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Des Windes und der Wellen musikalisches
Rauschen |

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Das 4. Sinfoniekonzert des Staatstheaters Darmstadt begibt sich metaphorisch aufs Wasser | |||||
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Doch genug der Vorrede und der -
vielleicht sogar unnötigen - Ehrenrettung der programmatischen
Musik. Das Wasser als eines der vier Elemente der Antike nimmt einen
zentralen Platz am Erfahrungshorizont der Menschen ein, und so nimmt es
nicht Wunder, dass Künstler zu allen Zeiten sich mit dieser
Naturgewalt auseinandergesetzt haben. Man denke nur an die
berühmten "Seestücke". Das 4. Sinfoniekonzert der laufenden
Saison widmete sich daher ausschließlich Kompositionen um das
Meer und seine Gefahren - faktische wie mythische. Dabei
überspannten die ausgewählten Kompositionen einen Zeitraum
von 150 Jahren und ein kulturgeographisches Gebiet von Hamburg
über Wien bis nach Sydney. Den Anfang machte Mendelssohns
"Meeresstille und glückliche Fahrt", dann folgte die
Suite aus dem Ballett "The Tempest" des Australiers Carl Vine und zum
Schluss erklang Alexander
Zemlinskys Fantasie für Orchester "Die Seejungfrau". Gerne
hätte man in diesem Meeresreigen auch noch Debussys "La Mer"
gehört, aber dazu reichte offensichtlich die Zeit nicht mehr. Als
Dirigent trat diesmal der Australier Nicholas Milton ans Pult, der
neben seiner Funktion als GMD der Jenaer Philharmonie auch noch den
Posten des Künstlerischeren Leiters des Canberra Symphony
Orchestra bekleidet. Mendelssohns
Konzertouvertüre vertont Goethes gleichnamiges Gedicht, in dem
dieser seine Erfahrungen auf einer Schiffsreise während seines
Aufenthalts in Italien verarbeitete.
Dazu muss man sagen, dass Goethe
in Italien zum ersten Mal das Meer sah und außerdem während
der Fahrt eine gefährliche Flaute erlebte, die fast eine Strandung
zur Folge hatte und erst durch das Aufkommen eines frischen Windes
endete. Aus ähnlichem Blickwinkel sollte man Mendelssohns
Vertonung betrachten, denn auch er sah das Meer - hier die Ostsee - in
fortgeschrittenem Alter zum ersten Mal und war mehr als beeindruckt von
der scheinbaren Unendlichkeit dieses Naturereignisses. Goethes Gedicht
hat er - ganz werkgetreu - in zwei aufeinanderfolgenden Sätzen
musikalisch neu interpretiert. Der erste ist geprägt von
langsamen, drohend-lähmenden Akkorden, in denen die bleierne
Stille einer sommerlichen Windstille auf dem Mittelmeer geradezu
greifbar wird und hinter denen die Gefahren der Bewegungslosigkeit
lauern. Die langsam absteigende D-Dur-Akkorde bringen mit ihren leicht
abgewandelten Wiederholungen die Spannung der Situation geradezu
zwingend zum Ausdruck. Dann plötzlich fährt ein frischer Wind
durch die Takelage, erst nur ein schwacher Hauch, dann kleine Brisen,
die das Wasser kräuseln und schließlich frische Böen,
die dem Schiff endlich wieder Fahrt verleihen. Wie in Goethes Gedicht
spürt man förmlich die Erleichterung und die Freude am
Erwachen der Natur, an der wiedergewonnen Bewegungsfreiheit und an der
Überwindung der Gefahr.
Carl Vines Suite entstand
für ein Ballett über Shakespeares "Der Sturm". Aus der
abendfüllenden Ballettmusik fasste Vine später sechs Passagen
zu dieser Suite zusammen, in denen er typische Szenen der
Theater-Vorlage musikalisch umsetzte, so "Prospero und Miranda" oder
"Die Verschwörer". Szene für Szene intoniert er dabei die
jeweilige Personen- und Handlungskonfiguration. Für die Szenen mit
Miranda setzt er verstärkt den weichen Ton der Flöte ein, bei
den Verschwörern herrschen dunkle und auch harte Klänge vor.
Zum Finale dann gewinnen die Blechbläser immer mehr die Oberhand,
um den Triumph der Gerechtigkeit und der Großzügigkeit zu
unterstreichen. Dabei kann Vine den Einfluss der Filmmusik nicht ganz
verleugnen: immer wieder erheben sich Klangbilder, wie man sie von
amerikanischen Filmen kennt, wenn die Reiter oder die Siedlerwagen
durch eine weite, großartige Landschaft ziehen. Das bekommt der
Musik jedoch gar nicht einmal schlecht, wird sie damit doch zum
authentischen medialen Abbild ihrer (unserer) Zeit. Außerdem
weckt Filmmusik nicht zwangsläufig negative Assoziationen;
zumindest sollte man sich von diesen Vorurteilen freimachen. Das
Orchester war von dieser etwas über halbstündigen Komposition
wesentlich mehr gefordert als von der "Meeresstille"; die
plötzlich auffahrenden Bläser, die Pauken und die lyrischen
Einwürfe der Holzbläser verlangten viel solistisches
Können und hohe Präsenz. Das Orchester löste diese
Aufgabe auch unter dem Gastdirigenten souverän und verlieh dieser
zeitgenössischen Komposition tatsächlich eine Atmosphäre
ursprünglicher, prinzipiell unkontrollierbarer Naturkräfte. Mit Alexander Zemlinskys
"Meerjungfrau" kamen dann die Sehnsucht und die Melancholie des "Fin de
siècle" zum Vorschein. In Hans-Christian Andersons tragischem
Märchen von der armen Meerjungfrau geht es um die
Unmöglichkeit der Liebe zwischen einem Menschen und einem
Meergeist, und die kleine Meerjungfrau stirbt an ihrem amourösen
Ausflug in die Menschenwelt. Zemlinsky ist es ähnlich gegangen,
nur waren in seinem Fall die Geschlechter vertauscht. Er verliebte sich
unsterblich in die "Prominenten-Fresserin" Alma
Schindler(-Mahler-Werfel-Gropius) und erhielt nach einem Jahr der
Leidenschaft den demütigenden Laufpass. Die Enttäuschung und
die Verlusterfahrung verarbeitete er in der "Seejungfrau"-Fantasie. Die
ursprünglich zweisätzige Form erweiterte er später um
einen beschwingten Mittelsatz, der das Fest im Palast der
Meerkönigs musikalisch bebildert. Im Übrigen ist diese
Komposition ein gutes Beispiel, wie schnell sich eigenständige
Programm-Musik von der Vorlage löst, wenn ein potenter Komponist
an der Partitur sitzt. Kann man anfangs noch gewisse Szenen des
Märchens nachverfolgen, entfernt sich die Musik bald von der
starren Bindung an den Text und entwickelt ein Eigenleben, das im
besten Fall die Stimmung und die empfundene Atmosphäre der Vorlage
wiedergibt, aber einen eigenen Rhythmus und musikalischen Stil
entwickelt. Dabei hat Zemlinsky immer wieder Richard Strauss' "Ein
Heldenleben" vor Augen gehabt, und ganze Passagen der "Seejungfrau"
erinnern klanglich und von der orchestralen Anordnung an das Vorbild.
Andererseits muss Zemlinsky auch Mahler vor Augen und Ohren gehabt
haben. Viele seiner langgezogenen Themenbögen erinnern
überdeutlich an die intensive Sehn-Sucht in dessen Sinfonien. Auch
hier waren wieder die Solisten unter den Blechbläsern - vor allem
das Horn - und den Holzbläsern gefragt. Schwierige Einsätze,
die allein in ein fast schweigendes Orchester fielen (ein Albtraum
für jeden Bläser), kamen akkurat und ohne "Kiekser", und die
wiederholten Generalpausen glänzten durch ihre Präzision. Am Ende applaudierte das
Publikum begeistert, und Orchester und Dirigent erwiesen sich
gegenseitig Anerkennung. Mal ließ Milton gleich mehrere Solisten
sich erheben, dann wieder weigerte sich das ihm applaudierende
Orchester aufzustehen, um ihm die Ehre des Beifalls allein zukommen zu
lassen. Nach diesem Abend des Meeres und der Wellen schwamm das
Publikum auf einer Woge der Euphorie nach Hause. Frank
Raudszus |
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