Böhmische Klangschwelgereien und Wiener Klarinettenzauber























































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Das 2. Sinfoniekonzert des Staatstheaters Darmstadt präsentiert Dvorak, Martinû und Mozart


Für die trüben Herbsttage hatte sich der neue GMD Constantin Trinks ein besonders klangschönes Programm ausgedacht. Mozarts berühmtes Klarinettenkonzert umrahmte er mit zwei böhmischen Kompositionen von Bohuslav Martinû und Antonin Dvorak und setzte damit eindeutig auf einen Effekt, der neben dem klanglichen auch die Jahreszeit berücksichtigte: eignet doch den Werken der böhmischen Komponisten immer etwas Herbstlich-Melancholisches, und ist doch Mozarts Konzert eines seiner reifsten und letzten Werke überhaupt. Die Leitung hatte an diesem Abend Martin Lukas Meister, der Solist an der Klarinette war der junge Sebastian Manz.

Dirigent Martin Lukas Meister
Dirigent Martin Lukas Meister

Bohuslav Martinûs "Les Fresques de Piero della Francesca" lässt sich im weitesten Sinne als Program-Musik bezeichnen, schildert er darin doch seine Eindrücke bei der Betrachtung der Fresken des Piero della Francesca in der Kirche San Francesco im toskanischen Arezzo. Doch dabei geht es um mehr als nur die musikalische Umsetzung optischer Eindrücke. Die Szenenfolge der Fresken dreht sich um große, untergegangene Reiche wie Baylon unter Salomon sowie um diverse Schlachten und Visionen des Alten Testaments. Dem Komponisten standen bei der Betrachtung der Fresken im Jahr 1954 noch lebhaft die Zeiten des erst faschistischen und dann kommunistischen Terrors in seinem Heimatland vor Augen, und die Träume und Visionen der Fresken erinnerten ihn an einstmals hoffnungsvolle, dann korrumpierte Visionen und an die Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Diese Assoziationen und Empfindungen setzte er in eine typisch "böhmische" Musik um, wenn auch nicht so eingängig und leicht konsumierbar wie die seiner Vorgänger Smetana oder Dvorak. Vom ersten Takt an dominieren die weit ausladenden, getragenen Melodiebögen, hauptsächlich von den Streichern intoniert und von den Blechbläsern und Pauken konterkariert. Wie in einer freien Fantasie existiert keine keine klare Struktur sondern eher eine Kette thematischer Assoziationen, die sich immer wie in scharfen, ausgereizten Klanggebilden äußern. Bisweilen erinnern die Klänge ein wenig an den späten Strauß, dann blitzen plötzlich für ein, zwei Takte Anklänge an Smetanas "Moldau" durch. Das Adagio des zweiten Satzes kommt anfangs langsamer und gespannter als das einleitende Andante daher, steigert sich dann aber langsam zu einer gewissen Dramatik. Der Finalssatz schließlich - poco allegro - schwingt sich zu synkopierten 6/8-Rythmen auf, die einen aufgewühlten, expressiven Ausdruck annehmen und mit ihren plötzlich eingeworfenen Tutti-"Schlägen"an Krieg und Verzweiflung gemahnen.

Das Orchester widmete den eindringlichen Klanggebilden dieses Werkes hohe Aufmerksamkeit und baute einen langen Spannungsbogen auf, der nicht nur bis zum Schluss anhielt sondern sich stetig aufbaute. Damit wurde Martinûs Komposition zu mehr als einer bloßen Einleitung zum restlichen Konzertproghramm und forderte gleich zu Beginn die volle Konzentration des Publikums.

Klarinettensolist Sebastian Manz
Klarinettensolist Sebastian Manz

Wer nicht unbedingt ein Freund der Musik des 20. Jahrhunderts ist, sah sich im zweiten Programmpunkt belohnt für seine Geduld (die anderen durften sich aber genauso freuen!). Mit Mozarts Klarinettenkonzerts A-Dur KV 622 kam eines der ausgereiftesten und beliebtesten Solokonzerte der gesamten Musikliteratur zu Gehör. Wo man auch immer nachschlägt: über diese Komposition findet man nur positive bis schwelgerische Kommentare; Kritik wird man vergeblich suchen oder höchstens in den hohen technischen Anforderungen an den Solisten finden. Mit dem jungen Sebastian Manz (Jahrgang 1986) hatte man allerdings einen Klarinettenvirtuosen engagiert, der dieser Partitur ohne Abstriche gewachsen war. Schon sein erster Einsatz nach dem langen Orchestervorspiel zeigte seine Intonationskunst, die vor allem durch ihren weichen und doch vollen Ton besticht. Martin Lukas Meister legte ein flottes Thema vor und entging dadurch der Gefahr, dieses Stück zu sehr in eine süßliche Breite zu steuern, wie es früher gerne gemacht wurde. Die in sich harmonischen und nahezu vollkommenen Melodiebögen geraten nämlich leicht in die Gefahr einer übertriebenen Sentimentalisierung ("Jenseits von Afrika"!). Das Allegro des ersten Satzes mit seinen brillanten Läufen und gewagten Sprüngen meisterte Sebastian Manz nicht nur technisch souverän, sondern er gestaltete es auch mit einer solchen Ausruckssicherheit, dass ihm stets die Führungsrolle gegenüber dem Orchester sicher war. Im zweiten Satz, dem Adagio, lief er dann zu voller Interpretationsform auf. Es war schon eine besondere Leistung, wie er die geradezu lyrische Innigkeit dieses Satzes herauskehrte, ohne jemals ins nur Sentimentale abzugleiten. Dabei half ihm sicher auch das leicht angezogene Tempo, das die Vorwärtskomponente betont. Das Orchester nahm sich an den Pianissimostellen extrem zurück, so dass man aus dessen Reihen zeitweise nur noch ein sanftes Säuseln vernahm, was wiederum dem Solisten die feinsten Ausdrucksfinessen erlaubte. Im dritten Satz konnte er dann noch einmal seine virtuose Technik zeigen und das Musikantisch-Tänzerische dieses Satzes zum Ausdruck bringen. Mit viel solistischem und orchestralem Schwung und einer perfekten Abstimmung zwischen Solist, Dirigent und Orchester entwickelte sich dieser Satz zum abschließenden Höhepunkt des Konzerts. Das Publikum zeigte sich von der Leistung des Solisten derart begeistert, dass er noch eine Solozugabe von Strawinskly nachreichte, die er auch selbst rhetorisch sicher ankündigte.

Nach der Pause durften Dvorak-Freunde in dessen weiten, mal schwärmerischen, mal melancholischen Klangbögen schwelgen. Schon die ersten Takte zeigen den böhmischen Musiker unverfälscht mit volksliedhaftem, heimatverbundenem Tonfall. Nach langsamem Beginn steigert sich die Musik, um dann wieder etwas abzuflachen. Fanfaren der Blechbläser fahren dazwischen und bringen neue Expressivität in die Musik. Martin Lukas Meister tanzte dazu wie ein "HB-Männchen" auf seinem Dirigentenpult, motivierte damit jedoch die Musiker zu Höchstleistungen. Wie aus einem Guss erklang die Sinfonie, straff und ohne  Längen. Mal überwogen tänzerische Motive, dann wieder folgten opernhafte, absteigende Akkordketten wie bei Verdi. Der dritte Satz brachte wieder tänzerisch aufblühende Folklorethemen  im 4/4-Takt, während der Finalsatz mit einer Bläser-Fanfare begann, sich in eine fugenartigen Struktur entwickelte und durch mehrere deutliche Ritardandi für Momente der Überraschung und Besinnung sorgte. Dvoraks Musik lebt von dem Einfallsreichtum und der ursprünglichen Musikalität des Komponisten, sowohl thematisch-melodisch als auch harmonisch und rhythmisch. Obwohl die Leitthemen in gewissen Abständen wieder auftreten, erscheinen sie stets in neuem Gewand, in neuer Instrumenierung, in neuem rhythmischen Gefüge. Markus Lukas Meister brachte das Orchester mit seinem ausgesprochen engagierten Dirigat an diesem Abend noch einmal zu Höchstleistungen und dem Publikum damit Dvoraks Musik so nahe wie selten zuvor.

Das Publikum zeigte sich begeistert und dankte Dirigent und Orchester mit langem, begeistertem Beifall.

Frank Raudszus