![]() |
Über die Banalität des
Tragischen |
![]() Andere Inszenierungen der Neuen Bühne: Tausend und eine Nacht Arsen und Spitzenhäubchen Der Sturm Der Hauptmann von Köpenick Die Schule der Frauen Andere Inszenierungen dieses Stückes Staatstheater Darmstadt 2002 Ihre Meinung über E-Mail hier |
Die
"Neue Bühne Darmstadt" inszeniert Ödon von Horvàths
Volksstück "Geschichten aus dem Wienerwald" |
|
Der Gattungsbegriff
"Volksstück" ist eng verbunden mit Vorstellungen von Klamauk,
grobem Humor und Alltagssatire. Wenn dann noch der Titel eines solchen
Stückes "Geschichten aus dem Wienerwald" lautet, ist die
Assoziatiion zu Grinzing, dem "Heurigen" und schunkelnder Wiener
Leichtlebigkeit perfekt. Wer jedoch Ödon von Horvàth kennt,
weiß, dass eine ganz anders geartete Geschichte auf ihn wartet,
auch und gerade weil Anzeichen einer volksnahen Komik nie fehlen.
Hinter jeder Figur und Szene lauert die Tragik eines gescheiterten
Lebens und unschuldig ins Unglück geratener Protagonisten. Die
Menschen in Horváths Stücken kommen aus dem einfachen Volk
und hoffen auf ein kleines Stückchen Glück, werden jedoch
immer wieder enttäuscht. Dabei sind es bei ihm durchaus nicht die
großen "Bösen" des Klischees - Unternehmer, Politiker,
Militärs -, die für das Unglück der kleinen Leute
verantwortlich sind, sondern meist diese selbst, da sie ihrer
gesellschaftlichen Umgebung und vor allem ihrer Erziehung nicht
entkommen können. Dabei liegt die Tragik oft gefährlich nahe
an der Farce, ja die oft groteske Banalität der Ereignisse ist
geradezu die Voraussetzung für die Katastrophe, weshalb ja auch
die Tragikomödie eine eigene Gattung darstellt. Solche Stücke erfordern natürlich besondere schauspielerische Fähigkeiten, um nicht in unfreiwillige Komik abzugleiten und Lacher an der falschen Stelle zu provozieren, und so zeugt es schon von einem gewissen Mut, wenn alternative Bühnen mit oftmals begrenztem schauspielerischen Potential sich solcher Stücke annehmen. Die "Neue Bühne Darmstadt" hat sich dieser Aufgabe allerdings - um es gleich vorweg zu sagen - mit Erfolg gestellt und die Klippen der falschen Komik gekonnt umschifft, ohne deshalb auf die durchaus grotesken Elemente in Horváths Stück zu verzichten.
Ödon
von
Horvàth
beschreibt in seinem Stück "Geschichten aus dem
Wienerwald", das tatsächlich aus einer Reihe von lose miteinander
verbundenen Szenen - wie kleine, eigenständige Geschichten -
besteht, die Welt der kleinen Leute in Wien zwischen dem Ersten und
Zweiten Weltkrieg, etwa Mitte der zwanziger Jahre. Da ist der ehemalige
Rittmeister, der dem Kriege weniger wegen seines verlorenen Armes als
wegen der Tatsache nachtrauert, dass er aufgrund eines etwas zu
frühen Friedensschlusses das Anrecht auf die Majorspension
verpasst hat. Der verwitwete Puppenmacher - auch "Zauberkönig"
genannt - sieht für seine einzige Tochter Marianne statt einer
gründlichen Ausbildung nur die Ehe mit dem benachbarten
Fleischhauer, sprich Metzgermeister, Oskar. Nach guter alter
patriarchalischer Sitte hat er diesem seine Tochter versprochen und
weiht ihn schon früh in die richtige Behandlung der "Weiber" ein:
Distanz! Distanz! - Nicht verwöhnen! Alleine
die
Konstellation
aus der dem biederen aber ungeliebten Oskar
versprochenen Marianne und dem windigen Schürzenjäger Alfred
bietet ausreichenden Handlungsspengstoff. Und so kommt es, wie es
kommen muss. Ein paar flotte Worte, ein Kompliment und eine Blume
reichen, um Marianne für Alfred entflammen zu lassen. Der
lässt sich nach anfänglichem Zögern auf die von ihm nur
halbherzig angezettelte Liebschaft ein, obwohl er nur auf ein
Techtelmechtel aus war, und die beiden brennen trotz gerade gefeierter
Verlobung von Oskar und Marianne durch. Damit tritt im Stück die
erste Zäsur ein. Die scheinbar gesicherten Verhältnisse sind
auf den Kopf gestellt: zurück bleiben ein enttäuscher Vater,
der seine Tochter fortan nicht mehr kennt, ein tief getroffener Oskar,
der die Welt nicht mehr versteht und Marianne dennoch weiterhin liebt,
und eine betrogene Trafikantin, die aber den stets geahnten Verlust am
besten verkraftet. In
dem eher episch angelegten Stüück springt die Handlung um
etwa zwei Jahre: Marianne und Alfred treten mit Kinderwagen auf, sie
ganz liebende Mutter, er frustrierter Vater mit Abwanderungsgedanken.
Als seine Großmutter ihm noch einmal wider alle Vernunft Geld
leiht, um die ihrer Meinung nach nicht standesgemäße
Marianne zu verlassen und sein Glück im Ausland zu versuchen,
schlägt er ein. Die nun völlig schutzlose Marianne sinkt
daraufhin immer tiefer in die Armut. Derweil hat sich die rüstige
Trafikantin den forschen Erich geschnappt, der hauptsächlich mit
rechtsradikalen Sprüchen aufwartet. Alle
Anwohner
um
die Puppenwerkstatt versuchen, den alten Puppenmacher zur
Versöhnung mit seiner Tochter zu überreden, doch er bleibt
stur. Eines Abends feiern die Daheimgebliebenen einen weinseligen
Abend, der alle Heurigen-Klischees erfüllt, und als der
Alkoholpegel ausreichend gestiegen ist, animiert der Rittmeister den
alten Puppemacher, die Trafikantin mit Erich und den Metzger Oskar zu
einem Besuch der Rotlichtbar "Maxim", wo sie plötzlich der zur
Animierdame herabgesunkenen Marianne gegenüberstehen. Entsetzen,
Schlaganfall des Vaters und Verhaftung Mariannes wegen eines auf
unglücklichen Zufällen beruhenden Diebstahlverdachts sind die
Folgen, frei nach dem Motto "Es geht noch immer schlimmer". Fortan
bewegt sich der stimm- und sprachlose Zauberkönig nur noch im
Rollstuhl, und Marianne sitzt eine ungerechtfertigte Strafe im
Gefängnis ab, während Alfreds Großmutter widerwillig
dessen Kind an sich genommen hat.
Doch
auch
diese
menschliche Katatsrophe reicht noch nicht. Als die
völlig verarmte Marianne aus dem Gefängnis kommt und eine
Bleibe sucht, trifft sie auf den sie immer noch liebenden Oskar, der
jedoch das Kind des Anderen als unüberwindbares Hindernis
betrachtet. Mariannes Vater entdeckt doch wieder seine väterliche
Liebe zu seiner Tochter und verzeiht ihr, und es scheint sich so etwas
wie ein kleines Glück einzustellen, als das Schicksal noch einmal
grausam zuschlägt. Am Ende steht zwar tatsächlich die
Hochzeit von Oskar und Marianne, aber zu einem fürcherlichen
Preis. Auf der anderen Seite der Liebschaften schmettert die
Trafikanten eine Rückkehr des mittlerweile völlig
gescheiterten Alfred ab, und dessen Großmutter verjagt ihn, als
sie ferststellt, dass er sie wieder einmal betrogen hat. Erich hat
derweil die Trafikantin ebenfalls verlassen, um in Deutschland Karriere
als Nazi zu machen. Am
Ende dieser nur scheinbar so "heurigen" Wienerwald-Geschichten stehen
alle als Verlierer da, kämpfen aber weiter um das bisschen
Glück, das ihnen vielleicht doch noch beschieden ist. Dabei hilft
ihnen neben dem gesunden Realismus der geschundenen Leute auch eine
besondere Art von Humor, der eher trocken und illusionslos daherkommt
und eigentlich jeglicher wirklicher Komik entbehrt. Aber gerade diese
desillusionierte Alltagsnähe wirkt im Verein mit der immer wieder
aufkeimenden, unrealistischen Hoffnung tragikomisch. Horváth hat
den Leuten sehr genau aufs Mauil geschaut und die Lebensläufe,
-lügen und -brüche im Detail beobachtet. Dabei beweist er
gerade in seiner kritischen Betrachtung der Verhältnisse in den
einfachen Schichten eine ausgeprägte Liebe zu den Menschen sowie
ein von jeglicher Sentimentalität freies Mitleid. Sein Stück
könnte auch unter dem Motto stehen "Ich sag, wie's ist!". Den
Darstellern
der
Neuen Bühne Darmstadt gelingt es, die emotionalen
Schattierungen und gesellschaftlichen Zwischentöne dieser
Tragikomödie glaubhaft und ohne Überzeichnung wiederzugeben.
Allen voran ist Rainer Poser - wie schon im "Hauptmann von
Köpenick" - als alternder und verzweifelter Puppenmacher Dreh- und
Angelpunkt der Inszenierung. Der gutgemeinte aber zerstörerische
Patriachalismus seiner Figur kommt bei ihm in allen positiven und
negativen Facetten zum Ausdruck, und man versteht, dass dieser Mann
aufgrund seiner Herkunft gar nicht anders kann. Er ist der Geist, der
stets das Gute will und stets das Unheil schafft, möchte man in
freier Verwendung eines berühmten Zitats ausrufen. Neben ihm
spielt Gabriela Reinitzer eine resolute und lebenstüchtige
Trafikantin, die sich die Butter nicht vom Brot nehmen lässt und
die Männer nimmt und wegschickt, wie sie kommen und versagen.
Ralph Dillmann hat mit dem Rittmeister eine eher defensive, will sagen
lamentierende Rolle. Für ihn ist mit dem verlorenen Krieg eine
ganze Welt untergegangen, der er nur noch mit wehnmütigem Staunen
hinterherschauen kann. Bianca Weidenbusch spielt die Marianne mit viel
Herzblut, ohne daraus eine sentimentale Nummer zu machen, und bringt
sowohl die Verliebtheit der jungen Frau als auch die Verzweiflung der
vom Schicksal schwer Getroffenen überzeugend zuzm Ausdruck. Axel
Raether kann als windiger Alfred im schicken Zwirn mal richtig aus sich
herausgehen und spielt den halbseidenen Spieler und
Schürzenjäger mit überzeugendem Elan. Ulrich Sommer,
einst in "Arsen und Spitzenhäuchen" als Frankensteins Bruder
unterwegs, gibt hier den biederen Fleischermeister, der sich Mariannes
Zuneigung mit seinem patriarchalischen Anwandlungen endgültig
verscherzt und es nicht einmal merkt, und Marcel Schüler kann vor
allem als rechtsnationaler Erich aus sich herausgehen. Hannelore
Nippert verleiht Alfreds Großmutter - ganz konsequent - geradezu
erschreckend harte Züge, und Karin Veith spielt die junge Emma,
die sich der Avancen des Metgzergesellen Havlitschek (Marcel
Schüler) erwehren muss. Die
Aufführung
findet
im Gewächshaus der Orangerie statt, das
sowohl ausreichend Platz für die Zuschauer als auch für ein
freies Agieren der Schauspieler ermöglicht. So verlassen die
Darsteller auch schon mal effektvoll den Saal durch das Hauptportal in
den Garten und kommen zu anderen Eingängen wieder herein, was
Abwechslung und zusätzliche Überraschungsmomente in die
Inszenierung bringt. Die bei der Neuen Bühne übliche
Gastronomie durch die Darsteller selbst in den Rollenkostümen und
im Idiom des Stücks - hier "Weaner Schmäh" - trägt auch
in dieser Inszenierung wieder zum Gelingen und zur Einstimmung des
Publikums bei. |
|