Potpourri aus gutem Witz, alten Kamellen und Kalauern




Bücher von Roger Willemsen:

Der Knacks



































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Roger Willemsen und Dieter Hildebrand gastierten für die Centralstation Darmstadt im Staatstheater Darmstadt


Restlos ausverkauft war das Große Haus des Staatstheaters Darmstadt am Abend des 23. Oktober. Dieter Hildebrand, ungekrönter König des deutschen Kabaretts, und der Philosoph, Literaturexperte und gehobene Talkmaster Roger Willemsen trugen ihr gemeinsames Programm "Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort" im Rahmen des Programms der Darmstädter Kulturinstitution "Centralstation" vor. Wer dieses Zitat kennt - Uwe Barschel 1987 -, ahnt wahrscheinlich bereits, dass es um die Lüge geht, doch sicherheitshalber erklärt der Untertitel "Die Weltgeschichte der Lüge" dies noch einmal explizit. Die Vorstellung war als "szenische Lesung" organisiert, d.h. Willemsen und Hildebrand (v.l.n.r.) saßen an zwei Tischen und lasen weitgehend aus vorgefertigten Manuskripten ab. Allerdings gelang es Willemsen - wohl auch wegen seines geringeren Alters - wesentlich besser, den Eindruck freier Rede zu vermitteln, da er nur hin und wieder einen seitlichen Blick auf das Manuskript warf und ansonsten den Blickkontakt mit seinem Partner und dem Publikum pflegte.

Die Lesung begann bereits mit einer nur scheinbar verunglückten Begrüßung, bei der ein grantelnder Hildebrand seinem Partner dauernd ins Wort fiel und Floskeln wie "Liebe Zuschauer" sofort als Lüge brandmarkte. Das war recht lustig und sorgte bereits zu Beginn für Heiterkeit. Anschließend ging es durch die Weltgeschichte und ihren Lügenanteil. Willemsen fand schöne Metaphern wie "Die Lüge als Schminke des Lebens" oder bezeichnete bereits die biblische Erbsünde als Erblüge. Man unterhielt sich über Adam und Eva und - natürlich - die Schlange, wobei Hildebrand bei der Frage der Religionen im Paradies der Schlange den Katholizismus zuwies. Weiter ging es mit Achill, der Odysseus als Lügner schmähte, und so ging es von Bonmot zu Bonmot durch die Geschichte. Die einzelnen Gedankengänge lösten sich in schneller Folge ab und wieder auf, wobei der Schwerpunkt immer wieder auf gedanklichen Volten und intellektuellen Purzelbäumen lag. Hildebrand glänzte noch einmal mit seiner assoziativen Kunst, die Ausführungen des Gegenübers mit knapper Mimik, gespieltem Unverständnis und treffenden Halbsätzen zu beantworten, während Willemsen den Beredsamen spielte. Unnachahmlich seine gespielte Begeisterung über die Tarnung verschiedener Vertreter aus Fauna und Flora, die Hildebrand immer wieder giftig als böswillige Täuschungsmanöver diskredierte, oder seine sich langsam steigende Emphase eines Verschämt-Verklemmten für sexuelle Aspekte der Lüge. Da bei dem schnellen intellektuellen Schlagabtausch doch so manches bei der Rezeption unter den Tisch fiel, sorgte man mit dieser üblichen Methode für Lacher. Locker überquerten die beiden einige Male den Äquator der Gürtellinie - Zitat einer Lüge: "auf die Größe kommt es nicht an!" - und ernteten damit auch die sicher erwarteten Lacher. Nicht, dass wir frivole Witze degoutant fänden, doch die Taktik war teilweise etwas zu deutlich, wenn auch erfolgreich. Mit dem schön veränderten Zitat "Wähl den, der lügt" (wie heißt es wohl richtig??) gingen die beiden dann zur Politik über, die natürlich ein weites Feld für die Betrachtung der Lüge darstellt. Dagegen wirkte der Witz über Jesus, den alten Mann mit Bart und Pinocchio bereits ein wenig abgestanden und zeigte deutlich, wie riskant es ist, bei solchen Veranstaltungen Witze zum Besten zu geben, von denen man nicht mit Sicherheit weiß, das sie brandneu sind.

Dasselbe lässt sich über den zweiten Teil nach der Pause sagen, der gegenüber dem Anfang stark abfiel. Jetzt stürzten sich die beiden mit intellektueller Vehemenz auf Kohls Spendenaffäre und Roland Kochs "brutalstmögliche Aufklärung". Sicher waren das beides Fälle deutlicher Unwahrheit im politischen Betrieb, doch muss man sie mittlerweile als "olle Kamellen" bezeichnen, so abgegriffen und "abdiskutiert" sind sie. Kohls Geschichte ist fünfzehn und Kochs zehn Jahre alt. Da konnten dann auch nur noch die "Kern-68er" lachen. Dabei konnten die beiden ihre Lieblingsgegenr Kohl, Koch und  - natürlich - den zugegebenerweise als Lügner etwas aktuelleren "George Dabbelju" gar nicht mehr aus ihren Fängen lassen. Die angeblichen Massenvernichtungswaffen Saddam Husseins sind natürlich ein Paradebeispiel politischer Lügen, aber auch nicht mehr unbedingt aktuell.

Was verwundert, ist die Tatsache, dass die beiden erstens nur ältere Beispiele politischer Lügen auftischten. Außerdem fragte man sich, weshalb nun auch noch Guido Westerwelle Prügel abbekam. Zwar mag er nicht jedermanns Sache sein, doch offensichtlicher Lügen hat er sich bisher nicht schuldig gemacht. Ganz deutlich kam in dieser zweiten Hälfte die linke Grundausrichtung des Kabaretts zum Tragen, die sich schon während der rot-grünen Koalition als Bumerang erwiesen hatte. Gnadenlos führte man hauptsächlich konservative Politiker (als Lügner) vor, wobei es sich im Falle Roland Koch sogar bis zu Verbalinjurien steigerte. Auch bei den Literaten verstieg sich Willemsen zu der Bemerkung, der Schriftsteller Robert Walser sei nicht zu verwechseln mit dem "schrecklichen Martin". Lacher! Aber warum "schrecklich"? Die Tatsache, dass sich gerade auf der linken Seite der politischen Geometrie in viel jüngerer Zeit eklatante Fälle von Lügen geradezu gehäuft haben (Hessen!) oder dass weltpolitisch von Nord-Korea (Atomraketen) über China (tibet), den Iran (s. NK) und Russland (Politkowskaja!!) bis zu Venezuela die politischen Lügenmärchen umlaufen, fand in diesem Programm keinen Niederschlag. Und was ist eigentlich mit der retrospektiven Verschönerung der DDR?

Man könnte nun meinen, die beiden hätten es nicht mehr geschafft, diese Dinge unterzubringen. Das hieße aber, die beiden intellektuell zu unterschätzen, was wir ihnen nicht antun wollen. Fragt man nach dem Grund für diese kalauerartige Einseitigkeit, so ergeben sich zwei Möglichkeiten: entweder die beiden sind in der Wolle gefärbte Linke, die eigentlich nur ein nachgelagertes Wahlprogramm für SPD (und Linke) abliefern und nie sozialistische/sozialdemokratische Einrichtungen oder Politiker durch den Kakao ziehen würden; oder die kommerzielle Regie geht auf größtmögliche Quote (übrigens auch ein "TV-Thema" der beiden ) und hat angesichts der Protagonisten die Alt-68er und ihre linken Nachfahren als Kernpublikum ausgemacht, dem man Zucker geben müsse. Fragt sich nur, welche Alternative peinlicher für zwei im Grunde so freie Geister ist.

Positiv ist jedoch zu vermelden, dass die beiden intellektuell immer noch um zwei Ligen höher spielen als das Duo Blüm-Sodann, obwohl es auch nicht unbedingt zur Champions League reicht.

Frank Raudszus