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Striptease aus sozialer Not |
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Das
"English Theatre" in Frankfurt präsentiert die
Musical-Komödie "The Full Monty" |
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Ein uraltes sentimentales
Vorurteil besagt, dass Animierdamen und Stripteasetänzerinnen
diesen Beruf gezwungenermaßen ergriffen haben, um ihre kranke
Mutter oder ein kleines Kind zu ernähren. Die Wiederholung dieser
Behauptung macht sie zwar nicht glaubwürdiger aber resistenter.
Nun gibt es auch eine - wenn auch kleinere - Szene für
männliches Striptease, das sich - vice versa - an die Frauen
richtet. Männliche Auguren haben bis heute nicht
entschlüsseln können, ob Frauen sich diese Gruppen - so die
berühmten "Chippendales" - nur wegen der Komik und des Klamauks
oder tatsächlich aus erotischer Lüsternheit ansehen. Als Mann
erhofft man letzteres und befürchtet ersteres...
Jerry und Dave haben ihren
Arbeitsstelle in einem Stahlwerk verloren und finden keine neue. Jerrys
Frau Pam hat sich von ihm scheiden lassen, weil er sich ihrer Meinung
nach nicht ernsthaft genug um einen Job kümmert, und Jerry droht
den Zugang zu seinem halbwüchsigen Sohn Nathan zu verlieren, weil
er die Alimente nicht mehr bezahlen kann. Dave ist derart deprimiert,
dass in seiner Ehe auch nichts mehr läuft. Die beiden bringen ihre
Tage mit Schwadronieren und Biertrinken zu, und Dave hat sich bereits
einen ordentlichen Bauch zugelegt. Als die den Familienunterhalt
finanzierenden Frauen sich einen schönen Abend bei einem
Männer-Striptease gönnen, ist die Frustrationsschwelle der
beiden jungen Männer überschritten. In der
Männertoilette des Veranstaltungslokals, das sie an diesem Abend
eigentlich gar nicht betreten dürften, treffen sie einen der
Stripper. Dabei kommt bei Jerry die Idee auf, selbst eine Stripgruppe
aufzumachen und sich so mit einem Schlag aller Geldsorgen zu
entledigen, anstatt irgendeinen langweiligen Hilfsjob anzunehmen. Dave
wird natürlich als erstes Opfer "verhaftet", wehrt sich aber
verzweifelt mit dem Hinweis auf sein mangelndes Tanztalent und seinen
Bauch. Schon dieser Dialog gebiert viele Bonmots und Wortspiele
über den männlichen Körper und seine - vermeintliche -
Wirkung auf das andere Geschlecht. Da Jerry sein Ziel unbeirrt
verfolgt, muss ihm Dave schließlich folgen, und sie suchen sich
einen Tanzlehrer, der vor einiger Zeit seine hochdotierte Stelle in
einer Bank verloren hat, dies aber seiner verwöhnten Frau nicht zu
beichten gewagt hat. Unter Androhung der Entlarvung bringt Jerry ihn
dazu, bei Auswahl und Ausbildung der weiteren Stripper mitzuwirken. Es
versteht sich von selbst, dass sich hauptsächlich abenteuerliche
Gestalten melden, die weder etwas von Tanz noch von Musik oder
Schauspielerei verstehen. Ein verdruckstes Muttersöhnchen steht
immer hilflos und störend in der Gegend herum, ein anderer
versucht permanent, Wände hochzulaufen, und verletzt sich dabei
des Öfteren, vor allem offensichtlich das Innere des Kopfes. Ein
großer Farbiger kann sich zwar durchaus gut bewegen, leidet
jedoch unter dem Komplex eines zu kleinen "Organs". Wieder ein Anlass
für deftige Witze und Bemerkungen. Die Tanzproben verlaufen
katastrophal, obwohl sich Harold, der Tanzlehrer, selbst in die Gruppe
mit einbringt. Der Knoten platzt erst, als jemand sagt,
Basketballspielen sei viel leichter. Da kommt Jerry die Idee, den Tanz
als Basketballspiel aufzuziehen, und auf einmal umkurven die jungen
Männer einander, werfen und tippen mit imaginären Bällen
und springen zu ebenso imaginären Körben hoch. Plötzlich
können sich alle leicht und locker bewegen und das Tanztraining
nimmt langsam Formen an.
Nebenher ergeben sich
natürlich immer wieder unschöne Szenen mit den
(Ex-)Gattinnen, die über die Untätigkeit der Männer
alles andere als erfreut sind, von den Striptease-Aktivitäten
jedoch nichts wissen dürfen. Jerrys Frau will einen neuen,
ordentlichen Mann heiraten, und Daves Frau will empört ausziehen,
als sie einen - für die Striptease-Show unentbehrlichen -
Tanga-Slip entdeckt. Ein anderer Krisenherd besteht in Harolds Frau,
die als extrovertierte Blondine mit allerlei Ansprüchen
daherkommt. Das Ganze eskaliert, als die
Polizei plötzlich das Tanztraining sprengt, weil mit Jerrys Sohn
Nathan ein Minderjähriger diesem unzüchtigen Treiben
zuschaut. Dennoch verfolgt Jerry weiter sein Ziel und wirbt für
den großen Auftritt im Kreise der weiblichen Bevölkerung.
Sein einziges Argument gegenüber den etablierten Stripgruppen ist
der "Full Monty", das heißt die totale finale
Entblößung ohne Einschränkung. Das scheint die Frauen
zu beflügeln, und am Abend steht die Schlange der "heißen"
Frauen vor dem Theater die ganze Straße hinunter. Als Jerry
erfährt, dass auch Pam mit Freund vorne im Parkett sitzt, bekommt
er im letzten Moment kalte Füße, weil er sich nicht dem
Spott seines Nachfolgers aussetzen will. Doch ausgerechnet sein Sohn
macht ihm die Hölle heiß und verlangt von ihm, einmal
eine Sache zu Ende zu bringen, damit er auf ihn stolz sein kann.
So springt Jerry mitten in die Gruppe seiner bereits tanzenden Freunde
hinein und bringt zusammen mit ihnen die Vorstellung bis zum "Full
Monty"-Ende und - natürlich - zum rauschenden Erfolg. Das "Ful Monty" ist jedoch nicht
nur fiktives Thema des Musicals, sondern findet tatsächlich in der
letzten Szene der Inszenierung auf der Bühne statt. Allerdings
blenden im entscheidenden Moment die Scheinwerfer derart ins Publikum,
dass man nichts mehr sieht. Dann fällt der Vorhang - und alle
Fragen nach der "Bestückung" der Darsteller bleiben offen.
Ryan McBryde hat diese groteske
Geschichte mit viel Witz und Tempo inszeniert. Tanz und Gesang stehen
natürlich im Mittelpunkt der Inszenierung, aber längere
Sprechszenen erleichtern das Verständnis auch für Besucher,
die Englisch nur als Fremdsprache sprechen. Denn einfach ist es nicht,
den schnellen Dialogen mit ihrem speziellen Vokabular und Slang bis in
alle Verästelungen der Wortspiele und Witze zu folgen. Dabei geht
dann zwar so manche Pointe für den deutschen Besucher verloren,
aber das macht nichts, da der Witz der Situation sich ohne Probleme
jedem erschließt. Die Handlunsgstränge sind einfach und eher
auf markante Aktionen als auf längere Monologe oder Dialoge
abgestellt. Es gibt viel zu lachen, und das Tempo lässt keinen
Augenblick Langeweile aufkommen. Natürlich nutzt die Inszenierung
weidlich die Möglichkeiten des Slapsticks bei einem
Männerstriptease, so wenn sich die ungelenken jungen Männer
beim schwungvollen Ziehen der Gürtel diese gegenseitig um die
Ohren schlagen oder sich beim Tanzen gegenseitig über den Haufen
laufen. Aber Slapstock ist ein legitimes Mittel, um die Heiterkeit des
Publikums zu erregen, solange es nicht überstrapaziert wird. Das
ist hier eindeutig nicht der Fall, die Inszenierung ist sogar gut
ausbalanciert zwischen musikalischen Solos - mal sentimental, mal
rockig -, tänzerischen Einlagen, die aber nie artifiziell wirken
sondern immer der Handlung angemessen sind, und den verbalen Gefechten
unter den Männern oder mit den Frauen. Während die Männer in
diesem Stück als schwadronierende Testosteronspeicher mit
sentimentalen Anflügen daherkommen, bilden die Frauen ein
herrliches Zickenquartett, das alle Klischees über Frauen
genüsslich durch den Kakao zieht: die eiskalte Ex im Hosenanzug,
die prätentiöse Managergattin mit aufgeblondetem Haar und
manirierter Gestik und Mimik, die handfesten jungen Frauen, die sich in
der Damentoilette ungezwungen ihren Meinungen über die Mänenr
und den Sex hingeben. Dazu spielt über der
Bühne in einer fingierten Wohnung der kleinbürgerlichen
Kulisse eine Band mit Saxophon, Schlagzeug und Keyboard schmissige
Musical-Musik, die zwar nicht unbedingt das Wiedererkennungsniveau von
Lloyd-Webber aufweist, aber sich gut hören lässt. Den
Schauspielern bereitet dieses Stück offensichtlich viel
Spaß, denn sie sind mit sehr viel Temperament und Witz bei der
Sache, vom körperlichen Einsatz ganz zu schweigen. Als
Hauptdarsteller dominieren Marek Powell (Jerry) und Tom Gilling (Dave)
die Bühne, als weibliche Pendants neben anderen Rebecca Reany
(Pam) und Julia J. Nagle (Harolds verwöhnte Frau Vicki).
Erwähnenswert ist neben allen anderen ebenso guten Mitspielern
noch Valda Aviks, die eine herrlich resolute und bodenständige
Jeanette spielt und am Klavier die - natürlich von der Band
kommende - Musik und die trockenen Bemerkungen zu den Tanzversuchen der
Strip-Chaoten liefert. Das Stück läuft noch
bis zum 14. Februar dienstags bis samstags um 19.30 und sonntags um 18
Uhr. Tickets kann man über das Internet bestellen. Frank Raudszus Alle Fotos © Anja Kühn |
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PDF-Datei Full Monty |