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Orff-Portrait aus zwei Perspektiven |
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Das Staatstheater Darmstadt inszeniert zwei Musikdramen Carl Orffs an einem Abend | ||||
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Am Vorabend des Ersten
Weltkrieges galt Asien als eine exotische Region mit fremder Kultur und
aufkommender politischer Bedeutung. Die Vernichtung der russischen
Flotte durch die Japaner vor Tsushima war gerade acht Jahre her und
einschlägige Opern wie "Madame
Butterfly" bewegten die
Gemüter. Carl Orff hatte sich zu dieser Zeit intensiv mit Debussys
Klanggemälden beschäftigt, deren psychologisierende Tiefe ihn
stark beeindruckt hatte. So lag es nahe, diesem Musikstil in einem
adäquaten dramatischen Rahmen Raum zu verschaffen.
Gisei
bedeutet im Japanischen Opfer.
Das Thema leitet sich aus einem umfangreichen japanischen
Historiendrama namens Terakoya ab
und hat folgende Handlung zum Gegenstand: Der Leher Genzo hat einst den
Sohn eines ermordeten Kanzlers gerettet und als sein eigenes Kind
aufgezogen. Eines Tages kommen die politischen Widersacher des
Ermordeteten der Wahrheit auf die Spur und fordern unter Androhung der
Todesstrafe den Kopf des Kindes. Am selben Tage bringt jedoch eine Frau
ihren Sohn in Genzos Schule, der dessen Sohn zum Verwechseln
ähnelt. In seiner existentiellen Not opfert Genzo das fremde Kind,
dessen Kopf der Vertreter des herrschenden Kanzlers nach Augenschein
als das geforderte Opfer identifiziert. Als kurz darauf die Mutter des
geopferten Kindes kommt und bei einer kurzen Auseinandersetzung ein
Sterbehemd aus ihrem Koffer verliert, ahnt Genzo Schreckliches und
erhält von der Frau die Bestätigung. Ihr eigener Mann ist
Vater des getöteten Kindes und hat dieses wenige Minuten davor
identifiziert. Er war ein Anhänger des gestürzten Kanzlers
und hat diesen damals verraten. Mit der Opferung des Wichtigsten im
Leben eines Menschen, des eigenen Kindes, befreit er sich und seine
Frau von der alten Schuld. Für das westliche Ethikverständnis
mutet es seltsam an, dass Eltern die eigene Schuld durch die Opferung
des eigenen - unschuldigen! - Kindes sühnen, doch das japanische
Märchen verdeutlicht, dass in der asiatischen Vorstellung das Leid
der überlebenden Eltern einen höheren Sühnegrad
darstellt als etwa ein Freitod. So viel zur Handlung und ihrer groben
Deutung. Carl Orff hat der eigentlichen
kurzen Handlung ein längeres Vorspiel vorangestellt, das man
entweder als Vorgeschichte oder Rückblende interpretieren kann.
Ein Paar trauert um den Verlust eines Kindes und umschreibt diesen mit
symbolischen Metaphern wie einem dunklen Teich oder dem schwindenden
Mondlicht. Aus dem Libretto ergibt sich nicht eindeutig, ob hier eine
konkrete Zuordnung oder eine elementare Beschreibung menschlichen Leids
vorliegt. Die Darmstädter Inszenierung konkretisiert die Situation
insofern, als sie das Paar von den Darstellern der Eltern des
geopferten Kindes in den selben Kostümen spielen lässt. So
reduziert sich die Ambivalenz des Vorspiels auf die Frage, ob es sich
um eine Rückblende oder um die Vorbereitung der tragischen
Opferung handelt. In jedem Fall nimmt es die Handlung in gewissem Sinne
- eben wie eine szenisch Ouvertüre - vorweg und komprimiert die
emotionalen Momente. John Dew verzichtet auf eine
aktualisierte Interpretation der Handlung und präsentiert das
Drama ganz aus der Sicht des jungen Orff und seiner Zeit, die Exotik
noch unverfälscht - um nicht zu sagen naiv - auffasste. Den
Hintergrund der Bühne bildet ein weiter japanischer Wandschirm mit
Landschafts- und Baummotiven, und man spürt förmlich die
Zerbrechlichkeit des Materials. Die Darsteller treten in traditionellen
japanischen Kostümen auf, je höher der Rang, desto
prächtiger und bewegungshemmender. Die Frauen trippeln im Kimono
und mit hochgestecktem Haar über die Bühne und verbreiten die
Vorstellung eines Japans, wie sie auch Pucchini noch pflegte und wie
sie noch heute in manchem nostalgischen Tourismuskopf herrschen. Doch
hier wirkt es nicht künstlich folkloristisch oder gar kitschig
sondern spiegelt die Auffassung der Entstehungszeit wider.
Carls Orffs Musik lässt
deutlich die Beeinflussung durch Debussy erkennen. Der Behandlung des
vorliegenden Themas kommt dies jedoch zugute. Die bis in ihre feinsten
Verästelungen ausgearbeiteten Klangbilder, die jede Emotion in
ihre Bestandteile zerlegen, ja sezieren, und sie in viele kleinste
emotionalen Miniaturen auflösen, spiegeln die äußerlich
beherrschte Emotionalität des - damals so verstandenen -
asiatischen Wesens wider. Gesichtsverlust aufgrund unbeherrschter
Emotionen ist für das Selbstverständnis dieser Gesellschaft
dramatischer als konkretes indivuelles Leid, und so muss sich die
Bewältigung der Schmerzen und der Trauer sozusagen innerlich
abspielen und sich lediglich in der Erstarrung oder in der
Ritualisierung bestimmter Bewegungsabläufe manifestieren. Der
nahtlose Übergang von der beherrschten, demütigen Geste in
den Tod ist denn auch für die Mutter des geopferten Kindes die
logische Folge. Der Vater erstarrt dagegen auf seinem Platz und ist zu
keiner Regung mehr fähig. Für die Darsteller, die ja alle dem
europäischen Kulturkreis entstammen, stellt dies eine besondere
Herausforderung dar. Müssen sie doch eine ihnen fremde
Emotionalität spielen, ohne dabei in eine nichtssagende Erstarrung
- sprich Indifferenz - zu verfallen. Ähnliches gilt natürlich
für das Orchester. Beschreibt Debussy mit seinen hoch verfeinerten
Klangbildern noch einen psychologischen Eklektizismus - die
Morbidität des "fin de siècle" -, so müssen
Dirigent und Orchester in diesem Fall den Orffschen Klangbildern den
messerscharfen Schmerz bei höchster Beherrschung entlocken, ohne
deshalb in eine falsche Expressivität zu verfallen. Nicht umsonst
fühlt man sich des Öfteren an Debussys "Pelléas et Mélisande"
erinnert, in dem der Komponist die seelischen Nöte seiner
Protagonisten ebenfalls mit hoher "innermusikalischer" Intensität
ausdrückt. Das Ensemble zeigte sich diesen
Herausforderungen in vollem Umfang gewachsen. Oleksandr Prytolyuk
verleiht dem Lehrer Genzo die ganze Verzweiflung eines im tragischen
Konflikt gefangenen Menschen, und seine gesangliche Leistung steht
seiner darstellerischen in keiner Weise nach. Susanne Serfling bewegt
sich als seine Frau Tonami auf Augenhöhe mit ihm und wirkt nicht
nur als Japanerin sondern auch als unschuldig schuldig werdende Frau
glaubwürdig. Andreas Daum und Anja Vincken spielen ein Opferpaar,
das die Opferung des eigenen Kindes als eine Sühnepflicht versteht
mit dem eigenen Leben
abgeschlossen hat. Sie agieren beide wie tönerne Gestalten, denen
der selbst auferlegte Schmerz das Leben zu Lebzeiten geraubt hat, und wirken dadurch umso erschütternder. Auch
sie müssen vor allem im Vorspiel darstellerische und gesangliche
Schwerarbeit verrichten und das Ganze noch wie leichtfüßige
japanische Kunst aussehen lassen. Denn das Selbstverständnis
dieser Kunst als ästhetischer Genuss auch in der Wiedergabe des
größten Schmerzes liegt über der gesamten Inszenierung.
"De temporum fine comoedia" - zu
deutsch: "Komödie über das Ende der Zeit(en)" - stellt einen
Sprung über gut sechzig Jahre mit der Erfahrung zweier
apokalyptischer Kriege und einem höchst gefährdeten "status
quo" danach dar. Carl Orff lässt hier seinen Visionen über
das Ende der Welt freien Lauf. Zitate aus Texten der frühen
Christenheit in Griechisch und Latein bilden die Basis der Liturgie,
wie man hier das "Libretto" am besten umbenennen sollte. Denn es ist
eine hymnische Feier der Apokalypse, die hier stattfindet, so wie in
Zeiten der Pest Priester und Volk in den Kirchen gebetet (und
gewütet) haben mögen. "Omnium rerum finis" - "Das Ende aller
Dinge" - und "Vitiorum abolitio" - aller Schuld Vergessung(Vergebung)"
- ziehen sich als Grundmuster durch ein Werk, das man weder als Oper
noch als Musikdrama bezeichnen kann. Der Ablauf - von Handlung kann
nicht die Rede sein - gliedert sich in drei Akte: im ersten Teil treten
die Sibyllen auf, vorchristliche Wahrsagerinnen à la Kassandra,
die in geradezu hysterisch-religiöser Trance das Ende der Welt und
den "Dies irae, dies illa" beschwören. John Dew lässt dazu
eine Gruppe in Lumpen gehüllter Sängerinnen auf einer
abgedunkelten Bühne hinter einem Gaze-Vorhang urzeitliche
Beschwörungstänze aufführen, die zeitweise an
Strawinskys "Sacre du printemps" erinnern. Die sparsame Lichter- und
Bewegungsführung nehmen diesen Tänzen jeglichen Anflug von
Lächerlichkeit und lassen sie archaisch-echt erscheinen. Danach
erscheinen die Anachoreten, dargestellt von derm versammelten
männlichen Opernensemble, im gleichen Bühnen- und
Beleuchtungsumfeld. Die Anachoreten waren weltliche Einsiedler, die
Sühne und Heil nicht im Jenseits sondern im Hier und Jetzt
suchten. Ewiges Leben und Verdammnis sind "uralte Ammenmär", wie
sie immer wieder geradezu in einer Art frühem Rap rhythmisch
hervorstoßen. Doch der Unterschied zu den Sibyllen ist marginal,
denn auch sie sehen nur Schuld und Untergang vor sich. Nur besteht die
Strafe nicht in ewigem Höllenfeuer sondern im Vergessen.
Im dritten Teil irren die letzten Menschen - der Chor - in einer kalten, leeren Welt umher. Der Himmel ist samt Sonne, Mond und Sternen eingestürzt, und die Menschen flehen in äußerster Verwirrung und Verzweiflung ein schnelles Ende herbei, wobei sich die Menge wie eine Woge mal nach links, mal nach rechts über die halbdunkle Bühne bewegt. Schließlich tut sich ein rot leuchtender Höllenschlund vor ihnen auf, dem mehrfarbige Dämpfe entsteigen und in dem sie alle nach unten versinken. Als letzter steht alleine Luzifer - Andreas Daum als gefallener Engel - auf der Bühne und ruft mit erhobenen Armen sein "Pater Peccavi" - "Vater, ich habe gesündigt" - gen Himmel. Dieser hebt ihn langsam nach oben und nimmt ihn schließlich gnädig auf. Die Musik zu dieser hoffnungsleeren Anrufung der Ewigkeit besteht weitgehend aus Schlaginstrumenten und verzichtet auf jeglichen tröstlichen Streicherklang. Perkussion in allen Spiel- und Klangarten beherrscht die akustische Begleitung aus dem Orchestergraben, die Musik zu bezeichnen man zögert. Düster und dräuend fahren die Klänge des Orchesters zwischen die Prophezeihungen und Wehklagen der Protagonisten auf der Bühne und unterstreichen deren endzeitlichen Schreie. Am Ende, wenn Luzifer gen Himmel gefahren ist, klingt eine schlichte, wiederkehrende Weise aus dem Orchestergraben, wie das Säuseln eines letzten Windes nach einem schweren Sturm.Finis omnium spectaculorum! Das Publikum benötigte nach dieser endzeitlichen Aufführung einige Zeit für eine Reaktion. Keine spontan inszenierte "Bravo"-Rufe, sondern Stille folgte dem langen, leisen Orchesternachspiel. Erst einige lange Sekunden, nachdem der letzte Ton leise verklungen war, wagten sich einzelne Beifallskundgebungen in den leeren Raum über den Rängen. dann jedoch zeigte das premierenpublikum seine Begeisterung für einen wahrhaft großen Abend des Musikdramas, das auch ohne "schöne Stimmen" und opulente Ausstattung die Zuschauer gefangen nehmen kann. Weitere Aufführungen am 5., 20. und 28. Februar sowie am 18. und 24. März. Frank
Raudszus Alle
Fotos © Barbara Aumüller |
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