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Fiebriger Verfall der
Wohlanständigkeit |
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Das Staatsttheater Wiesbaden gastiert in Darmstadt mit Yasmina Rezas "Der Gott des Gemetzels" | ||||
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Schon beim Bühnenbild
zeigen sich deutliche Unterschiede. Setzen sich in München die
beiden Paaren auf einer standesgemäßen Couchgarnitur zum
vermeintlich klärenden Gespräch zusammen, so verzichtet die
Wiesbadener Version weitgehend auf Mobiliar. Wie in einer
verschärften Version des alten Spiels "Die Reise nach Jerusalem"
steht hier den vier Protagonisten
nur ein Stuhl - kein
bequemer Sessel! - zur Verfügung. Während in München der
Konflikt aus der scheinbar abgeklärten, zivilisierten Konversation
förmlich herausbricht und die gutbürgerliche Harmonie als
bloßen Schein entlarvt, exisitiert diese in Wiesbaden schon zu
Beginn nicht mehr. Die vier Personen stehen ziellos und verloren auf
der offenen Bühne herum und suchen in der nicht vorhandenen
Couchgarnitur verzweifelt eben den Ankerpunkt, den sie in ihrem Leben
längst verloren haben. Michel und Véronique sind eben nicht
das politisch korrekte und gemeinschaftlich engagierte Paar, das gerade
Véronique gerne in den Vordergrund stellen möchte, sondern
zerfallen in die egozentrische, auf moralische Unfehlbarkeit
fokussierte Ehefrau und einen Ehemann, der ihre
Überlegenheitsattitüde seit Jahren in wachsender Wut ertragen
hat. Auf der anderen Seite sind Annette und Alain durchaus nicht das
intelligente, akademische Vorzeigepaar, das sie so gerne wären,
sondern Annette geht Alains aufgesetztes Machotum schon seit langem auf
die Nerven und dieser hasst alles, was sich unter seinem vermeintlichen
sozialen Status bewegt. Während Annette sich und ihren Mann durch
den Versöhnungsbesuch bei den Houillés gerne als
weltgewandtes, großzügiges Paar darstellen möchte,
verachtet Alain die Verlierer. Denn nachdem sein Sohn dem anderen
Sprössling zwei Zähne ausgeschlagen hat, gehört er zu
den Siegern und jener zu den Verlierern, und seine Eltern ebenfalls.
Mit solchen Leuten will Alain seine kostbare Zeit nicht vergeuden.
Regisseurin Ricarda Beilharz macht durch ihr "schutzloses"
Bühnenbild von vornherein klar, dass hier auch nicht der Anschein
einer im wahrsten Sinne des Wortes abgeklärten Bürgerlichkeit
besteht. Von der ersten Szene an herrscht eine fiebrige, emotional
aufgeladene Atmosphäre, und die Darsteller streifen wie Raubtiere
in einem Käfig an den Wänden der Bühne entlang,
Angriffsposition und Fluchtweg gleichermaßen suchend.
Auch die einzelnen Rollen
erfahren in dieser Inszenierung eine etwas andere Interpretatiion, was
nicht nur - banalerweise - an den anderen Schauspielern liegt. Doreen
Nixdorf spielt die Annette im Gegensatz zu Sunnyi Melles nicht als
desillusionierte Frau mit Erfahrung, die sich in Zynismus
flüchtet, sondern als junge, temperamentvolle Frau, deren
Enttäuschung über ihr Leben an der Seite des einseitigen
Karrieristen in einen verzweifelten Hilfeschrei mündet. Diese
Annette bleibt bis zum Schluss eine junge, lebenshungrige Frau, deren
Lebensträume arg gerupft wurden. Véronique Houillé
ist bei Monika Kroll zwar auch die moral- und bildungsbesessene
Gerechtigkeitsfanatikerin, doch spröder und in sich verschlossener
als ihr Pendant in der Münchner Inszenierung. Michel kommt bei
Michael Günther als gutmütiger Praktiker daher, der sich bei
den Reilles nicht aus Unterwürfigkeit und Unsicherheit anbiedert,
sondern weil er Streit hasst und Konflikte nicht über das ihnen
zustehende Maß hinaus aufblähen will. Dieser im Grunde
genommen bodenständige Michel rastet im Laufe des Abends
buchstäblich aus und überschüttet seine Frau mit einer
Brülltirade, die den gesamten aufgestauten Groll von Jahren oder
gar Jahrzehnten freisetzt. Nur Alain (Lars Wellings) ist in beiden
Inszenierungen
nahezu identisch. Das liegt jedoch offensichtlich daran, dass er die
einzige Figur ist, die in dem Stück keine Wandlung durchmacht. Er
bleibt sich in seiner Eindimensionalität bis zum Schluss treu und
strahlt eine durchgehende Kälte der Gleichgültigkeit
gegenüber seiner Umwelt aus. Wenn am Schluss die drei anderen
reinen Tisch gemacht haben und ihren gesamten Frust über das
(nicht) gelebte Leben aus sich herausgeschrien und -gekotzt haben,
steht er nur verloren auf der Bühne, weil ihm seine eigene Frau
das Handy zerstört hat. Ricarda Beilharz' Inszenierung
verzichtet bewusst auf die filigranen Elemente einer intellektuellen
Psycho-Farce (oder psychologischen Intellektuellen-Farce) und setzt
eher auf deutliche Emotionen. Das mag auf der Erkenntnis beruhen, dass
menschliche Konflikte nur in Komödien mit dem Florett des
geistreichen Wortes ausgefochten werden und im realen Leben meist mit
lautstarken und irrationalen emotionalen Ausbrüchen verbunden
sind. Sie holt die intellektuelle Vorlage von Yasmina Reza auf diese
Weise auf den Boden der menschlichen Tatsachen zurück. Diese
Interpretation verleiht der Inszenierung so etwas wie eine negative
menschliche Wärme, während in der Münchner
Aufführung mehr die Kälte des schneidenden Arguments
überwog. Beide Sichtweisen haben ihre Berechtigung, solange sie
konsequent durchgehalten werden. Das war in München und ist in
Wiesbaden der Fall, und so entfalteten beide Inszenierungen eine starke
Wirkung. Das Darmstädter Publikum
zeigte sich denn auch stark beeindruckt und spendete den Akteuren
langen, kräftigen Beifall. Frank Raudszus Alle Bilder © Martin Kaufhold |
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