Glaube, Liebe, Hoffnung?




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Das Schauspiel des Staatstheaters Darmstadt eröffnet die Saison mit Lessings "Nathan der Weise"

 

Die letzte Szene dieses allseit bekannten Stückes und Oberstufen-"Renners" ist gleichzeitig die stärkste, vor allem, weil sie ohne  Worte auskommt und nur von der Wirkung des Bühnenbildes lebt. Zwischen die Vertreter der einzelnen Religionen - Juden, Christen, Muslims - senken sich nach der scheinbaren Versöhnung die schweren Mauern der Trennung, während im Hintergrund ein Feuer vor sich hin lodert: Symbol für die über tausendjährige religiöse Verfolgungen aller Schattierungen. Dieses abschließende Bild wirft einen skeptischen bis pessismistischen Schatten auf ein Lehrstück, das bisweilen fast komödiantische Züge trägt und das hohe Lied der Toleranz singt. Die Geschichte der Zeit nach Lessing beweist die Berechtigung dieser Skepsis, und das deutsche Wesen steht dabei auf traurige Weise im Mittelpunkt. Aus diesem Grunde hat das Regieteam um Patricia Beneke wohl auch ein fast radikal zu nennendes Bühnenbild gewählt: Bühnenbildnerin Gesine Kuhn hat für die Handlung den Rahmen eines Kerkers aus Stein gewählt, der einerseits in seinen schrägen und konischen Elementen an das jüdische (sic!) Museum in Berlin erinnert, andererseits mit den überdeutlichen Lufteinlass-Schlitzen an beiden Seiten der Bühne äußerst unheilvolle Assoziationen an Krematorien oder Einlässe für gasförmige Stoffe aller Art weckt. Die Wände selbst zeigen deutliche Spuren von Bränden und anderen Zeichen der Zerstörung menschlichen Lebens. Die Botschaft ist unübersehbar und doch nicht peinlich-plakativ: "Der Holocaust ist nicht wegzudenken!" Um diese Assoziationen auch in die Handlung einzubetten, lässt Patricia Beneke die Schauspieler unter anderem durch eben diese Lufteinlässe auftreten und verschwinden und lenkt damit immer wieder die Aufmerksamkeit auf diese.

Heinz Kloss (Nathan) in der Schlussszene
Heinz Kloss (Nathan) in der Schlussszene

Ist die letzte, wortlose Szene die stärkste, so ist die unmittelbar vorhergehende die kritischste. Löst doch Lessing in dieser alle Verwicklungen in einer allgemeinen familiären Wiedersehensfeier auf. Der die sozialiserte Jüdin liebende, fundamentalistische Christ entpuppt sich als deren Bruder, und beide stammen auch noch väterlichenerseits vom - ebenfalls muslimischen - Bruder des Sultans ab. So erweisen sich alle Religionen am Schluss als Teile einer großen Familie und lassen die erbitterten Religionskriege als geradezu grotesk erscheinen. Nun ist diese Szene  sicherlich lehrhaft gemeint und aus dieser Perspektive auch in sich konsistent. Sie lässt sich allerdings auch leicht affirmativ als große Versöhnung im Sinne von "Schwamm drüber" verstehen, man könnte sogar von beschönigendem "Kitsch" sprechen, kennte man Lessings Absicht nicht, seinen Zeitgenossen auf ironisch bis groteske Weise einen Spiegel vorzuhalten. Die Szene soll wohl eher wachrütteln als glätten, weist jedoch leider Analogien zu ähnlichen Schlüssen in zweitklassigen Romanen und Theaterstücken auf. Wohl aus diesem Grund ließ Patricia Beneke diese Szene auch ausgesprochen flach und statisch spielen, ohne große Emotionen - außer Verwunderung - und Versöhnungsfreude. Es fiel geradezu auf, wie unterkühlt die Darsteller die überraschende Aufdeckung der verwandschaftlichen Beziehungen präsentierten, um dann gleich zur bereits geschilderten Schlussszene überzugehen.

Bei der Charakterisierung der Protagonisten der verschiedenen Religionen setzt die Regisseurin ebenfalls eigene Akzente. Der Text stellt ja einen gewissen Spielraum der Wiedergabe und Interpretation zur Verfügung. Da lassen sich mit entsprechenden emotionalen Mitteln die unterschiedlichsten Wirkungen erzielen. Patricia Beneke verleiht in ihrer Interpretation den einzelnen Charakteren ganz eigene Färbungen. Der Jude Nathan reicht dabei als ewiges Opfer der Weltgeschichte am nächsten an die vermutete aussage der Vorlage heran. Er zeigt sich pragmatisch und menschenfreundlich und ist sich doch seiner prekären Stellung zwischen zwei "unbedingten" Volksreligionen bewusst. Saladin verachtet den Juden, den er anfangs auch mit der Anrede "Jud" mehr beschimpft als benennt, eher aus einer kommerzfeindlichen islamischen Tradition heraus als aus ureigener Überzeugung. Und doch nagt so etwas wie Neid auf die Weltläufigkeit und die kolportierte "Weisheit" Nathans an ihm, der ihn dazu verleitet, Nathan die peinliche Frage nach der Wertigkeit der Religionen zu stellen. In der Ringparabel erkennt Saladin jedoch sofort die Größe Nathans und macht ihn umgehend zu seinem Freund. Saladin präsentiert sich hier als lernfähiger Herrscher, der statt seiner Macht das Argument sprechen lässt. Auch wenn es ihm schwerfällt, als überzeugter Muslim die "Relativität" der Religionen zu akzeptieren, akzeptiert er Nathans Logik.

Anne Hoffmann (Recha, Nathans Tochter)
Anne Hoffmann (Recha, Nathans Tochter)

Ganz anders der junge Tempelritter, der daherkommt wie ein Taliban in christlicher Ritterrüstung. Muslims und Jude sind die erklärten religiösen Feinde, die es - wenn möglich - zu vernichten gilt. Dieser fundmentalistische Zorn erhitzt sich weiter an der Tatsache, dass Nathan als - minderwertiger - Jude es gewagt hat, ein christlich geborenes Mädchen jüdisch zu erziehen. Der Tempelritter durchläuft auch keinen Lernprozess wie Saladin, sondern bleibt bis zum Schluss bei seiner Meinung. Nur seine erotische Zuneigung zu Nathans Tochter lässt ihn in gewisser Weise verhaltener reagieren, da er ohne dessen Zustimmung kaum die Hand der jungen Frau wird erringen können. Das hindert ihn jedoch nicht daran, Nathan beim (christlichen) Patriarchen - wenn auch anonymisiert - wegen seiner Sünde der falschen Religionserziehung anzuschwärzen. Zwar bedauert er dies später, doch man hat das Gefühl, dass dieses Bedauern eher seinen nun geminderten Aussichten auf Nathans Tochter geschuldet sind. In Patricia Benekes Inszenierung spielt der christliche Tempelritter eindeutig die Rolle des unbelehrbaren Fundamentalisten, der die Welt für seinen Glauben in Schutt und Asche zu legen bereit ist.

Patricia Beneke arbeitet darüber hinaus mit weiteren unübersehbaren Symbolen. Das Wasser ist eines von ihnen. Nicht nur im Nahen Osten, aber dort besonders, gilt Wasser als knappes Gut und Lebenselixier, und in der Wüste ist ein Schluck Wasser eines der höchsten Güter mit quasi-religösem Charakter. Wasser steht als Ressource auch über allen Religionen, ist sozusagen ein ökumenisches Gut, das nicht umsonst für das Ritual der Taufe genutzt wird. Patricia Beneke lässt daher vor allem in der ersten Hälfte das Wasser eine große Rolle spielen. Schon in der ersten Szene  wird Nathan nach seiner Rückkehr mit einem Schluck Wasser begrüßt, und der Tempelritter trinkt in jugendlicher Gier das klare Nass aus dem Plastikkanister. Das übrige Personal trägt eben diesen Kanister abwechselnd als quasi unverzichtbares Requisit durch die Handlung. Doch diese anfangs überdeutliche Zurschaustellung des Wassers versiegt irgendwann ohne Pointe, sodass der Zuschauer auf seine eigene Interpretation dieses Aperçus angewiesen ist. Ähnliches gilt für die Federn, die ein Luftstoß aus dem Untergrund in den Bühnenraum schießt, wo sie langsam auf den Boden niederschweben. Die Aussage dieses Regieeinfalls bleibt offen: sind die Federn wie die Worte, die ob ihrer Leichtigkeit und Bedeutungslosigkeit im Winde verwehen, oder sind sie ein Symbol für die weißen Friedenstauben? So wie das Wasser erweisen sich auch die Federn als ambivalente Regieeinfälle mit eher isolierter Wirkung ohne zwingende Bedeutung. Auf jeden Fall regen sie jedoch zum Nachdenken an, wenn auch mit offenem Ergebnis.

Die Darsteller füllen ihre Rollen durchweg überzeugend aus. Im Mittelpunkt steht dabei Heinz Kloss als Nathan, der bei ihm als gestandener Mann mit schwerer Vergangenheit aber gestähltem - nicht gehärtetem! - Herzen daherkommt. Heinz Kloss bringt die schwierige Stellung des ungeliebten "Kaufmanns" zwischen den eifernden Religionen glaubwürdig zum Ausdruck, ohne deswegen auch nur andeutungsweise das so beliebte Klischee des duckmäuserischen Juden wiederzubeleben. Seine Furcht vor Muslims und Christen ist unterschwellig stets präsent, schlägt jedoch nie in nackte Angst um, sondern ist von Lebenserfahrung und Einsicht in das Wesen der Menschen gebändigt. Dieser Nathan rechnet im Prinzip stets mit dem Schlimmsten, lässt sich deswegen jedoch in seinen Überzeugungen und in seiner Lebensführung nicht irre machen. Selbst die Denunziation des Tempelritters beim Patriarchen bringt ihn nur kurz auf, ohne ihn in Hass auf den jungen Christen verfallen zu lassen. Heinz Kloss haucht dieser Figur wahres Leben ein, statt ihn in tönerner Weisheit erstarren zu lassen.

Aart Veder (Sultan Saladin), Anne Hoffmann (Recha), Iris Melamed (Sitah), Heinz Kloss (Nathan), Stefan Schuster (Tempelherr)
Aart Veder (Sultan Saladin), Anne Hoffmann (Recha), Iris Melamed (Sitah), Heinz Kloss (Nathan), Stefan Schuster (Tempelherr)

Aart Feder als Sultan Saladin und sein Gegenspieler verzichtet ebenfalls auf eine Veredelung dieser Figur und lässt sie in ihrer Ambivalenz und dem unterdrücktem Neid auf den so erfolgreichen wie "weisen" Nathan lebendige Konturen annehmen. Dieser Saladin weist auch die eigene  Schwester zurecht, die Nathan das benötigte Geld mehr oder weniger mit Zwang abnehmen will, und lässt sich schließlich das Darlehen von Nathan geradezu aufdrängen. Gerade in seiner verhaltenen Gebrochenheit ist dieser Saladin glaubwüdiger denn als despotischer oder abgeklärter Herrscher.

Iris Melamed gibt Saladins Schwester Sittah als ambivalente Frau, die durchaus ein pragmatisches Verhältnis zur Macht ihres Bruders - und damit der eigenen - entwickelt hat und auch vor Intrigen nicht zurückscheut. Doch sie hat auch eine andere Seite, die sie in der Szene mit Nathans Tochter zeigt, in der sich diese über ihr Schicksal ausweint. Iris Melamed kann in dieser Rolle wieder einmal ihre Verwandlungsfähigkeit ausspielen.

Stefan Schuster spielt den jungen Tempelritter als aufbrausenden Fundamentalisten, der sich im Recht und alle anderen im Unrecht wähnt. Vielleicht könnte man die ein oder andere Szene mit weniger expressiven Emotionen spielen, denn Schreien und Toben laufen sich in ihrer Wirkung schnell tot; dennoch setzt er das offensichtliche Ziel der Inszenierung, die Interpretation der einzelnen Religionen gegen den aktuellen politischen Strich zu bürsten, glaubwürdig um.

Anne Hoffmann spielt Recha, die den prekären politischen und religiösen Verhältnissen hilflos ausgesetzte Tochter Nathans, die anfangs nur ihrem Retter danken will und sich dann in diesen verliebt. Die junge Frau ist zerrissen von den Einflüssen ihres jüdischen Vaters und ihrer christlichen Gesellschafterin Daja, die unbedingt mit ihr zurück ins christliche Europa will und deswegen ihre eigenen, tendenziell gefährlichen Intrigen spinnt. Anne Hoffmann verleiht dieser Figur, Spielball der patriarchalischen Gesellschaft, und ihrer Not eindringliche Züge.

Tom Wild gibt einen stets unwirschen Derwisch, Andreas Manz einen unerbittlichen christlichen Patriarchen mit Scheiterhaufen-Phantasien und Klaus Ziemann einen Klosterbruder, der über Wissen mit einiger Sprengkraft verfügt.

Man hätte nicht erwartet, dass dieses "Oberstufen-Lehrstück" heute noch soviel Aktualität und Eindringlichkeit entwickeln kann, und das Publikum quittierte diese fast unerwartete Erfahrung mit kräftigem bis begeistertem Beifall.

Die nächsten Aufführungen finden am 22. und 26. September sowie am 3., 10., 25. und 29. Oktober statt.

Frank Raudszus

Alle Fotos © Barbara Aumüller