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Tanz um
Tod und Trauer |
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Mei
Hong Lin stellt in Darmstadt ihre neue Choreographie "Schwanengesang"
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Mei Hong Lin will jedoch nicht
die Handlungsstränge und die Aussage des Romans auf der
Bühne nachspielen, sondern entnimmt dem Roman einzelne
Motive, die sie tänzerisch zu einer eigenen Aussage
zusammenstellt. Das grobe Handlungsgerüst des Romans bleibt zwar
erhalten, wird aber durch eigene Zusätze angereichert und
abgewandelt. Mei Hong Lin will vor allem die seelische Zerrissenheit
nach dem Verlust einer Bezugsperson herausarbeiten, die geradezu
zwanghaften Erinnerungen an eine verlorene Liebe, das krampfhafte
Festhalten am Verlorenen, der starre Blick zurück anstatt nach
vorne.
In sechs Bildern stellt Mei Hong
Lin den geradezu zwanghaften Weg in die finale Katastrophe dar: im
ersten Bild erinnert sich Hugo (Simone Deriu) an seine Zeit mit der
längst verstorbenen Marie (Andressa Miyazato). In seinen
Erinnerungen verdichten sich zärtliche, leidenschaftliche,
verzweifelte Situationen zu einem Knäuel von Assoziationen, in
denen die Personen der beiden Protagonisten in vielfältiger
Gestalt auftauchen. Währenddessen sitzt er selbst versunken am
Bühnenrand und lässt die Erinnerungen über sich ergehen,
die anfangs in Gestalt der anderen Mitglieder der Tanz-Ensembles buchstäblich aus dem Boden aufsteigen.
Die Personen treten hier in einer an das späte 19. Jahrhundert erinnernden Aufmachung auf. Die Frauen tragen
alle eine blonde Dauerwellenfrisur, die allerdings auch in die
dreißiger Jahre passen würde. Auf jeden Fall vermitteln
Frisuren und Kostüme den Eindruck einer vergangenen Zeit und
passen daher zu der schwermütigen Stimmung des "fin de
siècle", wie sie sich in Rodenbachs Roman manifestiert. Im zweiten Bild taucht die Magd
Barbe auf, die Hugo versorgt und sich langsam von der rein sachlichen
Haushälterin zur liebenden Frau entwickelt. Sie hat jedoch gegen
das Bild der toten Marie keine Chance. Diese tritt nun nicht mehr in
ihrer ehemaligen Lebendgestalt auf, sondern als Tote. Diesen Part
spielt der Tänzer László Kocsis im weißen
Kleid, mit gebleichtem Gesicht, Kunsthaar und einer jenseitigen
Miene, die immer wieder von der stillen Verinnerlichung einer
imaginierten "schönen" Toten zu der Fratze des hässlichen,
der Vergänglichkeit verpflichteten Todes zerfällt. Wie ein
Vampir greift die toten Marie im dritten Bild immer wieder nach Hugos
Herz
und Hirn und treibt ihn systematisch in die Vereinsamung und einen
wahren Trauerwahn. Barbe kreist dabei im Hintergrund um Hugo und das
Bild der Toten, kann sich aber Hugo nicht mehr nähern.
Wie um diesen Zustand noch zu
untermauern, zeigt das vierte Bild die Stadt Brügge. Lange Seile
mit Ringen senken sich vom Bühnenhimmel herab, und die an ihnen
sich durch den Raum schwingenden Tänzer lösen damit
Glockengeläut aus, das auf den klerikalen Hintergrund der Stadt
verweist. Das Nonnenkloster ist ein wahrer Hort von
Weltabgeschiedenheit, Jenseitsdenken und Todessehnsucht. Nur selten
dringt aus dem Kloster die Heiterkeit junger Frauen, meist schluckt der
Nebel alle Geräusche und lässt nur Schwermut übrig. Das
gesamte Ensemble karikiert dieses Nonnenkloster in einer grandiosen
Tanzszene mit vielen satirischen und sogar komischen Effekten. Mei Hong
Lin lässt hier dem Galgenhumor der Schwermut freies Spiel. Doch
der Ausbruch der unterdrückten Emotionen bei den Nonnen ist nur
von kurzer Dauer. Entweder erschrecken sie selbst über ihre
impulsiven
Affekte und bekreuzigen sich, oder die Situation erstarrt
plötzlich, als sei "Karneval" vorbei und es nahe wieder der graue
Klosteralltag. Diese Szene geht natürlich weit über eine
reine Interpretation der Romanvorlage hinaus und stellt den Widerpart
der Gesellschaft zum vereinsamenden Individuum dar. Die
Geschäftigkeit und die Aufregungen der Gesellschaft - hier
symbolisch als fest gefügtes, hierarchisch organisiertes Kloster
dargestellt - grenzen den trauernden und an die Vergangenheit
gefesselten Hugo nur noch mehr aus. Als dann im fünften Bild in
Gestalt der jungen Schauspielerin Marietta die tote Marie aufzuerstehen
scheint - man beachte die Namensnähe -, glaubt Hugo, mit ihr den
Tod Maries rückgängig machen zu können und sie an deren
Stelle zu setzen. Geradezu manisch verfolgt er sie und legt sie mit
Haut und Haar in Beschlag. Die anfangs geschmeichelte Marietta sieht
sich zunehmend als Kopie einer Toten und nicht mehr als sie selbst.
Hugo liebt in ihr Marie, nicht sie selbst, und spürt selbst die
Perversion der Situation. Wie schwarze Nornen bedrängen ihn
Gewissensbisse, denen er zwar nicht entgehen kann, die er aber nicht
befolgt. Mei Hong Lin personalisiert diese Gewissensbisse in Gestalt
schwarz gekleideter Tänzer (und -innen), die wie im alten
Griechenland mit furchterregenden schwarzen Masken einen makabren Tanz
aufführen. Dieser Tanz mit Marietta in der Mitte - wie ein
"goldenes Kalb" - gerät geradezu zum rauschhaften Albtraum, wie
ihn nur ein von Selbstvorwürfen und Gewissensbissen geplagter
Mensch erleiden kann. Die Musik Michael Ehrhards treibt diesen Tanz zu
einer wahren Apotheose von Liebe und Tod empor. Das Abschlussbild führt
dann zur unvermeidlichen Katastrophe. Als sich Marietta der totalen
Verwandlung in Marie verweigert, erwürgt Hugo sie in einem Anfall
verzweifelter Wut und Trauer. Marie stirbt sozusagen ein zweites Mal,
und das Ensemble deckt den grünen - symbolischen - Rasen der Zeit
über Täter und Opfer.
Neben Mei Hong Lins ausgefeilter und geschlossener Choreographie ist vor allem
die Musik von Michael Erhard hervorzuheben. Der musikalische Leiter des
Schauspiels hat die gesamte Musik für die achtzigminütige
Choreographie selbst komponiert und präsentiert sie - er selbst am
Keyboard - mit einer kleinen Gruppe von Musikern am linken Zugang zur
Bühne. Erhards Musik gibt auf vorzügliche Weise die schwere,
mal melancholische, mal sentimentale, mal hektische Stimmung Ende des
19. Jahrhunderts wieder. Mal meint man Satie in den Klängen
wiederzuerkennen, dann klingt es nach modernem, distanzierten Jazz,
und immer schaffen die besonderen melodischen Bögen und
harmonischen Konstellationen eine Stimmung des Abschieds und der
Entsagung. Musikexperten haben festgestellt, dass anspruchsvolle Musik
Emotionen wecken können, die in keiner Sprache einen Namen haben.
Wir kennen diese Empfindung vor allem von der späten Kammermusik
Beethovens, die unbekannte seelische Bereiche öffnet, zu denen wir
keinen verbalen Zugang kennen. Ähnliches bewirkt Michael Erhard
mit seiner Musik zu "Schwanengesang", wenn wir ihn deshalb auch nicht
gleich mit Beethoven vergleichen wollen. Der Titel "Schwanengesang"
gilt damit nicht nur der Choreographie selbst sondern auch der Musik.
Sagt die Legende doch, dass die Schwäne kurz vor ihrem Tod einen
letzten, überirdischen Gesang anstimmen. Diesen letzten Gesang
kreiert Erhard auf gekonnte Weise mit seiner Gruppe und vermittelt
damit genau den musikalischen Eindruck, den Mei Hong Lin und ihre
Truppe auf der Bühne benötigen, um die Geschichte der Trauer
über eine Tote und die Vergänglichkeit von Leben und Liebe
überzeugend darzustellen. Musik und Tanz gehen bei dieser
Choreographie eine perfekte Symbiose ein, sowohl in den
schwermütigen als auch in den expressiven Passagen. Das Tanzensemble auf der
Bühne überzeugt durch perfekte Bewegungstechnik, die jedoch
nie hart oder unnatürlich wirkt. Mei Hong Lin legt Wert auf
flüssige, natürliche Bewegungen, und die Tänzer setzen
dieses Konzept hervorragend um. In den zentralen Rollen können
sich Simone Deriu als Hugo, Andressa Miyazato als die lebende Marie,
Tatiana Marchini als Barbe und Eszter Kozár als Marietta mit
Erfolg in den Vordergrund tanzen und spielen. László
Kocsis gibt eine so abgründige wie erschreckende und Assoziationen
an Edgar Allen Poe weckende Darstellung der toten Marie. Die einzige Kritik an dieser
temporeichen und doch nie revueartigen Produktion gilt aus der Sicht
des Rezensenten der letzten Szene, in der das gesamte Ensemble nach dem
Mord an Marietta in hysterische, wütende und entsetzte Schreie
ausbricht. Man ist es gewohnt, dass auch das Tanztheater sich zur
Steigerung der Wirkung - wenn auch sparsam - der Sprache bedient. Doch
die Emotionen sollen hauptsächlich durch die Körpersprachezum
Ausdruck kommen; für die Sprache ist das Schauspiel
zuständig. In dieser letzten Szene tut Mei Hong Lin etwas zuviel
des Guten mit dem Einsatz der Stimme. Die gesamte Truppe steht
bewegungslos(!) um die tote Marietta und ihren erstarrten Mörder
herum und entlädt alle Emotionen in die Stimme. Das hätte man
sich etwas anders gewünscht. Weitere
Aufführungen
finden
am
21. November sowie am 5., 13., 18., 20. und 30. Dezember
statt. Alle Fotos © Barbara Aumüller |
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