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Märchen
ohne Modernisierung |
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Das
Staatstheater Darmstadt inszeniert Mozarts "Zauberflöte" neu |
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Statt einer
Handlungsbeschreibung wollen wir uns dieses Mal nur einigen
psychologischen Aspekten zuwenden, die der Handlung zugrunde liegen.
Bekanntlich bringen Märchen allgemein verinnerlichte Erkenntnisse
über das menschlichen Wesen und seine Schwächen auf den
Punkt, ohne dabei soziologische oder philosophische Fachtermini zu
verwenden. Der gesunde Menschenverstand kann dieses Wissen durchaus in
einfache, holzschnittartige Figuren verpacken, die bei aller
Reduzierung doch den Kern der Erkenntnisse plastisch wiedergeben.
Die "Zauberflöte" erweist
sich dabei als ein typisches Abbild des patriarchalischen Denkens, in
dem der Mann - Sarastro - für Strenge, Weisheit und Enthaltsamkeit
steht, die Frau - Königin der Nacht - jedoch für Intrige,
Falschheit und Machtgier. Pamina als ihre Tochter steht für die
liebreizende, anschmiegsame aber unselbständige Seite dieses
Frauenbildes. Ein Siegmund Freud hätte sich mit Feuereifer auf das
Libretto stürzen und es sezieren können (hat er's
eigentlich?). Hinter der Abwertung und Dämonisierung der Frau
steht offensichtlich die männliche Angst vor der weiblichen
Sexualität und der Macht, die sie mit ihr über die
Männer ausübt. Der eigenen Ohnmacht gegenüber der
sexuellen Macht der Frauen setzen die Männer gerne das hohe Ideal
der Askese und des Verzichts wie einen Schild entgegen, wobei sie das,
was sie lieben und fürchten, um der Erhaltung der eigenen
Autonomie zu vermichten bereit sind. Die einzelnen Figuren der
"Zauberflöte" deklinieren diese Erkenntnis auf verschiedene Arten
durch. Der "staatstragende" Tamino willigt in alle ihm vom verehrten
Sarastro auferlegten Prüfungen klaglos ein, um in erster Linie
dessen Anerkennung und erst in zweiter Linie Paminas Liebe zu erlangen. Im Gegensatz dazu ist Papageno der unverfälschte
Naturmensch ohne "teleologischen" Überbau, dem es lediglich um
eine anständige und einigermaßen angenehme Zeit auf dieser
Erde geht. Aus Taminos und Sarastros Stoff sind Ideologen mit all ihren
Schrecken gemacht, aus Papagenos die namen- aber auch harmlosen
Normalbürger. Monostatos stellt den heimlich gefürchteten
weil ungewohnten Exoten dar, dem man nach jahrhundertelang geübter
Tradition eher Böses als Gutes unterstellt. Die drei Frauen stehen
als Vertreterinnen der Königin der Macht für die Eifersucht
und verderbliche weibliche Libido, wähend die drei Knaben als
Gesandte Sarastros (sic!) für Unschuld und Hilfsbereitschaft
stehen. Ein Schelm, wer hier eine homosexuelle Grundschwingung zu
erkennen glaubt... Soweit zur ungebrochenen Macht
des Märchens. Berücksichtigt man diese Aspekte, so wird
schnell offensichtlich, das jegliche forcierte Aktualisierung des
Stoffs, wie wir sie von früheren Inszenierungen kennen, diese
einfachen Botschaften verfälschen wenn nicht gar zerstören
muss. Dann überwiegen die Zeichen eines aktuellen Gesellschafts-
und Politikbezuges die zeitlosen Mythen des Märchens. Ob dies nun
im Sinne einer aufgeklärten Gesellschaft vertretbar ist, ist dabei
eine andere Frage. Es lässt sich jedoch auf jeden Fall in Frage
stellen, ob eine rationale Aufklärung uralte Menschheitsmythen
"per definitionem" aufheben kann. Ähnliches gilt auch für die
Ironie als distanzierter Variante der Aktualisierung. Auch sie
relativiert Mythen, gibt sie im besten Fall dem Lachen, im schlechteren
der Lächerlichkeit preis und tut ihnen damit letztlich Unrecht. Bettina Geyer geht -
offensichtlich aus diesen Überlegungen - die Oper neu und doch im
ursprünglichen Sinne an. Schon Mozart und Schikaneder hatten die
"Zauberflöte" als Singspiel für das einfache Volk konzipiert,
und nichts dürfte ihnen ferner gelegen haben als Belehrung oder
sozio-psychologische Analyse des Stoffes. Unterhaltung mit einem
märchenhaften Stoff, naives - wir würden heute sagen
"authentisches" - Mitleiden und Mitfreuen mit den Protagonisten standen
im Vordergrund. Und so legt auch Bettina Geyer ihre Inszenierung an.
Sie belässt jeder Figur ihren eigenen Bedeutungsraum aus der
Märchenhandlung und verzichtet auf jede weitere Interpretation.
Darüber hinaus schafft sie durch das Bühnenbild und die
Kostüme von Walter Schütze eine Atmosphäre jenseits
unserer Alltagswirklichkeit, ohne deswegen dem Kitsch zu verfallen.
Farben und Beleuchtung bewirken eine märchenhafte Stimmung, und
das unmittelbar auf die konkreten Handlungselemente konzentrierte Spiel
sorgt für Spannung, wie sie Kinder beim Vorlesen eines
Märchens empfinden mögen.
Die Darsteller finden sich in
die von Mozart und Schikaneder definierten Rollenbilder hinein und
interpretieren sie vollständig im ursprüglichen Sinn. Humor
ist erlaubt, und nicht zu knapp, doch keine Ironie. Papageno lebt auf
sympathische Weise in den Tag hinein, ohne daraus eine prinzipielle
Gegenposition zu Tamino aufzubauen. Er versteht einfach dessen Welt
nicht, abgesehen von der Liebe zu Pamina. Tamino ist nicht mehr als ein
verliebter Prinz, der trotzdem nach Höherem strebt und an dem
Widerspruch von individueller, erotischer Neigung und Verantwortung
für das Gemeinwesen fast zerbricht. Sarastro ist kein abgehobener
Weiser im Hintergrund der Bühne, sondern bewegt sich bewusst im
Vorderfeld des Volkes, da wo auch Papageno sich aufhält, und
versucht, in diese prinzipenlose Welt seine Ordnung zu bringen. Er ist
weder emotionsloser Bürokrat noch rücksichtsloser
Machtmensch. In seiner Unentschiedenheit zwischen Prinzip und Leben
wird er in gewisser Weise selbst zur tragischen Figur. Da hat es die
Königin der Nacht einfacher, da sie eindimensionaler lebt: sie
will die Macht von Sarastro und setzt dafür ohne jegliche Skrupel alle Hilfsmittel und -kräfte ein. Sie
macht auch keinen Entwicklungs- oder gar Reifeprozess durch, sondern
geht ganz in der Rolle der bösen Stiefmutter aus dem Märchen
auf. Zur Strafe wird sie zum Schluss auch in die Flucht gejagt. Walter Schützes
Bühnenbild bezieht seine Wirkung aus seiner Unmittelbarkeit. Ein
bühnengroßer, guckkastenartiger Raum mit
Kassettenwänden und anderen Versatzstücken des 18.
Jahrhundert deutet in etwa Mozarts Zeit an, doch ohne allzu konkreten
Bezug, und könnte sowohl großbürgerlicher Salon als
auch Palast sein. Innerhalb dieses Rahmens spielen sich die einzelnen
Szenen mit nur wenig wechselnden Requisiten auf der Bühne selbst
ab. Zu Beginn reckt hier ein großer Baum seine Äste in den
Bühnenraum, über die sich die bewusste Schlange windet.
Später hebt sich der Baum und gibt die Königin der Nacht
frei, die aus der Erde (=Nacht) steigt, und bleibt mit seinen blau
gefärbten Wurzeln wie eine Krake in der Luft hängen. Um den
Baum herum deutet künstliches Grün den Waldboden an, bleibt
dort jedoch auch in den anderen Szenen der Einfachheit halber - wie
beim Kasperle-Theater - liegen. Kinder stören sich nicht daran,
wenn eine Requisite nicht unbedingt zum momentanen Ort der Handlung
passt, sondern blenden sie einfach aus, und das sollten Erwachsene beim
Märchen ebenfalls tun. Die Änderung der Umgebung
erfolgt im Wesentlichen über die Beleuchtung, die Walter
Schütze intensiv zur Herstellung der jeweils benötigten
Atmosphäre einsetzt. das funktioniert ausgezeichnet, erreicht er
hiermit doch eine den jeweiligen Handlungsstand dramaturgisch
unterstützende Wirkung, die beim Publikum ankommt. Obwohl die
Geschichte nun wirklich allen Opernbesuchern zu Genüge bekannt ist
und nicht gerade vor stringenter Logik strotzt, sitzt das (erwachsene)
Publikum zeitweise so gebannt im Zuschauerraum, als ob sich unten ein
Thriller mit unbekannten Ausgang abspielte, und kein Husten ist zu
vernehmen. Diese Wirkung beruht natürlich nicht nur auf der
Beleuchtung, sondern auch auf dem konzentrierten Spielfluss, der sich
ganz der Handlung widmet und einen richtiggehenden Spannungsbogen
aufbaut. Der Rezensent sah sich selbst von der Spannung der eigentlich
simplen Handlung angesteckt.
Die Kostüm bewegen sich in
einem fiktiven historischen Raum etwa zwischen 18. und 20. Jahrhundert.
Tamino kommt als eine Art Rokokko-Jägerbursche in Kniebundhose und
Joppe daher, Pamina trägt von Anfang bis Ende ein einfaches
weißes Kleid, die Königin ein hochgeschlitztes
Paillettenkleid zur blonden Vamp-Perücke, und Sarastro tritt im
zurückhaltenden schwarzen Anzug auf. Monostatos sieht ein wenig
exostischer aus mit seiner Livree. Vor allem hat man sein Gesicht blau
geschminkt und damit - anstatt den üblichen "Mohr" auf die
Bühne zu stellen - die andersartige Hautfarbe abstrahiert. Die
drei Damen erweisen sich äußerlich als brave Hausfrauen im
Dirndl- oder Folklore-Look, und die drei Knaben kommen in kurzen Hosen
und Kniestrümpfen daher. Man sieht: die Kostüme verbreiten
keine "Botschaft", sondern weisen ihre Träger als das aus, was sie
im Rahmen des Librettos sind. Wie bereits gesagt, besticht die
Inszenierung durch ihre kompakte Handlungsorientierung. Hier
spielt man tatsächlilch auf der Bühne, als ginge es um das
Weihnachtsmärchen für Kinder, und erweist dem Märchen
und damit dem Singspiel seine Reverenz. Die Regie verzichtet sogar auf
spektakuläre bzw. "billige" Effekte und lässt zum Beispiel
die Feuer- und Wasserprobe nur zu angedeuteten Lichtspielen dieser
beiden Elemente ablaufen und stattdessen die Musik aus dem
Orchestergraben diese Prüfung beschreiben. Weniger ist mehr,
könnte man hier sagen, und entsprechend einfach sind die Mittel
zur Schaffung der jeweiligen Atmosphäre. Die Darsteller gehen auf dieses
Konzept geschmeidig ein und verzichten ebenfalls auf eine
Überinterpretation ihrer Rollen, setzen dafür jedoch ihre
kreativen Fähigkeiten gezielt ein. Allen voran profiliert sich der
noch junge David Pichlmaier als ein vor Witz und Elan sprühender
Papageno, sowieso schon die dankbarste Rolle. Er kennt keine Ruhe, kann
natürlich kaum schweigen und ist immer darauf aus, seine
Langeweile mit irgendwelchem Unsinn zu überbrücken. Seine
berühmten Gesangsauftritte - mit Pamina und Papagena - sind
ebenfalls musikalische und darstellerische Kleinodien. Neben ihm
beeindrucken vor allem die beiden weiblichen Hauptrollen.
Adréana Kraschewski begeistert das Publikum mit fehlerfreien und
temperamentvollen "Kult"-Arien und kann die böse Fee auch sonst
sehr glaubwürdig wiedergeben. Aki Hashimoto - Japanerin wie ihr
Pendant bei der Inszenierung vor fast zwölf Jahren - besticht vor
allem durch ihre lyrischen Fähigkeiten, die sie in ihren
ergreifend innig gesungenen Arien beweist. Margaret Koenn steht David
Pichlmaier als seine Papagena zur Seite und präsentiert zusammen
mit ihm unter anderem das berühmte "Papa-, Papa"-Duett, weiß
sich jedoch auch darstellerisch als spitzbübische und
durchsetzungsstarke Gefährtin des chaotischen Witzbolds zu
profilieren.
Aki Hashimoto (Pamina),
Werner Volker Meyer (1. Priester), Thomas Mehnert (Sarastro) , Markus
Durst (Monostatos), Jeffrey Treganza (2. Priester), Mark Adler
(Tamino) Mark Adler spielt und singt den Tamino mit ausgeprägter
Präsenz, obwohl diese Rolle nur begrenzte Möglichkeiten zur
darstellerischen Profilierung gibt. Der folgsame Verliebte ist halt
wesentlich uninteressanter als der widerspenstige Spaßvogel
Papageno oder die böse Königin der Nacht. Doch wo es die
Szene erlaubt, ist Mark Adler ganz Prinz und weniger der von Amors
Pfeil Entmachtete. Thomas Mehnert dominiert als Sarastro mit
raumfüllendem Bass die Szenen, in denen er auftritt, und zieht
sich ansonsten auf die Rolle des selbstdisziplinierten und
abgeklärten Potentaten zurück. Dafür darf Markus Durst
als "blauer" Monostatos Sarastros verborgenen Gelüste als sein
"alter ego" ausspielen, was er mit viel Beweglichkeit und Lust am Spiel
tut. Werner Volker Meyer sehen wir wieder einmal in einer etwas
herausgehobenen Rolle als Erster Priester, den er mit markantem Bariton
prägnant doch stets im Rahmen der Rollenbedeutung anlegt. Auch die
anderen Nebenrollen sind mit Jeffrey Treganza als Zweiter Priester
sowie Maria Gessler, Niina Keitel und Elisabeth Hornung als die drei
Damen hervorragend besetzt. Dem Orchester unter der Leitung
von Lukas Beikircher gelingt es vortrefflich, den richtigen
kammermusikalischen Ton anzuschlagen. Bis zum Schluss halten sie den
Gestus eines Singspiels durch, das man als die kleine,
volkstümliche Form der großen Oper verstehen kann. Selbst
die expressiven Momente donnern nicht mit Tutti-Stärke aus dem
Orchestergraben hervor, sondern behalten den Charme eines kleinen
Ensembles, dessen Stimmen einzeln zum Tragen kommen. Als Zuhörer
bekommt man den Eindruck, dass es bei diesem Orchester auf jedes
einzelne Instrument ankommt, da nun einmal ein Singspiel fürs
einfache Volk sich kein großes Orchester leisten kann. Auch diese
Selbstbeschränkung macht die Oper musikalisch so liebenswert und
einzigartig. Das Publikum war begeistert und
ließ sowohl das Ensemble als auch Orchester und Regie - teilweise
mit rhythmischem Klatschen - hochleben. Die Ovationen setzten sich
später bei der Premierenfeier im Foyer des großen Hauses
fort, wo jeder Darsteller einzeln mit Beifall begrüßt wurde. Die
nächsten
Aufführungen
finden
am 8., 21. und 30. Oktober sowie am 5., 11. und 28. November statt. Alle Fotos © Barbara Aumüller |
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