Auf der Suche nach dem verlorenen Shlomo























































































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Die Kammerspiele des Staatstheaters Darmstadt inszenieren George Taboris Groteske "Mein Kampf"


Allein der Titel dieses Theaterstücks ist bereits Programm und mit ambivalenter Bedeutung aufgeladen. Natürlich weiß oder ahnt jeder Besucher, dass es hier nicht unmittelbar um das Buch gleichen Namens geht, dass dieses jedoch sozusagen den doppelbödigen Hintergrund dafür abgibt. Vor allem in der deutschen Theaterlandschaft besitzt solch ein Titel Signalwirkung und lockt auch Zuschauer an, die sich sonst weniger ins Theater wagen. Über George Tabori müssen wir hier nicht mehr viel sagen. Seine stets vordergründig grotesken, gar komischen Theaterstücke weisen einen im wahrsten Sinne des Wortes harten Kern auf, der stets auf die Katastrophen der jüngeren Geschichte verweist und das Lachen im Halse stecken bleiben lässt. Er selbst hat gesagt, dass man dem Schrecken der Welt nur mit Lachen entgegentreten könne. In den Kammerspielen des Staatstheaters hat Regisseur Martin Ratzinger jetzt dieses - in Deutschland - gewagte Stück inszeniert.

Harald Schneider (Herzl), Tom Wild (Hitler), Diana Wolf (Frau Tod)
Harald Schneider (Herzl), Tom Wild (Hitler), Diana Wolf (Frau Tod)

Die berührendste Szene dieses Abends besteht darin, wenn am Schluss die übergroße, abstrahierte Menschenstatue aus Drahtgeflecht nackt dasteht, mit deutlich erkennbarer Schirmmütze des Soldaten und erhobenem rechten Arm. Um diesen drahtigen SS-Mann liegen in einem großen Haufen alte Kleider, die vorher um die Figur drapiert waren und jetzt an Fotos aus der beschämendsten Epoche der deutschen Geschichte erinnern. Inmitten des Drahtgerüsts sitzt der Jude Shlomo wie in einem Gefängnis - oder KZ - und hört sich die Beschimpfungen seines jungen Freundes und die dunklen Prophezeiungen der Dame Tod an.

Doch zurück zum Anfang: Ort der Handlung ist ein Wiener Männerheim, in dem Adolf Hitler nach der Absage der Kunstakademie (hätte die ihn doch angenommen!!) als 21jähriger mangels Geld einige Zeit gelebt hat und wo er Postkartenbilder herstellte und verkaufte. Weiterhin ist aus dieser Zeit bekannt, dass ihn einige Juden in diesem Wohnheim beim Verkauf seiner Bilder unterstützten. Soweit die historischen Tatsachen. Tabori nimmt diese Situation auf, erfindet die Mitbewohner des Wohnheimes neu und führt darüber hinaus noch einige allegorische und knapp verschlüsselte Personen ein. Außerdem verlegt er die Bewerbung und das Scheitern Hitlers an der Kunstakademie in einer Art dichterischer Freiheit in diese Zeit.

Das Stück beginnt im Männerwohnheim mit dem immergleichen Spiel des jüdischen Buchhändlers Shlomo Herzl und des Kochs Lobkowitz um Herr und Knecht. Lobkowitz spielt gern den lieben Gott und Herzl muss ihn entsprechend anbeten. Aus Langeweile spielen beide das Spiel tagein, tagaus, woraus sich für den Autor viele Gelegenheiten zu Bonmots und Paradoxien über Religion und Herrschaftsverhältnisse ergeben, die Tabori mit dem typisch jüdischen Witz nutzt. Herzl schreibt an einem Buch über sein Leben und dekliniert einige mögliche Titel von "Meine Memoiren" bis "Auf der Suche nach dem verlorenen Shlomo" durch, bis ihm Lobkowitz den griffigeren Titel "Mein Kampf" vorschlägt. Während dieser Diskussion ist der neue Bewohner eingetreten, der ungefragt den neuen Buchtitel bekräftigt und sofort von den beiden Alteingesessenen wegen seines vorlauten Benehmens abgekanzelt wird. Willig durchläuft er das Eintrittsritual noch einmal, jedoch bereits aufgeladen mit unterdrückter Wut, die sich dann bald Bahn bricht. Wir erleben bereits hier Anzeichen des späteren Despoten.

Diana Wolf (Frau Tod), Harald Schneider (Herzl)
Diana Wolf (Frau Tod), Harald Schneider (Herzl) 

Nun ist es außerordentlich schwierig für einen Schauspieler, die Rolle dieses Weltverbrechers zu spielen. Eigentlich kann er angesichts einer breiten Front von Gut- und Bessermenschen sowie weit verbreiteter Kenntnis des Phänomens Hitler und weitgehend festgelegter Vorurteile nur verlieren. Selbst ein Schauspieler wie Bruno Ganz musste sich wegen seiner Hitler-Rolle im "Untergang" Kritiken verschiedenster Art, auch widersprüchliche, anhören. Der Zuschauer sagt sich reflexartig "Also, jetzt kommt der Hitler auf die Bühne. Wie macht der Darsteller das? Das habe ich mir aber gaanz anders vorgestellt." etc. etc.. Alle anderen Schauspieler, vor allem die der Opfer, haben es hier leichter, zehren ihre Figuren doch nicht nur von der Sympathie des Publikums sondern auch von der Anonymität. In Darmstadt hat Tom Wild die Rolle Adolf Hitlers übernommen, und allein für diesen Mut gebührt ihm Anerkennung. Doch abgesehen von einer gewissen Harmlosigkeit zu Beginn meistert er diese Aufgabe hervorragend. Mit zunehmender Spieldauer lebt er sich in die Welt dieses frustrierten Cholerikers ein und zeichnet seine Ausbrüche und Hasstiraden überzeugend nach, ohne deswegen zur Knallcharge zu degenerieren. Neben der Möglichkeit, eine solche Fugur als groteske Komikfigur à la Charlie Chaplin zu spielen, bietet sich auch immer der verzweifelte Ausweg, zu übertreiben, nur um nicht dem Verdacht der Verharmlosung zu erliegen. Tom Wild schafft diese Gratwanderung auf bewundernswerte Weise. Der junge Adolf Hitler bleibt bei ihm ein Mensch, wenn auch ein arg verklemmter und aus den Fugen geratener, und er wirkt weder komisch noch als personifizierter "Gott-sei-bei-uns". Auf die Person Adolf Hitlers - und auch auf Tom Wilds Wiedergabe - trifft Hanna Ahrends Bemerkung über die "Banalität des Bösen" am ehesten zu.

Im Stück entwickelt Shlomo Herzl so etwas wie ein Verantwortungsgefühl für diesen jungen, richtungslosen Mann und kümmert sich um seine Kleidung und sonstiges Wohlergehen. Er überhört sogar dessen Schmähgesänge auf die Juden und die persönlichen Angriffe auf ihn und schreibt diese einem verwirrten Geist zu. Als Hitler schließlich völlig gebrochen von seinem vergeblichen Vorstellungsgespräch bei der Kunstakademie zurückkommt, schlägt er ihm sogar vor, wegen seiner suggestiven Redeweise - von Eloquenz wollen wir hier nicht reden - in die Politik zu gehen, und schenkt ihm noch großzügig seinen Buchtitel "Mein Kampf".

Uwe Zerwer (Himmlischst), Tom Wild (Hitler), Gabriele Drechsel (Gretchen)
Uwe Zerwer (Himmlischst), Tom Wild (Hitler), Gabriele Drechsel (Gretchen)

Ein wenig unverständlich wirkt die Figur des Gretchens. Das junge Mädchen hat einen Narren an dem alten Herzl gefressen und besucht ihn einmal wöchentlich im Männerwohnheim, um Zeit mit ihm zu verbringen und ihn zu pflegen, zu herzen und zu küssen. Das Ganze verläuft jedoch weitgehend asexuell und ist eher von den Idealen der Jugendbewegung und des späteren BDMs geprägt. Wer will, kann hierin einen Verweis auf Eva Braun oder auf das Frauenbild der Nazis sehen, was aber nicht mit der Zuwendung zu Herzl vereinbar ist. Außerdem verwundert in der Darmstädter Inszenierung ein wenig die Besetzung dieser Rolle mit Gabriele Drechsel, einer Frau im besten Alter. Sie ist zwar eine hervorragende Schauspielerin und spielt diese Rolle auch professionell aus, doch das junge, naive Mädchen nimmt man ihr nicht unbedingt ab. Da ist die andere Frauenrolle wesentlich geschlossener und nachvollziehbar: zu Beginn des zweiten Teils kommt eine gewisse Frau Tod - nomen est omen - in das Wohnheim und fragt Shlomo Herzl nach dem gerade auf dem Örtchen weilenden Hitler. Herzl nimmt den Namen der rassigen jungen Frau (Diana Wolff) mit wallender Mähne, Hot Pants, schwarzen Netzstrümpfen und einem Anflug von "Gothic"-Makeup wörtlich und versucht, dieser sofort richtige erkannten allegorischen Figur den Hitler auszureden. Diese Szene weckt natürlich beim Publikum automatisch "was-wäre-wenn"-Assoziationen. Doch Herzl gelingt es, den wegen Überlastung gestressten Tod in ein Gespräch zu ziehen, mit ungesundem - aber was spielt das bei dem Tod für eine Rolle - Tee abzulenken und sich seine Jammerarie über fehlende Hilfskräfte, wie zum Beispiel Würgeengel, anzuhören. Nebenbei ergibt sich ein geistreicher Dialog über den Tod, seine falschen Schrecken und seine Natürlichkeit. Als schließlich Frau Tod doch mit dem zurückgekehrten Adolf Hitler zu Tanzen beginnt - welch allegorisches Bild! -, muss sich Herzl beim Abgang der beiden noch Bemerkungen über nun wieder verfügbare Würgeengel sowie über seine schlechten Zukunftsaussichten anhören.

Bleibt noch zu erwähnen ein Koch namens Himmlischst, der im Hintergrund mit professioneller Kühle und auf unsentimentale Art ein Hühnchen zerlegt und zubereitet. Der Name und die randlose Brille dieser Figur sowie sein emotionsloses Wesen lassen keinen Zweifel an der dahinter stehenden historischen Figur. Dazu zwitschert ein lebendiger Kanarienvogel, den Gretchen dem einsamen Herzl mitgebracht hat und der das einzige unschuldige Lebewesen in diesem Wohnheim darstellt. Bezeichnenderweise ist der Vogel aus dem Käfig verschwunden, wenn Himmlischst hinten das Hühnchen zubereitet. Die dahinter stehenden - oder sollen wir lieber sagen "lauernden"? - Assoziationen drängen sich nicht unmittelbar auf sondern wachsen erst langsam, wie alle bedeutsamen Dinge, mit Abstand zum eigentlichen Geschehen. 

Die Darsteller sind durchweg mit hohem Engagement und viel Gespür für die Gratwanderung am Werk. Jeder ist sich der Tatsache bewusst, dass eine übertrieben Geste, eine aufgesetzte Miene die intendierte Wirkung vernichten und das Stück einer peinlichen Lächerlichkeit aussetzen kann, die besonders bei dieser Thematik desaströs wirken würde. Doch es gelingt dem Ensemble auf hervorragende Weise, diese Untiefen zu umgehen und trotz der grotesken Struktur des Stücks bis zum Schluss nie den Eindruck einer Komödie oder gar einer Klamotte aufkommen zu lassen. Das größte Lob ist dabei Tom Wild als Darsteller des Adolf Hitler zu machen, der diese Rolle in ihren Extremen bis zum Schluss überzeugend und ohne einen Anflug von Slapstick ausfüllt. Harald Schneider gibt einen empfindsamen und an das Gute im Menschen glaubenden Shlomo Herzl, Klaus Ziemann den stets grantelnden und der Wirklichkeit schon halbwegs entfleuchten Lobkowitz. Gabriele Drechsel spielt das Gretchen durchaus glaubwürdig - zur Rolle siehe weiter oben - und Diana Wolf gibt einen äußerlich hinreißenden und durchaus philosophisch angehauchten Tod. Uwe Zerwer brutzelt derweil als Himmlischst mit stoischer Miene im Hintergrund das Hühnchen.

Die nächsten Aufführungen finden am 20. und 28. Oktober sowie am 9.(!) und 22. November statt.

Frank Raudszus

Alle Fotos © Barbara Aumüller