Der Winter weicht dem Witz

Januar 2010



Frühere Shows des "Pegasus":

Schräger Herbst

Herbstgeflüster

















































































 


















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Das Varieté-Theater "Pegasus" in Bensheim setzt bei der Show "Wintertraum & Sternensand" auf Leichtigkeit





Varieté-Theater stehen alle vor demselben Problem: wie kann man verhindern, dass die Abfolge akrobatischer und anderer künstlerischer "Nummern" trotz unbestrittener Könnerschaft zu einer gewissen Langeweile führt? Das vom Kino und Fernsehen verwöhnte Publikum lässt sich bei weitem nicht mehr so faszinieren wie noch vor fünfzig oder gar hundert Jahren. Da kann es leicht passieren, dass die Unterhaltung am Tisch wichtiger wird als die Vorführung auf der Bühne. Man muss "dem Affen Zucker geben", will sagen, über die artistische Vorführung hinaus für permanente Unerthaltung sorgen. Clownsnummern zwischendurch sind zwar eine Möglichkeit, doch auch die kann man an einem Abend nur ein oder zwei Mal präsentieren. Da kommt es dann weitgehend auf den Conferencier an und seine Fähigkeit, die Aufmerksamkeit des Publikums auf die Bühne  (und sich) zu lenken.

Komödiant Raymond aus den NiederlandenKomödiant Raymond aus den Niederlanden

Das "Pegasus" vertraut in seiner Show "Wintertraum & Sternensand" auf den noch jungen Charlie Martin als Verbindungsglied zwischen den einzelnen Szenen. Sein erster Auftritt gerät noch etwas unbeholfen, wollen doch die üblichen Conferencier-Witze nicht so richtig zünden. Das liegt an diesem kalten Winterabend mit einsetzendem Schneefall sicher nicht am Wetter, das die Gedanken in andere Richtung lenkt, sondern offensichtlich am Lampenfieber und einer gewissen Unterschätzung des Publikums, das auf Standardwitze partout nicht reagieren will. Doch das ändert sich schnell, und nicht zuletzt aufgrund des außergewöhnlichen Servicepersonals im "Pegasus". Schon vor Beginn fällt uns ein Kellner auf, dem die für diesen Beruf nötige Agilität und Behendigkeit fehlt. Etwas schwerfällig quält sich der kräftige Mann mit glatt gescheiteltem Haar und rechteckigem Gesicht durch die engen Tischreihen und murmelt etwas von "abnehmen". Man hat mit diesem offensichtlichen Anfänger in Sachen Service ein wenig Mitleid und gönnt ihm eine schnelle Einarbeitung. Doch zu allem "Unglück" wählt Conferencier Charlie Martin bei seiner Suche nach "Mitmach-Opfern" aus dem Publikum ausgerechnet diesen so schüchternen wie unbeholfenen Kellner in seiner roten Schürze aus. Man hat Mitleid mit ihm und seinem gequälten Lächeln, doch das ändert sich spätestens nach seiner dritten Antwort. Denn die sind bei aller Verklemmtheit witzig und treffend, so dass schnell die Ahnung - und dann die Gewissheit - aufkommt, dass es sich bei diesem armen Kellner durchaus nicht um eine Aushilfe handelt sondern um einen ausgewachsenen Komödianten, der Teil des Programms ist.

Touché! Auf diese originelle Weise führt sich der Niederländer Raymond ein und überrascht das Publikum. Schnell lernt man seine gut gespielte Tolpatschigkeit, seine kindliche Naivität, seinen Spieltrieb und seine tapsige Egozentrik kennen und schätzen. Vor allem sein tiefes, buchstäblich aus dem Zwerchfell gesaugtes Lachen - sein Markenzeichen - sorgt für todsichere Lacher. Martin und Raymond gestalten von diesem Augenblick an die Übergänge und das Rahmenprogramm gemeinsam, wobei die Rollen von Anfang an verteilt sind: Martin als der professionelle, smarte Conferencier und Raymond als der gutwillige Gehilfe, dem natürlich immer alles danebengeht. Wo er doch so gerne auch einmal mit einer artistischen Nummer auftreten würde! Wenn er dann zwischendurch rührend missglückte Kostproben seiner akrobatischen Kunst gibt, merkt man, dass hinter dieser gespielten Unbeholfenheit durchaus einiges Können steckt. Doch seine Aufgabe ist in diesem Programm nicht, seine Varieté-Fähigkeiten zu zeigen sondern das liebenswerte Scheitern zu inszenieren. Die Strategie, den humoristischen Rahmen des Programms von diesen beiden als Schlagabtausch in einer Art "Ping-Pong" zu servieren, geht voll auf. Das Publikum geht mit und zeigt sich von diesem temperamentvollen Duo durchaus amüsiert.

Hula-Hoop-Künstlerin Natlia Bakun aus Russland
Hula-Hoop-Künstlerin Natalia Bakun aus Russland

Akrobatik wird an diesem Abend natürlich auch geboten, und nicht zu knapp. Da ist gleich zu Anfang die Handstandkünstlerin Natalia aus der Ukraine, die eine so leichte wie anspruchsvolle Figurenfolge auf dem winzigen Sockel präsentiert. Man hält es teilweise nicht für möglich, wie sie sich trotz beliebiger Körpertorsionen und -streckungen immer noch auf einer Hand halten kann. Und wenn die Hand etwas ermüdet, wechselt sie einfach mitten in der schwierigsten Figur fliegend die Hände. Man ahnt, welche Körperbeherrschung dies verlangt, und doch sieht es eher elegant und unangestrengt aus.

Die Russin Natalia Bakun holt sich als Hilfskraft den gutmütigen Raymond in bunten Freizeithosen auf die Bühne, und dieser kann dabei nicht nur Natalias Kunst der schwingenden Hüften und kreisenden Hula-Hoop-Reifen bewundern sondern auch seine Rolle als ungeschickter und etwas trotteliger Gehilfe voll auskosten. Auf diese Weise gewinnt auch Natalias Hula-Hoop-Nummer eine deutlich humoristische Note.

Katrin Weißensee verzaubert den Abend mit ihrer Sandmalerei, einer ungewohnten und faszinierenden Kunstform. Auf einer Glasplatte formt sie aus Sand mit fließenden Händen die verschiedensten Bilder, erweitert, verändert und zerstört sie wieder. Nichts ist fixiert, "alles fließt", und das Ganze wird auf einer großen Leinwand an der Bühnenrückwand gezeigt. Man folgt gespannt ihren Handbewegungen und rätselt, welches Bild als nächstes entsteht, wobei der feine Sand sich beliebig formen lässt und schon eine kleine Bewegung mit dem Fingernagel völlig neue Akzente setzt.

Für die obligatorische Jonglage ist in diesem Programm der Berliner Benjamin Pfeiffer zuständig. Seine leuchtenden Bälle wechseln mitten im Flug die Farbe und erzeugen auf der abgedunkelten Bühne ein bewegtes Farbspiel. Und wenn diese Kunstform mit sechs Bällen dann ausgereizt scheint, wirft Benjamin Pfeiffer brennende Fackeln durch den nun ganz dunklen Bühnenraum, und als Zuschauer wartet man immer auf den Moment, in dem eine Fackel in den Vorhang oder ins Publikum fällt - was natürlich nicht geschieht.

Eine ganz besondere Kunst beherrscht der Franzose Mika Quartz: er jongliert mit Glaskugeln, als wären sie Seifenblasen. Zu Beginn seiner Nummer schweben echte Seifenblasen vom Bühnenhimmel, die er liebevoll auffängt und streichelt, ohne dass sie zerplatzen. Wenn er dann seine Glaskugeln zur Hand nimmt, verleiht er ihnen die gleiche Leichtigkeit wie Seifenblasen. Nebenbei kann er auch zaubern, denn diese Glaskugeln ändern unvermutet ihre Größe und wachsen von Apfelsinengröße zum Fußballumfang, bevor sie langsam im Dunkel der Bühne entschweben.

Als Kontrast dazu beweist die Amerikanerin Shanya Swanson ihre Fähigkeiten am Vertikalseil und zeigt dabei eine ebenso kraftvolle wie elegante Kür. Wenn sie sich während ihrer Figuren am Seil plötzlich fallenlässt, erschrickt man als Zuschauer und vermutet im ersten Moment einen fatalen Fehler, nur um dann festzustellen, dass sie sich in eine vorbereitete Schlaufe des Seils hat fallen lassen und von dort aus die nächste Figur in Angriff nimmt. Bei dieser Vorführung hörte man keinen Laut aus dem Publikum.

Dieses Winterprogramm des "Pegasus" besticht vor allem durch seine Ausgewogenheit von anspruchsvoller Akrobatik und abwechslungsreicher Unterhaltung. Manch einer wird zwar meinen, dass man sich die Witzchen zwischen den artistischen Vorführungen sparen könne, aber schließlich kommen die meisten Gäste, um einen entspannten Abend zu genießen, und dazu gehört in erster Linie Spaß im wahrsten Sinne des Wortes. In "Wintertraum & Sternensand" gibt es viel zu lachen und dennoch auch einiges zu bewundern. Wer diese Show noch nicht gesehen hat, sollte sich beeilen, denn sie läuft nicht mehr lange.

Weitere Informationen und Tickets über das Internet

Frank Raudszus


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