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Auf der
Suche nach dem verlorenen Shlomo |
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Die
Kammerspiele des Staatstheaters
Darmstadt inszenieren George Taboris
Groteske "Mein Kampf" |
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Die berührendste Szene
dieses Abends besteht darin, wenn am Schluss die übergroße,
abstrahierte Menschenstatue aus Drahtgeflecht nackt dasteht, mit
deutlich erkennbarer Schirmmütze des Soldaten und erhobenem
rechten Arm. Um diesen drahtigen SS-Mann liegen in einem großen
Haufen alte Kleider, die vorher um die Figur drapiert waren und jetzt
an Fotos aus der beschämendsten Epoche der deutschen Geschichte
erinnern. Inmitten des Drahtgerüsts sitzt der Jude Shlomo wie in
einem Gefängnis - oder KZ - und hört sich die Beschimpfungen
seines jungen Freundes und die dunklen Prophezeiungen der Dame Tod an. Doch zurück zum Anfang: Ort
der Handlung ist ein Wiener Männerheim, in dem Adolf Hitler nach
der Absage der Kunstakademie (hätte die ihn doch angenommen!!) als
21jähriger mangels Geld einige Zeit gelebt hat und wo er
Postkartenbilder herstellte und verkaufte. Weiterhin ist aus dieser
Zeit bekannt, dass ihn einige Juden in diesem Wohnheim beim Verkauf
seiner Bilder unterstützten. Soweit die historischen Tatsachen.
Tabori nimmt diese Situation auf, erfindet die Mitbewohner des
Wohnheimes neu und führt darüber hinaus noch einige
allegorische und knapp verschlüsselte Personen ein. Außerdem
verlegt er die Bewerbung und das Scheitern Hitlers an der Kunstakademie
in einer Art dichterischer Freiheit in diese Zeit. Das Stück beginnt im
Männerwohnheim mit dem immergleichen Spiel des jüdischen
Buchhändlers Shlomo Herzl und des Kochs Lobkowitz um Herr und
Knecht. Lobkowitz spielt gern den lieben Gott und Herzl muss ihn
entsprechend anbeten. Aus Langeweile spielen beide das Spiel tagein,
tagaus, woraus sich für den Autor viele Gelegenheiten zu Bonmots
und Paradoxien über Religion und Herrschaftsverhältnisse
ergeben, die Tabori mit dem typisch jüdischen Witz nutzt. Herzl
schreibt an einem Buch über sein Leben und dekliniert einige
mögliche Titel von "Meine Memoiren" bis "Auf der Suche nach dem
verlorenen Shlomo" durch, bis ihm Lobkowitz den griffigeren Titel "Mein
Kampf" vorschlägt. Während dieser Diskussion ist der neue
Bewohner eingetreten, der ungefragt den neuen Buchtitel bekräftigt
und sofort von den beiden Alteingesessenen wegen seines vorlauten
Benehmens abgekanzelt wird. Willig durchläuft er das
Eintrittsritual noch einmal, jedoch bereits aufgeladen mit
unterdrückter Wut, die sich dann bald Bahn bricht. Wir erleben
bereits hier Anzeichen des späteren Despoten.
Nun ist es außerordentlich
schwierig für einen Schauspieler, die Rolle dieses Weltverbrechers
zu spielen. Eigentlich kann er angesichts einer breiten Front von Gut-
und Bessermenschen sowie weit verbreiteter Kenntnis des Phänomens
Hitler und weitgehend festgelegter Vorurteile nur verlieren. Selbst ein
Schauspieler wie Bruno Ganz musste sich wegen seiner Hitler-Rolle im
"Untergang" Kritiken verschiedenster Art, auch widersprüchliche,
anhören. Der Zuschauer sagt sich reflexartig "Also, jetzt kommt
der Hitler auf die Bühne. Wie macht der Darsteller das? Das habe
ich mir aber gaanz anders vorgestellt." etc. etc.. Alle anderen
Schauspieler, vor allem die der Opfer, haben es hier leichter, zehren
ihre Figuren doch nicht nur von der Sympathie des Publikums sondern
auch von der Anonymität. In Darmstadt hat Tom Wild die Rolle Adolf
Hitlers übernommen, und allein für diesen Mut gebührt
ihm Anerkennung. Doch abgesehen von einer gewissen Harmlosigkeit zu
Beginn meistert er diese Aufgabe hervorragend. Mit zunehmender
Spieldauer lebt er sich in die Welt dieses frustrierten Cholerikers ein
und zeichnet seine Ausbrüche und Hasstiraden überzeugend
nach, ohne deswegen zur Knallcharge zu degenerieren. Neben der
Möglichkeit, eine solche Fugur als groteske Komikfigur à la
Charlie Chaplin zu spielen, bietet sich auch immer der verzweifelte
Ausweg, zu übertreiben, nur um nicht dem Verdacht der
Verharmlosung zu erliegen. Tom Wild schafft diese Gratwanderung auf
bewundernswerte Weise. Der junge Adolf Hitler bleibt bei ihm ein
Mensch, wenn auch ein arg verklemmter und aus den Fugen geratener, und
er wirkt weder komisch noch als personifizierter "Gott-sei-bei-uns".
Auf die Person Adolf Hitlers - und auch auf Tom Wilds Wiedergabe -
trifft Hanna Ahrends Bemerkung über die "Banalität des
Bösen" am ehesten zu. Im Stück entwickelt Shlomo
Herzl so etwas wie ein Verantwortungsgefühl für diesen
jungen, richtungslosen Mann und kümmert sich um seine Kleidung und
sonstiges Wohlergehen. Er überhört sogar dessen
Schmähgesänge auf die Juden und die persönlichen
Angriffe auf ihn und schreibt diese einem verwirrten Geist zu. Als
Hitler schließlich völlig gebrochen von seinem vergeblichen
Vorstellungsgespräch bei der Kunstakademie zurückkommt,
schlägt er ihm sogar vor, wegen seiner suggestiven Redeweise - von
Eloquenz wollen wir hier nicht reden - in die Politik zu gehen, und
schenkt ihm noch großzügig seinen Buchtitel "Mein Kampf".
Ein wenig unverständlich
wirkt die Figur des Gretchens. Das junge Mädchen hat einen Narren
an dem alten Herzl gefressen und besucht ihn einmal wöchentlich im
Männerwohnheim, um Zeit mit ihm zu verbringen und ihn zu pflegen,
zu herzen und zu küssen. Das Ganze verläuft jedoch weitgehend
asexuell und ist eher von den Idealen der Jugendbewegung und des
späteren BDMs geprägt. Wer will, kann hierin einen Verweis
auf Eva Braun oder auf das Frauenbild der Nazis sehen, was aber nicht
mit der Zuwendung zu Herzl vereinbar ist. Außerdem verwundert in
der Darmstädter Inszenierung ein wenig die Besetzung dieser Rolle
mit Gabriele Drechsel, einer Frau im besten Alter. Sie ist zwar eine
hervorragende Schauspielerin und spielt diese Rolle auch professionell
aus, doch das junge, naive Mädchen nimmt man ihr nicht unbedingt
ab. Da ist die andere Frauenrolle wesentlich geschlossener und
nachvollziehbar: zu Beginn des zweiten Teils kommt eine gewisse Frau
Tod - nomen est omen - in das Wohnheim und fragt Shlomo Herzl nach dem
gerade auf dem Örtchen weilenden Hitler. Herzl nimmt den Namen der
rassigen jungen Frau (Diana Wolff) mit wallender Mähne, Hot Pants,
schwarzen Netzstrümpfen und einem Anflug von "Gothic"-Makeup
wörtlich und versucht, dieser sofort richtige erkannten
allegorischen Figur den Hitler auszureden. Diese Szene weckt
natürlich beim Publikum automatisch
"was-wäre-wenn"-Assoziationen. Doch Herzl gelingt es, den wegen
Überlastung gestressten Tod in ein Gespräch zu ziehen, mit
ungesundem - aber was spielt das bei dem Tod für eine Rolle - Tee
abzulenken und sich seine Jammerarie über fehlende
Hilfskräfte, wie zum Beispiel Würgeengel, anzuhören.
Nebenbei ergibt sich ein geistreicher Dialog über den Tod, seine
falschen Schrecken und seine Natürlichkeit. Als schließlich
Frau Tod doch mit dem zurückgekehrten Adolf Hitler zu Tanzen
beginnt - welch allegorisches Bild! -, muss sich Herzl beim Abgang der
beiden noch Bemerkungen über nun wieder verfügbare
Würgeengel sowie über seine schlechten Zukunftsaussichten
anhören. Bleibt noch zu erwähnen ein
Koch namens Himmlischst, der im Hintergrund mit professioneller
Kühle und auf unsentimentale Art ein Hühnchen zerlegt und
zubereitet. Der Name und die randlose Brille dieser Figur sowie sein
emotionsloses Wesen lassen keinen Zweifel an der dahinter stehenden
historischen Figur. Dazu zwitschert ein lebendiger Kanarienvogel, den
Gretchen dem einsamen Herzl mitgebracht hat und der das einzige
unschuldige Lebewesen in diesem Wohnheim darstellt. Bezeichnenderweise
ist der Vogel aus dem Käfig verschwunden, wenn Himmlischst hinten
das Hühnchen zubereitet. Die dahinter stehenden - oder sollen wir
lieber sagen "lauernden"? - Assoziationen drängen sich nicht
unmittelbar auf sondern wachsen erst langsam, wie alle bedeutsamen
Dinge, mit Abstand zum eigentlichen Geschehen. Die Darsteller sind durchweg mit
hohem Engagement und viel Gespür für die Gratwanderung am
Werk. Jeder ist sich der Tatsache bewusst, dass eine übertrieben
Geste, eine aufgesetzte Miene die intendierte Wirkung vernichten und
das Stück einer peinlichen Lächerlichkeit aussetzen kann, die
besonders bei dieser Thematik desaströs wirken würde. Doch es
gelingt dem Ensemble auf hervorragende Weise, diese Untiefen zu umgehen
und trotz der grotesken Struktur des Stücks bis zum Schluss nie
den Eindruck einer Komödie oder gar einer Klamotte aufkommen zu
lassen. Das größte Lob ist dabei Tom Wild als Darsteller des
Adolf Hitler zu machen, der diese Rolle in ihren Extremen bis zum
Schluss überzeugend und ohne einen Anflug von Slapstick
ausfüllt. Harald Schneider gibt einen empfindsamen und an das Gute
im Menschen glaubenden Shlomo Herzl, Klaus Ziemann den stets
grantelnden und der Wirklichkeit schon halbwegs entfleuchten Lobkowitz.
Gabriele Drechsel spielt das Gretchen durchaus glaubwürdig - zur
Rolle siehe weiter oben - und Diana Wolf gibt einen
äußerlich hinreißenden und durchaus philosophisch
angehauchten Tod. Uwe Zerwer brutzelt derweil als Himmlischst mit
stoischer Miene im Hintergrund das Hühnchen. Die
nächsten
Aufführungen finden am 20. und 28. Oktober sowie am
9.(!) und 22. November statt. Alle Fotos © Barbara Aumüller |
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