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Böhmische
Klangschwelgereien
und Wiener Klarinettenzauber |
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Das 2.
Sinfoniekonzert des Staatstheaters Darmstadt präsentiert
Dvorak,
Martinû und Mozart |
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Bohuslav Martinûs "Les
Fresques de Piero della Francesca" lässt sich im weitesten Sinne
als Program-Musik bezeichnen, schildert er darin doch seine
Eindrücke bei der Betrachtung der Fresken des Piero della
Francesca in der Kirche San Francesco im toskanischen Arezzo.
Doch dabei geht
es um mehr als nur die musikalische Umsetzung optischer Eindrücke.
Die Szenenfolge der Fresken dreht sich um große, untergegangene
Reiche wie Baylon unter Salomon sowie um diverse Schlachten und
Visionen des Alten Testaments. Dem Komponisten standen bei der
Betrachtung der Fresken im Jahr 1954 noch lebhaft die Zeiten des erst
faschistischen und dann kommunistischen Terrors in seinem Heimatland
vor Augen, und die Träume und Visionen der Fresken erinnerten ihn
an einstmals hoffnungsvolle, dann korrumpierte Visionen und an die
Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Diese Assoziationen und Empfindungen
setzte er in eine typisch "böhmische" Musik um, wenn auch nicht so
eingängig und leicht konsumierbar wie die seiner Vorgänger
Smetana oder Dvorak. Vom ersten Takt an dominieren die weit
ausladenden, getragenen Melodiebögen, hauptsächlich von den
Streichern intoniert und von den Blechbläsern und Pauken
konterkariert. Wie in einer freien Fantasie existiert keine keine klare
Struktur sondern eher eine Kette thematischer Assoziationen, die sich
immer wie in scharfen, ausgereizten Klanggebilden äußern.
Bisweilen erinnern die Klänge ein wenig an den späten
Strauß, dann blitzen plötzlich für ein, zwei Takte
Anklänge an Smetanas "Moldau" durch. Das Adagio des zweiten Satzes
kommt anfangs langsamer und gespannter als das einleitende Andante
daher, steigert sich dann aber langsam zu einer gewissen Dramatik. Der
Finalssatz schließlich - poco
allegro - schwingt sich zu synkopierten 6/8-Rythmen auf, die
einen aufgewühlten, expressiven Ausdruck annehmen und mit ihren
plötzlich eingeworfenen Tutti-"Schlägen"an Krieg und
Verzweiflung gemahnen. Das Orchester widmete den
eindringlichen Klanggebilden dieses Werkes hohe Aufmerksamkeit und
baute einen langen Spannungsbogen auf, der nicht nur bis zum Schluss
anhielt sondern sich stetig aufbaute. Damit wurde Martinûs
Komposition zu mehr als einer bloßen Einleitung zum restlichen
Konzertproghramm und forderte gleich zu Beginn die volle Konzentration
des Publikums.
Wer nicht unbedingt ein Freund
der Musik des 20. Jahrhunderts ist, sah sich im zweiten Programmpunkt
belohnt für seine Geduld (die anderen durften sich aber genauso
freuen!). Mit Mozarts Klarinettenkonzerts A-Dur KV 622 kam eines der
ausgereiftesten und beliebtesten Solokonzerte der gesamten
Musikliteratur zu Gehör. Wo man auch immer nachschlägt:
über diese Komposition findet man nur positive bis schwelgerische
Kommentare; Kritik wird man vergeblich suchen oder höchstens in
den hohen technischen Anforderungen an den Solisten finden. Mit dem
jungen Sebastian Manz (Jahrgang 1986) hatte man allerdings einen
Klarinettenvirtuosen engagiert, der dieser Partitur ohne Abstriche
gewachsen war. Schon sein erster Einsatz nach dem langen
Orchestervorspiel zeigte seine Intonationskunst, die vor allem durch
ihren weichen und doch vollen Ton besticht. Martin Lukas Meister legte
ein flottes Thema vor und entging dadurch der Gefahr, dieses Stück
zu sehr in eine süßliche Breite zu steuern, wie es
früher gerne gemacht wurde. Die in sich harmonischen und nahezu
vollkommenen Melodiebögen geraten nämlich leicht in die
Gefahr einer übertriebenen Sentimentalisierung ("Jenseits von
Afrika"!). Das Allegro des ersten Satzes mit seinen brillanten
Läufen und gewagten Sprüngen meisterte Sebastian Manz nicht
nur technisch souverän, sondern er gestaltete es auch mit einer
solchen Ausruckssicherheit, dass ihm stets die Führungsrolle
gegenüber dem Orchester sicher war. Im zweiten Satz, dem Adagio,
lief er dann zu voller Interpretationsform auf. Es war schon eine
besondere Leistung, wie er die geradezu lyrische Innigkeit dieses
Satzes herauskehrte, ohne jemals ins nur Sentimentale abzugleiten.
Dabei half ihm sicher auch das leicht angezogene Tempo, das die
Vorwärtskomponente betont. Das Orchester nahm sich an den
Pianissimostellen extrem zurück, so dass man aus dessen Reihen
zeitweise nur noch ein sanftes Säuseln vernahm, was wiederum dem
Solisten die feinsten Ausdrucksfinessen erlaubte. Im dritten Satz
konnte er dann noch einmal seine virtuose Technik zeigen und das
Musikantisch-Tänzerische dieses Satzes zum Ausdruck bringen. Mit
viel solistischem und orchestralem Schwung und einer perfekten
Abstimmung zwischen Solist, Dirigent und Orchester entwickelte sich
dieser Satz zum abschließenden Höhepunkt des Konzerts. Das
Publikum zeigte sich von der Leistung des Solisten derart begeistert,
dass er noch eine Solozugabe von Strawinskly nachreichte, die er auch
selbst rhetorisch sicher ankündigte. Nach der Pause durften
Dvorak-Freunde in dessen weiten, mal schwärmerischen, mal
melancholischen Klangbögen schwelgen. Schon die ersten Takte
zeigen den böhmischen Musiker unverfälscht mit
volksliedhaftem, heimatverbundenem Tonfall. Nach langsamem Beginn
steigert sich die Musik, um dann wieder etwas abzuflachen. Fanfaren der
Blechbläser fahren dazwischen und bringen neue Expressivität
in die Musik. Martin Lukas Meister tanzte dazu wie ein
"HB-Männchen" auf seinem Dirigentenpult, motivierte damit jedoch
die Musiker zu Höchstleistungen. Wie aus einem Guss erklang die
Sinfonie, straff und ohne Längen. Mal überwogen
tänzerische Motive, dann wieder folgten opernhafte, absteigende
Akkordketten wie bei Verdi. Der dritte Satz brachte wieder
tänzerisch aufblühende Folklorethemen im 4/4-Takt,
während der Finalsatz mit einer Bläser-Fanfare begann, sich
in eine fugenartigen Struktur entwickelte und durch mehrere deutliche
Ritardandi für Momente der Überraschung und Besinnung sorgte.
Dvoraks Musik lebt von dem Einfallsreichtum und der ursprünglichen
Musikalität des Komponisten, sowohl thematisch-melodisch als auch
harmonisch und rhythmisch. Obwohl die Leitthemen in gewissen
Abständen wieder auftreten, erscheinen sie stets in neuem Gewand,
in neuer Instrumenierung, in neuem rhythmischen Gefüge. Markus
Lukas Meister brachte das Orchester mit seinem ausgesprochen
engagierten Dirigat an diesem Abend noch einmal zu
Höchstleistungen und dem Publikum damit Dvoraks Musik so nahe wie
selten zuvor. Das Publikum zeigte sich
begeistert und dankte Dirigent und Orchester mit langem, begeistertem
Beifall. |
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