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Weihnachten
gegen
den Strich getanzt |
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Das
Wiesbadener Ballett gastiert mit "Merry Christmas?" im
Staatstheater Darmstadt |
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Da die Angelsachsen sowieso ein
unverkrampfteres Verhältnis zu diesem Fest pflegen, wie man an
vielen eher humoristischen Weihnachtsliedern sieht (ja, sentimental
können die Amis auch sein....), hat Toss seine Choreografie
musikalisch amerikanische Züge verliehen, indem er entweder direkt
einschlägige Weihnachtslieder - "Jingle Bells" etc. - eingebaut
oder europäische Musik einer Jazz-Kur unterzogen hat. Das bringt
einen leichteren und fröhlicheren "Grundton" in die Produktion und
lädt sogar zum unbefangenen Wippen mit den Fußspitzen ein. Zum Weihnachtsballett
gehört natürlich unbedingt die "Nussknackersuite" von Peter
Tschaikowsky, und das berücksichtigt auch Stephan Toss. Nachdem
zur Einstimmung vor Beginn der Aufführung Bing Crosbys "White
Christmas" aus dem Off erklungen ist, setzt die eigentliche
Choreografie mit diesem "Renner" ein. Doch vorher kramt eine Frau unter
verschiedenen grotesken Verrenkungen Geschenke aus dem Boden und
drapiert sie auf einem Tisch oder unter dem Weihnachtsbaum. Dann erst
erscheinen mit der langsam einsetzenden Musik andere Tänzer, erst
mit verhaltenen, jedoch genau auf die Musik abgestimmten Bewegungen,
dann nehmen diese mit der sich aufschwingenden Musik zu bis hin zu
temperamentvollen, expressiven Figuren, die jedoch immer eine gewisse
Komik behalten. Ein Tanzstück für die
ganze Familie - vor allem also Kinder - kommt natürlich nicht ohne
eine eingängige Geschichte aus. Stephan Toss hält sich hier
lose an das Nussknacker-Libretto. Ein Ehepaar mit einer
vorpubertären, bezopften Tochter feiert Weihnachten, und das
Mädchen erweist sich als etwas zickiges, trotziges Gör, das
einige - natürlich akrobatisch dargebotene -
Erziehungsmaßnahmen der Eltern provoziert, dann aber doch zum
Geschenkeauspacken kommt. Die gesamte Verwandschaft rückt im
Gänsemarsch an, was wiederum Gelegenheit zu hübschen
humoristischen Tanzeinlagen gibt. Schließlich schläft das
Kind ein und beginnt zu träumen. Nun schweben plötzlich
seltsame einarmige Puppen in Menschengröße in das magisch
erleuchtete Zimmer und treiben allerlei Schabernack. Bald kommen
weitere exotische Figuren hinzu und ziehen das Mädchen in ihren
Bann. Das Treiben dieser Figuren verselbständigt sich immer mehr,
und das Mädchen spielt über lange Strecken höchstens
eine periphere Rolle als Betrachterin. Ein seltsames Paar erscheint,
dessen männlicher Part sich erfolglos an Tanzschritten versucht
und damit das Gelächter der
Zuschauer und die Verachtung seiner Partnerin provoziert,
während diese ihm mit einem Tanzsolo zeigt, wie man richtig nach
der Musik tanzt.
Zwischendurch senkt sich immer
wieder eine schwarze Zwischenwand mit einer erleuchteten
Fensterattrappe vor den weihnachtlichen Wohnraum und verwandelt damit
die Vorderbühne in die unwirtliche weihnachtliche Außenwelt
mit frierenden Obdachlosen und Weihnachtsbaumverkäufern, die hier
ihre eigene Version des Fests feiern. Beleuchtung, Kostüme und die
tänzerische Darstellung bringen den Unterschied zwischen einer
konsumorientierten, bürgerlichen Umgebung und den Ausgegrenzten
deutlich zum Ausdruck. Allerdings gestaltet Toss auch diese leise
Kritik stets mit viel Humor; die armen Leute draußen frieren
zwar, sind deshalb aber nicht dem Tode nahe. Toss will in seinem
Weinachtsstück keine Sozialtrgödie inszenieren, sondern
lediglich etwas an dem sentimental-gefühligen Weihnachstbild
kratzen. Dabei gelingen ihm immer wieder witzige Passagen, so wenn sich
Weihnachtsmänner auf einer langen Bank von derselben drängen
oder einen akrobatischen Tanz mit Geschenkesäcken darbieten. Auch Kinder dürfen
natürlich bei einem Weihnachtsstück nicht fehlen. Toss
lässt eine weiß gekleidete Fee am Seil aus dem Himmel
hinabschweben, erst allein - und einsam? - tanzen und später mit
einer ganzen Schar kleiner Mädchen, ebenfalls ganz in Weiß,
eine zarte und doch humorvolle Choreografie inszenieren. Das Publikum
schloss diese kleinen Mädchen besonders in seine Herzen. Die Musik dazu wire im Laufe der
Zeit immer beschwingter: mal in verjazzter Form von Richard Rogers oder
Irving Berlin mit mit Ella Fitzgerald, dann wieder als schwungvolle
Walzer von Emil Waldteuffel ("Schlittschuh-Walzer") oder Johann Strauss
("Frühlingsstimmenwalzer") oder als "Pizzicato"-Polka. Bereits nach gut einer Stunde
endet die Aufführung, indem die Geschichte an den Anfang
zurückkehrt: die dreiköpfige Familie sitzt wieder zusammen,
das Mädchen packt Päckchen aus und die Verwandschaft
fällt unter exakt den gleichen choreografischen Umständen wie
zu Beginn in die Wohnstube ein. So enden die Träume des kleinen
Mädchens in der Realität und der Kreis schließt sich. Das leider nicht sehr zahlreich
erschienene Publikum spendete zwar kräftigen Beifall, konnte aber
das große Haus akustisch nicht füllen. Man hätte die
Aufführung ohne Probleme in das Kleine Haus verlegen können,
aber da stand wahrscheinlich der Spielplan oder das Bühnenbild
davor. Sicher hätte dieses Weihnachtsmärchen mehr Zuspruch
verdient; vielleicht lag es an dem Premieredatum mitten in der Woche,
dass nicht mehr Zuschauer erschienen. Alle Fotos © Barbara Aumüller |
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