Weihnachten gegen den Strich getanzt

November 2009


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Das Auge der Welt

Giselle M.





















































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Das Wiesbadener Ballett gastiert mit "Merry Christmas?" im Staatstheater Darmstadt


Alle Jahre wieder beschäftigt sich auch das Ballet mit dem Thema "Weihnachten", und dieses Mal hatte das Wiesbadener Ballett diese Aufgabe übernommen. Der Untertitel der Choreografie weist ausdrücklich auf den Charakter einer "weihnachtlichen Tanzkomödie für die ganze Familie" hin, man wollte also sowohl Großeltern als auch Kinder anlocken und für viel Spaß sorgen. Nun ist Weihnachten in Deutschland - wie auch der Karneval - ja im Grunde genommen eine todernste und höchstens sentimentale Angelegenheit. Die übllichen Predigten in den Weihnachtsgottesdiensten und die Ergüsse in den Medien belegen eindeutig, dass es an Weihnachten eigentlich nichts zu lachen gibt. Stephan Toss und seine Ballet-Truppe haben sich jedoch über diese Regel hinweggesetzt und den Humor in den Vordergrund gestellt.

Juki Mori, Sandra Huber
Juki Mori, Sandra Huber

Da die Angelsachsen sowieso ein unverkrampfteres Verhältnis zu diesem Fest pflegen, wie man an vielen eher humoristischen Weihnachtsliedern sieht (ja, sentimental können die Amis auch sein....), hat Toss seine Choreografie musikalisch amerikanische Züge verliehen, indem er entweder direkt einschlägige Weihnachtslieder - "Jingle Bells" etc. - eingebaut oder europäische Musik einer Jazz-Kur unterzogen hat. Das bringt einen leichteren und fröhlicheren "Grundton" in die Produktion und lädt sogar zum unbefangenen Wippen mit den Fußspitzen ein.

Zum Weihnachtsballett gehört natürlich unbedingt die "Nussknackersuite" von Peter Tschaikowsky, und das berücksichtigt auch Stephan Toss. Nachdem zur Einstimmung vor Beginn der Aufführung Bing Crosbys "White Christmas" aus dem Off erklungen ist, setzt die eigentliche Choreografie mit diesem "Renner" ein. Doch vorher kramt eine Frau unter verschiedenen grotesken Verrenkungen Geschenke aus dem Boden und drapiert sie auf einem Tisch oder unter dem Weihnachtsbaum. Dann erst erscheinen mit der langsam einsetzenden Musik andere Tänzer, erst mit verhaltenen, jedoch genau auf die Musik abgestimmten Bewegungen, dann nehmen diese mit der sich aufschwingenden Musik zu bis hin zu temperamentvollen, expressiven Figuren, die jedoch immer eine gewisse Komik behalten.

Ein Tanzstück für die ganze Familie - vor allem also Kinder - kommt natürlich nicht ohne eine eingängige Geschichte aus. Stephan Toss hält sich hier lose an das Nussknacker-Libretto. Ein Ehepaar mit einer vorpubertären, bezopften Tochter feiert Weihnachten, und das Mädchen erweist sich als etwas zickiges, trotziges Gör, das einige - natürlich akrobatisch dargebotene - Erziehungsmaßnahmen der Eltern provoziert, dann aber doch zum Geschenkeauspacken kommt. Die gesamte Verwandschaft rückt im Gänsemarsch an, was wiederum Gelegenheit zu hübschen humoristischen Tanzeinlagen gibt. Schließlich schläft das Kind ein und beginnt zu träumen. Nun schweben plötzlich seltsame einarmige Puppen in Menschengröße in das magisch erleuchtete Zimmer und treiben allerlei Schabernack. Bald kommen weitere exotische Figuren hinzu und ziehen das Mädchen in ihren Bann. Das Treiben dieser Figuren verselbständigt sich immer mehr, und das Mädchen spielt über lange Strecken höchstens eine periphere Rolle als Betrachterin. Ein seltsames Paar erscheint, dessen männlicher Part sich erfolglos an Tanzschritten versucht und damit das Gelächter der Zuschauer und die Verachtung seiner Partnerin provoziert, während diese ihm mit einem Tanzsolo zeigt, wie man richtig nach der Musik tanzt.

Kinderballett Darmstadt
Kinderballett Darmstadt

Zwischendurch senkt sich immer wieder eine schwarze Zwischenwand mit einer erleuchteten Fensterattrappe vor den weihnachtlichen Wohnraum und verwandelt damit die Vorderbühne in die unwirtliche weihnachtliche Außenwelt mit frierenden Obdachlosen und Weihnachtsbaumverkäufern, die hier ihre eigene Version des Fests feiern. Beleuchtung, Kostüme und die tänzerische Darstellung bringen den Unterschied zwischen einer konsumorientierten, bürgerlichen Umgebung und den Ausgegrenzten deutlich zum Ausdruck. Allerdings gestaltet Toss auch diese leise Kritik stets mit viel Humor; die armen Leute draußen frieren zwar, sind deshalb aber nicht dem Tode nahe. Toss will in seinem Weinachtsstück keine Sozialtrgödie inszenieren, sondern lediglich etwas an dem sentimental-gefühligen Weihnachstbild kratzen. Dabei gelingen ihm immer wieder witzige Passagen, so wenn sich Weihnachtsmänner auf einer langen Bank von derselben drängen oder einen akrobatischen Tanz mit Geschenkesäcken darbieten.

Auch Kinder dürfen natürlich bei einem Weihnachtsstück nicht fehlen. Toss lässt eine weiß gekleidete Fee am Seil aus dem Himmel hinabschweben, erst allein - und einsam? - tanzen und später mit einer ganzen Schar kleiner Mädchen, ebenfalls ganz in Weiß, eine zarte und doch humorvolle Choreografie inszenieren. Das Publikum schloss diese kleinen Mädchen besonders in seine Herzen.

Die Musik dazu wire im Laufe der Zeit immer beschwingter: mal in verjazzter Form von Richard Rogers oder Irving Berlin mit mit Ella Fitzgerald, dann wieder als schwungvolle Walzer von Emil Waldteuffel ("Schlittschuh-Walzer") oder Johann Strauss ("Frühlingsstimmenwalzer") oder als "Pizzicato"-Polka.

Bereits nach gut einer Stunde endet die Aufführung, indem die Geschichte an den Anfang zurückkehrt: die dreiköpfige Familie sitzt wieder zusammen, das Mädchen packt Päckchen aus und die Verwandschaft fällt unter exakt den gleichen choreografischen Umständen wie zu Beginn in die Wohnstube ein. So enden die Träume des kleinen Mädchens in der Realität und der Kreis schließt sich.

Das leider nicht sehr zahlreich erschienene Publikum spendete zwar kräftigen Beifall, konnte aber das große Haus akustisch nicht füllen. Man hätte die Aufführung ohne Probleme in das Kleine Haus verlegen können, aber da stand wahrscheinlich der Spielplan oder das Bühnenbild davor. Sicher hätte dieses Weihnachtsmärchen mehr Zuspruch verdient; vielleicht lag es an dem Premieredatum mitten in der Woche, dass nicht mehr Zuschauer erschienen.

Frank Raudszus

Alle Fotos © Barbara Aumüller