Tanz um Tod und Trauer

November 2009


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Der dritte Sinn















































































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Mei Hong Lin stellt in Darmstadt ihre neue Choreographie "Schwanengesang" vor


Der November ist der Monat der Toten und des Gedenkens. Vor dieser ritualisierten Regel beugt sich meist - so auch in diesem Jahr - selbst das Wetter. Tief hängende Wolken, Nebel und Nieselregen verdunkeln das Gemüt. Ob Mei Hong Lin das Thema ihrer neuen Choreographie nun von dem geplanten Uraufführungstermin abgeleitet oder die Premiere passenderweise in den November gelegt hat, sei dahingestellt. Auf jeden Fall dreht sich in dieser alles um die Themen Tod, Trauer, Trennung und Erinnerung. Mei Hong Lin hat der Produktion einen Roman des Belgiers Georges Rodenbach (1855-1898) zugrunde gelegt. In "Bruge-la-morte" - zu Deutsch "Das tote Brügge" - beschreibt der Autor einen Mann, der in einer morbiden, von kalten Nebeln, symbolträchtigen Schwänen und stillen Nonnenklostern geprägten Stadt den Erinnerungen an seine tote Frau nachhängt und zunehmend Kontakt zum wahren Leben verliert.

Mei Hong Lin will jedoch nicht die Handlungsstränge und die Aussage des Romans auf der Bühne  nachspielen, sondern entnimmt dem Roman einzelne Motive, die sie tänzerisch zu einer eigenen Aussage zusammenstellt. Das grobe Handlungsgerüst des Romans bleibt zwar erhalten, wird aber durch eigene Zusätze angereichert und abgewandelt. Mei Hong Lin will vor allem die seelische Zerrissenheit nach dem Verlust einer Bezugsperson herausarbeiten, die geradezu zwanghaften Erinnerungen an eine verlorene Liebe, das krampfhafte Festhalten am Verlorenen, der starre Blick zurück anstatt nach vorne.

Eszter Kozár, Simone Deriu
Eszter Kozár (Marietta), Simone Deriu (Hugo)

In sechs Bildern stellt Mei Hong Lin den geradezu zwanghaften Weg in die finale Katastrophe dar: im ersten Bild erinnert sich Hugo (Simone Deriu) an seine Zeit mit der längst verstorbenen Marie (Andressa Miyazato). In seinen Erinnerungen verdichten sich zärtliche, leidenschaftliche, verzweifelte Situationen zu einem Knäuel von Assoziationen, in denen die Personen der beiden Protagonisten in vielfältiger Gestalt auftauchen. Währenddessen sitzt er selbst versunken am Bühnenrand und lässt die Erinnerungen über sich ergehen, die anfangs in Gestalt der anderen Mitglieder der Tanz-Ensembles buchstäblich aus dem Boden aufsteigen. Die Personen treten hier in einer an das späte 19. Jahrhundert erinnernden Aufmachung auf. Die Frauen tragen alle eine blonde Dauerwellenfrisur, die allerdings auch in die dreißiger Jahre passen würde. Auf jeden Fall vermitteln Frisuren und Kostüme den Eindruck einer vergangenen Zeit und passen daher zu der schwermütigen Stimmung des "fin de siècle", wie sie sich in Rodenbachs Roman manifestiert.

Im zweiten Bild taucht die Magd Barbe auf, die Hugo versorgt und sich langsam von der rein sachlichen Haushälterin zur liebenden Frau entwickelt. Sie hat jedoch gegen das Bild der toten Marie keine Chance. Diese tritt nun nicht mehr in ihrer ehemaligen Lebendgestalt auf, sondern als Tote. Diesen Part spielt der Tänzer László Kocsis im weißen Kleid, mit gebleichtem Gesicht, Kunsthaar und einer jenseitigen Miene, die immer wieder von der stillen Verinnerlichung einer imaginierten "schönen" Toten zu der Fratze des hässlichen, der Vergänglichkeit verpflichteten Todes zerfällt. Wie ein Vampir greift die toten Marie im dritten Bild immer wieder nach Hugos Herz und Hirn und treibt ihn systematisch in die Vereinsamung und einen wahren Trauerwahn. Barbe kreist dabei im Hintergrund um Hugo und das Bild der Toten, kann sich aber Hugo nicht mehr nähern.

Simone Deriu (Hugo), László Kocsis (Zerfallene Marie)
Simone Deriu (Hugo), László Kocsis (Zerfallene Marie)

Wie um diesen Zustand noch zu untermauern, zeigt das vierte Bild die Stadt Brügge. Lange Seile mit Ringen senken sich vom Bühnenhimmel herab, und die an ihnen sich durch den Raum schwingenden Tänzer lösen damit Glockengeläut aus, das auf den klerikalen Hintergrund der Stadt verweist. Das Nonnenkloster ist ein wahrer Hort von Weltabgeschiedenheit, Jenseitsdenken und Todessehnsucht. Nur selten dringt aus dem Kloster die Heiterkeit junger Frauen, meist schluckt der Nebel alle Geräusche und lässt nur Schwermut übrig. Das gesamte Ensemble karikiert dieses Nonnenkloster in einer grandiosen Tanzszene mit vielen satirischen und sogar komischen Effekten. Mei Hong Lin lässt hier dem Galgenhumor der Schwermut freies Spiel. Doch der Ausbruch der unterdrückten Emotionen bei den Nonnen ist nur von kurzer Dauer. Entweder erschrecken sie selbst über ihre impulsiven Affekte und bekreuzigen sich, oder die Situation erstarrt plötzlich, als sei "Karneval" vorbei und es nahe wieder der graue Klosteralltag. Diese Szene geht natürlich weit über eine reine Interpretation der Romanvorlage hinaus und stellt den Widerpart der Gesellschaft zum vereinsamenden Individuum dar. Die Geschäftigkeit und die Aufregungen der Gesellschaft - hier symbolisch als fest gefügtes, hierarchisch organisiertes Kloster dargestellt - grenzen den trauernden und an die Vergangenheit gefesselten Hugo nur noch mehr aus.

Als dann im fünften Bild in Gestalt der jungen Schauspielerin Marietta die tote Marie aufzuerstehen scheint - man beachte die Namensnähe -, glaubt Hugo, mit ihr den Tod Maries rückgängig machen zu können und sie an deren Stelle zu setzen. Geradezu manisch verfolgt er sie und legt sie mit Haut und Haar in Beschlag. Die anfangs geschmeichelte Marietta sieht sich zunehmend als Kopie einer Toten und nicht mehr als sie selbst. Hugo liebt in ihr Marie, nicht sie selbst, und spürt selbst die Perversion der Situation. Wie schwarze Nornen bedrängen ihn Gewissensbisse, denen er zwar nicht entgehen kann, die er aber nicht befolgt. Mei Hong Lin personalisiert diese Gewissensbisse in Gestalt schwarz gekleideter Tänzer (und -innen), die wie im alten Griechenland mit furchterregenden schwarzen Masken einen makabren Tanz aufführen. Dieser Tanz mit Marietta in der Mitte - wie ein "goldenes Kalb" - gerät geradezu zum rauschhaften Albtraum, wie ihn nur ein von Selbstvorwürfen und Gewissensbissen geplagter Mensch erleiden kann. Die Musik Michael Ehrhards treibt diesen Tanz zu einer wahren Apotheose von Liebe und Tod empor.

Das Abschlussbild führt dann zur unvermeidlichen Katastrophe. Als sich Marietta der totalen Verwandlung in Marie verweigert, erwürgt Hugo sie in einem Anfall verzweifelter Wut und Trauer. Marie stirbt sozusagen ein zweites Mal, und das Ensemble deckt den grünen - symbolischen - Rasen der Zeit über Täter und Opfer.

Eszter Kozár, EnsembleEszter Kozár, Ensemble

Neben Mei Hong Lins ausgefeilter und geschlossener Choreographie ist vor allem die Musik von Michael Erhard hervorzuheben. Der musikalische Leiter des Schauspiels hat die gesamte Musik für die achtzigminütige Choreographie selbst komponiert und präsentiert sie - er selbst am Keyboard - mit einer kleinen Gruppe von Musikern am linken Zugang zur Bühne. Erhards Musik gibt auf vorzügliche Weise die schwere, mal melancholische, mal sentimentale, mal hektische Stimmung Ende des 19. Jahrhunderts wieder. Mal meint man Satie in den Klängen wiederzuerkennen, dann klingt es nach modernem, distanzierten Jazz, und immer schaffen die besonderen melodischen Bögen und harmonischen Konstellationen eine Stimmung des Abschieds und der Entsagung. Musikexperten haben festgestellt, dass anspruchsvolle Musik Emotionen wecken können, die in keiner Sprache einen Namen haben. Wir kennen diese Empfindung vor allem von der späten Kammermusik Beethovens, die unbekannte seelische Bereiche öffnet, zu denen wir keinen verbalen Zugang kennen. Ähnliches bewirkt Michael Erhard mit seiner Musik zu "Schwanengesang", wenn wir ihn deshalb auch nicht gleich mit Beethoven vergleichen wollen. Der Titel "Schwanengesang" gilt damit nicht nur der Choreographie selbst sondern auch der Musik. Sagt die Legende doch, dass die Schwäne kurz vor ihrem Tod einen letzten, überirdischen Gesang anstimmen. Diesen letzten Gesang kreiert Erhard auf gekonnte Weise mit seiner Gruppe und vermittelt damit genau den musikalischen Eindruck, den Mei Hong Lin und ihre Truppe auf der Bühne benötigen, um die Geschichte der Trauer über eine Tote und die Vergänglichkeit von Leben und Liebe überzeugend darzustellen. Musik und Tanz gehen bei dieser Choreographie eine perfekte Symbiose ein, sowohl in den schwermütigen als auch in den expressiven Passagen.

Das Tanzensemble auf der Bühne überzeugt durch perfekte Bewegungstechnik, die jedoch nie hart oder unnatürlich wirkt. Mei Hong Lin legt Wert auf flüssige, natürliche Bewegungen, und die Tänzer setzen dieses Konzept hervorragend um. In den zentralen Rollen können sich Simone Deriu als Hugo, Andressa Miyazato als die lebende Marie, Tatiana Marchini als Barbe und Eszter Kozár als Marietta mit Erfolg in den Vordergrund tanzen und spielen. László Kocsis gibt eine so abgründige wie erschreckende und Assoziationen an Edgar Allen Poe weckende Darstellung der toten Marie.

Die einzige Kritik an dieser temporeichen und doch nie revueartigen Produktion gilt aus der Sicht des Rezensenten der letzten Szene, in der das gesamte Ensemble nach dem Mord an Marietta in hysterische, wütende und entsetzte Schreie ausbricht. Man ist es gewohnt, dass auch das Tanztheater sich zur Steigerung der Wirkung - wenn auch sparsam - der Sprache bedient. Doch die Emotionen sollen hauptsächlich durch die Körpersprachezum Ausdruck kommen; für die Sprache ist das Schauspiel zuständig. In dieser letzten Szene tut Mei Hong Lin etwas zuviel des Guten mit dem Einsatz der Stimme. Die gesamte Truppe steht bewegungslos(!) um die tote Marietta und ihren erstarrten Mörder herum und entlädt alle Emotionen in die Stimme. Das hätte man sich etwas anders gewünscht.

Weitere Aufführungen finden am 21. November sowie am 5., 13., 18., 20. und 30. Dezember statt.

Frank Raudszus

Alle Fotos © Barbara Aumüller

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