Der diskrete Charme der kleinen Besetzung

Februar 2010







































































































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Das 5. Kammerkonzert des Staatstheaters Darmstadt bringt Konzertmusik als Klavierquintett





Das Klavierquintett stellt eine so reizvolle wie problematische Instrumentalkonstellation dar: einerseits verhalten sich die Klangbilder von Klavier und Streichern diametral - gestrichen vs. geschlagen, konstant vs. abklingend, kontinuierlicher vs. diskreter Tonvorrat -, andererseits erweitert diese Kombination das Gesamtklangbild außerordentlich gegenüber dem jeweiligen instrumentalen Klangbild. Schuberts berühmtes "Forellenquintett", Mozarts KV 452 oder Beethovens op. 16 sind berühmte wenn auch seltene Beispiele dieser Gattung. Auf der anderen Seite hat sich das Klavierkonzert
über Jahrhunderte zu  einem bestimmenden Element der Musikliteratur entwickelt. Hier steht dem ganz eigenen Klang des Soloinstruments der vielfältige Klangkörper eines Orchesters mit Streichern, Bläsern und Schlagzeug gegenüber.

Mozarts Klavierkonzerte erfreuten sich bereits zu seinen Lebzeiten - und heute sowieso - besonderer Beliebtheit. Da öffentliche Konzerte nicht alle Tage stattfanden und deren Besuch nicht jedem Musikliebhaber möglich war, hatte bereits das 18. Jahrhundert sozusagen "Heimversionen" bekannter Konzerte für wenige Instrumente hervorgebracht. Da es in vielen Haushalten Streichquartette gab, lag es nahe, diese als Ausgangspunkt zu nehmen und den Orchesterpart der Klavierkonzerte auf ein Streichquartett umzuschreiben. Mozart tat dies selbst mit seinen Klavierkonzerten in A-Dur, KV 414, und in Es-Dur, KV 449, um diese auch in kleinem Kreis selbst präsentieren zu können. In Darmstadt kamen diese beiden Werke 9m 5.Kammerkonzert zu Gehör, ergänzt durch das Klavierquintett "In Memoriam" von Alfred Schnittke.

Das Crux-Quartett mit (v.l.n.r,) Oren Shevlin, Naoko Ogihara, Lucas Barr und Gareth Lubbe
Das Crux-Quartett mit (v.l.n.r,) Oren Shevlin, Naoko Ogihara, Lucas Barr und Gareth Lubbe

Für die Präsentatiion dieser Werke hatte sich das "Crux-Quartett" - Naoko Ogihara, Lucas Barr (Violine), Tobias Breider (Viola) und Oren Shevlin (Violoncello) - mit der Pianistin Marie-Luise Hinrichs zusammengetan, alle Musiker mit internationalen Preisen und einem breiten Erfahrungshintergrund. Das Programm begann mit Mozarts Klavierkonzert KV 449, und von den ersten Tönen an hatte man das Gefühl, es nie anders gehört zu haben. Obwohl das natürlich ein "akustische Täuschung" ist, erkennt man daran doch die kammermusikalische Ausrichtung der mozartschen Klavierkonzerte, was auch daran gelegen haben mag, dass Mozart als Auftragskünstler für Adlige selten über größere Orchester verfügen konnte und diese Gelegenheiten für Sinfonien und Opern nutzen musste. Das Klavierkonzert dagegen hatte bei ihm aus rein praktischen Gründen - möglichst viele Aufführungen - ausgeprägten Kammermusikcharakter. Natürlich kann ein Streichquartett nicht das akustische Volumen eines ganzen Orchesters bieten, und Blech- wie Holzbläser fehlen auch. Doch bis zu einem gewissen Grad übernehmen deren Rolle die Bratsche und auch das Cello. Der Vorteil der Quintett-Konfiguration jenseits der historisch bedingten Praktikabilität und einer gewissen musikliterarischen Exotik besteht in der größeren Transparenz der einzelnen Stimmen, die man wesentlich besser als bei einem Orchester nachvollziehen kann. Damit liegt auch mehr Verantwortung bei den Musikern, weil in gewissem Sinne jede(r) den Part mehrerer Orchestermitglieder spielen muss. Ein auch nur ansatzweises Verstecken hinter den Mitspielern gibt es daher nicht, und jede Intonationsschwäche schlägt sofort durch.

Tobias Breider (Viola) als Gast
Tobias Breider (Viola) als Gast

Die beiden Klavierkonzerte liegen nur zwei Jahre auseinander, und doch macht das Es-Dur-Konzert einen reiferen Eindruck. Andererseits ist dies angesichts der kurzen Lebens- und Schaffenszeit Mozarts nicht weiter verwunderlich, denn die geradezu überwältigende musikalische Entwicklung dieses Genies - wir benutzen diesen Begriff ohne Scheu - verdichtete sich in gerade einmal 20 bis 25 Jahren, wenn man die Kinder- und Jugendzeit herausrechnet. In beiden Konzerten geht dem Einsatz des Soloinstruments ein langes Vorspiel des Orchesters mit mehreren Motiven voraus. Bei Mozart waren diese Einleitungen nicht einfache harmonische und motivische Vorbereitungen des eigentlichen Hauptthemas sondern komplexe Kleinstsätze mit mehreren Themen und anspruchsvoller Metrik. Oftmals steht hier bereits das gesamte motivische Material des Kopfsatzes, und daher ist schon dieses Vorspiel selbst ein kleines musikalisches Kunstwerk. Auch danach beschränkt sich das Orchester - hier die vier Streicher - nicht auf die reine Begleitung oder kurze Kommentare sondern bringt sich immer wieder als eigenständiger Partner in das Wechselspiel von Soloinstrument und Orchester ein.

Die Mitglieder des Crux-Quartetts nutzten ihre im Vergleich zu einem Orchester etwas erweiterten Möglichkeiten auf hervorragende Weise. Schließlich bestand keine Gefahr einer akustischen Dominanz des Orchesters gegenüber dem Flügel, der in dieser Konstellation natürlich besonders in den Vordergrund trat, auch wenn er hinten stand. Die Streicher mussten sich also nicht zurückhalten und konnten ihren Part voll ausspielen. Das taten sie auch, ohne deswegen mit dem Flügel zu konkurrieren. Aber sie konnten sich gut behaupten, obwohl das Klavier natürlich im Vergleich zu einem klassischen Klavierquintett eine wesentlich größere Rolle spielt. Doch Marie-Luise Hinrichs verzichtete auf ein forcierte Spielweise und ließ die Streicher voll zur Geltung kommen.

Die Pianistin Marie-Luise Hinrichs
Die Pianistin Marie-Luise Hinrichs

Nach dem Es-Dur-Konzert stand Alfred Schnittkes Quintett auf dem Programm, das dieser gezielt für diese Konstellation komponiert hatte. Daher waren die Rollen für Klavier und Streicher sozusagen "per definitionem" ausgewogen gestaltet. Der Titel "In memoriam" beruht auf der Tatsache, dass Schnittkes Mutter kurz vorher überraschend gestorben war. Daher rührt auch der pessimistische, streckenweise fast depressive Grundtenor des Stückes. Schnittke verarbeitete darin den Schmerz über den Tod der Mutter und nutzte dafür die gegenüber dem Klavier erweiterten Möglichkeiten der Streichinstrumente. So lässt er die vier Streichinstrumente in ganz engen Akkordfiguren spielen, teilweise nur durch Vierteltöne voneinander getrennt. Das ergibt einen extrem intensiven, dissonanten Klang, dem der vordefinierte Klangraum des Klaviers gegenübersteht. Diesen Kontrast zwischen dem harmonisch beschränkteren Klavier und den unbegrenzten Streichern nutzt Schnittke immer wieder dazu, extreme emotionale Zustände zu beschreiben. Vier von den fünf Sätzen sind betont langsam - vom Moderato über das Andante bis zum Lento - und nur der zweite kommt im Walzertempo daher. Doch dieser Walzer hat nichts von Leichtigkeit und Lust an sich, sondern drückt in seinen harmonischen und melodischen Verzerrungen eher die Verzweiflung des Komponisten aus.

Schnittkes Quintett ist im Jahr 1972 entstanden. Vergleicht man diese Musik mit der des ausgehenden 19. Jahrhunderts, etwa von Debussy, so fällt auf, dass die somnambulen, teilweise nahezu mythischen Emotionen, die dessen Musik weckt, hier nicht mehr zu verspüren sind. Will die Musik des "fin de siècle" noch die bis aufs Feinste sezierten Gefühle nachzeichnen, hat die moderne Musik diese Gefühlsebene verlassen und zeichnet sich durch eine deutliche intellektuelle Distanz aus. Die Erfahrungen des 20. Jahrhunderts haben es endgültig unmöglich gemacht, subjektive Emotionen zur Basis der Musik zu machen. Selbst der Schmerz - wie hier in Schnittkes "In memoriam" wirkt weniger traurig und rührend als verzweifelnd und resignierend.

Dankenswerterweise folgte nach der - für Musiker und Zuhörer gleichermaßen - anspruchsvollen Schnittke-Komposition das Klavierkonzert A-Dur KV 414, das die Zuhörer noch einmal in die heitere Welt des mittleren Mozarts (1782) führte. Entspannt konnte das Publikum jetzt eine Musik genießen, die bei allem musikalischen Anspruch, der in ihr steckt, doch auch einfach schön ist.

Das Publikum bedankte sich für diesen kammermusikalischen Abend bei dem Ensemble mit langen Beifall und auch einige "Bravo"-Rufe waren zu vernehmen.

Frank Raudszus


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