerischen Präsenz
heraus. Wie die Kabanicha bei den Frauen so beherrscht er das Feld bei
den Männern. Andreas Wagner tritt als unterwürfiger Sohn
Tichon darstellerisch zwangsläufig ein wenig in den Hintergund,
überzeugt jedoch durch seinen klaren und durchsetzungsfähigen
Tenor. Ähnliches gilt für Norbert Schmittberg als Boris, der
im Stück ebenfalls eine eher schwache Figur darstellt. Wer von der
Rolle her schwach und unentschieden sein soll, kann halt nur schwer
glänzen. Doch auch er füllt seine Rolle glaubwürdig aus.
Neben diesen Hauptrollen treten
in durchaus nicht unbedeutenden Nebenrollen Niina Keitel und Margaret
Rose Koenn (Dienstmädchen), Werner Volker Meyer (Kuligin) und
Lucian Krasznec (Lehrer Kudrjasch) sowie Barbara Huber als Frau aus dem
Volk auf. Der Beifall des
Premierenpublikums war kräftig und mehr als freundlich, wenn auch
die ganz große Begeisterung nicht aufkam. Das mag an dem Thema
oder an der expressiven Musik liegen, die zwar die Dramatik des
Geschehenes treffend wiedergibt, aber das Publikum nicht von den Sitzen
reißt. Begeisterung entsteht eher im Kontext einer sich
aufschwingenden Musik als im Abgesang eines tragischen Geschehens Alle Fotos © Barbara Aumüller |
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