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Fünf Personen suchen einen Auftrag |
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Das Staatstheater Darmstadt inszeniert Ingrid Lausunds Schauspiel "Benefiz - Jeder rettet einen Afrikaner" | ||||
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Das gut eineinhalb Stunden
dauernde Stück folgt den guten alten aristotelischen Regeln: Ein
Ort, eine Zeit, eine Handlung. Sozusagen in Echtzeit geht die Endprobe
und Diskussion einer Benefiz-Veranstaltung für eine afrikanische
Schule über die Bühne. Fünf Personen versuchen dabei,
nicht nur den Ablauf der geplanten Veranstaltung zu proben sondern
dabei auch die eigenen Ideologien und Interessen durchzusetzen. Frei
nach Luigi Prandello suchen hier fünf (nicht sechs!) Personen
nicht etwa einen Autor für ihr Beziehungsdrama sondern einen
Auftrag, in dem sie sich verwirklichen können. Pirandellos Worte
über sein eigenes Stück gelten auch für "Benefiz": „Ohne es zu wollen, drückt jeder
von
ihnen in höchster Erregung, um sich gegen die Anschuldigungen des
anderen zu verteidigen, als sein tiefstes Leid und seinen Kummer das
aus, was so viele Jahre die Not meines Geistes gewesen ist: die
Unmöglichkeit, sich gegenseitig zu verstehen.“ Die Gruppe hat erkannt, dass zu
einer Benefiz-Veranstaltung Prominente gehören, und vier von ihnen
kränken mit der Suche nach passenden Personen schon einmal die
fünfte, Christine (Gabriele Drechsel), die offensichtlich einen
gewissen (C-)Prominentenstatus genießt. Sie sieht mit ihrer
Person den Prominentenbedarf durchaus gedeckt. Der Vorschlag der beiden
Männer(sic!), eine wohl recht attraktive Farbige hinzuzuziehen,
weckt nicht nur Christines eifersüchtige Reaktion sondern ruft
auch die junge Eva (Diana Wolf) auf den Plan, die hierin einen klaren
Fall von Rassendiskriminierung - Worte wie "Instrumentalisierung"
fallen - erkennen will und sich ideologisch-gutmenschlich ereifert.
Damit weckt sie nur den pragmatischen Widerspruch der Männer, die
nicht verstehen (wollen), dass bei einer Benefiz-Veranstaltung nicht
eine Farbige auftreten soll. So steht also nach wenigen Sätzen
gleich zu Beginn der erste Konflikt im Raum. Doch es geht noch weiter:
der junge Leo (Stefan Schuster), der die Veranstaltung mehr als
Freizeitgestaltung und sich als Conferencier versteht, übt eine
launige Begrüßungsrede, nur um zu erfahren, dass man diese
in der letzten Sitzung in seiner Abwesenheit gestrichen hat. Dafür
produziert sich dann Christine an der Rampe der Bühne mit einer
wohl inszenierten Betroffenheitsszene in tremolierendem Tonfall. Leider
vermasselt ihr Eva mit einem unerwarteten Weinkrampf ob des
afrikanischen Leids den genau geplanten Einsatz eines spontanen
Schluchzens am Mikrofon, was die Atmosphäre weiter aufheizt. Der
bereits ein wenig gesetzte Rainer (Heinz Kloss) bringt mit seiner
schlecht vorbereiteten und geradezu konfusen Rede über Afrika
nicht nur die anderen zum Augenrollen und "Unter-sich-Schauen" sondern
vermasselt auch noch Christine ihren Einsatz. Dazu kommentiert die
ebenfalls etwas ältere Frau Eckhard (Margit Schulte-Tigges) das
gesamte Geschehen permanent mit
christlich-betroffenen Bemerkungen, die immer haarscharf die
Realität verkennen, frei nach dem Motto "Wenn wir nur alle die
Hände halten und Lichtlein anzünden, wird alles gut".
Dieses Quintett mit so
unterschiedlichen Temperamenten und Befindlichkeiten durchläuft
nun in einer spiralförmigen Bewegung die für eine solche
heterogene Zusammensetzung typischen gruppendynamischen Prozesse.
Empfindlichkeit, Eitelkeit, mit politischer Korrektheit kaschierte
Unsicherheit, frömmelnde Worthülsen, Machomanieren und
altherrenhafte Selbstgefälligkeit prägen die Kommunikation,
und stets ist einer der Protagonisten beleidigt und droht mit dem -
nicht beabsichtigten - Auszug aus dem Projekt. Im Grunde genommen sucht
jeder von ihnen die Gruppe und ihre Bestätigung, und die Drohung
des Ausstiegs gilt nur als "ultima ratio", um die eigene Sicht
durchzusetzen. Romy Schmidt hat den Darstellern
die passenden Kostüme ausgesucht: Christine kommt im eleganten
Dress daher, der sie von vornherein von den anderen, ein wenig
einfältigen und gar nicht "prominenten" Telnehmern abhebt, und
richtet immer wieder ihr volles Haar mit wirkungsvoller Geste; Eva
protestiert mit einem bunten Aufzug aus wollenen Leggings, dickem
Überrock und schrecklicher Brille gegen die Zumutungen einer
konsum- und schönheitsorientierten Welt, deren Anforderungen sie
nicht genügen zu können glaubt; Frau Eckharts Pluderhosen
erinnern eher an einen orientalischen Basar und sollen
Unabhängigkeit und Individualismus signalisieren; Leos lockerer
Aufzug mit Holzfällerhemd soll ihn als jugendlichen
Draufgänger ausweisen und Rainer schließlich zeigt mit Hose
und Jackett den bürgerlichen Habitus eines selbsternannten
Vorstadt-Bonvivants. So spiegelt die Kleidung die Befindlichkeit wider,
in erweiterter Interpretation des Sprichworts "Kleider machen Leute".
Doch unter die satirische
Handlung über die chaotische Vorbereitung einer
Benefiz-Veranstaltung legt Regisseur Jens Poth einen zweiten, ernsteren
Handlungsstrang. Dieser beginnt mit Frau Eckharts Auftritt, die aus
ihrem kurzen Appell an die Spendenbereitschaft des imaginären
Publikums einen unverfälschten Monolog an das echte Publikum
macht. Während dieses Monologs über die schlichte Bedeutung
des Wortes "Nächstenliebe" wird aus der fiktiven Frau Eckhard
plötzlich die reale Margit Schulte-Tigges, ohne dass sie diese
Wandlung verbal kenntlich macht. Vordergründig bleibt sie im
Rahmen der theatralischen Fiktion, doch dahinter scheint
unübersehbar der echte Appell an das anwesende Publikum durch. So
nimmt es denn auch nicht Wunder, wenn die Darsteller im Rahmen der
Handlung echte Spendenaufrufe für eine Schule in Guinea-Bissau,
das auch das Objekt der Theaterhandlung darstellt, verteilen, oder wenn
sie die Zuschauer mit dem entrückten Blick auf ein imaginäres
Publikum auffordern, am Ausgang eine Spende für Afrika zu
deponieren. Ja, in einer augenzwinkernden Aufforderung zur Denunziation
bitten sie die Zuschauer sogar, auch die Mitbesucher aufzufordern,
nicht achtlos an den Spendenboxen vorbeizugehen. So wandelt sich
die anfängliche Satire über die Eitelkeiten des
Benefizbetriebes zu einer realen Spendenaktion, die halt nur von
Schauspielern kurzweilig vorgetragen wird. Insofern lag Stefan Schuster
mit seinem anfänglichen Begrüßung genau richtig! Die Darsteller (wir verzichten
hier bewusst auf die Erweiterung "Innen") charakterisierten ihre Rollen
durchweg treffend: Gabriele Drechsel zeigt eine berechnende Christine,
die sich ihres - vermeintlichen - Status wohl bewusst ist und sich so
gut wie möglich zu inszenieren trachtet; Margit Schulte-Tigges
gibt eine etwas schlichte, in ihrer Schlichtheit aber schließlich
glaubwürdige Frau Eckhard, während Diana Wolf die
Zerrissenheit der jungen Eva zwischen - erotischer? -
Verklemmtheit und aufgesetzter politischen Korrektheit treffend
wiedergibt. Angesichts dieser pointierten Frauenrollen (es handelt sich
hier um das Stück einer Frau!) haben es die beiden Männer
etwas schwerer. Heinz Kloss zieht sich als bräsiger
Mittfünziger mit plötzlichen Ausbrüchen von plattem
Realismus gut aus der Affäre, während Stefan Schuster der
Leichtgewichtsrolle des oberflächlichen jungen Mannes weniger
Akzente verleihen kann. Das liegt aber wohl eher an der Rolle:
offensichtlich kann die Autorin mit diesem Typ Mann gar nichts anfangen. Das Premierenpublikum war von
dieser Inszenierung sehr angetan und spendete den Akteuren
langen, kräftigen Beifall. Frank Raudszus Alle Bilder © Barbara Aumüller |
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