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"Hellas reloaded" |

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In der
Oper Frankfurt präsentiert Michael Quast Offenbachs Operette "Die
schöne Helena" |
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Auf
den
gerafften
Vorhang
der
großen Oper kann man ebenfalls
verzichten, wie es ja das Schauspiel sowieso schon kennt, und so
präsentiert sich den Zuschauern eine weitgehend leere Bühne
mit einem Flügel, an dem das Einmann-Orchester Rhodri Britton
Platz nimmt, und dem besagten Tisch mit Stuhl, auf den sich Michael
Quast im Alltagskostüm - auch hier ein Spareffekt! - setzt.
Von hier aus inszeniert und leitet er die gesamte Operette und
übernimmt dabei auch noch die Rolle des Inspizienten, der die
einzelnen Schauspieler - also sich selbst - auf die Bühne ruft. Natürlich muss man für
ein derart reduziertes Ensemble auch das Libretto umschreiben. Um teure
Dramaturgen und Librettisten zu sparen, hat sich Michael Quast selbst
ans Werk gemacht und eine verdichtete Version der "schönen
Helena" verfasst. Dabei hat er nicht nur auf eine zeitgemäße
Sprache geachtet - "Hey, Alter", "Boah", etc. - sondern hat dabei auch
ein unbefangenes Verhältnis zur Werktreue entwickelt. Zwar
hält er sich weitgehend an den Handlungsablauf des Offenbachschen
Originals, belässt den Spielort auch im alten Griechenland, doch
die Texte passt er nicht nur einem modernen, die wachsende Bedeutung
des Prekariats berücksichtigenden Sprachverständnis an,
sondern entwickelt auch den Inhalt der Offenbachschen Vorlage im Sinne
des aktuellen Zeitgeistes weiter. So darf die Globalisierung ebenso
wenig fehlen wie Hinweise auf die Wirtschaftskrise und die Gier der
Banker, und das Libretto versprüht zeitweise den - satirischen
aufbereiteten - Geist eines Wirtschaftsvortrags. Man fühlt sich
bisweilen in eine Comedey-Show versetzt - und schließlich ist es
ja auch eine. Sängerisch sind bei Michael
Quast durchaus Schwächen zu vermerken. So fehlt seinem Sopran doch
die Strahlkraft einer Netrebko und auch die Koloraturen können wir
trotz guter Ansätze im Vergleich zu anderen
Koloratur-Sopranist(inn)en höchsten als durchschnittlich bewerten.
Das gilt auch für den Bass, dem vor allen in den tiefen Lagen ein
wenig das Volumen fehlt. Dafür ist Quasts Artikulation, oftmals
ein Manko selbst großer Opernsänger, ausgezeichnet. Der von
ihm eigenwillig modifizierte Text lässt sich gut verstehen. Ein
besondere Schwierigkeit sind natürlich in dieser Operettenversion
Duette, Terzette und Ensemble-Gesangszenen. Quast meistert diese mit
außergewöhnlicher Konzentration und Souveränität:
Übergangslos wechselt er vom lyrischen Sopran der Helena in den
(Helden-)Tenor des Paris, das klägliche Falsett des Menelaos oder
den Bass des Oberpriesters Kalchas, wobei natürlich aufgrund der
Fokussierung auf einen Darstellenden nur Teile der jeweiligen Arien zu
Gehör kommen. Da aber bekanntlich und vor allem in Operetten die
Arien sowieso nur aus wenigen und ständig wiederholten Worten
bestehen ("ich liiihihiebe diiihiihich" oder "ich sterbe, ich sterbe,
ich sterbe, ich sterbe, ich sterbe..."), lässt sich dieser Verlust
an Information durchaus verkraften. Auch bei den griechischen Versen
erweist sich der Schauspieler durchaus in Form. Trägt er doch ohne
ein Stocken die rhythmischen Verse ganz engagiert vor.
Schauspielerisch stellt diese
einzigartige Inszenierung natürlich ganz andere Anforderungen an
den Akteur auf der Bühne, muss er doch mimisch, gestisch und
körpersprachlich multiple Persönlichkeiten darstellen. Eine
gespaltene Persönlichkeit wäre hier sicher eine große
Hilfe, doch wir gehen nicht davon aus, dass Michael Quast über
diesen einzigartigen Vorteil verfügt. Also muss er sich - genau
wie beim Gesang - innerhalb von Sekundenbruchteilen in unterschiedliche
Personen verwandeln. Das führt dann zu höchst beeindruckenden
und das Zwerchfell strapazierenden Szenen, etwa wenn er das
berühmte Bett-Duett zwischen Paris und Helena darstellt oder als
griechische Heldenversammlung - Achilles, Ajax I, Ajax II, Agamemmnon -
auftritt und sie als versoffene Prolls oder machtsatte Alphatiere
karikiert. Den korrupten Oberpriester Kalchas gibt er als aalglatten
Inhaber einer Herrschaftsposition, die dieser unter knapper Wahrung der
äußerlichen Würde seines Amtes durchaus und geschickt
zum eigenen Vorteil nutzen kann. Helena wird bei ihm zu einer ewig um
ihr Haar und ihr Aussehen besorgte Narzisstin, die von jedem
vorbeikommendem Mann nur die Bestätigung ihrer einzigartigen
Schönheit hören will und deren "weibliche Würde" so
durchsichtig wie ein Negligé ist und ihre Libido nur sehr
unzureichend bedeckt. Versteht sich, dass Quast diese und andere
Figuren nicht mit der hintergründigen Ironie eines Thomas Mann
darstellt sondern durchaus handfest zur Sache geht und Jacques
Offenbachs Gesellschaftssatire noch um Einiges übertrifft und -
vor allem! - aktualisiert. Dabei vergisst er natürlich
auch den Chor nicht, ist doch dieser gleichzeitig Teil der antiken
Tragödie wie auch der aktuellen Gesellschaftskritik. Zwischen
seinen szenischen Exzessen scheint der Oberlehrer in Quast
durchzubrechen, und dann begibt er sich - mit zunehmend verkniffenem
Gesicht - nach vorne an die Rampe und liest den Akteuren in
umgangssprachlichen Hexametern die Leviten. Diese fallen von Mal zu Mal
drohender und moralinsaurer aus, und des Öfteren muss ihn sein
Partner am Klavier zur Ordnung rufen, woraufhin er mit einem laut
klagenden "Wehe, wehe" an seinen Platz zurückeilt. So eilt diese Einmann-Operette über zwei Stunden von einer Pointe zur nächsten, durchleidet zwischendurch auch einmal eine Durststrecke, findet sich aber am Ende wieder zu einem furiosen Finale, und das Publikum in der ausverkauften Oper hat seinen göttlichen(sic!) Spaß daran. Man muss sich als bildungsbeflissener Besucher auch nicht genieren, in eine Operette gegangen zu sein, da es ja sowieso nur ein Spaß ist. Tatsächlich befreit Quast die Operettenvorlage von allem bürgerlichen Ideologieverdacht und bricht sie auf die bereits von Offenbach intendierte Gesellschaftskritik herunter. Nur kommt diese bei Quast unmittelbar und derb-witzig und ohne "schönen Schein" zum Vorschein und nimmt heutige Verhältnisse aufs Korn, ohne deswegen mit dem Zeigefinger zu drohen. Selbst der besserwisserische, sauertöpfische Chor wird zur hexametrisierenden Karikatur seiner selbst und erntet Gelächter. Honi soit, wer in diesem Chor eine Parodie heutiger Gutmenschen und Moralprediger vermutet.... Michael
Quast
hat
mit
dieser
Metamorphose
einer
bekannten Operette wieder
einmal einen signifikanten Beitrag zur "Humorisierung" der Musik
geleistet, wie man sie vor allem in der sogenannten E-Musik selten
sieht. Warum gerade dieser Kunstzweig ansonsten so humorresistent ist,
ist eine andere Frage, die hier zu beantworten nicht der Platz ist. Das
Publikum
jedenfalls
hat
diesen
"Comedy-Abend"
außerordentlich
genossen
und verabschiedete die beiden Künstler mit stehenden
Ovationen. Weitere
Aufführungen: Dienstag, 16.2., und Dienstag, 16.3. Frank
Raudszus |
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