![]() |
Potpourri
aus
gutem Witz, alten Kamellen und Kalauern |
![]() Bücher von Roger Willemsen: Der Knacks Ihre Meinung über E-Mail hier |
Roger
Willemsen und Dieter Hildebrand gastierten
für die Centralstation Darmstadt im Staatstheater Darmstadt |
|
Die Lesung begann bereits mit
einer nur scheinbar verunglückten Begrüßung, bei der
ein grantelnder Hildebrand seinem Partner dauernd ins Wort fiel und
Floskeln wie "Liebe Zuschauer" sofort als Lüge brandmarkte. Das
war recht lustig und sorgte bereits zu Beginn für Heiterkeit.
Anschließend ging es durch die Weltgeschichte und ihren
Lügenanteil. Willemsen fand schöne Metaphern wie "Die
Lüge als Schminke des Lebens" oder bezeichnete bereits die
biblische Erbsünde als Erblüge. Man unterhielt sich über
Adam und Eva und - natürlich - die Schlange, wobei Hildebrand bei
der Frage der Religionen im Paradies der Schlange den Katholizismus
zuwies. Weiter ging es mit Achill, der Odysseus als Lügner
schmähte, und so ging es von Bonmot zu Bonmot durch die
Geschichte. Die einzelnen Gedankengänge lösten sich in
schneller Folge ab und wieder auf, wobei der Schwerpunkt immer wieder
auf gedanklichen Volten und intellektuellen Purzelbäumen lag.
Hildebrand glänzte noch einmal mit seiner assoziativen Kunst, die
Ausführungen des Gegenübers mit knapper Mimik, gespieltem
Unverständnis und treffenden Halbsätzen zu beantworten,
während Willemsen den Beredsamen spielte. Unnachahmlich seine
gespielte Begeisterung über die Tarnung verschiedener Vertreter
aus Fauna und Flora, die Hildebrand immer wieder giftig als
böswillige Täuschungsmanöver diskredierte, oder seine
sich langsam steigende Emphase eines Verschämt-Verklemmten
für sexuelle Aspekte der Lüge. Da bei dem schnellen
intellektuellen Schlagabtausch doch so manches bei der Rezeption unter
den Tisch fiel, sorgte man mit dieser üblichen Methode für
Lacher. Locker überquerten die beiden einige Male den Äquator
der Gürtellinie - Zitat einer Lüge: "auf die Größe
kommt es nicht an!" - und ernteten damit auch die sicher erwarteten
Lacher. Nicht, dass wir frivole Witze degoutant fänden, doch die
Taktik war teilweise etwas zu deutlich, wenn auch erfolgreich. Mit dem
schön veränderten Zitat "Wähl den, der lügt" (wie
heißt es wohl richtig??) gingen die beiden dann zur Politik
über, die natürlich ein weites Feld für die Betrachtung
der Lüge darstellt. Dagegen wirkte der Witz über Jesus, den
alten Mann mit Bart und Pinocchio bereits ein wenig abgestanden und
zeigte deutlich, wie riskant es ist, bei solchen Veranstaltungen Witze
zum Besten zu geben, von denen man nicht mit Sicherheit weiß, das
sie brandneu sind. Dasselbe lässt sich
über den zweiten Teil nach der Pause sagen, der gegenüber dem
Anfang stark abfiel. Jetzt stürzten sich die beiden mit
intellektueller Vehemenz auf Kohls Spendenaffäre und Roland Kochs
"brutalstmögliche Aufklärung". Sicher waren das beides
Fälle deutlicher Unwahrheit im politischen Betrieb, doch muss man
sie mittlerweile als "olle Kamellen" bezeichnen, so abgegriffen und
"abdiskutiert" sind sie. Kohls Geschichte ist fünfzehn und Kochs
zehn Jahre alt. Da konnten dann auch nur noch die "Kern-68er" lachen.
Dabei konnten die beiden ihre Lieblingsgegenr Kohl, Koch und -
natürlich - den zugegebenerweise als Lügner etwas aktuelleren
"George Dabbelju" gar nicht mehr aus ihren Fängen lassen. Die
angeblichen Massenvernichtungswaffen Saddam Husseins sind
natürlich ein Paradebeispiel politischer Lügen, aber auch
nicht mehr unbedingt aktuell. Was verwundert, ist die
Tatsache, dass die beiden erstens nur ältere Beispiele politischer
Lügen auftischten. Außerdem fragte man sich, weshalb nun
auch noch Guido Westerwelle Prügel abbekam. Zwar mag er nicht
jedermanns Sache sein, doch offensichtlicher Lügen hat er sich
bisher nicht schuldig gemacht. Ganz deutlich kam in dieser zweiten
Hälfte die linke Grundausrichtung des Kabaretts zum Tragen, die
sich schon während der rot-grünen Koalition als Bumerang
erwiesen hatte. Gnadenlos führte man hauptsächlich
konservative Politiker (als Lügner) vor, wobei es sich im Falle
Roland Koch sogar bis zu Verbalinjurien steigerte. Auch bei den
Literaten verstieg sich Willemsen zu der Bemerkung, der Schriftsteller
Robert Walser sei nicht zu verwechseln mit dem "schrecklichen Martin".
Lacher! Aber warum "schrecklich"? Die Tatsache, dass sich gerade auf
der linken Seite der politischen Geometrie in viel jüngerer Zeit
eklatante Fälle von Lügen geradezu gehäuft haben
(Hessen!) oder dass weltpolitisch von Nord-Korea (Atomraketen)
über China (tibet), den Iran (s. NK) und Russland
(Politkowskaja!!) bis zu Venezuela die politischen
Lügenmärchen umlaufen, fand in diesem Programm keinen
Niederschlag. Und was ist eigentlich mit der retrospektiven
Verschönerung der DDR? Man könnte nun meinen, die
beiden hätten es nicht mehr geschafft, diese Dinge unterzubringen.
Das hieße aber, die beiden intellektuell zu unterschätzen,
was wir ihnen nicht antun wollen. Fragt man nach dem Grund für
diese kalauerartige Einseitigkeit, so ergeben sich zwei
Möglichkeiten: entweder die beiden sind in der Wolle gefärbte
Linke, die eigentlich nur ein nachgelagertes Wahlprogramm für SPD
(und Linke) abliefern und nie sozialistische/sozialdemokratische
Einrichtungen oder Politiker durch den Kakao ziehen würden; oder
die kommerzielle Regie geht auf größtmögliche Quote
(übrigens auch ein "TV-Thema" der beiden ) und hat angesichts der
Protagonisten die Alt-68er und ihre linken Nachfahren als Kernpublikum
ausgemacht, dem man Zucker geben müsse. Fragt sich nur, welche
Alternative peinlicher für zwei im Grunde so freie Geister ist. Positiv ist jedoch zu vermelden,
dass die beiden intellektuell immer noch um zwei Ligen höher
spielen als das Duo Blüm-Sodann, obwohl es auch nicht unbedingt
zur Champions League reicht. |
|