Fünf Personen suchen einen Auftrag

Januar 2010


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Das Staatstheater Darmstadt inszeniert Ingrid Lausunds Schauspiel "Benefiz - Jeder rettet einen Afrikaner"




Die Premiere dieses Theaterstücks erhält durch das katastrophale Erdbeben auf Haiti eine fast makabre Aktualität, ist doch anzunehmen, dass nach einer gewissen Schockstarre der Weltöffentlichkeit allerorten Benefiz-Veranstaltungen wie Pilze aus dem Boden schießen werden, bei denen sich A-, B- und C-Prominente gebührend in Szene setzen können. Ein bekannter Dauerunterhalter hat dieses in seiner Fernsehreihe über abstruse Wetten bereits ausgiebig getan. Ist es doch so leicht, hinter dem Schutzschild der Betroffenheit beliebige andere Interessen zu vertreten. Das Programmheft legt nicht zuletzt wegen der Ambivalenz solcher Veranstaltungen den Schwerpunkt auch nicht auf die Wiedergabe der Handlung, sondern präsentiert drei kurze Sachtexte zum "Fundraising" und Spendensammeln, die sich den fragwürdigen Hintergründen solcher Aktivitäten eher zwischen den Zeilen widmen.

Stefan Schuster (Leo), Heinz Kloss (Rainer), Diana Wolf (Eva)
Stefan Schuster (Leo), Heinz Kloss (Rainer), Diana Wolf (Eva)

Das gut eineinhalb Stunden dauernde Stück folgt den guten alten aristotelischen Regeln: Ein Ort, eine Zeit, eine Handlung. Sozusagen in Echtzeit geht die Endprobe und Diskussion einer Benefiz-Veranstaltung für eine afrikanische Schule über die Bühne. Fünf Personen versuchen dabei, nicht nur den Ablauf der geplanten Veranstaltung zu proben sondern dabei auch die eigenen Ideologien und Interessen durchzusetzen. Frei nach Luigi Prandello suchen hier fünf (nicht sechs!) Personen nicht etwa einen Autor für ihr Beziehungsdrama sondern einen Auftrag, in dem sie sich verwirklichen können. Pirandellos Worte über sein eigenes Stück gelten auch für "Benefiz": „Ohne es zu wollen, drückt jeder von ihnen in höchster Erregung, um sich gegen die Anschuldigungen des anderen zu verteidigen, als sein tiefstes Leid und seinen Kummer das aus, was so viele Jahre die Not meines Geistes gewesen ist: die Unmöglichkeit, sich gegenseitig zu verstehen.“

Die Gruppe hat erkannt, dass zu einer Benefiz-Veranstaltung Prominente gehören, und vier von ihnen kränken mit der Suche nach passenden Personen schon einmal die fünfte, Christine (Gabriele Drechsel), die offensichtlich einen gewissen (C-)Prominentenstatus genießt. Sie sieht mit ihrer Person den Prominentenbedarf durchaus gedeckt. Der Vorschlag der beiden Männer(sic!), eine wohl recht attraktive Farbige hinzuzuziehen, weckt nicht nur Christines eifersüchtige Reaktion sondern ruft auch die junge Eva (Diana Wolf) auf den Plan, die hierin einen klaren Fall von Rassendiskriminierung - Worte wie "Instrumentalisierung" fallen - erkennen will und sich ideologisch-gutmenschlich ereifert. Damit weckt sie nur den pragmatischen Widerspruch der Männer, die nicht verstehen (wollen), dass bei einer Benefiz-Veranstaltung nicht eine Farbige auftreten soll. So steht also nach wenigen Sätzen gleich zu Beginn der erste Konflikt im Raum. Doch es geht noch weiter: der junge Leo (Stefan Schuster), der die Veranstaltung mehr als Freizeitgestaltung und sich als Conferencier versteht, übt eine launige Begrüßungsrede, nur um zu erfahren, dass man diese in der letzten Sitzung in seiner Abwesenheit gestrichen hat. Dafür produziert sich dann Christine an der Rampe der Bühne mit einer wohl inszenierten Betroffenheitsszene in tremolierendem Tonfall. Leider vermasselt ihr Eva mit einem unerwarteten Weinkrampf ob des afrikanischen Leids den genau geplanten Einsatz eines spontanen Schluchzens am Mikrofon, was die Atmosphäre weiter aufheizt. Der bereits ein wenig gesetzte Rainer (Heinz Kloss) bringt mit seiner schlecht vorbereiteten und geradezu konfusen Rede über Afrika nicht nur die anderen zum Augenrollen und "Unter-sich-Schauen" sondern vermasselt auch noch Christine ihren Einsatz. Dazu kommentiert die ebenfalls etwas ältere Frau Eckhard (Margit Schulte-Tigges) das gesamte Geschehen permanent mit christlich-betroffenen Bemerkungen, die immer haarscharf die Realität verkennen, frei nach dem Motto "Wenn wir nur alle die Hände halten und Lichtlein anzünden, wird alles gut".

Heinz Kloss (Rainer), Gabriele Drechsel (Christine)
Heinz Kloss (Rainer), Gabriele Drechsel (Christine)

Dieses Quintett mit so unterschiedlichen Temperamenten und Befindlichkeiten durchläuft nun in einer spiralförmigen Bewegung die für eine solche heterogene Zusammensetzung typischen gruppendynamischen Prozesse. Empfindlichkeit, Eitelkeit, mit politischer Korrektheit kaschierte Unsicherheit, frömmelnde Worthülsen, Machomanieren und altherrenhafte Selbstgefälligkeit prägen die Kommunikation, und stets ist einer der Protagonisten beleidigt und droht mit dem - nicht beabsichtigten - Auszug aus dem Projekt. Im Grunde genommen sucht jeder von ihnen die Gruppe und ihre Bestätigung, und die Drohung des Ausstiegs gilt nur als "ultima ratio", um die eigene Sicht durchzusetzen.

Romy Schmidt hat den Darstellern die passenden Kostüme ausgesucht: Christine kommt im eleganten Dress daher, der sie von vornherein von den anderen, ein wenig einfältigen und gar nicht "prominenten" Telnehmern abhebt, und richtet immer wieder ihr volles Haar mit wirkungsvoller Geste; Eva protestiert mit einem bunten Aufzug aus wollenen Leggings, dickem Überrock und schrecklicher Brille gegen die Zumutungen einer konsum- und schönheitsorientierten Welt, deren Anforderungen sie nicht genügen zu können glaubt; Frau Eckharts Pluderhosen erinnern eher an einen orientalischen Basar und sollen Unabhängigkeit und Individualismus signalisieren; Leos lockerer Aufzug mit Holzfällerhemd soll ihn als jugendlichen Draufgänger ausweisen und Rainer schließlich zeigt mit Hose und Jackett den bürgerlichen Habitus eines selbsternannten Vorstadt-Bonvivants. So spiegelt die Kleidung die Befindlichkeit wider, in erweiterter Interpretation des Sprichworts "Kleider machen Leute".

Gabriele Drechsel (Christine), Margit Schulte-Tigges (Fr. Eckhard), Stefan Schuster (Leo), Diana Wolf (Eva), Heinz Kloss (Rainer)Gabriele Drechsel (Christine), Margit Schulte-Tigges (Fr. Eckhard), Stefan Schuster (Leo), Diana Wolf (Eva), Heinz Kloss (Rainer)

Doch unter die satirische Handlung über die chaotische Vorbereitung einer Benefiz-Veranstaltung legt Regisseur Jens Poth einen zweiten, ernsteren Handlungsstrang. Dieser beginnt mit Frau Eckharts Auftritt, die aus ihrem kurzen Appell an die Spendenbereitschaft des imaginären Publikums einen unverfälschten Monolog an das echte Publikum macht. Während dieses Monologs über die schlichte Bedeutung des Wortes "Nächstenliebe" wird aus der fiktiven Frau Eckhard plötzlich die reale Margit Schulte-Tigges, ohne dass sie diese Wandlung verbal kenntlich macht. Vordergründig bleibt sie im Rahmen der theatralischen Fiktion, doch dahinter scheint unübersehbar der echte Appell an das anwesende Publikum durch. So nimmt es denn auch nicht Wunder, wenn die Darsteller im Rahmen der Handlung echte Spendenaufrufe für eine Schule in Guinea-Bissau, das auch das Objekt der Theaterhandlung darstellt, verteilen, oder wenn sie die Zuschauer mit dem entrückten Blick auf ein imaginäres Publikum auffordern, am Ausgang eine Spende für Afrika zu deponieren. Ja, in einer augenzwinkernden Aufforderung zur Denunziation bitten sie die Zuschauer sogar, auch die Mitbesucher aufzufordern, nicht achtlos an den Spendenboxen vorbeizugehen.  So wandelt sich die anfängliche Satire über die Eitelkeiten des Benefizbetriebes zu einer realen Spendenaktion, die halt nur von Schauspielern kurzweilig vorgetragen wird. Insofern lag Stefan Schuster mit seinem anfänglichen Begrüßung genau richtig!

Die Darsteller (wir verzichten hier bewusst auf die Erweiterung "Innen") charakterisierten ihre Rollen durchweg treffend: Gabriele Drechsel zeigt eine berechnende Christine, die sich ihres - vermeintlichen - Status wohl bewusst ist und sich so gut wie möglich zu inszenieren trachtet; Margit Schulte-Tigges gibt eine etwas schlichte, in ihrer Schlichtheit aber schließlich glaubwürdige Frau Eckhard, während Diana Wolf die Zerrissenheit der jungen Eva zwischen - erotischer? -  Verklemmtheit und aufgesetzter politischen Korrektheit treffend wiedergibt. Angesichts dieser pointierten Frauenrollen (es handelt sich hier um das Stück einer Frau!) haben es die beiden Männer etwas schwerer. Heinz Kloss zieht sich als bräsiger Mittfünziger mit plötzlichen Ausbrüchen von plattem Realismus gut aus der Affäre, während Stefan Schuster der Leichtgewichtsrolle des oberflächlichen jungen Mannes weniger Akzente verleihen kann. Das liegt aber wohl eher an der Rolle: offensichtlich kann die Autorin mit diesem Typ Mann gar nichts anfangen.

Das Premierenpublikum war von dieser Inszenierung sehr angetan und spendete den Akteuren langen, kräftigen Beifall.

Weitere Aufführungen am 3. und 18. Februar sowie am 12. und 28. März.

Frank Raudszus


Alle Bilder © Barbara Aumüller

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