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Ein
Abend der starken Stimmen |
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Das
Staatstheater Darmstadt inszeniert Giuseppe Verdis Oper "Aida" |
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Neben den Parallelen gibt es
jedoch einen deutlichen Unterschied: den Humor. Während die
"Zauberflöte" auf diesem Gebiet mit Papageno und Papagena ihre
geradezu prototypischen Vertreter präsentiert, kennen die Opern
Janáčeks und Verdis den Humor als Grundelement des menschlichen
Daseins nicht mehr. Man kann das auch an anderen Verdi-Opern
nachweisen. Die Gefühle sind stets groß und
überwältigend, aber auch immer tiefernst, und jegliche
humoristische Relativierung würde dem Ernst der Oper und damit dem
Selbstwertgefühl des Publikums schaden. Man kann dies wohl
nur auf die gesellschaftliche Situation Ende des 19. Jahrhunderts
zurückführen, als die Industralisierung und der zunehmende
Wohlstand vor allem beim - Opern konsumierenden - Bürgertum ein
erhöhtes Selbstwertgefühl geschaffen hatten, das keine
Relativierung des eigenen Egos gestattete. Doch zurück zur
"Aida"-Inszenierung. Diese Verdi-Oper wird gerne als
"Ausstattungsoper", vorzugsweise auf großen Festspielbühnen,
inszeniert. Da sieht man dann neben Pyramiden und
Pappmaché-Tempeln viel Volk in martialischen - vermeintlichen
alt-ägyptischen - Kostümen und allerlei afrikanisches Getier.
Die "Show" bestimmt in diesen Fällen die Inszenierung. Auf der
Bühne des Großen Hauses in Darmstadt ist das nur
beschränkt möglich, weil einfach nicht der Raum wie auf einer
Freilicht-Bühne zur Verfügung steht. Also hat man sich auf
ein stilisierendes Bühnenbild beschränkt. Das entspricht auch
dem Charakter des Werkes, das inhaltlich nichts spezifisch
Ägyptisches enthält, sondern das Pharaonenreich lediglich als
exotisches Ambiente benutzt. Die Geschichte selbst - auch in ihrer
Schlichtheit der "Zauberflöte" durchaus ähnlich - könnte
überall und zu allen Zeiten spielen. Pikanterweise komponierte
Verdi die Oper während des deutsch-französischen Krieges von
1870/71 und gibt damit einigen zeitkritischen Assoziationen freien
Raum. Das Finale des zweiten Aktes mit seiner Verherrlichung des
Krieges - "guerra, guerra" - verweist mehr als deutlich auf diese
Parallele in der Realität. Peter Sykora hat die Bühne
mit einer hohen Mauer aus (Pseudo-)Marmor mit angedeuteten Säulen
als Strukturelemente umgeben. Die Wand erstrahlt in der Beleuchtung mal
blau, mal grau, je nach Szenencharakter. Ein mächtiger, schwarzer
Kubus mit alt-ägyptischen Schriftzeichen hängt drohend
über der Bühne und symbolisiert die Macht der Priesterkaste
und des Staatswesens. Eine zweigeteilte Treppe im Hintergrund mit Mittelgasse dient als Empore für feierliche Auftritte von Priestern
oder Potentaten.
Wer die "Aida" nicht kennt, den
überrascht die Ouvertüre, die zu Beginn so gar nicht nach
Verdi klingt. Leise klagend erhebt sich eine einzelne Violinstimme,
wird zaghaft von einer zweiten begleitet, und nur langsam gesellt sich
das Orchester hinzu. Dieser Auftakt komprimiert Aidas Konflikt zwischen
der Treue zu ihrem Volk und der Liebe zu Radames. Später intoniert
dann das Orchester den feierlichen, unerbittlichen Marschrhythmus der
Priester, die erbarmungslos ihr Urteil über Radames sprechen.
Zwischen diesen beiden Extremen bewegt sich die Ouvertüre, und die
Spannung bricht sich in einzelnen dramatischen Ausbrüchen Bahn. Hier kurz die Handlung: der
ägyptische Heerführer liebt heimlich die äthiopische
Sklavin Aida und findet auch ihre Liebe, wird jedoch vom Orakel als
militärischer Führer gegen die einfallenden Äthiopier
bestimmt. Die Königstochter Amneris liebt ihn ebenfalls und ahnt
die heimliche Liebe zwischen den beiden. Niemand weiß jedoch,
dass Aida die Tochter des äthiopischen Königs ist. Amneris
entlockt Aida das Geheimnis ihrer Liebe unter dem Vorwand, Radames sei
im Krieg gefallen. Als der siegreiche Radames mit seinen Gefangenen
triumphalen Einzug hält, verspricht ihm der König, ihm jeden
Wunsch zu errfüllen, und Radames fordert die Verschonung der
Gefangenen. Das bringt ihm den Widerspruch der fanatischen Priester
ein, die den Tod der Gefangenen fordern. Als Aidas Vater - inkognito
unter den Gefangenen - von ihrer Liebe zu Radames erfährt,
verlangt er von ihr, Radames die weitere militärische Strategie
der Ägypter zu entlocken, und macht ihr diesen "Verrat" mit der
Aussicht auf ein glückliches Leben in Äthiopien schmackhaft.
Nach schweren inneren Loyalitätskämpfen fragt Aida
tatsächlich diese Information aus Radames heraus, nur, um sich den
Schergen der Priester gegenüber zu sehen, die alles mitgehört
haben. Radames wird festgenommen und des Hochverrats angeklagt. Amneris
verspricht ihm in einer dramatischen Szene, ihn zu retten, wenn er Aida
entsagt, Radames jedoch lehnt dies ab und beugt sich dem zu erwartenden
Todesurteil der Priester. Als er lebendig eingemauert den Tod erwartet,
entdeckt er in dem Verlies Aida, die sich dort eingeschlichen hat, um
mit ihm zu sterben. Gemeinsam gehen sie mit einer großen Arie in
den langsamen Tod. Die Handlung zeigt deutlich,
dass es hier in erster Linie um einen individuellen Konflikt geht, den
zwischen persönlichen Emotionen und der Loyalität zu der
eigenen Gesellschaft. Weder die Zustände in der Gesellschaft - von
der fanatischen Priesterschaft einmal abgesehen - noch der Grund
für den Krieg werden thematisiert. Beides sind externe Fakten, die
so und nicht anders gegeben und weder zu hinterfragen noch zu
ändern sind. Diese Beschränkung geht so weit, dass die
Librettisten sogar logische Unstimmigkeiten in Kauf genommen haben. Es
ist jedenfalls nicht einsichtig, warum nach einem triumphalen Feldzug
mit der Gefangennahme der gegnerischen Würdenträger das
besiegte Volk weiterhin eine unmittelbare, drohende Gefahr darstellt.
Wenn dem so wäre, dürfte Radames nicht als jubelnder Sieger
zu Hause einziehen, sondern müsste erst einmal den Gegenr
vollständig besiegen. Doch das Libretto will es so - um der
Dramatik willen!
Die Oper leidet in den ersten
beiden Akten unter einer gewissen Statik, die durch die teilweise
pompösen Auftritte noch verstärkt wird. Bis zum Finale des
zweiten Aktes entwickelt sich kaum eine dramatische Handlung. Der
einzige Konfliktstoff besteht in der doppelten Liebe der beiden Frauen
zu Radames, doch der schwelt lange Zeit nur unter der Oberfläche.
Die Auswahl des Heerführers, die Anrufung der Gottheiten Isis und
Osiris - eine weitere Parallele zur "Zauberflöte"! - und die
feierliche Einsetzung des Heerführers dominieren den ersten Akt.
Der zweite entwickelt sich etwas dramatischer, weil jetzt die
Unterdrückung und Bedrohung der gefangenen Äthiopier in den
Vordergrund rücken. So vergewaltigen ägyptische Wächter
in einer unmissverständlichen Szene die gefangenen
äthiopischen Frauen vor den Augen ihrer Männer, und das in
eine mao-artige Kluft gekleidete Volk - dargestellt durch den Chor -
spendet dazu heftigen Beifall. Dieser Regieeinfall wertet den zweiten
Akt dramaturgisch und inhaltlich auf, indem er den verbalen Drohungen
der Priesterschaft gegenüber den Gefangenen eine eindringliche
szenische Darstellung zur Seite stellt. Hier kommt plötzlich und
unverstellt die Brutalität des Krieges zum Vorschein. Die letzten beiden Akte laufen
dann zu echter Dramatik auf, die sich auch in der szenischen
Darstellung widerspiegelt. Die Auseinandersetzung zwischen den beiden
Frauen gehört ebenso dazu wie die zwischen Radames und den
Priestern, zwischen Aida und ihrem Vater sowie zwischen Aida und
Radames. Der letzte Höhepunkt besteht in dem Duett des zum Tode
verurteilten Radames mit Amneris, die ihn vergeblich von der Liebe zu
Aida abbringen will, und anschließend zusammenbricht. Wie aus dem
Lehrbuch steigert sich die Spannung von Szene zu Szene, um erst in der
letzten mit der Sterbeszene der beiden Liebenden abzuklingen. Alfonso Romero Mora, der den "Don Carlos" so überzeugend
inszeniert hatte, hat in diesem Falle zwar eine ältere
Inszenierung von Michael Heinicke übernommen, musste sie aber mit
dem lokalen Ensemble neu einstudieren. Das ist ihm in
hervorragender Weise gelungen. Der eher statische Charakter der
ersten Hälfte ist weniger der Inszenierung als dem Libretto
anzulasten, und die Inszenierung macht auch daraus noch das Beste.
Bestechend ist jedoch die Regieführung im zweiten Teil, der an
Dramatik nichts zu wünschen übrig lässt. Obwohl der
Zuschauer natürlich den Ausgang der Geschichte kennt oder - als
Neuling - zumindest ahnt, gelingt es der Inszenierung doch, eine
genuine Spannung aufzubauen, die auch den erfahrenen Opernbesucher
erfasst. Die Kostüme von Peter Sykora leisten dazu ihren eigenen Beitrag. Sykora setzt auch hier auf klare Bilder: Die beiden weiblichen Protagonisten erscheinen zu Anfang in unifarbenen, langen Kleidern - Amneris in Rot und Aida in Blau. Später tritt Amneris in festlicheren Gewändern auf, während Aida handlungsgemäß ihrem Kostüm treu bleibt - schließlich ist sie Sklavin. Die Priester treten in schlichten weißen Gewändern mit Hüten auf, die Bildern aus dem alten Ägypten entlehnt sind, während der König mit seinem roten Mantel und seinem hohen Spitzhut ein wenig wie ein Clown aussieht. Doch das ist vielleicht sogar beabsichtigt, da der König eine Marionette der Priester ist und nichts gegen diese entscheiden kann. Wenn der Chor als Volk auftritt, trägt er - wie schon erwähnt - ein schlichtes, olivfarbenes Kostüm, das an das China der Mao-Zeit erinnert. Ob sich dahinter eine Absicht verbirgt, ist nicht zu erkennen; vielleicht will Peter Sykora damit auch lediglich den Massencharakter darstellen Die Darsteller sind in dieser
Inszenierung ein herausragender Erfolgsfaktor. Die stimmlichen
Leistungen sind durchweg beeindruckend. Dabei führen die beiden
Damen einen harten Kampf um den ersten Platz, und man möchte
eigentlich keine hinter der anderen einstufen. Yamina Maanmar
überzeugt in der Titelrolle mit ihrem auch in hohen und
dramatischen Lagen völlig klaren und sicheren Sopran und kann sich
auch darstellerisch glaubwürdig in die Rolle der Aida
hineinversetzen. Vor allem in der letzten Szene beweist sie, dass sie
auch das lyrische Fach beherrscht und nicht nur herrlich "schmettern"
kann. Yanyu Guo steht ihr als Amneris in nichts nach. Ihre Altstimme
ist außerordentlich modulationsfähig und auch in expressiven
Lagen, die in dieser Oper des Öfteren zu bewältigen sind,
stabil und unangestrengt. Auch sie verkörpert ihre Rolle
darstellerisch glaubwürdig, wobei natürlich die Sympathien
des Publikums stets der Opferrolle und nicht der "femme fatale"
zufliegen. Aber das ist das Schicksal, aller Darsteller, dass die
Zuschauer zumindest unterschwellig Rolle und Darsteller(in) miteinander
identifizieren.
Ähnliches gilt für die
männlichen Rollen, bei denen Thomas Mehnert mit viel innerer
Spannung und einem intensiven Bass einen so bigotten wie despotischen
Oberpriester gibt. Da an dieser Rolle kein einziger positiver
Charakterzug festzustellen ist - außer vielleicht seine
realistische Einschätzung der politischen Verhältnisse -,
erhält er zum Schluss zwar deutlichen Beifall, die Sympathien
fliegen jedoch wieder Zurab Zurabishvili zu, der den Radames mit viel
Feuer und einem kräftigen und doch auch wandelbaren Tenor
darstellt. Von ihm würde man sich bisweilen - vor allem, wenn er
nicht singt - etwas mehr körperliche Präsenz auf der
Bühne wünschen. Zuweilen bleibt er einfach stehen und folgt
den Ereignissen auf der Bühne. Da ist Bastiaan Everink als Aidas
Vater Amonasro aus anderem Holz geschnitzt: nicht nur verfügt er
über einen bewundernswürdig durchsetzungsfähigen
Bariton, den er sofort beim ersten Auftritt fulminant einsetzt, sondern
er ist auch stets Teil der Handlung, auch wenn er nicht singt,
beobachtet die anderen Protagonisten und zeigt seine innerer
Befindlichkeit mit einer deutlichen, aber nie überzogenen
Körpersprache. Andreas Daum hat diesmal mit dem König eher
eine sekundäre Rolle zu bewältigen. Das bereitet ihm
natürlich keine Probleme, aber wegen des eher passiven Charakters
dieser Rolle hat er auch keine großen Möglichkeiten, sein
wahres Potential - wie etwa als Großinquisitor im "Don Carlos" -
auszuspielen. André Weiss hat den Chor
wieder einmal glänzend eingestellt und dafür gesorgt, dass
neben der stimmlichen Leistung auch die Bewegung auf der Bühne
stimmt. Diesen Chor empfindet man selten als nur solchen sondern als
integralen Bestandteil des Bühnengeschehens, sei es als Priester,
sei es als gemeines Volk. Das Orchester unter der Leitung
des GMD Constantin Trinks besticht durch Genauigkeit und Transparenz
der einzelnen Stimmen. Trinks achtet so sehr auf den akustischen
Freiraum der Sänger und Sängerinnen, dass die Musik
streckenweise sogar kammermusikalische Züge annimmt. Und das ist
auch bei Verdi kein Nachteil, muss das Orchester doch nicht immer
donnern, sondern kann die psychologisch bedeutsamen Szenen durchaus
auch mit gezielter Instrumentalisierung und Rücknahme des
Orchesterkörpers begleiten. Das heißt nicht, dass das
Orchester in dramatischen Momenten nicht auch alle Register ziehen
könnte. In diesen Momenten überzieht dann "Verdi pur" mit
aller Macht des Orchesters das Publikum und zieht es musikalisch in den
Bann des Geschehens. Bei Verdi spielen nun mal die großen
Gefühle eine wesentliche Rolle, und die muss das Orchester
entsprechend intonieren. Das Publikum - keine Premiere! -
zeigte sich zwar am Ende begeistert und
spendete reichlichen Beifall, doch mit dem - eingeplanten -
Szenenapplaus nach Arien geizte es, so dass nach mancher großen
Szene plötzlich eine kurze Leerstelle folgte, bevor das Orchester
wieder einsetzte. Die
nächsten
Aufführungen
finden
am
29. Oktober sowie am 7. und 21. November statt. Alle Fotos © Barbara Aumüller |
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