k.u.k-Humor - Katholizismus und Kommunismus

Dezember 2009


Andere Inszenierungen der Neuen Bühne:

Geschichten aus dem Wienerwald

Tausend und eine Nacht

Arsen und Spitzenhäubchen

Der Sturm

Der Hauptmann von Köpenick

Die Schule der Frauen





































































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Die "Neue Bühne Darmstadt" inszeniert Giovanni Guareschis Komödie "Genosse Don Camillo"


Das Italien der 50er und 60er Jahre zeichnete sich durch eine nahezu grotesk zu nennende politische Konstellation aus: neben dem tradionell tief in der Bevölkerung verankerten Katholizismus hatte sich eine italienische Variante des Kommunismus ausgebreitet, die man am besten mit dem Beinamen "Revolutionsromantik" belegen könnte. Die seltsame Symbiose dieser beiden diametral entgegengesetzten Weltanschauungen in typischen italienischen Gemeinden brachte die Fernsehserie "Don Camillo und Peppone" auf den Punkt, die über Jahre den mal offen, mal subtil geführten Zweikampf zwischen dem Priester Don Camillo und dem kommunistischen Bürgermeister Peppone karikierte. Die familiäre Atmosphäre in dem Dorf einerseits  - jeder kennt jeden - und die einander bekämpfenden Weltanschauungen andererseits boten dabei natürlich eine Unzahl von intellektuellen und politischen Slapstick-Gelegenheiten, die der Autor dieser Serie, Giovanni Guareschi, weidlich nutzte.

Ulrich Sommer (Peppone) und Rainer Poser (Don Camillo)
Ulrich Sommer (Peppone) und Rainer Poser (Don Camillo)

In der abendfüllenden Komödie "Genosse Don Camillo" geht es nun um eine Reise der kommunistischen Partei in die Sowjetunion, an der Don Camillo teilnimmt. Doch wie kommt es dazu? Eines Morgens liest Don Camillo in der Zeitung, dass ein Unbekannter aus seinem Dorf im Toto 12 Millionen Lire gewonnen habe. Den Namen des anonymen Gewinners entschlüsselt Don Camillo schnell als Anagramm des Namens des Bürgermeisters Peppone, woraufhin er in der Kirche eine Kampagne gegen den Unbekannten startet, der natürlich verpflichtet sei, den Gewinn mit den Armen und Bedürftigen zu teilen, aber dieses als abgefeimter Kapitalist sicher nicht tun werde. Wie nicht anders zu erwarten, treibt das schlechte - katholische - Gewissen den Bürgermeister bald zur Beichte und zur Offenlegung der Fakten. Die Spende des Geldes an die Kirche kann er jedoch aus Angst vor seiner gar nicht so kommunistischen Frau nicht übers Herz bringen.

Als Peppone den Auftrag der Partei zu einer Informationsreise in die Sowjetunion erhält, sieht Don Camillo seine Chance zur Missionsarbeit im Reich des Bösen. Ohne Skrupel erwähnt er Peppone gegenüber die Möglichkeit, dass seine - Don Camillos - geschwätzige Haushälterin den wahren Namen des Toto-Gewinners durch Zufall erfahren und dieses Wissen unters Volk bringen könnte. Das könne Pepone nur  dadurch verhindern, dass er Don Camillo als Begleiter mit auf die Reise nehme. Angebliche organisatorische und parteipolitische Probleme hat Don Camillo schon im Vorfeld in Form der perfekt gefälschten Identität eines kommunistischen Funktionärs geklärt. Und so geschieht es, dass Don Camillo im zivilen Ornat, mit Schiebermütze, Sonnenbrille  und angeklebtem Bart als überzeugter Genosse mit auf die Reise in das Land der glücklichen Werktätigen zieht.

Rainer Poser (Don Camillo) und Ralph Dillmann (Jesus)
Rainer Poser (Don Camillo) und Ralph Dillmann (Jesus)

Schnell zeigt sich, dass die Realität gar nicht so herrlich ist, wie die kommunistischen Schwärmer in der Poebene dies sich vorgemacht haben. Doch in einer intellektuellen Volte erster Güte hebt Don Camillo in scheinbarem ideologischem Übereifer angesichts miserablen Essens und anderer offensichtlicher Unzulänglichkeiten die Überlegenheit des wahren Sozialismus gegenüber dem rückständigen kapitalistischen Italien hervor, womit er erst die zähneknirschende Zustimmung seiner Mitreisenden und vor allem des Bürgermeisters erzwingt und schließlich einen jungen Landsmann zum Bekenntnis seines nationalen Stolzes - FIAT contra Lada! - und zum offenen Bruch mit seiner Partei verleitet. Der Dank Peppones, der die Absicht dahinter vielleicht nicht intellektuell durchschaut aber zumindest erahnt, ist ihm gewiss. Darüber hinaus verlangt eine andere junge Frau aus dem kommunistischen Reiseteam noch unbefangen gewisse religiöse Dienstleistungen vom mittlerweile erkannten Priester, was Peppones atheistische Welt noch mehr ins Wanken bringt.

Zwischendurch holt sich Don Camillo natürlich stets Rat von Jesus, der ihm nicht nur in der heimatlichen Kirche mit Rat und Tat vom Leidenskreuz an der Wand zur Seite steht, sondern ihn dank seiner himmlischen Allmächtigkeit auch auf der Reise begleitet. Ralph Dillmann obliegt hier die schwierige Aufgabe, während der Kirchenszenen als unbewegliche Statue mit ausgebreiteten Händen im roten Gewand zu verharren. Später, in der Sowjetunion, wird er sich Don Camillos Bett als Erscheinungsort wählen.

Die Reisegruppe merkt schnell, dass in der Sowjetunion nicht das finale Glück von Gleichheit und Freiheit herrscht, sondern Mangel und Unterdrückung an der Tagesordnung sind. Doch wagt es aus naheliegenden Gründen keiner auszusprechen, auch nicht im engsten Kreis. Don Camillos ständige, der italienischen kommunistischen Presse und früheren Reden Peppones entnommenen Lobhudeleien auf den Kommunismus sowjetischer Prägung gehen daher seinen Reisegefährten gehörig auf die Nerven, stimmen sie doch mit ihrer offiziellen Ideologie jedoch nicht mit der Realität überein. Aber Don Camillo sieht schnell, dass er nicht nur den Spaß der intellektuellen Provokation genießen kann sondern echte seelische Not lindern muss. Als die alte Mutter des Vorzeige-Arbeiters, eines nach dem Kriege in der Sowjetunion gebliebenen Italieners, auf dem Sterbebett nach einer letzten religiösen Tröstung verlangt, gibt sich Don Camillo zu ihrem unbeschreiblichen Glück als Priester zu erkennen und darf auch gleich noch das junge Ehepaar trauen und dessen sieben Kinder taufen...

Der Aufenthalt im gelobten Land gestaltet sich derweil immer grotesker, denn die übereifrige kommunistische Parteifunktionärin Nadja verliebt sich in den mitreisenden Fulmine und schleicht sich am Schluss sogar unter falschem Namen mit ihm aus ihrem sozialistischen Mutterland heraus. Peppone muss chancenlos ein Kampftrinken mit dem sowjetischen Betreuungsoffizier durchstehen, während Don Camillo derweil die sozialistische Vorzeigefamilie traut und tauft. Am Ende finden wieder alle in ihr kleines Heimatdörfchen zurück und der lokalpolitische Kleinkrieg kann von Neuem beginnen. Als dann der mittlerweile beförderte Don Camillo auf eine Reise in die USA aufbricht, muss er eine so überraschende wie missliebige Überraschung machen....

Das Ensemble
Das Ensemble

Renate Renken hat die Komödie mit einem Minimum an Requisiten eingerichtet. Die wenigen Tische werden mal nach links und rechts vor einer toskanisch geputzten Wand verschoben und geben glaubhaft einen typischen italienischen Dorfplatz wieder. Für die Reise in die UdSSR kommt noch ein Doppelstockbett dazu. Die Wirkung liegt hauptsächlich in den Dialogen und deren tempo- und witzreichen Interpretation durch das Ensemble. Rainer Poser spielt einen bedächtigen und doch auch taktisch geschulten, ja geradezu hinterlistigen Don Camillo, der durchaus über doppelbödigen Humor und eine fast unchristliche Schadenfreude verfügt, wenn er z. B. seinen Dorfkommunisten den real existierenden Sozialismus sowjetische Prägung "schön" redet. Auf Poser liegt wieder die Hauptlast des Stücks - schließlich ist seine Figur der Titelgeber - und er meistert seine Rolle souverän. Neben ihm kann sich Ulrich Sommer als Peppone nicht nur bahaupten sondern ist ihm ein ebenbürtiger Partner, dessen Peppone allerdings - wie kann es anders sein im katholischen Italien - letzten Endes immer gegen seinen klerikalen Widersacher den Kürzeren zieht. Beide zusammen bilden ein urkomisches Duo, das für viel verbalen Witz und auch die ein oder andere Slapstick-Einlage gut ist. Ralph Dillmann gibt "den Herrn" salbungsvoll und weise und fügt sich mit Weisheit in seine physisch und darstellerisch undankbare Rolle. Axel Raether belebt das Geschehen als Karikatur eines sowjetischen Offiziers mit dem obligaten Hang zur Wodkaflasche und kommt ansonsten bärbeißig und zackig mit gutturalen Lauten daher, und Gabriela Reinitzer spielt die Landesverräterin Nadja, die erst die Gäste zu indoktrinieren versucht und dann mit ihnen "in den Westen macht". Bianca Weidenbusch ist die brave junge Sozialistin, die buchstäbllich nichts versteht und doch immer alles richtig machen will, und Marcel Schüler regt sich als Rondella über Don Camillos Verherrlichung des sowjetischen Sozialismus auf. Jens Hommola gibt den Fulmine und Heike Berg tritt in mehreren Nebenrollen auf.

Das Publikum zeigte sich außerordentlich angetan von dieser spritzigen, wenn auch nicht mehr ganz aktuellen Komödie und spendete kräftigen Beifall.

Weitere Aufführungen:

Dez. 2009: Fr. 04. / Sa. 05. / Fr. 11. / Sa. 12. / So. 13. / Fr. 18. / Sa. 19. / So. 20.
Jan. 2010: Sa. 02. / So. 03. / Sa. 09. / So. 10. / Fr. 15. / Sa. 16. / Fr. 22. / Sa. 23. / Fr. 29. / Sa. 30. / So. 31.

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Frank Raudszus

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