Teufelskreis mit Pointe

Dezember 2009



Andere Inszenierungen dieses Stücks:

2007: Neue Bühne Darmstadt



























































 









































































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Das Schauspiel des Staatstheaters Darmstadt inzeniert Carl Zuckmayers Komödie "Der Hauptmann von Köpenick"

 

Ein weit verbreiteter Gemeinplatz besagt, dass das Leben die besten Stücke schreibe. Manches reale Geschehen würde als Roman oder Theaterstück bei einem Verlagslektor wegen Unsinnigkeit oder gar Kitschigkeit glatt durchfallen, so wie echte Sonnenuntergänge auf Postkarten nur mitleidiges Lächeln hervorrufen. Carl Zuckmayers Komödie "Der Hauptmann von Köpenick" beruht auf einer wahren Geschichte, die der Autor zwecks Spannung dramaturgisch aufgearbeitet hat. Der Gattungsbegriff "Komödie" hängt diesem Stück seit der Uraufführung an, und Verfilmungen wie die mit Heinz Rüh(r)mann haben dazu beigetragen, der Geschichte einen nicht nur rührseligen sondern geradezu harmlos-heiteren Anstrich zu geben. Dabei könnte die Vorgeschichte der eigentlichen Pointe durchaus von Franz Kafka erdacht worden sein oder gar aus der alten griechischen Tragödie abstammen. Ein Mensch ist den undurchschaubaren Mächten und Prozessen der Welt ausgesetzt ohne sich mit Logik oder gutem Willen gegen das anonyme Mahlwerk einer seelenlosen Maschinerie wehren zu können. Bei Kafka und den alten Griechen geht der gemarterte Held am Schluss unter, in der Realität schreibt er ein Buch darüber und genießt dessen Erfolg. Die Geschichte zeigt doch manchmal so etwas wie Humor!

Andreas Manz als Schuster Wilhelm Voigt
Andreas Manz als Schuster Wilhelm Voigt

Der arme Schuster Voigt kann nach seiner Gefängniszeit nicht mehr Fuß fassen, da die Behörden für eine Aufenthaltsgenehmigung den Nachweis eines Arbeitsplatzes und die Firmen für einen solchen eine Aufenthaltsgenehmigung verlangen. Ein klassischer Teufelskreis, für dessen Irrsinn sich jedoch weder Behörden noch Firmen interessieren und Voigt selbstgerecht die Schuld an seiner Lage zuweisen. Beim Versuch, sich entsprechende Papiere illegal zu verschaffen, wird Voigt erwischt und wandert wieder zehn Jahre ins Gefängnis. Dort gerät er an einer militärbegeisteren Direktor, der seine Schutzbefohlenen jahrelang mit Details der militärischen Rangordnungen und Verhaltensregeln malträtiert. Mit diesem unfreiwilligen Kenntnissen gerät Voigt nach seiner Entlassung wieder in den bereits beschriebenen Teufelskreis, befreit sich daraus jedoch durch eine Tat, die dem Durchschlagen des gordischen Knotens durch Alexander gleicht. Mit einer Hauptmannsuniform aus dem Trödlerladen übernimmt er das Kommando über eine kleine Truppe von zufällig vorbeimarschierenden Soldaten, besetzt mit ihnen das Rathaus von Köpenick , nimmt den Bürgermeister fest und setzt sich mit der Stadtkasse ab. So geschehen im Jahr 1906 in Berlin (weitere Details bei Wikipedia) und 1930 dramatisiert von Carl Zuckmayer.

In der Darmstädter Inszenierung begrüßt die Zuschauer eine gähnend leere Bühne, die eine schmucklose weiße Holzwand zu einer schmalen Rampe reduziert. Ein "Guckkasten" in Form eines ebenso holz-weißen Portals rahmt die Bühne ein und steht einerseits für das Pompöse des Kaiserreiches und andererseits für die geistige Enge des Lebens in diesem Beamten- und Militärstaat. Von Anfang an stellt die Regie den Schuster Voigt (Andreas Manz) als isoliertes Individuum der Masse des (selbst)gerechten Volks gegenüber. Auf einem Förderband gleitet er an den im Bühnenrückraum aufgereihten Vertretern der Staatsmacht vorbei und hört sich die niederschmetternden Kommentare zu seiner misslichen Lage ein. Dabei überwiegt der schnarrende Ton der Militärs, Polizisten und Beamten, und die wenigen Zivilisten assistieren diesen durch lautstarke Äußerung ihrer Verachtung für den Versager. Der automatische Transfer auf dem Förderband drückt plastisch die Ausweglosigkeit und den Automatismus wieder, gegen die der Einzelne am unteren Ende der Sozialskala keine Chance hat. So zeigen bereits die ersten Szenen, dass es hier beileibe nicht um eine rührselige Komödie sondern um eine soziale Tragödie geht, die nur zufällig ein gutes Ende findet. Nicht umsonst hat Zuckmayer in Umkehrung des üblichen Verhältnisses zwischen Realität und Fiktion das "happy end" weggelassen und lässt sein Stück offen enden. Wer die Fakten nicht kennt, wird sich die juristischen Folgen eines solchen Hochstapler-Streiches in einem autoritären Staat selbst ausmalen können.

Hubert Schlemmer (Wormser) und Tilman Meyn (von Schlettow)
Hubert Schlemmer (Wormser) und Tilman Meyn (von Schlettow)

Auch die andere Seite der Geschichte erhält gleich in der ersten Szene einen satirischen Akzent. Wenn der Hauptmann von Schlettow (Tilman Meyn) - letztlich der unfreiwillige Spender der Uniform - sich diese vom Schneider Wormser (Hubert Schlemmer) anpassen lässt, gibt er in seiner langen weißen Hose eine lächerliche Figur ab. Dieser Aufzug ist bewusst gewählt, um die Lächerlichkeit hinter der Pose offenzulegen und gleichzeitig zu verhindern, dass ein in tadelloser Uniform auftretender Hauptmann unterschwellig ein affirmatives Bild beim Zuschauer einbrennt. Unterhosen - vor allem lange! - flößen weder Bewunderung noch Ehrfurcht ein.

Von Schlettow ist nur die Spitze des militaristischen Eisbergs der Kaiserzeit. Im vollen Bewusstsein seiner Einzigartigkeit als Gardeoffizier, Objekt der Begierde aller (un)verheirateten Frauen und der Eifersucht aller nicht gedienten Männer stolziert er wie ein Pfau durch die gesellschaftliche Landschaft und hinterlässt überall Spuren seines schnarrenden Kasernentons. Die eigentliche Militärbegeisterung sitzt jedoch tief im zivilen - vorzugsweise männlichen - Gemüt. Nicht gedient zu haben ist eine Schande, und wer einmal gedient hat, trägt seinen errungenen Dienstgrad stolz vor sich her und hofft auf weitere Beförderung im Reservistenstatus, auf dass er beim nächsten Ball ein neues Schulterstück vorweisen kann. Zuckmayer zeigt diese Manie an zwei Beispielen. Für den Bürgermeister Obermüller (Uwe Zerwer) steht und fällt das Leben mit seiner Erscheinung als Reserveoffizier im entsprechenden Rang. Seine zivile Stellung und der nichtssagende Anzug sind ihm im Grunde genommen ein Greuel. Jede Anprobe der Reserve-Uniform bei Schneider Wormser wird ihm geradezu zu einer Generalprobe mit der dazugehörigen Nervenanspannung. Regisseur Malte Kreutzfeldt hat sich für diese Szenen einen besonderen Regie-Gag einfallen lassen, der sich sozusagen als "Motto" durch das ganze Stück zieht: bei jeder Anprobe ertönt die "Cavatine" aus Bellinis Oper "Norma". Die dramatische Schönheit dieser Musik erhebt die Situation zu einem weihevollen Ereignis, und die Schauspieler unterstreichen die Bedeutung der Situation durch erhabene, weit ausgreifende Bewegungen und zum Himmel gewandte Augen. Dazu umhüllt ein leichter Rauchschleier die von Wormser gemessenen Schrittes auf vorgehaltenen Armen geradezu präsentierte Uniform. Obwohl dieser "Running Gag" sich mehrere Male wiederholt, genießt man ihn jedes Mal von Neuem, so gut wird er zelebriert. Vor allem jedoch kommt er nicht als Selbstzweck daher sondern symbolisiert und karikiert gleichzeitig die Uniformbegeisterung der wilhelminischen Epoche.

Andreas Manz (Wilhelm Voigt), Matthias Kleinert (Friedrich Hoprecht), Maika Troscheit (Frau Marie Hoprecht)
Andreas Manz (Wilhelm Voigt), Matthias Kleinert (Friedrich Hoprecht), Maika Troscheit (Frau Marie Hoprecht)

Einen ähnlichen Regieeinfall serviert das Regieteam, wenn im zweiten Teil Bürgermeister Obermüller das Rathaus betritt. Dort sitzen gut ein Dutzend Männer in weißen Hemden und Hosenträgern an imaginären Schreibmaschinen und tippen im Rhythmus zu der berühmten Operettenmelodie aus dem "Tippsen-Milieu". Aus dem Hintergrund schneit Uwe Zerwer als mittelgescheitelter Glatthaar-Fünfziger mit runder Hornbrille wie Fred Astaire herein und tanzt im Slalom durch alle Arbeitsplätze bis an seinen Aufseherplatz an der Rampe. Diese obrigkeitliche Dienstordnung doppelt Aart Veder als Gefängnisdirektor, wenn der seine an - historischen! - Nähmaschinen arbeitenden Gefangenen mit großem verbalen Aufwand Krieg spielen lässt und dabei nebenbei den Schuster Voigt zum Militärexperten ausbildet. Diese beiden Szenen ernteten bei der Premiere verdienten Szenenapplaus.

Doch neben Karikatur und Satire lässt die Regie auch andere Perspektiven sichtbar werden. Wenn Wilhelm Voigt in seiner Bleibenot bei seiner Schwester Marie (Maika Troscheit) Unterschlupf findet, lernen wir eine verdruckste, höchst unfreie und gefesselte Frau kennen, die von einem autoritären Elternhaus in einen ebenso autoritären Ehestand gewechselt ist und außer Kochen und Putzen nur die Angst vor der Kritik ihres Mannes Friedrich (Matthias Kleinert) kennt. Dieser erweist sich zwar als jovialer Zeitgenosse mit einer gewissen Großzügigkeit gegenüber seinem Schwager Wilhelm, doch seine Frau betrachtet er eher als Stiefelknecht und Dienstmagd. Friedrich selbst steht meist verdruckst mit eingezogenem Kopf und verkniffenen Gesichtszügen herum und träumt von seiner Beförderung zum Vize-Feldwebel nach der nächsten Reserveübung. Seine Uniform hegt und pflegt er wie seinen Augapfel, und Marie ist ständig damit beschäftigt, die Knöpfe blank zu reiben.

Auch die Kernszene der Rathaus-Besetzung weist in der Darmstädter Inszenierung wenig her- und bekömmliche Komik auf. Andreas Manz spielt einen durchsetzungsfähigen und seiner Machtbefugnisse durchaus bewussten Hauptmann, der in knorrigem Kasernenton Soldaten und  Zivilisten springen lässt, ohne dabei in eine vordergründige Karikatur zu verfallen. Auch Uwe Zerwer als düpierter Bürgermeister gibt nicht den kriecherischen Angsthasen, sondern eine anfangs selbstbewusste Amtsperson, die dann jedoch unter dem Eindruck der militärischen Instanz - die er selbst vergöttert - Stück für Stück zusammenbricht. Diese Szene lädt geradezu zur "Knallcharge" ein, was immer Lacher garantiert, doch die Inszenierung will hier keine Klischees vorsetzen, sondern zeigen, wie sich auch selbstbewusste und im Grunde genommen vernünftige Menschen unter dem Einfluss einer Ideologie verbiegen können. Dazu muss man sie erst als ernst zu nehmende Mitglieder der Gesellschaft vorstellen und darf sie nicht von Anfang an in die Tonne der Lächerlichkeit treten. Bei aller inhärenten Komik der Situation - schließlich hatten diese ja auch die damaligen Zeitungen am Tag danach sofort erkannt! -  darf man diese Szene auf keinen Fall als Slapstick gestalten. Erst der Ernst aller Beteiligten macht die groteske Komik aus.

Uwe Zerwer (Bürgermeister Obermüller)
Uwe Zerwer (Bürgermeister Obermüller)

Neben der menschlichen Seite von Voigts Familie ist noch ein weiterer Handlungsstrang von emotionaler Bedeutung. Bei Voigts Schwester Marie lebt auch ein lungenkrankes Mädchen, das im Bett liegt und hustet. Zu ihr entwickelt Wilhelm ein menschliches Verhältnis und fühlt sich zum ersten Mal angenommen. Ihr Tod nimmt ihn schwer mit und trägt auch zu seinem radikalen Entschluss bei.

Das Ensemble schafft eine in hohem Maße authentische Atmosphäre, was wohl auch daran liegen mag, dass sich mit Andreas Manz, Matthias Kleinert und Aart Veder drei Berliner darunter befinden. Durchweg gelingt es jedoch auch den Nicht-Berlinern, den bekannten Dialekt glaubwürdig wiederzugeben, sei es nun Tilman Meyn als von Schlettow oder Maika Troscheit als Marie. Allen voran brilliert Andreas Manz in der Titelrolle. Sein verstörter Blick ob der unverständlichen Welt, sein ständiges Bestreben, ein guter Mensch zu sein und es allen recht zu machen, sein bei aller Verzweiflung nie in Frage gestellter Glaube an die Weisheit der "hohen Herrn" prägen ein überzeugendes Bild des ewigen Verlierers Voigt, der hier als Archetypus steht. Manz überzeugt nicht nur in seiner expressiven Verzweiflung sondern vor allem in den stillen Momenten des ungläubigen Unverständnisses. Neben ihm ist Maika Troscheit als gequälte Marie zu nennen, die in ihrer Kittelschürze mit starrem Blick in eine leere Welt schaut. Hubert Schlemmer gibt den liebedienernden und aalglatten Schneider Worms auf unübertreffliche Art und ist mit seiner (ungewohnten) Haartolle und Schnauzbarrt kaum wiederzuerkennen.  Matthias Kleinert zwängt sich förmlich in das enge seelische Gerüst des Friedrich Hoprecht und macht deutlich, dass dieser seine Ketten nie wird sprengen können. Uwe Zerwer gibt einen in seiner Großspurigkeit und Karrieregeilheit aufgeblasenen doch nie nur lächerlichen Bürgermeister Obermüller, der bei ihm stets als fehlbarer Mensch und nicht als bloße Karikatur seiner selbst erscheint. Sonja Mustoff assistiert ihm als resolute und wesentlich pragmatischere Ehefrau, die auch mal nach der Legitimation des Hauptmanns zu fragen wagt, und Tilman Meyn spielt den Hauptmann von Schlettow als dünnhäutigen Möchtegern-Macho, der zwar knarrig redet aber beim ersten Windstoß umfällt. Gerd K. Wölfle spielt Voigts Gefängniskumpel Kalle mit der ihm eigenen Bodenständigkeit, Hans Matthias Fuchs den für von Schlettow schicksalhaften betrunkenen Soldaten. Aart Veder - wie bereits erwähnt - gibt einen aus der Spur geratenen Gefängnisdirektor, Stefan Schuster den anlässlich der Verhaftung des Bürgermeisters Morgenluft witternden Rathausgehilfen Killian und Klaus Ziemann tritt in verschiedenen Rollen auf.

Das Premierenpublikum zeigte sich begeistert und geizte nicht mit (Szenen-)Applaus. Dieses Stück dürfte zu einem Renner der Saison werden.

Weitere Aufführungen am 17. und 27. Dezember sowie am 2., 7., 17. und 19. Januar.

Frank Raudszus

Alle Fotos © Barbara Aumüller

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