Warten auf G.

November 2009


Inszenierungen der Kammerspiele in diesem Jahr:

Gretchen S. 89ff

Mein Kampf

The New Electric Ballroom

Genannt Gospodin































































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Die Kammerspiele des Staatstheaters Darmstadt zeigen Kurt Drawerts "Das Gegenteil von gar nichts"


Das "G." im Titel weist durchaus ambivalente Bedeutung auf: vordergründig kann es stehen für "gar nichts" oder auch für "Gegenteil" (oder beides), aber es kann auch durchaus als Abkürzung von "Godot" zu verstehen sein. Denn auf Samuel Becketts Stück "Warten auf Godot" verweist Drawerts "Zweiakter" nicht nur symbolisch. Wenn auch nicht wörtlich so doch in der Struktur ist es dieser Vorlage nahezu direkt nachempfunden - oder besser "nachgebaut". Theater- und literaturkundige Besucher erkennen diese Genese bereits in den ersten Minuten aus der Konstellation von Personen und Dialogen und sehen sich später "en detail" bestätigt. Da mutet es doch etwas seltsam an, dass dieser Hintergrund im Programmheft keinerlei Erwähnung findet. Böswillige Zungen könnten fast von einem Plagiat sprechen, gutwillige und offene Geister (und zu diesen zählen wir uns) sehen diese enge Verwandschaft als Neufassung und Nachdichtung und in gewisser Weise sogar als eine Hommage an Beckett.

Bevor man sich der Rezension dieses Stückes widmen kann, ist es unerlässlich, einige Worte zur Vorlage zu verlieren, denn nur so ist dieses Stück überhaupt sinnvoll einzuordnen. Ohne diesen expliziten Bezug wirkt es tatsächlich wie ein Plagiat, vor allem da auch im Stück kein ausdrücklicher Verweis auf Beckett zu erkennen ist, weder bei den Namen noch bei den einzelnen Handlungselementen. Eine Parodie oder komödiantische Umdeutung würde stets ausdrücklich auf das Original verweisen - und wenn nur im Titel -, dieses jedoch behauptet vordergründig Eigenständigkeit und vertraut auf den mündigen Zuschauer, der das bewusste Spiel mit dem irischen "Rohmaterial" als Verbeugung betrachten soll.

Heinz Kloss (Harry), Aart Veder (Pit)
Heinz Kloss (Harry), Aart Veder (Pit)

Samuel Beckett stellt in "Warten auf Godot" zwei entwurzelte Männer namens Wladimir und Estragon auf die Bühne, die in einem scheinbar trivialen Dialog  weitgehende Desorientierung und hochgradigen Identitätsverlust zeigen. Stets umkreisen sie in ihren scheinbar sinnlosen Gesprächen eine nicht mehr vorhandene Mitte und verlieren sich in isolierten, unzusammenhängenden Erinnerungen. Ihr Leben ist sinnlos geworden, und sie warten auf einen Mann namens "Godot", der sich jedoch eher als eine Projektion, eine Utopie erweist, die nie eintreten wird. Als Gegenstück und Ergänzung dieses seltsamen Duos tritt das Paar Pozzo und Lucky auf. Ersterer als eine Art Herr, der den letzteren wie ein sprachloses, Koffer tragendes Lasttier an einem Strick hinter sich her zieht. Zwischen diesen Dreien - denn Lucky spielt keine aktive Rolle - spielt sich ein ebenso absurder Dialog wie zwischen den beiden Heimatlosen ab. Im zweiten Akt - am nächsten Tag - treffen die beiden Paare wieder aufeinander: Wladimir und Estragon warten immer noch auf Godot, der sie aus allem Unglück und vor allem vor der Alternative Selbstmord retten wird, Pozzo ist erblindet und hilflos, Lucky nur noch ein Wrack. Wieder ergeben sich absurde, ziellose Dialoge, und der zweite Akt endet wie der erste mit Waldimir und Estragons semantischem Palindrom "Wir gehen? Gehen wir!"

Soweit zu Becketts Vorlage. Kurt Drawert verlegt das Geschehen in eine nicht näher definierte Zeit zwischen 1989 und 2009, d. h. die Zeitebene oszilliert zwischen einzelnen Zeitpunkten dieser Epoche. Die beiden Verlorenen heißen jetzt Pit und Harry, aus Pozzo ist Lehman I und aus Lucky Lehmann II geworden. Der Handlungsablauf deckt sich weitgehend mit Becketts Groteske, die Dialoge sind jedoch der Zeit angepasst. Dabei achtet Drawert jedoch ebenfalls auf die Abstraktion von konkreten Ereignissen und politischen Konstellationen und lässt diese lediglich durch die absurden Dialoge der beiden durchscheinen. Auch bei ihm herrscht eine klare Aufgabenverteilung: Pit (Aart Veder) spielt den Mitteilungsbedürftigen, der ewig sein Innerstes - das außer krausen Erinnerungen nicht viel enthält - nach außen kehrt, während Harry (Heinz Kloss) den eher Wortkargen spielt, der jedoch gerade Pit gegenüber immer wieder die Dinge vom Kopf auf die Füße stellt. Die beiden präsentieren sich bei Drawert als Opfer der politischen Situation. Sowohl in der alten - sozialistischen - als auch in der neuen - kapitalistischen - Welt gehören sie zu den Verlierern, die den Lauf der Welt nicht verstehen und sich innerlich unaufhörlich im Kreise drehen. Auch sie spielen wie Wladimir und Estragon mit dem Gedanken, sich aufzuhängen, und beklagen die dabei hinderlichen äußeren Umstände; auch Pit singt - wie Wladimir - ein Lied, doch statt "Ein Hund kam in die Küche" heißt es hier "Ich weiß nicht, was soll es bedeuten". Pozzo heißt in Drawerts Variante Lehmann I (Sonja Mustoff) und kommt als befrackter Zirkusdirektor daher, der den gefangenen Sozialismus am Strick hinter sich her führt und ihn der Welt vorführt. Dieser, Lehmann II genannt, zitiert ebenfalls auf Zuruf lange geistige Ergüssen, nur sind es hier statt kruder Versatzstücke aus verschiedenen Wissenschaftsbereichen Passagen aus dem "Kapital", wobei Pit und Harry die gesamte Philosophenriege von Kant bis Derrida dahinter vermuten und nur auf Marx nicht kommen. Auch bei Drawert erscheint das seltsame Paar "Herr-Knecht" zwei Mal auf der Bühne, nur hat sein kapitalistischer Pozzo - Lehmann I - beim zweiten Mal durchaus nicht seine Vitalität eingebüßt. Er ist lediglich etwas in Rage und lässt an der Welt kein gutes Haar, und wie bei Beckett bleibt sein Sklave beim zweiten Auftritt auch sprachlos.

Aart Veder (Pit), Heinz Kloss (Harry), Klaus Ziemann (Lehmann II), Sonja Mustoff (Lehmann I)
Aart Veder (Pit), Heinz Kloss (Harry), Klaus Ziemann (Lehmann II), Sonja Mustoff (Lehmann I)

Kurt Drawert ändert zwar den politisch-gesellschaftlichen Kontext der Personen, lässt aber deren beckettschen "Binnen-Konstellation" im Wesentllichen ungeändert. Seine Figuren zitieren Aussagen und Reden führender Politiker - Aart Veder gibt eine Stimm-Imitation Helmut Kohls zum Besten -, ohne jedoch explizit auf einzelne Ereignisse Bezug zu nehmen. Der konkrete politische Hintergrund entsteht erst in den Köpfen der - politisch informierten - Zuschauer. Einem Besucher, der die poltischen Ereignisse in Europa und speziell Deutschland seit 1989 nicht kennt, werden auch die Gespräche von Pit und Harry weitgehend unverständlich bleiben. Der Dialog der beiden bringt deutlich ihre Verlorenheit und Desorientierung zum Ausdruck, doch die Zuordnung zu den politischen Verhältnissen muss durch den Zuschauer erfolgen. Dagegen spricht Lehmann I - auf die Idee, diesen Namen mit einem "n" zu schreiben, ist Drawert offensichtlich nicht gekommen - drastisch die kapitalistischen Maximen aus, wenn auch er nicht namentlich die DDR oder konkrete Personen und Ereignisse erwähnt. Drawert bewegt sich hier deutlich im allgemein-absurden Kielwasser Becketts, das durch eine Konkretisierung an Tiefe und Allgemeingültigkeit verlieren würde.

Die Interpretationsgeschichte des Beckettschen Stückes und seiner rätselhaften Absurdität oder absurden Rätselhaftigkeit ist ein Kapitel für sich; Generationen von Sekundärliteraten haben sich den Kopf darüber zerbrochen und die Interpretation in immer neue Höhen getrieben. Drawert hütet sich, die einzigartige Deutungsverweigerung von Becketts Stück durch eine kruzschlüssige Konkretisierung zu torpedieren und damit das Stück zu einer politischen Alltagssatire zu degradieren. Auch bei ihm bleibt vieles offen, und das Stück entzieht sich einer küchenpsychologischen oder tagespolitischen Einordnung. Man weiß zwar, was gemeint ist, doch das Stück verzichtet auf jegliche konkrete Anklage oder gar moralische Entrüstung. Selbst die per Monitor eingespielten Reden von Erich Honecker - Stefan Schuster im hellbeigen Anzug mit großer Brille und Spießerhut - und Günther Schabowsky - Matthias Kleinert als stammelnder Pressechef - werden nicht billig karikiert sondern distanziert präsentiert. Am Ende fällt der nicht vorhandene Vorhang und alle Fragen bleiben offen - wie bei Beckett!

Aart Veder und Heinz Kloss geben ein wunderbar absurdes Paar Pit und Harry und erinnern an entsprechende Beckett-Aufführungen. Sonja Mustoff konterkariert den fast jenseitigen Fatalismus der beiden Ausgestoßenen mit der vorwärtsdrängenden Suada eines wilden Geschäftemachers, der sich über sämtliche politische und soziale Widerstände aufregt, und Klaus Ziemann spielt den eher undankbaren Part des gefesselten Lehmann II. Hermann Schein ist für Regie, Bühne  und Kostüme verantwortlich, Schauspieldirektor Martin Apelt himself zeichnet für die Dramaturgie verantwortlich. An ihn ist also die Frage nach den fehlenden Hinweisen auf Beckett zu richten. Vielleicht war es als Rätsel ans Theatervolk gedacht.....

Frank Raudszus

Alle Fotos © Barbara Aumüller