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Teufelskreis mit Pointe |
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Das
Schauspiel des Staatstheaters Darmstadt
inzeniert Carl Zuckmayers Komödie "Der Hauptmann von Köpenick" |
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Ein weit verbreiteter
Gemeinplatz besagt, dass das Leben die besten Stücke schreibe.
Manches reale Geschehen würde als Roman oder Theaterstück bei
einem Verlagslektor wegen Unsinnigkeit oder gar Kitschigkeit glatt
durchfallen, so wie echte Sonnenuntergänge auf Postkarten nur
mitleidiges Lächeln hervorrufen. Carl Zuckmayers Komödie "Der
Hauptmann von Köpenick" beruht auf einer wahren Geschichte, die
der Autor zwecks Spannung dramaturgisch aufgearbeitet hat. Der
Gattungsbegriff "Komödie" hängt diesem Stück seit der
Uraufführung an, und Verfilmungen wie die mit Heinz
Rüh(r)mann haben dazu beigetragen, der Geschichte einen nicht nur
rührseligen sondern geradezu harmlos-heiteren Anstrich zu geben.
Dabei könnte die Vorgeschichte der eigentlichen Pointe durchaus
von Franz Kafka erdacht worden sein oder gar aus der alten griechischen
Tragödie abstammen. Ein Mensch ist den undurchschaubaren
Mächten und Prozessen der Welt ausgesetzt ohne sich mit Logik oder
gutem Willen gegen das anonyme Mahlwerk einer seelenlosen Maschinerie
wehren zu können. Bei Kafka und den alten Griechen geht der
gemarterte Held am Schluss unter, in der Realität schreibt er ein
Buch darüber und genießt dessen Erfolg. Die Geschichte zeigt
doch manchmal so etwas wie Humor!
Der arme Schuster Voigt kann
nach seiner Gefängniszeit nicht mehr Fuß fassen, da die
Behörden für eine Aufenthaltsgenehmigung den Nachweis eines
Arbeitsplatzes und die Firmen für einen solchen eine
Aufenthaltsgenehmigung verlangen. Ein klassischer Teufelskreis,
für dessen Irrsinn sich jedoch weder Behörden noch Firmen
interessieren und Voigt selbstgerecht die Schuld an seiner Lage
zuweisen. Beim Versuch, sich entsprechende Papiere illegal zu
verschaffen, wird Voigt erwischt und wandert wieder zehn Jahre ins
Gefängnis. Dort gerät er an einer militärbegeisteren
Direktor, der seine Schutzbefohlenen jahrelang mit Details der
militärischen Rangordnungen und Verhaltensregeln malträtiert.
Mit diesem unfreiwilligen Kenntnissen gerät Voigt nach seiner
Entlassung wieder in den bereits beschriebenen Teufelskreis, befreit
sich daraus jedoch durch eine Tat, die dem Durchschlagen des gordischen
Knotens durch Alexander gleicht. Mit einer Hauptmannsuniform aus dem
Trödlerladen übernimmt er das Kommando über eine kleine
Truppe von zufällig vorbeimarschierenden Soldaten, besetzt mit
ihnen das Rathaus von Köpenick , nimmt den Bürgermeister fest
und setzt sich mit der Stadtkasse ab. So geschehen im Jahr 1906 in
Berlin (weitere Details bei Wikipedia)
und
1930 dramatisiert von Carl Zuckmayer. In der Darmstädter
Inszenierung begrüßt die Zuschauer eine gähnend leere
Bühne, die eine schmucklose weiße Holzwand zu einer schmalen
Rampe reduziert. Ein "Guckkasten" in Form eines ebenso
holz-weißen Portals rahmt die Bühne ein und steht einerseits
für das Pompöse des Kaiserreiches und andererseits für
die geistige Enge des Lebens in diesem Beamten- und Militärstaat.
Von Anfang an stellt die Regie den Schuster Voigt (Andreas Manz) als
isoliertes Individuum der Masse des (selbst)gerechten Volks
gegenüber. Auf einem Förderband gleitet er an den im
Bühnenrückraum aufgereihten Vertretern der Staatsmacht vorbei
und hört sich die niederschmetternden Kommentare zu seiner
misslichen Lage ein. Dabei überwiegt der schnarrende Ton der
Militärs, Polizisten und Beamten, und die wenigen Zivilisten
assistieren diesen durch lautstarke Äußerung ihrer
Verachtung für den Versager. Der automatische Transfer auf dem
Förderband drückt plastisch die Ausweglosigkeit und den
Automatismus wieder, gegen die der Einzelne am unteren Ende der
Sozialskala keine Chance hat. So zeigen bereits die ersten Szenen, dass
es hier beileibe nicht um eine rührselige Komödie sondern um
eine soziale Tragödie geht, die nur zufällig ein gutes Ende
findet. Nicht umsonst hat Zuckmayer in Umkehrung des üblichen
Verhältnisses zwischen Realität und Fiktion das "happy end"
weggelassen und lässt sein Stück offen enden. Wer die Fakten
nicht kennt, wird sich die juristischen Folgen eines solchen
Hochstapler-Streiches in einem autoritären Staat selbst ausmalen
können.
Auch die andere Seite der
Geschichte erhält gleich in der ersten Szene einen satirischen
Akzent. Wenn der Hauptmann von Schlettow (Tilman Meyn) - letztlich der
unfreiwillige Spender der Uniform - sich diese vom Schneider Wormser
(Hubert Schlemmer) anpassen lässt, gibt er in seiner langen
weißen Hose eine lächerliche Figur ab. Dieser Aufzug ist
bewusst gewählt, um die Lächerlichkeit hinter der Pose
offenzulegen und gleichzeitig zu verhindern, dass ein in tadelloser
Uniform auftretender Hauptmann unterschwellig ein affirmatives Bild
beim Zuschauer einbrennt. Unterhosen - vor allem lange! -
flößen weder Bewunderung noch Ehrfurcht ein. Von Schlettow ist nur die Spitze
des militaristischen Eisbergs der Kaiserzeit. Im vollen Bewusstsein
seiner Einzigartigkeit als Gardeoffizier, Objekt der Begierde aller
(un)verheirateten Frauen und der Eifersucht aller nicht gedienten
Männer stolziert er wie ein Pfau durch die gesellschaftliche
Landschaft und hinterlässt überall Spuren seines schnarrenden
Kasernentons. Die eigentliche Militärbegeisterung sitzt jedoch
tief im zivilen - vorzugsweise männlichen - Gemüt. Nicht
gedient zu haben ist eine Schande, und wer einmal gedient hat,
trägt seinen errungenen Dienstgrad stolz vor sich her und hofft
auf weitere Beförderung im Reservistenstatus, auf dass er beim
nächsten Ball ein neues Schulterstück vorweisen kann.
Zuckmayer zeigt diese Manie an zwei Beispielen. Für den
Bürgermeister Obermüller (Uwe Zerwer) steht und fällt
das Leben mit seiner Erscheinung als Reserveoffizier im entsprechenden
Rang. Seine zivile Stellung und der nichtssagende Anzug sind ihm im
Grunde genommen ein Greuel. Jede Anprobe der Reserve-Uniform bei
Schneider Wormser wird ihm geradezu zu einer Generalprobe mit der
dazugehörigen Nervenanspannung. Regisseur Malte Kreutzfeldt hat
sich für diese Szenen einen besonderen Regie-Gag einfallen lassen,
der sich sozusagen als "Motto" durch das ganze Stück zieht: bei
jeder Anprobe ertönt die "Cavatine" aus Bellinis Oper "Norma". Die
dramatische Schönheit dieser Musik erhebt die Situation zu einem
weihevollen Ereignis, und die Schauspieler unterstreichen die Bedeutung
der Situation durch erhabene, weit ausgreifende Bewegungen und zum
Himmel gewandte Augen. Dazu umhüllt ein leichter Rauchschleier die
von Wormser gemessenen Schrittes auf vorgehaltenen Armen geradezu
präsentierte Uniform. Obwohl dieser "Running Gag" sich mehrere
Male wiederholt, genießt man ihn jedes Mal von Neuem, so gut wird
er zelebriert. Vor allem jedoch kommt er nicht als Selbstzweck daher
sondern symbolisiert und karikiert gleichzeitig die Uniformbegeisterung
der wilhelminischen Epoche.
Einen ähnlichen
Regieeinfall serviert das Regieteam, wenn im zweiten Teil
Bürgermeister Obermüller das Rathaus betritt. Dort sitzen gut
ein Dutzend Männer in weißen Hemden und Hosenträgern an
imaginären Schreibmaschinen und tippen im Rhythmus zu der
berühmten Operettenmelodie aus dem "Tippsen-Milieu". Aus dem
Hintergrund schneit Uwe Zerwer als mittelgescheitelter
Glatthaar-Fünfziger mit runder Hornbrille wie Fred Astaire herein
und tanzt im Slalom durch alle Arbeitsplätze bis an seinen
Aufseherplatz an der Rampe. Diese obrigkeitliche Dienstordnung doppelt
Aart Veder als Gefängnisdirektor, wenn der seine an -
historischen! - Nähmaschinen arbeitenden Gefangenen mit
großem verbalen Aufwand Krieg spielen lässt und dabei
nebenbei den Schuster Voigt zum Militärexperten ausbildet. Diese
beiden Szenen ernteten bei der Premiere verdienten Szenenapplaus. Doch neben Karikatur und Satire
lässt die Regie auch andere Perspektiven sichtbar werden. Wenn
Wilhelm Voigt in seiner Bleibenot bei seiner Schwester Marie (Maika
Troscheit) Unterschlupf findet, lernen wir eine verdruckste,
höchst unfreie und gefesselte Frau kennen, die von einem
autoritären Elternhaus in einen ebenso autoritären Ehestand
gewechselt ist und außer Kochen und Putzen nur die Angst vor der
Kritik ihres Mannes Friedrich (Matthias Kleinert) kennt. Dieser erweist
sich zwar als jovialer Zeitgenosse mit einer gewissen
Großzügigkeit gegenüber seinem Schwager Wilhelm, doch
seine Frau betrachtet er eher als Stiefelknecht und Dienstmagd.
Friedrich selbst steht meist verdruckst mit eingezogenem Kopf und
verkniffenen Gesichtszügen herum und träumt von seiner
Beförderung zum Vize-Feldwebel nach der nächsten
Reserveübung. Seine Uniform hegt und pflegt er wie seinen
Augapfel, und Marie ist ständig damit beschäftigt, die
Knöpfe blank zu reiben. Auch die Kernszene der
Rathaus-Besetzung weist in der Darmstädter Inszenierung wenig her-
und bekömmliche Komik auf. Andreas Manz spielt einen
durchsetzungsfähigen und seiner Machtbefugnisse durchaus bewussten
Hauptmann, der in knorrigem Kasernenton Soldaten und Zivilisten
springen lässt, ohne dabei in eine vordergründige Karikatur
zu verfallen. Auch Uwe Zerwer als düpierter Bürgermeister
gibt nicht den kriecherischen Angsthasen, sondern eine anfangs
selbstbewusste Amtsperson, die dann jedoch unter dem Eindruck der
militärischen Instanz - die er selbst vergöttert - Stück
für Stück zusammenbricht. Diese Szene lädt geradezu zur
"Knallcharge" ein, was immer Lacher garantiert, doch die Inszenierung
will hier keine Klischees vorsetzen, sondern zeigen, wie sich auch
selbstbewusste und im Grunde genommen vernünftige Menschen unter
dem Einfluss einer Ideologie verbiegen können. Dazu muss man sie
erst als ernst zu nehmende Mitglieder der Gesellschaft vorstellen und
darf sie nicht von Anfang an in die Tonne der Lächerlichkeit
treten. Bei aller inhärenten Komik der Situation -
schließlich hatten diese ja auch die damaligen Zeitungen am Tag
danach sofort erkannt! - darf man diese Szene auf keinen Fall als
Slapstick gestalten. Erst der Ernst aller Beteiligten macht die
groteske Komik aus.
Neben der menschlichen Seite von
Voigts Familie ist noch ein weiterer Handlungsstrang von emotionaler
Bedeutung. Bei Voigts Schwester Marie lebt auch ein lungenkrankes
Mädchen, das im Bett liegt und hustet. Zu ihr entwickelt Wilhelm
ein menschliches Verhältnis und fühlt sich zum ersten Mal
angenommen. Ihr Tod nimmt ihn schwer mit und trägt auch zu seinem
radikalen Entschluss bei. Das Ensemble schafft eine in
hohem Maße authentische Atmosphäre, was wohl auch daran
liegen mag, dass sich mit Andreas Manz, Matthias Kleinert und Aart
Veder drei Berliner darunter befinden. Durchweg gelingt es jedoch auch
den Nicht-Berlinern, den bekannten Dialekt glaubwürdig
wiederzugeben, sei es nun Tilman Meyn als von Schlettow oder Maika
Troscheit als Marie. Allen voran brilliert Andreas Manz in der
Titelrolle. Sein verstörter Blick ob der unverständlichen
Welt, sein ständiges Bestreben, ein guter Mensch zu sein und es
allen recht zu machen, sein bei aller Verzweiflung nie in Frage
gestellter Glaube an die Weisheit der "hohen Herrn" prägen ein
überzeugendes Bild des ewigen Verlierers Voigt, der hier als
Archetypus steht. Manz überzeugt nicht nur in seiner expressiven
Verzweiflung sondern vor allem in den stillen Momenten des
ungläubigen Unverständnisses. Neben ihm ist Maika Troscheit
als gequälte Marie zu nennen, die in ihrer Kittelschürze mit
starrem Blick in eine leere Welt schaut. Hubert Schlemmer gibt den
liebedienernden und aalglatten Schneider Worms auf
unübertreffliche Art und ist mit seiner (ungewohnten) Haartolle
und Schnauzbarrt kaum wiederzuerkennen. Matthias Kleinert
zwängt sich förmlich in das enge seelische Gerüst des
Friedrich Hoprecht und macht deutlich, dass dieser seine Ketten nie
wird sprengen können. Uwe Zerwer gibt einen in seiner
Großspurigkeit und Karrieregeilheit aufgeblasenen doch nie nur
lächerlichen Bürgermeister Obermüller, der bei ihm stets
als fehlbarer Mensch und nicht als bloße Karikatur seiner selbst
erscheint. Sonja Mustoff assistiert ihm als resolute und wesentlich
pragmatischere Ehefrau, die auch mal nach der Legitimation des
Hauptmanns zu fragen wagt, und Tilman Meyn spielt den Hauptmann von
Schlettow als dünnhäutigen Möchtegern-Macho, der zwar
knarrig redet aber beim ersten Windstoß umfällt. Gerd K.
Wölfle spielt Voigts Gefängniskumpel Kalle mit der ihm
eigenen Bodenständigkeit, Hans Matthias Fuchs den für von
Schlettow schicksalhaften betrunkenen Soldaten. Aart Veder - wie
bereits erwähnt - gibt einen aus der Spur geratenen
Gefängnisdirektor, Stefan Schuster den anlässlich der
Verhaftung des Bürgermeisters Morgenluft witternden
Rathausgehilfen Killian und Klaus Ziemann tritt in verschiedenen Rollen
auf. Das Premierenpublikum zeigte
sich begeistert und geizte nicht mit (Szenen-)Applaus. Dieses
Stück dürfte zu einem Renner der Saison werden. Weitere
Aufführungen
am
17. und 27. Dezember sowie am 2., 7., 17. und 19. Januar. Frank Raudszus Alle Fotos © Barbara Aumüller |
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