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Im 3.
Sinfoniekonzert präsentiert das Staatstheater Darmstadt mit
Beethoven und Schostakowitsch zwei Querdenker |
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Im 3. Sinfoniekonzert stand Ludwig van
Beethovens Violinkonzert op. 61 in D-Dur am Beginn des Programms -
wie es die Chronologie fordert, möchte man fast sagen. Dafür
hatte man den Berliner - mittlerweile aber eher kosmopolitischen -
Geiger Kolja
Blacher gewinnen können, der im internationalen Musikbetrieb
eine hervorragende Stellung einnimmt und über ein weit
ausgreifendes Repertoire verfügt. GMD Constantin Trinks leitete an
diesem Abend persönlich das Orchester des Staatstheaters
Darmstadt. Nach einem ein wenig
unausgewogenen Beginn - der Einsatz der Bläser nach den vier
Paukenschlägen kam etwas ungleichmäßig und
überpräsent - spielte sich das Ensemble schnell warm und fand
zu einer stetig zunehmenden Homogenität. Das Tempo im ersten Satz
hätte man sich eine Spur straffer gewünscht, bisweilen
entwickelte sich die Musik etwas in die Breite. Doch Tempi sind in der
Aufführungspraxis stets Ansichts- wenn nicht Glaubenssachen, und
man hat schon wesentlich stärkere Abweichungen vom "gewohnten"
Tempo erlebt. Das für Beethovens Zeitgenossen Irritierende in
diesem Konzert bestand darin, dass die Violine erst nach einem langen
Orchestervorspiel einsetzt, das zudem noch die Themen des ersten Satzes
markant vorwegnimmt. Man kennt das bereits von einigen Klavierkonzerten
Mozarts, aber bei der noch stärkeren Fokussierung von
Violinkonzerten auf den Solisten irritierte diese "Degradierung" der
Geige Publikum und Kritiker gleichermaßen. Beethoven löste
sich in seinem einzigen Violinkonzert - wie übrigens auch in
den Klavierkonzerten - von der damals üblichen Heroisierung des
Soloinstruments auf Kosten des nur noch begleitenden Orchesters und
integrierte es in eine eher sinfonisch angelegte musikalische Umgebung.
Das Orchester übernimmt hier ähnlich komplexe Aufgaben wie
das Soloinstrument bis hin zur Vorstellung und Ausgestaltung der Themen
und führt einen gleichwertigen Dialog mit dem Soloinstrument.
Dieses neue musikalische Konzept führte zwar zu einer wesentlich
höheren musikalischen Dichte und Dramatik, wirkte jedoch auf viele
Zeitgenossen verstörend, wie verschiedene Kritiken nach der
Uraufführung des Violinkonzertes beweisen. Generell warf man dem
Komponisten zu hohe Komplexität vor und empfahl ihm die
Rückkehr zum herkömmlichen, übersichtlichen
Kompositionsstil. Glücklicherweise hat er sich an diese guten
Ratschläge nur in marginalem Ausmaß gehalten.
Der erste Satz übersteigt
mit seinen gut 25 Minuten auch die übliche Länge und gleicht
darin bereits einem gesamten herkömmlichen Violinkonzert. Neben
der komplexen Verarbeitung der verschiedenen Themen durch
Soloinstrument und Orchester sind dafür auch die beiden
Soloeinlagen der Violine verantwortlich. Die erstere ist dabei etwas
kürzer und bleibt eher im üblichen Rahmen, während die
zweite - die Kadenz - ein ungewöhnliches Duett mit der Pauke
eingeht und damit eine weit über das Virtuose hinausgehende
Wirkung erzielt. Kolja Blacher modellierte nicht nur das Solo und die
Kadenz - diese übrigens mit deutlichen gestischen Hinweisen an den
Paukisten - sondern auch die Dialoge mit dem Orchester mit hoher
Intensität, ohne sich dabei in den Vordergrund zu spielen oder gar
die Virtuosität übermäßig zu betonen. Bei aller
technischen Perfektion und musikalischen Interpretationskraft bleibt
die Violine bei ihm ein organischer Teil des Orchesters. Der Beifall des begeisterten
Publikums erwies sich als so stark, dass Blacher nach kurzer Bedenkzeit
noch eine Zugabe aus J. S. Bachs Violinwerk zum Besten gab. Dmitrij
Schostakowitschs 5. SInfonie entstand in schwieriger Zeit, als
Verwandte und Freunde des Komponisten dem Stalinschen Terror zum Opfer
fielen und er selbst wegen seines modernen und wenig "staatstragenden"
Musikstils in Ungnade zu fallen drohte. So stellt denn auch diese
Sinfonie einen Kompromiss dar, der viele Fanfarenstöße,
Marschklänge und vordergründig optimistische, affirmative
Elemente aufweist. Doch beim zweiten Blick erkennt man die bittere
Ironie, mit der Schostakowitsch diese vermeintliche "Jubel-Sinfonie"
garniert. Die unverkennbar partei- und ideologiekonformen Passagen sind
in einer Art überzeichnet, dass der Eingeweihte die Parodie, ja
Satire erkennt, während musikalisch ungebildete aber ideologisch
korrekte Hörer darin endlich die lang ersehnte Staatsmusik feiern
konnten. Auch heute noch und bei uns könnte ein
zeitgenössischer Komponist mit einer Vertonung des
"Musikantenstadls" bei einem bestimmten Publikum Begeisterung
hervorrufen, ohne dass dieses die satirische Verkleidung erkennen
würde. Bei Schostakowitsch ging es jedoch nicht um die Entlarvung
eines musikalisch ungebildeten Publikums sondern um das nackte
Überleben.
Der erste Satz kommt scheinbar
unspektakulär im "moderato"-Tempo daher, zeichnet sich durch eine
einfache Struktur aus und und sollte offensichtlich die "Wächter
der politisch korrekten Kunst" beruhigen. Hier scheint der atonale
Avantgardismus fern und die Rückkehr zur politisch geforderten
Schlichtheit realisiert zu sein. Wenn dann noch Trompeten und Pauken
zum Marschrhythmus ertönen, sind die Forderungen nach
optimistischer "Vorwärts"-Musik erfüllt, der bittere
Sarkasmus erschließt sich jedoch nur dem Eingeweihten. Bisweilen
ist es ja sogar so, dass ein ausgewiesen kompetenter Künstler
kleinbürgeriche und spießige Musikelemente ohne
Verbrämung verarbeiten kann, ohne deswegen angegriffen zu werden.
Die Ironie liegt allein schon in ihrer sicheren Vermutung durch die
Wissenden. Der zweite Satz liefert dann den
Aufruhr nach. Zwar stehen auch hier wieder scheinbar volkstümliche
Themen im Vordergrund, doch werden sie im Laufe der Durchführung
derartig karikiert, dass sie sich - in dem gegebenen politischen
Kontext - selbst ad absurdum führen. In den expressivsten Momenten
mit ihren bewusst dissonanten Klangfarben mag mancher Apparatschik
während der Uraufführung gewzeifelt haben, doch bis zur
blanken Ironie dürften die Vermutungen es nicht geschafft haben. Im Finalsatz begab sich Schostakowitsch noch einmal in Gefahr, konterkarierte er doch die einem Politkommissar kaum verständliche Klage des dritten Satzes mit einer Kakophonie der verschiedensten Instrumente, vor allem der Bläser und der Schlaginstrumente. Der Auftakt dieses Satzes musste jedem "recht denkenden Musikideologen" geradezu einen Schock versetzen. Erst später senkt sich das Erregungsniveau etwas und die Musik fällt in getragenere, fast resignierte Klänge zurück. Zum Ende dieses Satzes schwingt sich die Musik noch einmal zu einer grellen Apotheose auf, die einem naiven Besucher als Begeisterung erscheinen mag, aber in Wirklichkeit die Verzweiflung des Komponisten über die Zustände und seine zerstörte Hoffnung auf eine bessere Zukunft widerspiegelt. Das Orchester folgte den
engagierten Gesten des GMD aufmerksam und engagiert und ließ die
einzelnen Sätze dieser Sinfonie wie jeweils eigenständige und
doch miteinander verbundene Kunstwerke aufblühen. Die
kompromisslose Gestaltung der vom Komponisten wirklich intendierten
Aussage gelang in bewundernswerter Weise, wobei eine genaue Intonation
und die Präzision der Einsätze die Grundlage bildeten. Immer
wieder stachen einzelne Instrumente - Erste Geige, Klarinette,
Flöten, Hörner - aus dem Orchester hervor und brachten ihre
individuelle Klage vor, und die Vielzahl der auf diese Weise sich
profilierenden Instrumente lässt es fest ungerecht erscheinen,
einzelne herauszuheben. Langer Beifall und nicht wenige
Bravo-Rufe belohnten Dirigent und Orchester für eine wahrhaft
meisterliche Leistung. |
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