Funken sprühende Selbstreferenz







































































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Die Kammerspiele des Staatstheaters Darmstadt zeigen Lutz Hübner Theatersatire "Gretchen 89 ff."


Üblicherweise beschäftigt sich das Theater mit den Schwächen und Leidenschaften der Menschen im allgemeinen und speziellen und nimmt dabei unbewusst die Rolle eines neutralen Beobachters ein. Wie auch andere Berufszweige schauen die Theaterleute selten in die eigenen Abgründe, und schon gar nicht lustvoll. So ist es besonders hervorzuheben, wenn ein Theaterautor und -"insider" satirisch die Macken und Marotten des eigenen Berufsstandes durch den Kakao zieht und dies nicht mit bitterem Ernst sondern mit Humor geradezu zelebriert. Lutz Hübner, Jahrgang 1963 und einer der meistgespielten deutschen Theaterautoren, hat eben dies mit "Gretchen 89ff" getan, und Martin Apelt, Schauspieldirektor des Staatstheaters, hat den Mut besessen, dieses Stück seinen hungrigen Schauspielern zum Fraß vor die Füße zu werfen. Da das Stück - zumindest überwiegend - die Spieler als Opfer und die Regisseure als Täter darstellt, haben sich die drei Darsteller mit wahrer Wonne darauf gestürzt.

Tino
                  Lindenberg, Anne Hoffmann
Tino Lindenberg, Anne Hoffmann

Im Mittelpunkt der losen Szenenfolge stehen die junge Schauspielerin Birgit und Gretchens Monolog um das Schmuckkästchen in Goethes Faust, Seite 89 folgende (in meiner Ausgabe S. 88ff!). Auf der wie üblich karg möblierten Bühne der Kammerspiele kniet Anne Hoffmann unter leicht abgedimmtem Scheinwerferkegel im weißen Nachthemd auf dem Boden und zitiert die berühmten Zeilen "Es ist so schwül, so dumpfig hie, und ist doch eben so warm nicht drauß...." mit der vom Theaterbesucher gewohnten Innigkeit. Den Monolog unterbricht ein grobes "Aus" aus dem Off, der Regisseur erscheint und entlarvt die Szene als Probe im Theater. Nun beginnt eine Variationenreihe über diese Szene mit immer wieder der selben - archetypischen - Schauspielerin und wechselnden Regisseuren. Uwe Zerwer spielt dabei die eher im Dienst ergrauten und Tino Lindenberg die etwas (bilder)stürmerischeren Vertreter dieser sehr speziellen Rasse. Harald Schneider spricht dazu vom Bühnenrand die jeweils einleitenden und erklärenden Worte, die selbst schon kabarettistisch-satirisch gefärbt sind. Schon bevor der nächste Regisseur auf der Bühne erscheint, eilen ihm die ersten Lacher des Publikums voraus.

Da ist Uwe Zerwer als der alternde Regisseur in der Midlife-Krise, der sich von Publikum und Kritik unverstanden und verkannt fühlt und "diesen bourgeoisen Theaterscheiß" hasst. Den zarten Gretchenmonolog zerschlägt er in kurzer Zeit zu einer Wut- und Hasstirade, wobei er das mittlerweile angejahrte Vokabular eines zornigen jungen Revolutionärs benutzt. Das arme Mädchen, das er statt mit ihrem Namen mit "Liebling" anredet, treibt er damit zur Verzweiflung. Ihm folgt Tino Lindenberg als "Tourneehase" mit froher rheinischer Mundart und zielsicher fummelnden Armen und Händen, mit denen er der jungen Frau seine Art der Interpretation des Monologs hautnah erklärt. Stück und Szene sind ihm gleichgültig und auch nicht präsent, dafür die Vorzüge der jungen Schauspielerin und die Ausgestaltung der einzulegenden Pause umso mehr.

Anne
                  Hoffmann, Uwe Zerwer
Anne Hoffmann, Uwe Zerwer

Uwe Zerwer wiederum tritt als nostalgischer Regie-Alt68er auf, der sich mehr in Erinnerungen an die (und seine) große Zeit des Theaters verliert als sich um die Szene zu kümmern. Seine falsch zugeknöpfte Jacke und sein seliger, in alten Zeiten schwelgender Blick gehen sowohl an der jungen Schauspielerin als auch ihren Versuchen der Szenenumsetzung vorbei. Tino Lindenberg gibt daraufhin den glasklaren, messerscharfen "Freudianer", der Humor für eine niedere Gattung des menschlichen Bewusstseins bzw. für eine Eigenart niederer Menschengattungen hält und jede Textzeile als unterdrückten Sexualhunger entlarvt, den die Darstellerin gefälligst entsprechend umzusetzen hat. Erst als sie ihn wegen seiner verbalen Zumutungen anschreit, leuchtet sein Gesicht wegen ihrer offenen Aggression auf. In einer weiteren Persiflage entlarvt Uwe Zerwer den "Streicher", der im Sinne einer Straffung und Modernisierung binnen weniger Minuten aus Goethes gut zwei Seiten starkem Monolg (mit Lied) ganze drei kurze Sätze im schnoddrigen Tonfall macht und die Schauspielerin an den Rand des Selbstmords treibt.

Doch nicht nur die Regisseure bekommen ihr Fett weg, auch Anne Hoffmann darf verschiedene schräge Typen aus dem Theatermilieu darstellen: einmal ist da die Anfängerin, die mit tausend tollen Theaterideen wie ein Teenager auf der Bühne herumspringt und den von einem schweren Vorabend-Kater geplagten Regisseur (Uwe Zerwer) zum Wahnsinn treibt. Laufend fallen ihr neue grandiose Varianten des berühmten Monologs ein, die zwar viel mit jugendlichem Überschwang jedoch wenig mit Goethes Text zu tun haben, bis der seinen Kopf mit den Händen malträtierende Regisseur das Weite sucht. In einer anderen Szene spielt Anne Hoffmann die "Diva", die den jungen, vor ihr in Ehrfurcht erstarrenden Provinz-Regisseur nach allen Regeln der Kunst auseinandernimmt und ihn nach ihrem Bilde formt.

Anne
                  Hoffmann als frustrierte Schauspielerin mit
                  "Theater heute"
Anne Hoffmann als frustrierte Schauspielerin mit "Theater heute"

Tino Lindenberg darf als Theaterhospitant mit hervorspringendem Gebiss und hündischer Theaterverehrung dem ... (Publikum) noch einmal Zucker geben. Seine Darstellung des naiv-aufdringlichen Theaterliebhabers strapaziert durchaus die Lachmuskeln, während sich Anne Hoffmann als Schauspielerin eher genervt geben muss. Dafür darf sie dann die gelangweilte Schauspielerin sein, die ausgerechnet in "Theater heute", der Bibel aller Schauspieler, eine positive Kritik über eine ehemalige, natürlich "völlig bescheuerte" Mitstudentin liest und ihren Frust dei dem zufällig hereinkommenden Requisiteur (Uwe Zerwer) ablädt, der in hingebungsvoller Handarbeit das Schmuckkästchen wie ein Weihnachtsgeschenk verpackt. Am Ende darf sie sich dann aus ihrer Rolle als unterdrückte Darstellerin lösen und in eine steife und überehrgeizige Dramaturgin verwandeln, die Goethes "Faust" auf völlig neue Füße stellen will und dafür einen arbeitslosen, nur an der kurzfristigen Knete interessierten Schauspieler (Tino Lindenberg) ausgerechnet als Gretchen besetzen will. Der humoristische Wert dieser Szene ist allein schon durch diesen Plot gesichert, und nach dem Auszug der völlig genervten und vom Leben enttäuschten Dramaturgin rezitiert Tino Lindenberg noch einmal den besagten Monolog ganz schlicht und im Sinne des Erfinders.

Das Premierenublikum verbrachte einen wahrlich vergnüglichen Abend und konnte sich endlich einmal über die schrägen Typen auf und hinter der Bühne, die man sonst heimlich beneidet, totlachen. Die Darsteller brachten mit pointierter Mimik und Gestik die Marotten der einzelnen Figuren auf den Punkt und das Publikum zum Lachen, obwohl eigentlich jeder einzelne geschilderte Fall im "echten" Leben eine persönliche Katastrophe darstellt. Doch den menschlichen Katastrophen kann man am besten mit dem Mittel der Groteske beikommen, und über sich und seine Profession lachen zu können, ist wahrer Humor. Außerdem betrifft dieses Stück ja sowieso andere, weit entfernte und anonyme Figuren, nicht die am Stück Beteiligten.

Frank Raudszus

Alle Fotos © Barbara Aumüller