Striptease aus sozialer Not

Dezember 2009


Ältere Inszenierungen dieses Theaters:

Hair


Gaslight




























































































































 
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Das "English Theatre" in Frankfurt präsentiert die Musical-Komödie "The Full Monty"

 

Ein uraltes sentimentales Vorurteil besagt, dass Animierdamen und Stripteasetänzerinnen diesen Beruf gezwungenermaßen ergriffen haben, um ihre kranke Mutter oder ein kleines Kind zu ernähren. Die Wiederholung dieser Behauptung macht sie zwar nicht glaubwürdiger aber resistenter. Nun gibt es auch eine - wenn auch kleinere - Szene für männliches Striptease, das sich - vice versa - an die Frauen richtet. Männliche Auguren haben bis heute nicht entschlüsseln können, ob Frauen sich diese Gruppen - so die berühmten "Chippendales" - nur wegen der Komik und des Klamauks oder tatsächlich aus erotischer Lüsternheit ansehen. Als Mann erhofft man letzteres und befürchtet ersteres...
Die Musik-Komödie "The Full Monty" - zu Deutsch "Alles oder gar nichts" - von Terence McNally (Musik von David Yazbek) nimmt dieses Milieu aufs Korn und geht dabei gleichzeitig augenzwinkernd von einer sozialen Notlage aus.


Julia J. Nagle (Vicki, l.) und andere Darsteller

Jerry und Dave haben ihren Arbeitsstelle in einem Stahlwerk verloren und finden keine neue. Jerrys Frau Pam hat sich von ihm scheiden lassen, weil er sich ihrer Meinung nach nicht ernsthaft genug um einen Job kümmert, und Jerry droht den Zugang zu seinem halbwüchsigen Sohn Nathan zu verlieren, weil er die Alimente nicht mehr bezahlen kann. Dave ist derart deprimiert, dass in seiner Ehe auch nichts mehr läuft. Die beiden bringen ihre Tage mit Schwadronieren und Biertrinken zu, und Dave hat sich bereits einen ordentlichen Bauch zugelegt.

Als die den Familienunterhalt finanzierenden Frauen sich einen schönen Abend bei einem Männer-Striptease gönnen, ist die Frustrationsschwelle der beiden jungen Männer überschritten. In der Männertoilette des Veranstaltungslokals, das sie an diesem Abend eigentlich gar nicht betreten dürften, treffen sie einen der Stripper. Dabei kommt bei Jerry die Idee auf, selbst eine Stripgruppe aufzumachen und sich so mit einem Schlag aller Geldsorgen zu entledigen, anstatt irgendeinen langweiligen Hilfsjob anzunehmen. Dave wird natürlich als erstes Opfer "verhaftet", wehrt sich aber verzweifelt mit dem Hinweis auf sein mangelndes Tanztalent und seinen Bauch. Schon dieser Dialog gebiert viele Bonmots und Wortspiele über den männlichen Körper und seine - vermeintliche - Wirkung auf das andere Geschlecht.

Da Jerry sein Ziel unbeirrt verfolgt, muss ihm Dave schließlich folgen, und sie suchen sich einen Tanzlehrer, der vor einiger Zeit seine hochdotierte Stelle in einer Bank verloren hat, dies aber seiner verwöhnten Frau nicht zu beichten gewagt hat. Unter Androhung der Entlarvung bringt Jerry ihn dazu, bei Auswahl und Ausbildung der weiteren Stripper mitzuwirken. Es versteht sich von selbst, dass sich hauptsächlich abenteuerliche Gestalten melden, die weder etwas von Tanz noch von Musik oder Schauspielerei verstehen. Ein verdruckstes Muttersöhnchen steht immer hilflos und störend in der Gegend herum, ein anderer versucht permanent, Wände hochzulaufen, und verletzt sich dabei des Öfteren, vor allem offensichtlich das Innere des Kopfes. Ein großer Farbiger kann sich zwar durchaus gut bewegen, leidet jedoch unter dem Komplex eines zu kleinen "Organs". Wieder ein Anlass für deftige Witze und Bemerkungen.

Die Tanzproben verlaufen katastrophal, obwohl sich Harold, der Tanzlehrer, selbst in die Gruppe mit einbringt. Der Knoten platzt erst, als jemand sagt, Basketballspielen sei viel leichter. Da kommt Jerry die Idee, den Tanz als Basketballspiel aufzuziehen, und auf einmal umkurven die jungen Männer einander, werfen und tippen mit imaginären Bällen und springen zu ebenso imaginären Körben hoch. Plötzlich können sich alle leicht und locker bewegen und das Tanztraining nimmt langsam Formen an.

Generalprobe der Stripper-Gruppe
Generalprobe der Stripper-Gruppe

Nebenher ergeben sich natürlich immer wieder unschöne Szenen mit den (Ex-)Gattinnen, die über die Untätigkeit der Männer alles andere als erfreut sind, von den Striptease-Aktivitäten jedoch nichts wissen dürfen. Jerrys Frau will einen neuen, ordentlichen Mann heiraten, und Daves Frau will empört ausziehen, als sie einen - für die Striptease-Show unentbehrlichen - Tanga-Slip entdeckt. Ein anderer Krisenherd besteht in Harolds Frau, die als extrovertierte Blondine mit allerlei Ansprüchen daherkommt.

Das Ganze eskaliert, als die Polizei plötzlich das Tanztraining sprengt, weil mit Jerrys Sohn Nathan ein Minderjähriger diesem unzüchtigen Treiben zuschaut. Dennoch verfolgt Jerry weiter sein Ziel und wirbt für den großen Auftritt im Kreise der weiblichen Bevölkerung. Sein einziges Argument gegenüber den etablierten Stripgruppen ist der "Full Monty", das heißt die totale finale Entblößung ohne Einschränkung. Das scheint die Frauen zu beflügeln, und am Abend steht die Schlange der "heißen" Frauen vor dem Theater die ganze Straße hinunter. Als Jerry erfährt, dass auch Pam mit Freund vorne im Parkett sitzt, bekommt er im letzten Moment kalte Füße, weil er sich nicht dem Spott seines Nachfolgers aussetzen will. Doch ausgerechnet sein Sohn macht ihm die Hölle heiß und verlangt von ihm, einmal eine  Sache zu Ende zu bringen, damit er auf ihn stolz sein kann. So springt Jerry mitten in die Gruppe seiner bereits tanzenden Freunde hinein und bringt zusammen mit ihnen die Vorstellung bis zum "Full Monty"-Ende und - natürlich - zum rauschenden Erfolg.

Das "Ful Monty" ist jedoch nicht nur fiktives Thema des Musicals, sondern findet tatsächlich in der letzten Szene der Inszenierung auf der Bühne statt. Allerdings blenden im entscheidenden Moment die Scheinwerfer derart ins Publikum, dass man nichts mehr sieht. Dann fällt der Vorhang - und alle Fragen nach der "Bestückung" der Darsteller bleiben offen.

Die letzte Szene - der "Full Monty"Die letzte Szene - der "Full Monty"

Ryan McBryde hat diese groteske Geschichte mit viel Witz und Tempo inszeniert. Tanz und Gesang stehen natürlich im Mittelpunkt der Inszenierung, aber längere Sprechszenen erleichtern das Verständnis auch für Besucher, die Englisch nur als Fremdsprache sprechen. Denn einfach ist es nicht, den schnellen Dialogen mit ihrem speziellen Vokabular und Slang bis in alle Verästelungen der Wortspiele und Witze zu folgen. Dabei geht dann zwar so manche Pointe für den deutschen Besucher verloren, aber das macht nichts, da der Witz der Situation sich ohne Probleme jedem erschließt. Die Handlunsgstränge sind einfach und eher auf markante Aktionen als auf längere Monologe oder Dialoge abgestellt. Es gibt viel zu lachen, und das Tempo lässt keinen Augenblick Langeweile aufkommen. Natürlich nutzt die Inszenierung weidlich die Möglichkeiten des Slapsticks bei einem Männerstriptease, so wenn sich die ungelenken jungen Männer beim schwungvollen Ziehen der Gürtel diese gegenseitig um die Ohren schlagen oder sich beim Tanzen gegenseitig über den Haufen laufen. Aber Slapstock ist ein legitimes Mittel, um die Heiterkeit des Publikums zu erregen, solange es nicht überstrapaziert wird. Das ist hier eindeutig nicht der Fall, die Inszenierung ist sogar gut ausbalanciert zwischen musikalischen Solos - mal sentimental, mal rockig -, tänzerischen Einlagen, die aber nie artifiziell wirken sondern immer der Handlung angemessen sind, und den verbalen Gefechten unter den Männern oder mit den Frauen.

Während die Männer in diesem Stück als schwadronierende Testosteronspeicher mit sentimentalen Anflügen daherkommen, bilden die Frauen ein herrliches Zickenquartett, das alle Klischees über Frauen genüsslich durch den Kakao zieht: die eiskalte Ex im Hosenanzug, die prätentiöse Managergattin mit aufgeblondetem Haar und manirierter Gestik und Mimik, die handfesten jungen Frauen, die sich in der Damentoilette ungezwungen ihren Meinungen über die Mänenr und den Sex hingeben.

Dazu spielt über der Bühne in einer fingierten Wohnung der kleinbürgerlichen Kulisse eine Band mit Saxophon, Schlagzeug und Keyboard schmissige Musical-Musik, die zwar nicht unbedingt das Wiedererkennungsniveau von Lloyd-Webber aufweist, aber sich gut hören lässt. Den Schauspielern bereitet dieses Stück offensichtlich viel Spaß, denn sie sind mit sehr viel Temperament und Witz bei der Sache, vom körperlichen Einsatz ganz zu schweigen. Als Hauptdarsteller dominieren Marek Powell (Jerry) und Tom Gilling (Dave) die Bühne, als weibliche Pendants neben anderen Rebecca Reany (Pam) und Julia J. Nagle (Harolds verwöhnte Frau Vicki). Erwähnenswert ist neben allen anderen ebenso guten Mitspielern noch Valda Aviks, die eine herrlich resolute und bodenständige Jeanette spielt und am Klavier die - natürlich von der Band kommende - Musik und die trockenen Bemerkungen zu den Tanzversuchen der Strip-Chaoten liefert.

Das Stück läuft noch bis zum 14. Februar dienstags bis samstags um 19.30 und sonntags um 18 Uhr. Tickets kann man über das Internet bestellen.

Frank Raudszus

Alle Fotos © Anja Kühn

PDF-Datei Full Monty