Gesang auf schwarzen und weißen Tasten

November 2009


Weitere Kammerkonzerte dieses Jahres:

Januar

Februar

Juli





















































  Ihre Meinung über E-Mail hier
Im zweiten Kammerkonzert des Staatstheaters Darmstadt spielt der Pianist Bernd Glemser Mendelssohn und Chopin


Das Klavier - und natürlich der Flügel - ist bekanntlich ein Instrument, bei dem die Saiten im Gegensatz zu den Streichinstrumenten angeschlagen werden. Das mindert natürlich die Möglichkeiten einer gesanglichen Gestaltung eines Musikstückes, und so mancher Pianist beweist dies auch durch kräftige und weniger sensible Griffe in die Tasten. Doch vor allem die Pianisten unter den Komponisten haben schon frühzeitig versucht, dem Klavier gesangliche Klänge zu entlocken, und unter ihnen sind Felix Mendelssohn-Bartholdy und Frédéric Chopin zwei herausragende Vertreter. Beide stellen in ihren Klavierwerken vorzugsweise das Liedhafte, Melodische in den Vordergrund. Der Pianist Bernd Glemser hat sich dieser Musikliteratur gestellt und für seinen Auftritt im 2. Darmstädter Kammerkonzert ein Programm mit entsprechenden Werken dieser beiden Komponisten zusammengestellt. Glemser selbst ist schon insofern ein Ausnahmekünstler, als er noch während seines Studiums eine Professur erhielt und sich deswegen exmatrikulieren lassen musste. Diese eher anekdotenhafte Tatsache deutet bereits auf den hohen künstlerischen Stellenwert Glemsers hin. Das Staatstheater Darmstadt begrüßte an diesem Abend also eine besondere musikalische Persönlichkeit.

Pianist Bernd Glemser
Pianist Bernd Glemser

Glemser begann das Programm mit acht "Liedern ohne Worte" von Mendelssohn-Bartholdy. Diese kurzen Kompositionen zeichnen sich, wie schon der Name andeutet, durch ihre liedhafte Form aus, die geradezu zum Mitsingen animiert. Man hat bei diesen Liedern das Gefühl, sie seien mit Text geschrieben und dieser später nur weggelassen worden. So sehr imitiert das Klavier die Stimmlagen und Emotionen der menschlichen Stimme. Oft fühlt man sich an Schubert- oder Schumann-Lieder erinnert, wobei nur der Klang der menschlichen Stimme fehlt. Gestaltete sich die Einleitung des Abends mit der op. 19 Nr. 1 in E-Dur noch verhalten, so steigerte sich der Ablauf bereits mit dem zweiten Stück, dem mal expressiven, mal lyrischen op. 19 Nr. 5 in fis-Moll. Es folgte mit dem "Venetianischen Gondellied" (op. 30 Nr. 6 in fis-Moll) ein fast im Largo-Tempo beginnendes Lied, danach erklang das nachdenkliche, moderate op. 38 nr. 2 in c-Moll. Als wilde Jagd kam das "Spinnerlied", op. 67 Nr. 4 in C-Dur, daher, während das anschließende op. 62 Nr. 1 in G-Dur eher lyrische, träumerische Züge trug. Den doppelten Schluss bildeten der majestätisch einherschreitende "Trauermarsch" (op. 62 Nr. 3 e-Moll) und das quirlige "Jägerlied" op. 19. Nr. 3 in A-Dur. In diesen acht Beispielen durchmaß Glemser bereits die gesamte Palette von stiller Lyrik bis zum akkordischen Auftrumpfen, von langsamem Schreiten bis zu blitzenden, vorwärts stürmenden Läufen. Bereits hier zeigte er seine beeindruckende Virtuosität und vor allem eine Anschlagskunst, die den Charakter des Flügels als "Schlaginstrument" nahezu vergessen ließ, so streichelte er die Tasten und entlockte ihnen die zartesten, fast hingehauchten Töne.

Felix Mendelssohn-Bartholdy
Felix Mendelssohn-Bartholdy

Als Zwischenstück vor der zweiten Partie von "Lieder ohne Worte" spielte Glemser die Fantasie fis-Moll op. 28, auch "Sonate écossaise" genannt. Mit der Sonatenform hat dieses Werk die Dreisätzigkeit und die Länge gemein, doch die freie Form, die eher dem motivischen Einfall des Augenblicks denn einem festen Themen- und Ablaufplan zu folgen scheint, lässt die Bezeichnung "Fantasie" treffender erscheinen. Bereits der erste, längere Satz zeichnet sich durch spannungsgeladene Variationen von Tempo und Dynamik aus; zwischen Fortissimo und Ritardando liegen nur Augenblicke, von der Höhe der Ekstase stürzt die Musik plötzlich in eine kurzfristige Verharrung, ja fast Erstarrung, um sich dann wieder aufzuschwingen. Nach einem kurzen zweiten Satz folgt ein virtuos-rasanter Finalsatz mit sich überschlagenden, geradezu rasenden Läufen. Bei all dieser Perfektion der schnellen Läufe bestach Glemser jedoch vor allem mit seinem geradezu "unterirdischem" Anschlag in den lyrischen Passagen. Der spontane Applaus nach diesem fulminanten Zwischenspiel zeigte deutlich die Begeisterung des Publikums.

Anschließend beruhigte Glemser die Gemüter mit sechs weiteren "Liedern ohne  Worte". Den Anfang machte das ruhig dahinfließende op. 85 Nr. 4 in D-Dur, es folgte wiederum ein "Venetianisches Gondellied", nun jedoch das düster-traurige op. 19 Nr. 6 in g-Moll. Das Es-Dur-Lied (op. 53 Nr. 2) löste die Beklemmung seines Vorgängers durch seine bewegte Fröhlichkeit, und das folgende "Duetto" (op. 38 Nr. 6 in As-Dur) kam im gleichmäßig voranschreitenden 6/8-Takt daher. Nach dem tänzerisch leichten und akzentuierten op. 67 Nr. 2 in fis-Moll setzte das abschließende op. 102 Nr. 5 in A-Dur noch einmal einen liedhaft-lieblichen Akzent. Auch in dieser Staffette präsentierte Glemser wieder eine ausgewogene Palette von Liedern mit allen Ausdrucksvarianten und bewies wiederum seine hohe Interpretationskunst.

Frédéric Chopin
Frédéric Chopin

Im zweiten Teil des Programms präsentierte Glemser verschiedene einsätzige Stücke von Frédéric Chopin. Er begann mit der ausgedehnten Ballade Nr. 1 op. 23 in g-Moll. Dieses ausgesprochen spannungsreiche Stück lebt von seinen Kontrasten, seinen Tempowechseln, den brillanten Läufen und der komplexen Harmonik mit dem typischen Chopin-Klang.
Nach dem unerwarteten Beifall - Glemser wollte sich gerade auf dasa zweite Stück konzentrieren - folgten zwei Mazurken, fast ineinander gespielt, wohl um weiteren Zwischenbeifall zu verhindern. Beide, op 17. Nr 4 in a-moll und op. 24 Nr. 4 in b-Moll, wirkten eher nachdenklich-melancholisch denn ausgesprochen tänzerisch, wenn auch der typische Mazurka-Rhythmus nicht zu verkennen war. Es schlossen sich zwei fast somnambule Nocturnes - zu Recht "Nachtstücke" genannt - an; das erste, op. 27 Nr. 1 in cis-Moll, schwang sich wellenartig auf, um dann wieder abzusinken, das zweite, op. 27. Nr. 2 in Des-Dur, dürfte mit seiner getragenen, absteigenden Melodie jedem Musikliebhaber bekannt sein und verfehlte auch an diesem Abend seine Wirkung nicht.
Den Abschluss bildete das kraftvolle und voller Kontraste steckende Scherzo Nr. 4 in E-Dur, op. 54, das noch einmal die Virtuosität und Interpretationsfähigkeit des Solisten auf bestechene Weise zum Vorschein brachte. Das Scherzo deckt den gesamten musikalischen Erlebnisraum von markanten Akkorden über schnelle Läufe bis zu lyrischer Versunkenenheit ab und zeigt beispielhaft die musikalische Potenz sowohl des Komponisten als auch des Interpreten.

Das Publikum zeigte sich derart begeistert von der Interpretationskunst Bernd Glemsers, dass dieser nach dem nicht enden wollenden Applaus in kurzen Abständen noch drei Zugaben spielte: Die  "Gavotte" aus der Suite E-dur von J. S. Bach in der Bearbeitung von Rachmaninov, die Etude f-dur op. 104 von Mendelssohn und  "Jesus bleibet meine Freude" von J.S.Bach/Hess.    

Frank Raudszus

Alle Fotos © Barbara Aumüller