![]() |
Funken
sprühende Selbstreferenz |
![]() Ihre Meinung über E-Mail hier |
Die
Kammerspiele des Staatstheaters Darmstadt zeigen
Lutz Hübner
Theatersatire "Gretchen 89 ff." |
|
Im Mittelpunkt der losen
Szenenfolge stehen die junge Schauspielerin Birgit und
Gretchens
Monolog um das Schmuckkästchen in Goethes Faust,
Seite 89 folgende
(in meiner Ausgabe S. 88ff!). Auf der wie üblich
karg
möblierten Bühne der Kammerspiele kniet Anne
Hoffmann unter
leicht abgedimmtem Scheinwerferkegel im weißen
Nachthemd auf dem
Boden und zitiert die berühmten Zeilen "Es ist so
schwül, so
dumpfig hie, und ist doch eben so warm nicht
drauß...." mit der
vom Theaterbesucher gewohnten Innigkeit. Den Monolog
unterbricht ein
grobes "Aus" aus dem Off, der Regisseur erscheint und
entlarvt die
Szene als Probe im Theater. Nun beginnt eine
Variationenreihe über
diese Szene mit immer wieder der selben - archetypischen
-
Schauspielerin und wechselnden Regisseuren. Uwe Zerwer
spielt dabei die
eher im Dienst ergrauten und Tino Lindenberg die etwas
(bilder)stürmerischeren Vertreter dieser sehr
speziellen Rasse.
Harald Schneider spricht dazu vom Bühnenrand die
jeweils
einleitenden und erklärenden Worte, die selbst
schon
kabarettistisch-satirisch gefärbt sind. Schon bevor
der
nächste Regisseur auf der Bühne erscheint,
eilen ihm die
ersten Lacher des Publikums voraus. Da ist Uwe Zerwer als der
alternde Regisseur in der Midlife-Krise, der sich von
Publikum und
Kritik unverstanden und verkannt fühlt und "diesen
bourgeoisen
Theaterscheiß" hasst. Den zarten Gretchenmonolog
zerschlägt
er in kurzer Zeit zu einer Wut- und Hasstirade, wobei er
das
mittlerweile angejahrte Vokabular eines zornigen jungen
Revolutionärs benutzt. Das arme Mädchen, das
er statt mit
ihrem Namen mit "Liebling" anredet, treibt er damit zur
Verzweiflung.
Ihm folgt Tino Lindenberg als "Tourneehase" mit froher
rheinischer
Mundart und zielsicher fummelnden Armen und Händen,
mit denen er
der jungen Frau seine Art der Interpretation des
Monologs hautnah
erklärt. Stück und Szene sind ihm
gleichgültig und auch
nicht präsent, dafür die Vorzüge der
jungen
Schauspielerin und die Ausgestaltung der einzulegenden
Pause umso mehr.
Uwe Zerwer wiederum tritt
als
nostalgischer Regie-Alt68er auf, der sich mehr in
Erinnerungen an die
(und seine) große Zeit des Theaters verliert als
sich um die
Szene zu kümmern. Seine falsch zugeknöpfte
Jacke und sein
seliger, in alten Zeiten schwelgender Blick gehen sowohl
an der jungen
Schauspielerin als auch ihren Versuchen der
Szenenumsetzung vorbei.
Tino Lindenberg gibt daraufhin den glasklaren,
messerscharfen
"Freudianer", der Humor für eine niedere Gattung
des menschlichen
Bewusstseins bzw. für eine Eigenart niederer
Menschengattungen
hält und jede Textzeile als unterdrückten
Sexualhunger
entlarvt, den die Darstellerin gefälligst
entsprechend umzusetzen
hat. Erst als sie ihn wegen seiner verbalen Zumutungen
anschreit,
leuchtet sein Gesicht wegen ihrer offenen Aggression
auf. In einer
weiteren Persiflage entlarvt Uwe Zerwer den "Streicher",
der im Sinne
einer Straffung und Modernisierung binnen weniger
Minuten aus Goethes
gut zwei Seiten starkem Monolg (mit Lied) ganze drei
kurze Sätze
im schnoddrigen Tonfall macht und die Schauspielerin an
den Rand des
Selbstmords treibt. Doch nicht nur die
Regisseure
bekommen ihr Fett weg, auch Anne Hoffmann darf
verschiedene
schräge Typen aus dem Theatermilieu darstellen:
einmal ist da die
Anfängerin, die mit tausend tollen Theaterideen wie
ein Teenager
auf der Bühne herumspringt und den von einem
schweren
Vorabend-Kater geplagten Regisseur (Uwe Zerwer) zum
Wahnsinn treibt.
Laufend fallen ihr neue grandiose Varianten des
berühmten Monologs
ein, die zwar viel mit jugendlichem Überschwang
jedoch wenig mit
Goethes Text zu tun haben, bis der seinen Kopf mit den
Händen
malträtierende Regisseur das Weite sucht. In einer
anderen Szene
spielt Anne Hoffmann die "Diva", die den jungen, vor ihr
in Ehrfurcht
erstarrenden Provinz-Regisseur nach allen Regeln der
Kunst
auseinandernimmt und ihn nach ihrem Bilde formt.
Tino Lindenberg darf als
Theaterhospitant mit hervorspringendem Gebiss und
hündischer
Theaterverehrung dem ... (Publikum) noch einmal Zucker
geben. Seine
Darstellung des naiv-aufdringlichen Theaterliebhabers
strapaziert
durchaus die Lachmuskeln, während sich Anne
Hoffmann als
Schauspielerin eher genervt geben muss. Dafür darf
sie dann die
gelangweilte Schauspielerin sein, die ausgerechnet in
"Theater heute",
der Bibel aller Schauspieler, eine positive Kritik
über eine
ehemalige, natürlich "völlig bescheuerte"
Mitstudentin liest
und ihren Frust dei dem zufällig hereinkommenden
Requisiteur (Uwe
Zerwer) ablädt, der in hingebungsvoller Handarbeit
das
Schmuckkästchen wie ein Weihnachtsgeschenk
verpackt. Am Ende darf
sie sich dann aus ihrer Rolle als unterdrückte
Darstellerin
lösen und in eine steife und überehrgeizige
Dramaturgin
verwandeln, die Goethes "Faust" auf völlig neue
Füße
stellen will und dafür einen arbeitslosen, nur an
der
kurzfristigen Knete interessierten Schauspieler (Tino
Lindenberg)
ausgerechnet als Gretchen besetzen will. Der
humoristische Wert dieser
Szene ist allein schon durch diesen Plot gesichert, und
nach dem Auszug
der völlig genervten und vom Leben
enttäuschten Dramaturgin
rezitiert Tino Lindenberg noch einmal den besagten
Monolog ganz
schlicht und im Sinne des Erfinders. Das Premierenublikum
verbrachte
einen wahrlich vergnüglichen Abend und konnte sich
endlich einmal
über die schrägen Typen auf und hinter der
Bühne, die
man sonst heimlich beneidet, totlachen. Die Darsteller
brachten mit
pointierter Mimik und Gestik die Marotten der einzelnen
Figuren auf den
Punkt und das Publikum zum Lachen, obwohl eigentlich
jeder einzelne
geschilderte Fall im "echten" Leben eine
persönliche Katastrophe
darstellt. Doch den menschlichen Katastrophen kann man
am besten mit
dem Mittel der Groteske beikommen, und über sich
und seine
Profession lachen zu können, ist wahrer Humor.
Außerdem
betrifft dieses Stück ja sowieso andere, weit
entfernte und
anonyme Figuren, nicht die am Stück Beteiligten. Alle Fotos © Barbara Aumüller |
|