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Die
Kammerspiele des Staatstheaters Darmstadt zeigen Kurt Drawerts "Das
Gegenteil von gar nichts" |
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Bevor man sich der Rezension
dieses Stückes widmen kann, ist es unerlässlich, einige Worte
zur Vorlage zu verlieren, denn nur so ist dieses Stück
überhaupt sinnvoll einzuordnen. Ohne diesen expliziten Bezug wirkt
es tatsächlich wie ein Plagiat, vor allem da auch im Stück
kein ausdrücklicher Verweis auf Beckett zu erkennen ist, weder bei
den Namen noch bei den einzelnen Handlungselementen. Eine Parodie oder
komödiantische Umdeutung würde stets ausdrücklich auf
das Original verweisen - und wenn nur im Titel -, dieses jedoch
behauptet vordergründig Eigenständigkeit und vertraut auf den
mündigen Zuschauer, der das bewusste Spiel mit dem irischen
"Rohmaterial" als Verbeugung betrachten soll.
Samuel Beckett stellt in "Warten
auf Godot" zwei entwurzelte Männer namens Wladimir und Estragon
auf die Bühne, die in einem scheinbar trivialen Dialog
weitgehende Desorientierung und hochgradigen Identitätsverlust
zeigen. Stets umkreisen sie in ihren scheinbar sinnlosen
Gesprächen eine nicht mehr vorhandene Mitte und verlieren sich in
isolierten, unzusammenhängenden Erinnerungen. Ihr Leben ist
sinnlos geworden, und sie warten auf einen Mann namens "Godot", der
sich jedoch eher als eine Projektion, eine Utopie erweist, die nie
eintreten wird. Als Gegenstück und Ergänzung dieses seltsamen
Duos tritt das Paar Pozzo und Lucky auf. Ersterer als eine Art Herr,
der den letzteren wie ein sprachloses, Koffer tragendes Lasttier an
einem Strick hinter sich her zieht. Zwischen diesen Dreien - denn Lucky
spielt keine aktive Rolle - spielt sich ein ebenso absurder Dialog wie
zwischen den beiden Heimatlosen ab. Im zweiten Akt - am nächsten
Tag - treffen die beiden Paare wieder aufeinander: Wladimir und
Estragon warten immer noch auf Godot, der sie aus allem Unglück
und vor allem vor der Alternative Selbstmord retten wird, Pozzo ist
erblindet und hilflos, Lucky nur noch ein Wrack. Wieder ergeben sich
absurde, ziellose Dialoge, und der zweite Akt endet wie der erste mit
Waldimir und Estragons semantischem Palindrom "Wir gehen? Gehen wir!" Soweit zu Becketts Vorlage. Kurt
Drawert verlegt das Geschehen in eine nicht näher definierte Zeit
zwischen 1989 und 2009, d. h. die Zeitebene oszilliert zwischen
einzelnen Zeitpunkten dieser Epoche. Die beiden Verlorenen heißen
jetzt Pit und Harry, aus Pozzo ist Lehman I und aus Lucky Lehmann II
geworden. Der Handlungsablauf deckt sich weitgehend mit Becketts
Groteske, die Dialoge sind jedoch der Zeit angepasst. Dabei achtet
Drawert jedoch ebenfalls auf die Abstraktion von konkreten Ereignissen
und politischen Konstellationen und lässt diese lediglich durch
die absurden Dialoge der beiden durchscheinen. Auch bei ihm herrscht
eine klare Aufgabenverteilung: Pit (Aart Veder) spielt den
Mitteilungsbedürftigen, der ewig sein Innerstes - das außer
krausen Erinnerungen nicht viel enthält - nach außen kehrt,
während Harry (Heinz Kloss) den eher Wortkargen spielt, der jedoch
gerade Pit gegenüber immer wieder die Dinge vom Kopf auf die
Füße stellt. Die beiden präsentieren sich bei Drawert
als Opfer der politischen Situation. Sowohl in der alten -
sozialistischen - als auch in der neuen - kapitalistischen - Welt
gehören sie zu den Verlierern, die den Lauf der Welt nicht
verstehen und sich innerlich unaufhörlich im Kreise drehen. Auch
sie spielen wie Wladimir und Estragon mit dem Gedanken, sich
aufzuhängen, und beklagen die dabei hinderlichen
äußeren Umstände; auch Pit singt - wie Wladimir - ein
Lied, doch statt "Ein Hund kam in die Küche" heißt es hier
"Ich weiß nicht, was soll es bedeuten". Pozzo heißt in
Drawerts Variante Lehmann I (Sonja Mustoff) und kommt als befrackter
Zirkusdirektor daher, der den gefangenen Sozialismus am Strick hinter
sich her führt und ihn der Welt vorführt. Dieser, Lehmann II
genannt, zitiert ebenfalls auf Zuruf lange geistige Ergüssen, nur
sind es hier statt kruder Versatzstücke aus verschiedenen
Wissenschaftsbereichen Passagen aus dem "Kapital", wobei Pit und Harry
die gesamte Philosophenriege von Kant bis Derrida dahinter vermuten und
nur auf Marx nicht kommen. Auch bei Drawert erscheint das seltsame Paar
"Herr-Knecht" zwei Mal auf der Bühne, nur hat sein
kapitalistischer Pozzo - Lehmann I - beim zweiten Mal durchaus nicht
seine Vitalität eingebüßt. Er ist lediglich etwas in
Rage und lässt an der Welt kein gutes Haar, und wie bei Beckett
bleibt sein Sklave beim zweiten Auftritt auch sprachlos.
Kurt Drawert ändert zwar
den politisch-gesellschaftlichen Kontext der Personen, lässt aber
deren beckettschen "Binnen-Konstellation" im Wesentllichen
ungeändert. Seine Figuren zitieren Aussagen und Reden
führender Politiker - Aart Veder gibt eine Stimm-Imitation Helmut
Kohls zum Besten -, ohne jedoch explizit auf einzelne Ereignisse Bezug
zu nehmen. Der konkrete politische Hintergrund entsteht erst in den
Köpfen der - politisch informierten - Zuschauer. Einem Besucher,
der die poltischen Ereignisse in Europa und speziell Deutschland seit
1989 nicht kennt, werden auch die Gespräche von Pit und Harry
weitgehend unverständlich bleiben. Der Dialog der beiden bringt
deutlich ihre Verlorenheit und Desorientierung zum Ausdruck, doch die
Zuordnung zu den politischen Verhältnissen muss durch den
Zuschauer erfolgen. Dagegen spricht Lehmann I - auf die Idee, diesen
Namen mit einem "n" zu schreiben, ist Drawert offensichtlich nicht
gekommen - drastisch die kapitalistischen Maximen aus, wenn auch er
nicht namentlich die DDR oder konkrete Personen und Ereignisse
erwähnt. Drawert bewegt sich hier deutlich im allgemein-absurden
Kielwasser Becketts, das durch eine Konkretisierung an Tiefe und
Allgemeingültigkeit verlieren würde. Die Interpretationsgeschichte
des Beckettschen Stückes und seiner rätselhaften
Absurdität oder absurden Rätselhaftigkeit ist ein Kapitel
für sich; Generationen von Sekundärliteraten haben sich den
Kopf darüber zerbrochen und die Interpretation in immer neue
Höhen getrieben. Drawert hütet sich, die einzigartige
Deutungsverweigerung von Becketts Stück durch eine
kruzschlüssige Konkretisierung zu torpedieren und damit das
Stück zu einer politischen Alltagssatire zu degradieren. Auch bei
ihm bleibt vieles offen, und das Stück entzieht sich einer
küchenpsychologischen oder tagespolitischen Einordnung. Man
weiß zwar, was gemeint ist, doch das Stück verzichtet auf
jegliche konkrete Anklage oder gar moralische Entrüstung. Selbst
die per Monitor eingespielten Reden von Erich Honecker - Stefan
Schuster im hellbeigen Anzug mit großer Brille und
Spießerhut - und Günther Schabowsky - Matthias Kleinert als
stammelnder Pressechef - werden nicht billig karikiert sondern
distanziert präsentiert. Am Ende fällt der nicht vorhandene
Vorhang und alle Fragen bleiben offen - wie bei Beckett! Aart Veder und Heinz Kloss geben
ein wunderbar absurdes Paar Pit und Harry und erinnern an entsprechende
Beckett-Aufführungen. Sonja Mustoff konterkariert den fast
jenseitigen Fatalismus der beiden Ausgestoßenen mit der
vorwärtsdrängenden Suada eines wilden Geschäftemachers,
der sich über sämtliche politische und soziale
Widerstände aufregt, und Klaus Ziemann spielt den eher undankbaren
Part des gefesselten Lehmann II. Hermann Schein ist für Regie,
Bühne und Kostüme verantwortlich, Schauspieldirektor
Martin Apelt himself zeichnet für die Dramaturgie verantwortlich.
An ihn ist also die Frage nach den fehlenden Hinweisen auf Beckett zu
richten. Vielleicht war es als Rätsel ans Theatervolk gedacht..... Alle Fotos © Barbara Aumüller |
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