![]() |
Monolog
über das ewige Prinzip von Siegern und Verlieren |
![]() Ihre Meinung über E-Mail hier |
Die
Barfestspiele des Staatstheaters Darmstadt starten mit der
Erzählung "Die Birnen von Ribbeck" |
|
Der Schriftsteller F. C. Delius hat dieses
Gedicht zur Vorlage für eine kritische Erzähklung genommen,
die nach der Wende in der DDR - heute "Neue Bundesländer" -
spielt. Die Einwohner des 800-Seelen-Dorfes Ribbeck östlich von
Berlin sehen sich eines Tages Anfang der 90er Jahre einem Tross
Berliner Limousinen gegenüber, denen lärmende Westler
entsteigen. Mit selbstdarstellerischer Pose und jounalistischer
Begleitung pflanzt diese "Event-Truppe" einen Birnbaum, um das Gedenken
an Theodor Fontane und sein berühmtes Gedicht zu fördern - in
Wirklichkeit wohl eher, um sich selbst vor den "ostzonalen" Bauern zu
inszenieren und anschließend zum nächsten aufzumischenden
DDR-Dorf weiterzuziehen. Die Einwohner, in der Erzählung vertreten
durch einen einzelnen Landwirt, beobachten diese Aktion mit sehr
gemischten Gefühlen, und der Protagonist knüpft daran einen
längeren Monolog über Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft
des Dorfes Ribbeck im speziellen und der "neudeutschen" Gesellschaft im
allgemeinen. In der Bar der Kammerspiele im
Untergeschoss des Staatstheaters, die sich ideal für kleinere
Einpersonenstücke eignet, spielt Andreas Manz diesen verwirrten
bis verzweifelten Einwohner unter der Regie von Romy Schmidt. Seine
Herkunft prädestiniert Andreas Manz für diese Rolle, hat er
doch selbst als vierundzwanzigjähriger Student in Ostberlin Wende
und Wiedervereinigung mit ihren eigentümlichen
Begleiterscheinungen erlebt. Zu Beginn ertönt - natürlich -
das Gedicht selbst, von Manz gesprochen. Dann naht sich dieser mit
einer freien Saxophon-Improvisation über die Themen "Auferstanden
aus Ruinen" sowie "Einigkeit und Recht und Freiheit" der Bar, legt das
Saxophon nach ein paar dissonanten Quietschern (sic!) ab und setzt sich
an den Tresen zu den Gästen, als sei er in der Dorfkneipe von
Ribbeck. Im Folgenden erzählt er die Geschichte der
Birnbaum-Gäste aus dem Westen - eigentlich aus dem östlich
gelegenen Berlin - einem imaginären Wirtshauspublikum, das er sich
mittendrin spontan aus den neben ihm sitzenden Gästen rekrutiert. Die Gedanken des einsamen
Biertrinkers - dazwischen heizt er sich hin und wieder mit einem
Schnaps ein - gehen zurück zu der Zeit Fontanes, als die
Gutsherren - auch Junker genannt - gar nicht so freundlich waren wie in
dem Gedicht. Ausbeutung der Bauern, überlange Arbeitszeiten und
schlechte Behandlung waren an der Tagesordung, und wenn ein Gutsherrn
mal großzügig war, folgte ihm immer ein knauseriger Erbe.
Kaum war der Spätfeudalismus mit dem deutschen Kaiserreich
untergegangen, folgten bald die Herren des real reduzierten
tausendjährigen Reiches - diese lässt Delius
interssanterweise in seinen Betrachtungen außer Acht - und dann
die anfangs gefeierte "Befreiung" durch den Sozialismus. Die
anfängliche Begeisterung und Aufbruchsstimmung in der
Nachkriegszeit und der frühen DDR wichen aber bald der
Enttäuschung und einer gewaltigen Ernüchterung, als
Bürokratie und totalitäre Unterdrückung einsetzten.
Bestellten die Bauern anfangs noch den nun ihnen gehörenden Grund
und Boden mit Elan und Fachkenntnissen, regierten bald ferne
Bürokraten ohne Fachkenntnisse die großen LPGs, was
zwangsläufig in Misswirtschaft, falsche Schuldzuweisungen und
Demotivation mündete. Der Untergang der DDR war damit
vorprogrammiert, obwohl der tägliche Fleiß der Bewohner das
System noch eine ganze Weile mühsam über Wasser hielt.
Diese Vergangenheit, nur zum
Teil seine eigene, ruft sich der einsame Trinker ins Gedächtnis
und gerät dabei bereits langsam in eine innere Erregung. Die
Erinnerung an die Überwachung und Bespitzelung zu DDR-Zeiten
lässt ihm buchstäblich das Bier hochkommen, so dass er einmal
kräftig rülpst, die wahre Verzweiflung setzt jedoch nach der
Wende ein. Wieder beginnt man mit großen Hoffnungen, nachdem
Stasi und Partei entsorgt sind, muss jedoch bald erkennen, dass alles
umsonst ist. Sorgsam gehegte und gepflegte Produkte des Ackers werden
gnadenlos untergepflügt, weil sie auf dem Weltmarkt nicht zu
verkaufen und im übersättigten EU-Markt nicht erwünscht
sind. Effizienz heißt das Gebot der Stunde, und da sind die
westlichen Produktionsmethoden oder gar eine Maschine allemal besser
als ein einfältiger DDR-Bauer. Hatten früher SED-Bonzen den
Bürgern das Wort verboten und Angst verbreitet, so kommen jetzt
oberschlaue "Wessis", die ähnliches aus fachlichen Gründen
vorbringen. Der (DDR-)Bauer fühlt sich ein weiteres Mal
verschaukelt und versteht die Welt nicht mehr. Andreas Manz trägt all dies
im Stile eines ländlichen Stammtisch-Besuchers vor, aufgebracht,
direkt und mit einem gehörigen Schuss Frustration und wachsender
Wut. Der zunehmende Alkoholgenuss - real alkoholfreies Bier und Wasser
aus der Schnapsflasche - lässt ihn im wahrsten Sinne des Wortes
immer mehr aus den Fugen geraten, so dass die Stimme langsam etwas
schwer wird und sein Gang unsicherer. Dabei gerät seine
Angetrunkenheit nicht zum platten Slapstick sondern bleibt in dem
scheinbar kontrollierten Rahmen, den Angetrunkene bewusst um sich
aufbauen, um Nüchternheit vorzutäuschen. Am Schluss nimmt er
sich das Buch von F. C. Delius und verlässt die Bar unter
murmelndem Vorlesen der letzten Sätze. Das Publikum war von dieser
Einmann-Vorstellung außerordentlich angetan und zeigte dies mit
anhaltendem Beifall. Nicht nur die hohe Gedächtnisleistung sondern
vor allem die glaubwürdie Darstellung einer von der Wirklichkeit
schwer gebeutelten Gesellschaft waren die Hauptmerkmale diese Abends.
Bisweilen sah man nicht mehr den Schauspieler Andreas Manz in diesem
einsamen Mann an der Bar sondern tatsächlich einen vollkommen aus
der Bahn geworfenen, sich aus Verzweiflung dem Alkohol hingebenden
Bewohner einer von der Welt überrolten Region. Alle Fotos © Barbara Aumüller |
|