Veritabel "verrücktes"  Varieté

Dezember 2009



Programme der letzten Jahre:

2003: Vertigo
2004: Mirror
2005: Alé - eine Streetperformance
2006: Szenario
2007: Emotion
2008: Hypnotic



























































 

















































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Das "Da-Capo"-Varieté stellt in Darmstadt das neue Programm "Crazy" vor

 

Bekanntlich setzt man unter anderem auch die Hypnose ein, um geistige Erkrankungen zu bekämpfen; ob man jedoch von Hypnose auch verrückt - "crazy" - werden kann, bleibt dahingestellt. James Jungeli jedenfalls legt in der Abfolge seiner Themen eine solche Kausalität unterschwellig nahe, denn nach dem "Hypnotic" des letzten Jahres folgt nun die Show "Crazy" im mittlerweile schon fest zum (vor-)weihnachtlichen Stadtbild gehörenden Zelt auf dem Karolinenplatz. Wir jedenfalls haben das Jahr nach "Hypnotic" überstanden, ohne "crazy" zu werden, und konnten uns deswegen unbefangen dem neuen Programm aussetzen.

Die räumliche Anordnung des letzten Jahres hat sich aus Sicht der Veranstalter offenbar bewährt, denn auch in diesem Jahr ist das Foyer wiederum vom kalten Eingang entkoppelt und die Bühne als "Guckkasten" mit Frontalstellung zum Publikum angeordnet. Wie wir schon im letzten Jahr ausführten, weist diese Anordnung durchaus Vorteile auf, auch wenn dadurch weniger Plätze zur Verfügung stehen.

Moderator "Master of Hellfire"
Moderator "Master of Hellfire"

Passend zum zwanzigjährigen Jubiläum des Mauerfalls hatte James Jungeli den Moderator ausgesucht: ein junger Mann mit blonden Haaren mit Gitarre betritt ein wenig linkisch die Bühne und stellt sich in breitestem Sächsisch als "Master of Hellfire" - Herr des Höllenfeuers - vor. Schnell merkt man, dass er den linkischen Jüngling nur spielt, nimmt er doch bald deutlich Tempo auf und startet eine Reise durch das Land des Varietés, die - wie soll es bei einer solchen Veranstaltung anders sein - in Kalau beginnt. Man verzeiht ihm jedoch seine anfangs etwas platten - und provokanten - Witze über Ossis und deren Bild im Westen, da bekanntlich ein Kalauer zu Beginn das beste Anheizmittel darstellt. Die Pointe versteht jeder auch ohne größere geistige Anstrengung, und die ersten Lacher sind garantiert.

Das Ballett A8 sorgt anschließend ganz in Hellblau für Belebung auf der Bühne, und die Sängerin Annick singt dazu eigens für diese Show komponierte Lieder. Die Musik dazu kommt im Gegensatz zu früheren Programmen von der CD, da eine Band  entsprechender Größe und musikalischer Vielseitigkeit den finanziellen Rahmen bei weitem sprengen würde. Doch die Qualität der technischen Wiedergabe spricht für sich und rechtfertigt den Verzicht auf eine Live-Band.
Aus dem Tanz des Balletts entwickelt sich nahtlos der Auftritt der Atlantis-Akrobatikgruppe, die sich in ebenfalls blaugrauen Anzügen anfangs kaum vom Ballett unterscheidet. Doch schnell merkt man, dass jetzt andere Bewegungsmuster gelten. Der Tanz wandelt sich zur Akrobatik, bei der die Männer aus der Bewegung heraus Menschenpyramiden errichten, auf deren Spitze einer von ihnen einhändige Handstände und andere Kunststücke vorführt. Der Unterschied zu herkömmlichen Pyramiden liegt darin, dass die Figuren "fliegend" aufgebaut werden und keinen Augenblick lang statischen Charakter nehmen. Alles fließt und fliegt, keine Bewegung erstarrt zur Pose. Dabei sieht man, welch außergewöhnliche Konzentration und Abstimmung erforderlich ist, um stets die Balance aus Kraft und Eleganz aufrecht zu erhalten.

Anschließend macht der "Master of Hellfire" seinem Namen Ehre, indem er seinen etwas futuristischen Anzug an den vier Gliedmaßen anzündet und brennend über die Bühne spaziert, das ganze noch mit frechen Sprüchen garnierend. Dabei posiert er vor einem neuen Bühnenbild, das eine Londoner Straße des späten 19. Jahrhunderts darstellen könnte, wie wir sie aus billigen Krimis oder Horrorfilmen - "Jack the Ripper" - kennen. Vor dieser Kulisse jongliert anschließend Jemile Gomari mit mehreren Fußbällen, wobei er im Gegensatz zum herkömmlichen Jongleur auch Füße, Schultern, Hals und Kopf einsetzt. Wenn er die Bälle nicht gerade mit den Händen durch die Luft wirbelt, scheinen sie wie lebendige Wesen, von den Füßen an jeden beliebigen Punkt seines Körpers befördert, um diesen herumzuschleichen und sich an alle Einbuchtungen wie Hals oder Schultern anzuschmiegen.

Der Torsionsclown Sascha
Der Torsionsclown Sascha

Mit Hilfe eines Requisiteurs und eines - legitimen - Jonglage-Kalauers zieht der "Master of Hellfire" wieder die Lacher auf seine Seite und präsentiert dann mit drei - vermeintlich angezündeten - Dynamitstangen den "Terroristen-Rap", wobei er mit den Stangen jongliert und sie dabei auf kleine Trommeln aufschlagen lässt, die wiederum den typischen Rap-Rhythmus erzeigen. Dieser Moderator kann also nicht nur Kalauern und freche Sprüche zaubern sondern hat auch artistisch durchaus Einiges vorzuweisen. Dieser makabre Rap kommt beim Publikum gut an und endet - wie zu erwarten - mit einem lauten Knall.

Nach einem rassigen Tango des Balletts bietet der Ukrainer Sascha eine Torsionsschau, die nichts für zarte Gemüter ist. Mit der Attitüde des blödelnden Clowns verdreht er seinen Körper in der Hüfte um fast 180 Grad, sodass dem sensiblen Zuschauer bei der Vorstellung der Vorgänge in diesem Körper fast schlecht wird.


Freddy Nock und Mica auf dem Hochseil
Fredda Nock & Mica auf dem Hochseil

Das A8-Ballett macht dann dem Motto des Programms alle Ehre, indem es als Insassen einer geschlossenen Anstalt in Pyjamas auftritt, die permanent von Pflegern in weißen Kitteln und mit Rote-Kreuz-Binden beobachtet und eingehegt werden. Die längsgestreiften Anzüge und die entsprechenden Kappen dazu wecken zwar auch andere, ungute Assoziationen, doch die verdrängt man an diesem temperamentvollen Abend schnell wieder. Denn jetzt naht der erste Höhepunkt: Freddy Nock und Mica präsentieren ihren atemberaubenden Drahtseilakt etwa zehn Meter über dem Bühnenboden - ohne Netz, doppelten Boden oder Seilsicherung. Völlig unbehindert und ungesichert laufen sie auf dem schmalen Drahtseil hoch oben in der Zirkuskoppel gar nicht ratlos hin und her oder wagen sogar artistische Sprünge. Freddy Nock simuliert dabei auch gerne einen Beinahe-Absturz: das Publikum schreit auf und muss nachher feststellen, dass er die Katastrophe nur gespielt hat. In einem Fall ist dies derartig spektakulär, dass er kopfüber vom Seil zu stürzen droht; wir wollen die Rettung aus dieser fatalen Situation hier jedoch nicht verraten. Auf jeden Fall stockt dem Publikum bei dieser Vorführung des Öfteren der Atem und es benötigt die anschließende Pause dringend.


Die zweite Hälfte beginnt mit der Schweizer Gruppe "Holmiker's" und ihrer "Frankenstein"-Akrobatik. In wahren Horror-Kostümen, unter anderen einer übergroßen Frankenstein-Figur, die bald im wahrsten Sinn des Wortes ihren Kopf verliert, vollführen die Akrobaten buschstäblich "irr-witzige" Kunststücke am Barren und Boden, und der "Master of Hellfire" ergänzt diese Verrücktheit anschließend durch ein groteskes aber professionelles Feuerschlucken mitten in den Zuschauerreihen.

Aurelie mit der Taube
Aurélie mit der Taube

Die Akrobatin Aurélie entwickelt ihr Programm in einem rot-weißen Clownsdress aus einer Tanzvorführung des A8-Balletts heraus und lässt sich dabei von einer weißen Taube assistieren, die unbeirrt auf den jeweils höchsten Punkt von Aurélies Körper klettert, gleich ob sie einen Handstand vollführt und die Füße (oder nur einen) gen Himmel streckt oder die Beine bis zur Waagerechten senkt und  - auf einer Hand stehend - andere Körperteile nach oben reckt. Die Taube lässt sich durch keine der schwierigen Akrobatikfiguren beirren und bleibt stets oben. Als Zwischenspiel bietet wiederum der "Master of Hellfire" ein Spiel auf der Kerzenorgel und lässt eine junge Frau aus dem Publikum als Zielscheibe für ein vermeintlich gefährliches Feuerspiel auf die Bühne kommen. Die junge Frau machte an diesem Premiereabend mit Witz und Unbefangenheit mit und vertraute - mit Recht - darauf, das es am Schluss doch nicht so schlimm wie angedroht kommen würde.

Anschließend präsentiert ein Akrobat aus der ukrainischen Gruppe seine Künste am Vertikalseil, wobei ihm drei erotisch aufgeladene Mädchen aus dem Ballett sehn- und eifersüchtig beobachten. Nach seinen kraft- und schwungvollen Kunststücken an dem als äußerst schwierig geltenden Seil gibt er jedoch den drei Schönen auf witzig-überraschende Weise einen deutlichen Korb. Auch hier ist wie bei allen Vorführungen immer wieder der Witz im Spiel. Die Artisten nehmen das "crazy" nicht nur hinsichtlich des Schwierigkeitsgrades ihrer jeweiligen Kunst sondern auch darüber hinaus im Sinne eines Selbstironie ernst. 

Die "Holmikers" aus der Schweiz
Die "Holmikers" aus der Schweiz

Nachdem der Moderator noch einen verrückten, funkensprühenden Rock'n Roll mit Metallkostüm und Flex abgeliefert hat, kommen noch einmal Freddy Nock und Mica im Goßen Rad auf die Bühne. Wie ein riesiger Hundekochen dreht sich ein überdimensionaler Balken, an dessen Ende zwei Laufräder montiert sind. In diesen laufen die beiden Artisten und führen duch die Veränderung des Hebelarms die immer schneller werdende Drehung des Gesamtsystems herbei. Irgendwann verlassen sie das schützende Hamsterrad und laufen - wiederum ungesichert - auf der Außenseite des Laufrades um dieses herum, immer in der Gefahr nicht mitzuhalten und hinunterzufallen. Versteht sich, dass auch hier Freddy Nock wieder einige "Beinahe-Abtürze" inszeniert und sich jeweils erst in der letzten Zehntelsekunde rettet.

Das Wort "Crazy" trifft wahrhaftig den Kern dieses Programms, das sich vor allem durch sein hohes Tempo und seine "verrückten" Elemente auszeichnet. Dazu passt auch der Moderator, der dieses Mal keinen melancholisch-besinnlichen Aspekt beisteuert sondern die Verrücktheit mit gekonnten Einlagen und frechen Sprüchen noch unterstreicht.

Der einzige Kritikpunkt gilt der Gastronomie: selbst während der anspruchsvollten Vorführungen auf der Bühne lief das Personal ungerührt hin und her und lieferte ununterbrochen Getränke und Essen an die Besucher. Kann man diese Tätigkeiten nicht auf Pausen beschränken und damit den Besuchern einen ungestörten Genuss der Vorführungen ermöglichen?

Hypnotic vom 3.12.09 bis 3.1.10, Darmstadt, Karolinenplatz
Täglich 20 Uhr. Alle Sonntage sowie 25.12. und 26.12., 14 Uhr und 18 Uhr
Ruhetage: 24.12.09 und 1.1.10
Einlass 1 Stunde vor Showbeginn

Weitere Informationen über das Internet.

Frank Raudszus

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