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Veritabel "verrücktes"
Varieté |
![]() Programme der letzten Jahre: 2003: Vertigo 2004: Mirror 2005: Alé - eine Streetperformance 2006: Szenario 2007: Emotion 2008: Hypnotic Ihre Meinung über E-Mail hier |
Das
"Da-Capo"-Varieté stellt in Darmstadt das neue Programm
"Crazy" vor |
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Bekanntlich setzt man unter
anderem auch die Hypnose ein, um geistige Erkrankungen zu
bekämpfen; ob man jedoch von Hypnose auch verrückt - "crazy"
- werden kann, bleibt dahingestellt. James Jungeli jedenfalls legt in
der Abfolge seiner Themen eine solche Kausalität unterschwellig
nahe, denn nach dem "Hypnotic" des letzten Jahres folgt nun die Show
"Crazy" im mittlerweile schon fest zum (vor-)weihnachtlichen Stadtbild
gehörenden Zelt auf dem Karolinenplatz. Wir jedenfalls haben das
Jahr nach "Hypnotic" überstanden, ohne "crazy" zu werden, und
konnten uns deswegen unbefangen dem neuen Programm aussetzen. Die räumliche Anordnung des
letzten Jahres hat sich aus Sicht der Veranstalter offenbar
bewährt, denn auch in diesem Jahr ist das Foyer wiederum vom
kalten Eingang entkoppelt und die Bühne als "Guckkasten" mit
Frontalstellung zum Publikum angeordnet. Wie wir schon im letzten Jahr
ausführten, weist diese Anordnung durchaus Vorteile auf, auch wenn
dadurch weniger Plätze zur Verfügung stehen.
Passend zum zwanzigjährigen
Jubiläum des Mauerfalls hatte James Jungeli den Moderator
ausgesucht: ein junger Mann mit blonden Haaren mit Gitarre betritt ein
wenig linkisch die Bühne und stellt sich in breitestem
Sächsisch als "Master of Hellfire" - Herr des Höllenfeuers -
vor. Schnell merkt man, dass er den linkischen Jüngling nur
spielt, nimmt er doch bald deutlich Tempo auf und startet eine Reise
durch das Land des Varietés, die - wie soll es bei einer solchen
Veranstaltung anders sein - in Kalau beginnt. Man verzeiht ihm jedoch
seine anfangs etwas platten - und provokanten - Witze über Ossis
und deren Bild im Westen, da bekanntlich ein Kalauer zu Beginn das
beste Anheizmittel darstellt. Die Pointe versteht jeder auch ohne
größere geistige Anstrengung, und die ersten Lacher sind
garantiert. Das Ballett A8 sorgt
anschließend ganz in Hellblau für Belebung auf der
Bühne, und die Sängerin Annick singt dazu eigens für
diese Show komponierte Lieder. Die Musik dazu kommt im Gegensatz zu
früheren Programmen von der CD, da eine Band entsprechender
Größe und musikalischer Vielseitigkeit den finanziellen
Rahmen bei weitem sprengen würde. Doch die Qualität der
technischen Wiedergabe spricht für sich und rechtfertigt den
Verzicht auf eine Live-Band. Anschließend macht der
"Master of Hellfire" seinem Namen Ehre, indem er seinen etwas
futuristischen Anzug an den vier Gliedmaßen anzündet und
brennend über die Bühne spaziert, das ganze noch mit frechen
Sprüchen garnierend. Dabei posiert er vor einem neuen
Bühnenbild, das eine Londoner Straße des späten 19.
Jahrhunderts darstellen könnte, wie wir sie aus billigen Krimis
oder Horrorfilmen - "Jack the Ripper" - kennen. Vor dieser Kulisse
jongliert anschließend Jemile Gomari mit mehreren
Fußbällen, wobei er im Gegensatz zum herkömmlichen
Jongleur auch Füße, Schultern, Hals und Kopf einsetzt. Wenn
er die Bälle nicht gerade mit den Händen durch die Luft
wirbelt, scheinen sie wie lebendige Wesen, von den Füßen an
jeden beliebigen Punkt seines Körpers befördert, um diesen herumzuschleichen und sich an alle
Einbuchtungen wie Hals oder Schultern anzuschmiegen.
Mit Hilfe eines Requisiteurs und
eines - legitimen - Jonglage-Kalauers zieht der "Master of Hellfire"
wieder die Lacher auf seine Seite und präsentiert dann mit drei -
vermeintlich angezündeten - Dynamitstangen den "Terroristen-Rap",
wobei er mit den Stangen jongliert und sie dabei auf kleine Trommeln
aufschlagen lässt, die wiederum den typischen Rap-Rhythmus
erzeigen. Dieser Moderator kann also nicht nur Kalauern und freche
Sprüche zaubern sondern hat auch artistisch durchaus Einiges
vorzuweisen. Dieser makabre Rap kommt beim Publikum gut an und endet -
wie zu erwarten - mit einem lauten Knall. Nach einem rassigen Tango des
Balletts bietet der Ukrainer Sascha eine Torsionsschau, die nichts
für zarte Gemüter ist. Mit der Attitüde des
blödelnden Clowns verdreht er seinen Körper in der Hüfte
um fast 180 Grad, sodass dem sensiblen Zuschauer bei der Vorstellung
der Vorgänge in diesem Körper fast schlecht wird.
Das A8-Ballett macht dann dem
Motto des Programms alle Ehre, indem es als Insassen einer
geschlossenen Anstalt in Pyjamas auftritt, die permanent von Pflegern
in weißen Kitteln und mit Rote-Kreuz-Binden beobachtet und
eingehegt werden. Die längsgestreiften Anzüge und die
entsprechenden Kappen dazu wecken zwar auch andere, ungute
Assoziationen, doch die verdrängt man an diesem temperamentvollen
Abend schnell wieder. Denn jetzt naht der erste Höhepunkt: Freddy
Nock und Mica präsentieren ihren atemberaubenden Drahtseilakt etwa
zehn Meter über dem Bühnenboden - ohne Netz, doppelten Boden
oder Seilsicherung. Völlig unbehindert und ungesichert laufen sie
auf dem schmalen Drahtseil hoch oben in der Zirkuskoppel gar nicht
ratlos hin und her oder wagen sogar artistische Sprünge. Freddy
Nock simuliert dabei auch gerne einen Beinahe-Absturz: das Publikum
schreit auf und muss nachher feststellen, dass er die Katastrophe nur
gespielt hat. In einem Fall ist dies derartig spektakulär, dass er
kopfüber vom Seil zu stürzen droht; wir wollen die Rettung
aus dieser fatalen Situation hier jedoch nicht verraten. Auf jeden Fall
stockt dem Publikum bei dieser Vorführung des Öfteren der
Atem und es benötigt die anschließende Pause dringend.
Die zweite Hälfte beginnt
mit der Schweizer Gruppe "Holmiker's" und ihrer
"Frankenstein"-Akrobatik. In wahren Horror-Kostümen, unter anderen
einer übergroßen Frankenstein-Figur, die bald im wahrsten
Sinn des Wortes ihren Kopf verliert, vollführen die Akrobaten
buschstäblich "irr-witzige" Kunststücke am Barren und Boden,
und der "Master of Hellfire" ergänzt diese Verrücktheit
anschließend durch ein groteskes aber professionelles
Feuerschlucken mitten in den Zuschauerreihen.
Die Akrobatin Aurélie
entwickelt ihr Programm in einem rot-weißen Clownsdress aus einer
Tanzvorführung des A8-Balletts heraus und lässt sich dabei
von einer weißen Taube assistieren, die unbeirrt auf den jeweils
höchsten Punkt von Aurélies Körper klettert, gleich ob
sie einen Handstand vollführt und die Füße (oder nur
einen) gen Himmel streckt oder die Beine bis zur Waagerechten senkt
und - auf einer Hand stehend - andere Körperteile nach oben
reckt. Die Taube lässt sich durch keine der schwierigen
Akrobatikfiguren beirren und bleibt stets oben. Als Zwischenspiel
bietet wiederum der "Master of Hellfire" ein Spiel auf der Kerzenorgel
und lässt eine junge Frau aus dem Publikum als Zielscheibe
für ein vermeintlich gefährliches Feuerspiel auf die
Bühne kommen. Die junge Frau machte an diesem Premiereabend mit
Witz und Unbefangenheit mit und vertraute - mit Recht - darauf, das es
am Schluss doch nicht so schlimm wie angedroht kommen würde. Anschließend
präsentiert ein Akrobat aus der ukrainischen Gruppe seine
Künste am Vertikalseil, wobei ihm drei erotisch aufgeladene
Mädchen aus dem Ballett sehn- und eifersüchtig beobachten.
Nach seinen kraft- und schwungvollen Kunststücken an dem als
äußerst schwierig geltenden Seil gibt er jedoch den drei
Schönen auf witzig-überraschende Weise einen deutlichen Korb.
Auch hier ist wie bei allen Vorführungen immer wieder der Witz im
Spiel. Die Artisten nehmen das "crazy" nicht nur hinsichtlich des
Schwierigkeitsgrades ihrer jeweiligen Kunst sondern auch darüber
hinaus im Sinne eines Selbstironie ernst.
Nachdem der Moderator noch einen
verrückten, funkensprühenden Rock'n Roll mit
Metallkostüm und Flex abgeliefert hat, kommen noch einmal Freddy
Nock und Mica im Goßen Rad auf die Bühne. Wie ein riesiger
Hundekochen dreht sich ein überdimensionaler Balken, an dessen
Ende zwei Laufräder montiert sind. In diesen laufen die beiden
Artisten und führen duch die Veränderung des Hebelarms die
immer schneller werdende Drehung des Gesamtsystems herbei. Irgendwann
verlassen sie das schützende Hamsterrad und laufen - wiederum
ungesichert - auf der Außenseite des Laufrades um dieses herum,
immer in der Gefahr nicht mitzuhalten und hinunterzufallen. Versteht
sich, dass auch hier Freddy Nock wieder einige "Beinahe-Abtürze"
inszeniert und sich jeweils erst in der letzten Zehntelsekunde rettet. Das Wort "Crazy" trifft
wahrhaftig den Kern dieses Programms, das sich vor allem durch sein
hohes Tempo und seine "verrückten" Elemente auszeichnet. Dazu
passt auch der Moderator, der dieses Mal keinen
melancholisch-besinnlichen Aspekt beisteuert sondern die
Verrücktheit mit gekonnten Einlagen und frechen Sprüchen noch
unterstreicht. Der einzige Kritikpunkt gilt der
Gastronomie: selbst während der anspruchsvollten Vorführungen
auf der Bühne lief das Personal ungerührt hin und her und
lieferte ununterbrochen Getränke und Essen an die Besucher. Kann
man diese Tätigkeiten nicht auf Pausen beschränken und damit
den Besuchern einen ungestörten Genuss der Vorführungen
ermöglichen? Hypnotic vom 3.12.09 bis 3.1.10,
Darmstadt, Karolinenplatz
Täglich 20 Uhr. Alle Sonntage sowie 25.12. und 26.12., 14 Uhr und 18 Uhr Ruhetage: 24.12.09 und 1.1.10 Einlass 1 Stunde vor Showbeginn Weitere
Informationen
über
das
Internet. Frank Raudszus |
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