Auf der Suche nach der verlorenen Schuld




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Verbrennungen



















































































































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Das Staatstheater Darmstadt inszeniert Wajdi Mouawads Familiendrama "Wälder"


Wenn die Zuschauer den Saal des Kleinen Hauses betreten, sitzt mitten an der Rampe, vor dem heruntergelassenen eisernen Vorhang, eine Schauspielerin in Punk-Aufmachung mit dem Rücken zum Publikum auf einer Art Laufsteg. Da dieser Laufsteg bis in die zweite Reihe hineinragt, entsteht einige Unruhe bei der Platzwahl, bis die Plätze um diesen neuralgischen Punkt leer geräumt sind. Da das Programmheft nur Interviews und Hintergrundinformation enthält, steht der Zuschauer erst einmal ratlos vor der Szenerie, ohne sich auf eine bestimmte Handlung vorbereiten zu können. Das ist der Vorteil des klassischen Theater-Kanons, dass man sich jederzeit vorher aus dem heimischen Bücherschrank oder aus einfach zu erschließenden öffentlichen Quellen über den Handlungsablauf informieren kann. Hier muss man sich auf Unbekanntes einlassen.

Wer Mouawads "Verbrennungen" im letzten Jahr gesehen hat, ahnt, dass es sich auch hier um eine äußerst vielschichtige, nur mit hoher Konzentration nachzuvollziehende Familiengeschichte handelt, und liegt richtig in dieser Annahme. Für Leser dieser Rezension wollen wir deshalb etwas tiefer in die Handlung einsteigen, um sozusagen "Sehhilfe" zu leisten.

Maika Troscheit (Loup)
Maika Troscheit (Loup)

In der ersten Szene feiert die junge Aimeé ausgerechnet am Tag des Berliner Mauerfalls ihre frische Schwangerschaft mit Freunden und erleidet dabei einen epileptischen Anfall. Die Diagnose ergibt einen Gehirntumor, der sie vor die Alternative Kind oder Leben stellt. Sie jedoch bläst die bereits beschlossene Abtreibung ab, als sie von einem Massaker erfährt, bei dem am selben Tag ein Amokläufer vierzehn Frauen umgebracht hat. Ihr Mädchen soll leben, auch wenn sie sterben muss. Wir ahnen, das Mädchen vorne, das sich die Szene reglos angesehen hat, ist eben diese Tochter, die nach dem Tod der Mutter - das Stück ist 2004 entstanden, man kann also zeitliche Kongruenz voraussetzen - deren Spuren nachgeht. Das Mädchen namens Loup (Maika Troscheit) - der  "Wolf" - leidet unter mehreren Traumata: erstens fühlt sie sich am Tod der Mutter schuldig, was rein medizinisch durchaus zutrifft; zweitens fühlt sie sich ausgestoßen, da ihre Eltern sie ursprünglich abtreiben wollten; drittens verdankt sie ihr Leben einem Massaker unter Frauen. Völlig aus der Bahn geworfen, läuft sie von zu Hause fort, begibt sich in die provokative Außenseiterrolle einer Punkerin und läuft dem Paläontologen Dr. Dupontel (Uwe Zerwer) - sie nennt ihn stets Patentologen - über den Weg, der das menschliche Gesicht eines zertrümmerten Frauenschädels wiederherstellen will, den sein Vater einst in einem KZ fand und in mühevoller Kleinarbeit zusammensetzte.

Diese beiden jetztzeitigen Protagonisten geben sozusagen den Rahmen der ersten Ebene ab und spielen daher ganz vorne an der Bühnenrampe. Von dort aus verweist das rote Band des bereits erwähnten "Laufstegs" auf die Szenerie der rückwärtigen Bühne, auf der sich die Szenen verschiedener Epochen abspielen, so, wie die beiden sie mit Hilfe von Überlebenden und Behörden recherchieren. Dabei verweben sich die einzelnen zeitlichen Ebenen ineinander, und es kann vorkommen, dass die auf einems alten Fotos aus den vierziger Jahren dargestellten Menschen einzeln aus dem gestellten Bild steigen und als Nachfahren der einst Fotografierten über deren Leben Auskunft geben. Oder eine andere Person, Dreh- und Angelpunkt einer längeren Familiengeschichte, erscheint in kurzer Folge als dieselbe Person in verschiedenen Lebensphasen - vom Kind bis zum alten Mann. Das erschwert die Rezeption natürlich außerordentlich, muss man doch die sichtbaren Personen auf der Bühne nur aufgrund ihrer Mimik, Gestik und natürlich des jeweils Gesagten der richtigen Epoche zuordnen. Die Verteilung eines Lebens, vom Kind bis zum alten Mann, auf verschiedene Darsteller, wie es im Film möglich und üblich ist, verbietet sich angesichts der dichten Erzählhandlung und ist auch nicht beabsichtigt. Und eine vorgeschickte Erklärung "Ich bin jetzt Kind" würde dem assoziativen Erzählstil eine falsche Rationalität überstülpen. Denn Mouwads Theatertechnik setzt stark auf die Erinnerung und das verschwimmen zeitlicher Ebenen in dieser. Auf der anderen Seite lassen sich durch Assoziationen vergangene Zeiten entweder wieder hervorrufen, soweit selbst erlebt, oder imaginieren. Diese Imagination gerade will Mouawad auf der Bühne heraufbeschwören, und das gelingt ihm hervorragend, auch wenn es das Verständnis des Handlungsablaufs erschwert.

Hans Matthias Fuchs (Baptiste), Karin Klein (Aimée), Diana Wolf, Christina Kühnreich, Tino Lindenberg, Tilman Meyn
Hans Matthias Fuchs (Baptiste), Karin Klein (Aimée), Diana Wolf, Christina Kühnreich, Tino Lindenberg, Tilman Meyn

Da Aimeé während ihrer Anfälle immer von einem Soldaten Lucien mit einem Messer fantasiert hat, geht das ungleiche Forscherpaar dieser seltsamen Spur nach. In einer Art logischen Bruchs wird aus der Sicht des objektiven Autors dem Publikum die Geschichte von Lucien erzählt, der im ersten Weltkrieg im Kampf seinen Bruder tötet (warum??) und mitten im tiefen Wald von  drei alleinstehenden jungen Frauen gesund gepflegt wird. Das hat etwas vom Grimmschen Märchen, denn die drei Mädchen kennen die Welt außerhalb des Waldes nicht und erwarten von Lucien, dass er ihre Mutter aus den Fängen des furchtbaren Bruders rettet, der sie in einer Grube gefangen hält. Bevor er dies tun kann, schwängert er eines der Mädchen, womit das Fortbestehen eines Familienstammbaums zumindest um eine Generation gesichert ist. Man ahnt, dass diese düstere Geschichte etwas mit Loups Familie zu tun hat, kann es aber nicht zuordnen.

Doch die beiden treffen sich auf jeden Fall mit Loups Großmutter Luce, die alle Verbindungen zu ihrer Tochter abgebrochen hat und sich in eine innere Emigration zurückgezogen hat. Erst nach Überwindung ihres Misstrauens gegenüber Loup erfährt diese, dass Luce als Säugling von Europa nach Amerika gekommen ist, man ihr aber immer versprochen hatte, ihre Mutter werde sie eines Tages abholen. Als dieses Versprechen sich nicht erfüllte, sank sie immer tiefer, wurde Striptease-Tänzerin und verfiel dem Alkohol, bis man ihr ihre Tochter Aimeé abnahm. Eine tiefgreifende seelische Verletzung also auch hier.

Über Luces Erzählungen kommen die beiden ungleichen Forschungsreisen auf den Namen Keller, der eine Rolle in der Famíliengeschichte spielte. Auch hier serviert der Autor die Keimzelle des Unglücks als "Eigner der Erzählung", ohne dass Loup oder Dupontel zu diesem Zeitpunkt davon wissen (können): Am Ende des deutsch-französischen Krieges 1870/71 entscheidet sich der elsässische Bergwerksbesitzer Alexandre Keller für Deutschland. Sein idealistischer Sohn Albert hasst seinen Vater für die in seinen Bergwerken arbeitenden Kinder und die ebenfalls dort massenweise umkommenden Tiere. Er heiratet aus Protest die junge, angeblich von einem Vergewaltiger schwangere Odette, ohne zu wissen, dass sie die Geliebte seines Vaters und werdende Mutter dessen Kindes ist. Mit dem Geld aus dem Erbe seiner Mutter zieht sich Albert mit Odette tief in den Ardenner Wald zurück, da er die Welt als eine der Geschäfte seines Vaters hasst. Auch diese Szene  wird immer wieder eingerahmt von Vertretern einer späteren Generation, deren Bedeutung man zwar ahnt, aber (noch) nicht entschlüsseln kann.

Der Ardenner Wald ist natürlich nicht willkürlich als weltferner Ort eines vermeintlichen Paradieses gewählt. Hier zitiert Mouawad Shakespeares "Sommernachtstraum", der ebenfalls persönliche und gesellschaftliche Beziehungen auf unheilvolle - aber letztlich glückhaft endende - Weise durcheinanderbringt und miteinander verkettet. Doch man ahnt, dass hier das Paradies sich nicht einstellen wird, gründet es doch auf der familiären Lüge von Odettes Kindern. Von Alexandre sind Hélène und Edgar, von Albert Edmond, auch das "Giraffenbaby" genannt. Von Edmond ist später immer wieder die Rede, sein Name taucht in späteren Dokumenten auf, und Ludivine, die Mutter der sehnsüchtig auf sie wartenden Luce (man sieht, jetzt wird es sogar beim Lesen schwierig!) sucht ihn in den dreißiger und vierziger Jahren, um selbst mehr über ihre Herkunft zu erfahren. Denn sie ist selbst einst in einem Waisenhaus aufgewachsen und erinnerte sich nur noch an "Edmond, das Giraffenbaby". Als sie ihn schließlich während des zweiten Weltkrieges findet, erweist er sich als auf dem Stand eines Kindes stehengeblieben und redet nur in kindlichen Sätzen über seine Tiere. Offensichtlich hat ihm ein schwerer Schock das Realitätsbewusstsein geraubt.

Diana Wolf (Odette), Tilman Meyn (Albert), Christina Kühnreich (Hélène)Diana Wolf (Odette), Tilman Meyn (Albert), Christina Kühnreich (Hélène)

Doch auch hier erfährt der Zuschauer in der Szene "Hélènes Haut" mehr über den Hintergrund, und langsam schält sich die Familiengeschichte quälend aus Edmonds Erinnerungen. Albert hat sich tief im Ardenner Wald endgültig von der Realität verabschiedet und ein eigenes Gesetz geschaffen. Er verliebt sich in seine vermeintliche Ziehtochter Hélène - in Wahrheit seine Halbschwester - und zeugt mit ihr Kinder. Sein Sohn Edgar, der sich im Wald zu Recht von der Realität abgeschottet sieht, hält dies nicht aus, tötet den eigenen Vater (Ödipus lässt grüßen) und springt selbst in die Grube mit den gefährlichen Bären. Seine Mutter Odette springt hinterher, und zurück bleiben nur die schwangere Hélène und der naive Edmond.

Die vorletzte Szene bringt dann die Auflösung der tragischen Verkettungen. Ludivine findet im zweiten Weltkrieg zu einer französischen Widerstandsgruppe und lernt dort das jüdische Paar Sarah und Samuel kennen. Als Samuel deportiert wird, tauscht die kinderlose Ludivine mit der schwangeren Sarah die Papiere, um auf jeden Fall deren Leben als Mutter zu retten. Die kleine Luce flieht mit einem amerikanischen Flieger zurück nach Amerika, Sarah kann als Nichtjüdin Ludivine untertauchen und die echte Ludivine kommt als vermeintliche Sarah im Konzentrationslager um. Ludivines Mutter war Hélène, die nach der Katastrophe im Ardenner Wald ihr Kind ins Waisenhaus gab und selbst verschwand. Diese Einzelheiten ergeben sich stückweise aus Hinweisen von Mitgliedern der Widerstandsgruppe und anderer entfernt Beteiligter sowie aus Edmonds Tagebuch, das dieser der ersten Person vermacht hat, die sich jemals nach ihm erkundigen wird. Es ist Loup.

Durch das Ende der düsteren Dynastie Keller mit der unfruchtbaren Ludivine fällt auch die Last des vermeintlichen familiären Erbes von Loups Schultern, die sich unversehens als Urenkelin jüdischer Widerstandskämpfer sieht. Sie kann schließlich zu sich und auch wieder zu ihrem Vater finden und trennt sich von ihrem Begleiter in beiderseitiger Sympathie und mit einem gesunden Optimismus für ihr weiteres Leben. Die griechische Tragödie, die so lange in der Familie Keller gewütet hat, ist an ihr vorbeigegangen, jedoch nicht, ohne Zeichen zu hinterlassen. Am Ende sitzen alle Frauen dieses Stücks als Schwangere mit runden Bäuchen auf der Balustrade und lassen die Zukunft hochleben. Mouawad sieht das menschliche Leben also nicht aus der fatalistischen Perspektive der griechischen Tragödienschreiber sondern gesteht den Menschen immer wieder einen Neuanfang zu. Keller ist vorbei, es lebe Loup. Man könnte das natürlich auch so interpretieren: Faschismus ist Geschichte, die Ausbeutung geht irgendwann an sich selbst zugrunde - aber auch die Vision eines irdischen Paradieses, das es nicht gibt und dessen Umsetzung meist in der Katastrophe endet.

Diana Wolf (Maya), Hubert Schlemmer (Francois), Matthias Kleinert (Armand), Karin Klein (Sarah), Therese Herberstein (Ludivine)
Diana Wolf (Maya), Hubert Schlemmer (Francois), Matthias Kleinert (Armand), Karin Klein (Sarah), Therese Herberstein (Ludivine) 

Mouwad hat mit diesem Theaterstück beileibe nicht nur eine spannende und tragische Familiengeschichte konstruiert, sondern die Geschichte der europäischen Gesellschaft der letzten einhundertfünzig Jahren im Zeitraffer anhand konkreter Schicksale abgehandelt. Dabei ist ihm eine außerordentlich dichte und eindringliche Darstellung gelungen, die bewusst im Zwielicht traumatischer Erinnerungen gefangen bleibt, denn das ganze letzte Jahrhundert war eine einzige traumatische Erfahrung. Bei aller Dramatik verfällt er nie der Sentimentalität oder gar dem Kitsch. Auch die politische Seite mit (Juden-)Verfolgung, Krieg und Konzentrationslager handelt er nicht mit moralischer Entrüstung und plakativen Bildern ab, sondern als Beschreibung von Fakten. Mouawad ist sich der Tatsache bewusst, dass eben diese Fakten für sich allein sprechen und keiner pseudo-moralischen Verstärkung durch Nachgeborene bedürfen. Gerade durch die Beschränkung auf die reine Beschreibung des Schreckens wirkt dieser umso stärker.

Das Bühnenbild ergänzt und erläutert die Handlung auf eindrückliche und doch nicht aufdringliche Weise. In der Mitte der Bühne erhebt sich ein Hügel, der einerseits den Eingang zu einem Bergwerk, andererseits einen Schützengraben oder gar die ursprüngliche Wohnstatt der Familie Keller mitten im Ardenner Wald darstellt. Darum herum gruppieren sich die wenigen Requisiten der jeweiligen Szene. Als weiterer durchgängiger Bestandteil dreht sich eine halbrunde Mauer aus - vermeintlichem - Beton in das Bild und lässt durch die zackigen (Einschuss-)Löcher die Szenerie dahinter erkennen. Auch diese Mauer steht für Krieg, Zerstörung und Raubbau an der Natur.

Die Darsteller haben an diesem Abend Schwerstarbeit zu verrichten. Nicht nur ist die Personage außerordentlich groß, sondern auch die Szenen gehen derart ineinander über oder überlagern sich simultan, dass die Schauspieler permanent ihre Rolle tauschen müssen. Fast jeder Darsteller hat während der dreistündigen Aufführung zwei oder gar mehr Rollen zu absolvieren, so dass allein schon der Kostümwechsel zum Wettrennen mit der Zeit wird. Alle gehen jedoch mit hohem Engagement und außerordentlicher Konzentration an ihre Rollen. Hervorzuheben ist aus diesem hochkarätigem Ensemble Maika Troscheit als Loup, die während der gesamten Aufführung stets präsent ist und eine verzweifelt-aggressive oder tief verletzte und misstrauische junge Frau zu spielen hat. Das stellt höchste Anforderungen an sie, denen sie jedoch vollständig gerecht wird. Daneben möchte man eigentlich niemanden hervorheben, da das den jeweils anderen gegenüber ungerecht wäre. Doch Karin Klein als Aimeé und Sarah oder Christina Kühnreich (Jeanne, Hélène) verdienen es vielleicht, wobei man aber in einem Atemzug Diana Wolf (Odette), Timan Meyn (Albert) und weitere nennen müsste. Belassen wir es also dabei, das gesamte Ensemble für diese eindrucksvolle Leistung zu loben.

Wir hoffen, das wir mit dieser Inhaltsschilderung Interessenten einen kleinen Handlungsfaden an die Hand geben konnten.

Weitere Aufführungen finden am 5. und 18. November statt.

Frank Raudszus

Alle Fotos © Barbara Aumüller