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Koloraturen,
Komik,
Klamauk, Klamotte - und einfach erheiternd |
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Das
Staatstheaters Darmstadt zeigt Johann Strauss' (Sohn) Operette "Die
Fledermaus" |
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Dabei ist es Zeit, auch die
Operette von dem ideologischen Vorurteil einer affirmativ-bourgeoisen
(etc., etc....) Grundhaltung zu befreien und sie als das zu
nehmen, was sie immer für sich in Anspruch genommen hat: reine
Unterhaltung ohne tieferen Sinn zu liefern. Wer sich einer solchen
Kunstgattung nicht stellen will, sollte also lieber gar nicht erst in
eine Operette gehen und auch nicht diese Zeilen lesen; für den
Rest der Theater- und Musikinteressenten wollen wir an dieser Stelle
jedoch die Darmstädter Inszenierung der "Fledermaus" besprechen
und gleich zugeben, dass wir uns an diesem Abend gut amüsiert
haben. Über die Handlung einer
Operette braucht man sich eigentlich nicht tiefschürfend
auszulassen, weil sie meist zweitrangig ist und lediglich eine
Beschaffungsgrundlage für schmissige oder komische Arien
darstellt. Hier sei nur soviel zum Verständnis gesagt: Der reiche
Gabriel von Eisenstein hat seinen Freund Dr. Falke einmal schwer
düpiert, so dass dieser auf Rache sinnt und Gabriel zu einem
vermeintlichen Prominentenfest bei einem ominösen Grafen Orlofsky
- damals standen russische Adlige wegen ihrer Exotik hoch im Kurs -
einlädt. Nur zu gut weiß er, dass Eisenstein auf junge
Balletteusen steht, und ködert ihn mit einer enstprechenden
Andeutung. Eisenstein soll aber eigentlich wegen irgendeiner
Unbotmäßigkeit für einige Tage ins Gefängnis, und
da bietet sich ein ensprechend tränenreicher Abschied von seiner
Gattin Rosalinde an. Dass er im Frack ins Gefängnis zieht, wundert
sie zwar, sie betrachtet es aber als eine weitere Marotte ihres
egozentrischen Gatten. Doch Dr. Falke schickt auch ihr eine Einladung
samt Verkleidung, damit sie einmal sehe, wer ihr Mann wirklich ist.
Gleichzeitig erhält auch Eisensteins freche Hausangestellte Adele
von ihrer Schwester eine Einladung, die an dem "potemkinschen"
Prominentenfest beteiligt ist, genauso wie der angebliche Fürst
Orlofsky von einer arbeitslosen Schauspielerin dargestellt wird. Statt
Eisenstein lässt sich allerdings der ein wenig tumbe Tenor und
Verehrer Rosalindes vom Gefängnisdirektor Frank abführen, da
Rosalinde ihm dafür Versprechungen macht. Frank selber erhält
seinerseits eine Einladung, und man trifft sich inkognito abends in
einem fragwürdigen Vorstadt-Etablissment: Eisenstein als "Marquis
Renard", Frank als "Chevalier Chagrin" - die frankophile Eitelkeit
lässt grüßen -, Rosalinde Eisenstein als ungarische
Gräfin und Adele als angebliche Schauspielerin Olga - die
russische Karte, wie gesagt, sticht stets. Die angeheuerte
Schauspielerin spielt die Klischeevorstellung eines russischen
Lebemannes und sorgt für reichlich Wodka-Nachschub. Man kann sich
lebhaft vorstellen, welche Verwechslungen und peinliche Konfrontationen
sich dabei ergeben, vor allem, wenn sich Gabriel von Eisenstein Hals
über Kopf in die schöne ungarische Gräfin verliebt und
vergeblich versucht, ihre Maske zu lüften. Doch Demaskierung der
Gattin und Entlarvung aller anderen Pseudonyme und Hochstapeleien
erfolgen erst ganz am Ende, wenn Dr. Falke die "Bombe platzen"
lässt. Seltsamerweise führt das jedoch bei niemandem zu einer
Katharsis, schon gar nicht bei seinem Freund-Feind Eisenstein, weil
alle froh sind, dass die Geschichte am Ende glimpflich abgelaufen ist
und niemand dwirklich Gesicht oder Ehepartner verloren hat. So steht
Dr. Falke am Schluss als Triumphator mit leeren Händen da, weil
alle mit sich beschäftigt sind.
Das Stück zeichnet sich
durch eine Besonderheit aus, die zugleich Vorzug und Nachteil
darstellt: nach der großen Festszene spielt sich das Geschehen im
Gefängnis ab, wo Alfred als falscher Eisenstein einsitzt: erst in
Gestalt des versoffenen Gefängniswärters Frosch, der eine
gekonnte Slapstick-Nummer serviert - Betrunkene sind auf der Bühne
stets dankbare Rollen -, dann mit dem Gefängnisdirektor Frank, dem
Anwalt Blind, Adele und ihrer Schwester, schließlich Eisenstein
und seine Gattin. Alle Beteiligten treffen hier nacheinander ein und
verkeilen sich hoffnungslos in einem Verstellungskrieg, den erst am
Schluss diverse Demaskierungen beenden. Diese Szene läuft
über lange Strecken als reines Sprechstück, ohne
jegliche Musik. Das ist für das Verständnis der Pointen
durchaus positiv, und angesichts der grotesken Situation hagelt es
solche geradezu; auf der anderen Seite stellt diese Szene einen
"Medienbruch" dar, wenn aus einem Musiktheater plötzlich eine
Komödie mit dem deutlichen Hang zur Klamotte wird. Denn der
Klamauk, der bereits die anderen Szenen andeutungsweise durchzieht,
feiert hier fröhliche Urständ. Die Situationskomik wird bis
zur Neige ausgekostet - vor allem die Trunkenheit - und auch Kalauer
sind gern gesehene Gäste in dieser Szene. Man kommt so richtig in
den schenkelklopfenden Schwung mit Hang zum Wiehern. In dieser
Gefängnisszene durchwandert das Libretto das Tal des
humoristischen Todes, übersteht dabei schließlich jedoch
diese intellektuelle Durststrecke und schwingt sich wieder zu echtem
satirischen Humor auf. Offensichtlich hat bereits im späten 19.
Jahrhundert der künstlerische Populismus eine wesentliche Rolle
gespielt, und man gab dem Affen "Publikum" gerne Zucker um der Lacher
und des anschließenden Erfolges willen. Man kannte sein
Operetten-Publikum und wusste, dass man das es nicht unbedingt mit
humoristischen Samthandschuhen anzufassen brauchte. Wie dem auch sei:
auch das Premierenpublikum einschließlich des Rezensenten ist der
Kalauer-Kanonade erlegen und hat sich köstlich amüsiert,
wobei der ein oder andere auch an das berühmte Wort gedacht haben
mag "Ich habe gelacht, aber unter meinem Niveau".
Margaret Rose Koenn (Adele), Thomas Mehnert
(Frank)
Abgesehen von der
"konkret-korrekten" Komik der Gefängnisszene gibt es auch in
dieser wie den anderen Szene mit Grund viel zu lachen, so wenn typische
Ehesituationen und die Macho-Eitelkeit persifliert oder die kleinen
Tricks des nur scheinbar ausgebeuteten Hauspersonals entlarvt werden.
Die meisten Szenen haben durchaus satirisches Potential, das sich
beileibe nicht nur auf die Gründerzeit nach dem
deutsch-französischen Krieg bezieht. Dass vieles auch heute noch
unverändert gilt - siehe Ehekrieg -, hat Regisseur Ansgar Weigner
mit einer Kleinigkeit veranschaulicht. Das Entstehungsjahr der
"Fledermaus", 1873, war von einem großen Börsenkrach
geprägt. Also lässt Weigner auf einem Gaze-Vorhang vor der
Szene das Datum "29. Oktober 1929" anzeigen und schlägt
damit nicht nur den Bogen von 1873 zu 1929 sondern unausgesprochen auch
zum 15. September 2008, als die Lehman-Bank pleite ging. In der
"Fledermaus" herrscht der Galgenhumor des nahenden Untergangs; jeder
möchte noch einmal so richtig auf die Pauke hauen, bevor alles
zugrunde geht. "Nach uns die Sintflut" lautet die Devise, und die
Champagnerkorken knallen dementsprechend. Die Verstellung und
permanente Hochstapelei lässt sich als Satire auf eine außer
Rand und Band geratene Wirtschaft verstehen, und der dubiose Fürst
Orlofsky lässt sich durchaus als führender Investment-Banker
des frühen 21. Jahrhunderts interpretieren. Doch Weigner
verzichtet auf eine plakative Umdeutung auf unsere Zeit und
überlässt das dem Publikum. Bei ihm soll auch derjenige zu
seinem Recht kommen, der in der "Fledermaus" nur eine schwungvolle,
witzige Operette des ausgehenden 19. Jahrhunderts genießen
möchte. Belehrung oder gar gesellschaftspolitische Umdeutung und
Kritik liegen ihm fern. Die "Fledermaus" ist jedenfalls das denkbar
schlechteste Objekt dafür. Entsprechend hat Dieter Richter
auch die Bühne hergerichtet. Man sieht im ersten Teil eine
herrschaftliche Villa Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhundert, und die
Protagonisten tragen Kostüme, die unserer Zeit nicht zu fern sind.
Sie könnten in beide betroffene Jahrhunderte passen. Die
Gefängnisszene dagegen spielt in einem niedrigen "Schuhkarton",
der die Enge und das Eingesperrtsein symbolisiert und neben
Büromöbeln noch ein großes Gitter zu den Zellen
enthält, an dem sich der betrunkene Frosch vorzugsweise
festhält. Die große Festszene spielt in einem eher
zweitklassigen Etablissement mit einer kleinen Musikbühne - roter
Samtvorhang und Lichterkette ringsum - und zeigt damit den unechten
Charakter der Veranstaltung. Die Kostüme von Renate Schmitzer
unterstützen die zeitliche Ansiedlung. Die Damen tragen gerne
Roben oder Morgenmäntel, Adele erst das kleine Schwarze mit
weißer Schürze und weißer Haube, später ebenfalls
ein elegantes Abendkleid. Die Herren kommen im Frack mit weißer
Hemdbrust und schwarzem Umhang oder im unscheinbaren Anzug, wenn sie
inkognito unterwegs sind. Gerne klappt die weiße Hemdbrust auch
einmal hoch und vernagelt ihrem Träger das Gesich - Lacher sind
garantiert.
Die Darsteller hatten
offensichtlich Spaß an der Inszenierung und spielten ihre Rollen
mit Genuss aus, ohne dabei die gesangliche Seite zu
vernachlässigen. Die Star-Rolle kam diesmal Margaret Rose Koenn
zu. Sie glänzte als Adele mit den berühmten Koloratur-Arien
und riss das Publikum zu Szenenapplaus und extra starkem Endapplaus
hin. Auch ihr Spiel der kecken Hausangestellten überzeugte durch
Frische, Temperament und Witz. Neben ihr zeigte Maria Gessler als
Rosalinde eine sowohl stimmlich als auch darstellerisch
überzeugende Leistung. Norbert Schmittberg gab einen agilen
Gabriel von Eisenstein, der sich aus jeder fatalen Situation mit List
und Tücke wieder herausmanövriert, und war auch stimmlich in
jeder Hinsicht auf der Höhe. Lars Moller, der David Pichlmaier
krankheitsbedingt vertrat, wirkte als Dr. Falke etwas statisch, was
aber auch an der nicht gerade sehr dankbaren Rolle
- keine Ausbrüche, immer kontrollliert! - liegen mag. Thomas
Mehnert verlieh dem windigen Gefängnisdirektor Frank ein
entsprechend doppelbödiges Leben, wobei er auch einmal in den
Genuss kam, einen Betrunkenen spielen zu dürfen, Markus Durst
musste sich dagegen diesmal mit der "underdog"-Rolle des Dr. Blind -
ein guter Name für einen Juristen - begnügen, die ihm nicht
viel Spielraum für gesangliche oder darstellerische Profilierung
gibt und sich eher für kleine Slapstick-Einlagen eignet. Elisabeth
Hornung stieg als Fürst Orlofsky über Tische und Bänke
und möbelte die zwielichtige Champagnergesellschaft ordentlich
auf, wobei sie auch ihre Stimme wirkungsvoll und mit Durchsetzungskraft
einsetzte. Mark Adler gab den tumben Tenor Alfred als eben solchen und
daneben noch Arienanfänge aus einigen bekannten Opern zum Besten,
einmal sogar - bei der "Carmen" - sogar mit Orchester-Begleitung- Lukas
Beikircher als Dirigent ging in diesen wenigen Takten sozusagen "fremd". Ansonsten blieb das Orchester
der Partitur treu und interpretierte sie mit viel Schwung und
Spielwitz, wie es sich bei einer Operette gehört. Dass manche
Zuschauer dabei mit den Füßen wippten, ist nicht als
"faux-pas" zu bewerten sondern bei einer Operette ausnahmsweise erlaubt
und fast erwünscht. Man hat sich halt gut amüsiert, und das
galt an diesem Samstag für die große Mehrheit des Publikums,
das einzelne, nicht ganz verständliche "Buuhs" sofort mit "Bravos"
und ostentativem Beifall konterkarierte. Man kann die Operette "an
sich" mit einem "Buuh" bedenken, geht dann aber gar nicht erst hin. Die
Inszenierung jedenfalls gab keinen Anlass dazu. Frank Raudszus Alle Fotos © Barbara Aumüller |
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