"Hellas reloaded"

Januar 2010



Andere Opern-Inszenierungen von Quast:

Don Giovanni à trois


















































































 


















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In der Oper Frankfurt präsentiert Michael Quast Offenbachs Operette "Die schöne Helena"





Die Wirtschaftskrise wirft ihren langen Schatten auch auf die Theaterszene, vor allem die Oper. Schon lange regen sich Zuständige und Nichtzuständige über sündhaft teure Operninszenierungen auf. Die Oper Frankfurt hat daraus den verständlichen Schluss gezogen, bei künftigen Operninszenierungen ein radikales Sparprogramm umzusetzen. Das Sängerensemble wird auf eine Person reduziert, ebenso das Orchester, dessen einziger Vertreter mit einem Flügel auf der Bühne vorlieb nehmen muss. An Requisiten sind nur noch ein Tisch, ein Stuhl und eine Lampe erforderlich, und schon kann die Sparversion in Szene gehen. Die praktische Einführung dieses neuen, von Bundesfinanzmimister Schäuble sicher wohlwollend geförderten Konzeptes erfolgte am Beispiel von Jacques Offenbachs Operette "Die schöne Helena". Wie man jedoch der linken Spalte dieses Beitrags entnehmen kann, gab es bereits ähnlich revolutionäre Vorläufer am Beispiel einer Mozart-Oper, und Michael Quast soll auch bereits Goethes "Faust I" derselben Sparkur unterzogen haben.

Rhodri Britton (Klavier) und Michael QuastRhodri Britton (Klavier) und Michael Quast

Auf den gerafften Vorhang der großen Oper kann man ebenfalls verzichten, wie es ja das Schauspiel sowieso schon kennt, und so präsentiert sich den Zuschauern eine weitgehend leere Bühne mit einem Flügel, an dem das Einmann-Orchester Rhodri Britton Platz nimmt, und dem besagten Tisch mit Stuhl, auf den sich Michael Quast im Alltagskostüm - auch hier ein Spareffekt!  - setzt. Von hier aus inszeniert und leitet er die gesamte Operette und übernimmt dabei auch noch die Rolle des Inspizienten, der die einzelnen Schauspieler - also sich selbst - auf die Bühne ruft.

Natürlich muss man für ein derart reduziertes Ensemble auch das Libretto umschreiben. Um teure Dramaturgen und Librettisten zu sparen, hat sich Michael Quast selbst ans Werk gemacht und eine verdichtete Version  der "schönen Helena" verfasst. Dabei hat er nicht nur auf eine zeitgemäße Sprache geachtet - "Hey, Alter", "Boah", etc. - sondern hat dabei auch ein unbefangenes Verhältnis zur Werktreue entwickelt. Zwar hält er sich weitgehend an den Handlungsablauf des Offenbachschen Originals, belässt den Spielort auch im alten Griechenland, doch die Texte passt er nicht nur einem modernen, die wachsende Bedeutung des Prekariats berücksichtigenden Sprachverständnis an, sondern entwickelt auch den Inhalt der Offenbachschen Vorlage im Sinne des aktuellen Zeitgeistes weiter. So darf die Globalisierung ebenso wenig fehlen wie Hinweise auf die Wirtschaftskrise und die Gier der Banker, und das Libretto versprüht zeitweise den - satirischen aufbereiteten - Geist eines Wirtschaftsvortrags. Man fühlt sich bisweilen in eine Comedey-Show versetzt - und schließlich ist es ja auch eine.

Sängerisch sind bei Michael Quast durchaus Schwächen zu vermerken. So fehlt seinem Sopran doch die Strahlkraft einer Netrebko und auch die Koloraturen können wir trotz guter Ansätze im Vergleich zu anderen Koloratur-Sopranist(inn)en höchsten als durchschnittlich bewerten. Das gilt auch für den Bass, dem vor allen in den tiefen Lagen ein wenig das Volumen fehlt. Dafür ist Quasts Artikulation, oftmals ein Manko selbst großer Opernsänger, ausgezeichnet. Der von ihm eigenwillig modifizierte Text lässt sich gut verstehen. Ein besondere Schwierigkeit sind natürlich in dieser Operettenversion Duette, Terzette und Ensemble-Gesangszenen. Quast meistert diese mit außergewöhnlicher Konzentration und Souveränität: Übergangslos wechselt er vom lyrischen Sopran der Helena in den (Helden-)Tenor des Paris, das klägliche Falsett des Menelaos oder den Bass des Oberpriesters Kalchas, wobei natürlich aufgrund der Fokussierung auf einen Darstellenden nur Teile der jeweiligen Arien zu Gehör kommen. Da aber bekanntlich und vor allem in Operetten die Arien sowieso nur aus wenigen und ständig wiederholten Worten bestehen ("ich liiihihiebe diiihiihich" oder "ich sterbe, ich sterbe, ich sterbe, ich sterbe, ich sterbe..."), lässt sich dieser Verlust an Information durchaus verkraften. Auch bei den griechischen Versen erweist sich der Schauspieler durchaus in Form. Trägt er doch ohne ein Stocken die rhythmischen Verse ganz engagiert vor.

Michael Quast in AktionMichael Quast in Aktion

Schauspielerisch stellt diese einzigartige Inszenierung natürlich ganz andere Anforderungen an den Akteur auf der Bühne, muss er doch mimisch, gestisch und körpersprachlich multiple Persönlichkeiten darstellen. Eine gespaltene Persönlichkeit wäre hier sicher eine große Hilfe, doch wir gehen nicht davon aus, dass Michael Quast über diesen einzigartigen Vorteil verfügt. Also muss er sich - genau wie beim Gesang - innerhalb von Sekundenbruchteilen in unterschiedliche Personen verwandeln. Das führt dann zu höchst beeindruckenden und das Zwerchfell strapazierenden Szenen, etwa wenn er das berühmte Bett-Duett zwischen Paris und Helena darstellt oder als griechische Heldenversammlung - Achilles, Ajax I, Ajax II, Agamemmnon - auftritt und sie als versoffene Prolls oder machtsatte Alphatiere karikiert. Den korrupten Oberpriester Kalchas gibt er als aalglatten Inhaber einer Herrschaftsposition, die dieser unter knapper Wahrung der äußerlichen Würde seines Amtes durchaus und geschickt zum eigenen Vorteil nutzen kann. Helena wird bei ihm zu einer ewig um ihr Haar und ihr Aussehen besorgte Narzisstin, die von jedem vorbeikommendem Mann nur die Bestätigung ihrer einzigartigen Schönheit hören will und deren "weibliche Würde" so durchsichtig wie ein Negligé ist und ihre Libido nur sehr unzureichend bedeckt. Versteht sich, dass Quast diese und andere Figuren nicht mit der hintergründigen Ironie eines Thomas Mann darstellt sondern durchaus handfest zur Sache geht und Jacques Offenbachs Gesellschaftssatire noch um Einiges übertrifft und - vor allem! - aktualisiert.

Dabei vergisst er natürlich auch den Chor nicht, ist doch dieser gleichzeitig Teil der antiken Tragödie wie auch der aktuellen Gesellschaftskritik. Zwischen seinen szenischen Exzessen scheint der Oberlehrer in Quast durchzubrechen, und dann begibt er sich - mit zunehmend verkniffenem Gesicht - nach vorne an die Rampe und liest den Akteuren in umgangssprachlichen Hexametern die Leviten. Diese fallen von Mal zu Mal drohender und moralinsaurer aus, und des Öfteren muss ihn sein Partner am Klavier zur Ordnung rufen, woraufhin er mit einem laut klagenden "Wehe, wehe" an seinen Platz zurückeilt.

So eilt diese Einmann-Operette über zwei Stunden von einer Pointe zur nächsten, durchleidet zwischendurch auch einmal eine Durststrecke, findet sich aber am Ende wieder zu einem furiosen Finale, und das Publikum in der ausverkauften Oper hat seinen göttlichen(sic!) Spaß daran. Man muss sich als bildungsbeflissener Besucher auch nicht genieren, in eine Operette gegangen zu sein, da es ja sowieso nur ein Spaß ist. Tatsächlich befreit Quast die Operettenvorlage von allem bürgerlichen Ideologieverdacht und bricht sie auf die bereits von Offenbach intendierte Gesellschaftskritik herunter. Nur kommt diese bei Quast unmittelbar und derb-witzig und ohne "schönen Schein" zum Vorschein und nimmt heutige Verhältnisse aufs Korn, ohne deswegen mit dem Zeigefinger zu drohen. Selbst der besserwisserische, sauertöpfische Chor wird zur hexametrisierenden Karikatur seiner selbst und erntet Gelächter. Honi soit, wer in diesem Chor eine Parodie heutiger Gutmenschen und Moralprediger vermutet....

Michael Quast hat mit dieser Metamorphose einer bekannten Operette wieder einmal einen signifikanten Beitrag zur "Humorisierung" der Musik geleistet, wie man sie vor allem in der sogenannten E-Musik selten sieht. Warum gerade dieser Kunstzweig ansonsten so humorresistent ist, ist eine andere Frage, die hier zu beantworten nicht der Platz ist.

Das Publikum jedenfalls hat diesen "Comedy-Abend" außerordentlich genossen und verabschiedete die beiden Künstler mit stehenden Ovationen.

Weitere Aufführungen:

Dienstag, 16.2., und Dienstag, 16.3.

Frank Raudszus


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