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Das 5. Kammerkonzert des Staatstheaters Darmstadt bringt Konzertmusik als Klavierquintett | ||||
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Mozarts Klavierkonzerte
erfreuten sich bereits zu
seinen Lebzeiten - und heute sowieso - besonderer Beliebtheit. Da
öffentliche Konzerte nicht alle Tage stattfanden und deren Besuch
nicht jedem Musikliebhaber möglich war, hatte bereits das 18.
Jahrhundert sozusagen "Heimversionen" bekannter Konzerte für
wenige Instrumente hervorgebracht. Da es in vielen Haushalten
Streichquartette gab, lag es nahe, diese als Ausgangspunkt zu nehmen
und den Orchesterpart der Klavierkonzerte auf ein Streichquartett
umzuschreiben. Mozart tat
dies
selbst mit seinen Klavierkonzerten in A-Dur, KV 414, und in
Es-Dur, KV 449, um diese auch in kleinem Kreis selbst präsentieren
zu können. In Darmstadt kamen diese beiden Werke 9m
5.Kammerkonzert zu Gehör,
ergänzt durch das Klavierquintett "In Memoriam" von Alfred Schnittke.
Für die Präsentatiion
dieser Werke hatte sich das "Crux-Quartett" - Naoko Ogihara, Lucas Barr
(Violine), Tobias Breider (Viola) und Oren Shevlin (Violoncello) - mit
der Pianistin Marie-Luise Hinrichs zusammengetan, alle Musiker mit
internationalen Preisen und einem breiten Erfahrungshintergrund. Das
Programm begann mit Mozarts Klavierkonzert KV 449, und von den ersten
Tönen an hatte man das Gefühl, es nie anders gehört zu
haben. Obwohl das natürlich ein "akustische Täuschung" ist,
erkennt man daran doch die kammermusikalische Ausrichtung der
mozartschen Klavierkonzerte, was auch daran gelegen haben mag, dass
Mozart als Auftragskünstler für Adlige selten über
größere Orchester verfügen konnte und diese
Gelegenheiten für Sinfonien und Opern nutzen musste. Das
Klavierkonzert dagegen hatte bei ihm aus rein praktischen Gründen
- möglichst viele Aufführungen - ausgeprägten
Kammermusikcharakter. Natürlich kann ein Streichquartett nicht das
akustische Volumen eines ganzen Orchesters bieten, und Blech- wie
Holzbläser fehlen auch. Doch bis zu einem gewissen Grad
übernehmen deren Rolle die Bratsche und auch das Cello. Der
Vorteil der Quintett-Konfiguration jenseits der historisch bedingten
Praktikabilität und einer gewissen musikliterarischen Exotik
besteht in der größeren Transparenz der einzelnen Stimmen,
die man wesentlich besser als bei einem Orchester nachvollziehen kann.
Damit liegt auch mehr Verantwortung bei den Musikern, weil in gewissem
Sinne jede(r) den Part mehrerer Orchestermitglieder spielen muss. Ein
auch nur ansatzweises Verstecken hinter den Mitspielern gibt es daher
nicht, und jede Intonationsschwäche schlägt sofort durch.
Die beiden Klavierkonzerte
liegen nur zwei Jahre auseinander, und doch macht das Es-Dur-Konzert
einen reiferen Eindruck. Andererseits ist dies angesichts der kurzen
Lebens- und Schaffenszeit Mozarts nicht weiter verwunderlich, denn die
geradezu überwältigende musikalische Entwicklung dieses
Genies - wir benutzen diesen Begriff ohne Scheu - verdichtete sich in
gerade einmal 20 bis 25 Jahren, wenn man die Kinder- und Jugendzeit
herausrechnet. In beiden Konzerten geht dem Einsatz des
Soloinstruments ein langes Vorspiel des Orchesters mit mehreren Motiven
voraus. Bei Mozart waren diese Einleitungen nicht einfache harmonische
und motivische Vorbereitungen des eigentlichen Hauptthemas sondern
komplexe Kleinstsätze mit mehreren Themen und anspruchsvoller
Metrik. Oftmals steht hier bereits das gesamte motivische Material des
Kopfsatzes, und daher ist schon dieses Vorspiel selbst ein kleines
musikalisches Kunstwerk. Auch danach beschränkt sich das Orchester
- hier die vier Streicher - nicht auf die reine Begleitung oder kurze
Kommentare sondern bringt sich immer wieder als eigenständiger
Partner in das Wechselspiel von Soloinstrument und Orchester ein. Die Mitglieder des
Crux-Quartetts nutzten ihre im Vergleich zu einem Orchester etwas
erweiterten Möglichkeiten auf hervorragende Weise.
Schließlich bestand keine Gefahr
einer akustischen Dominanz des Orchesters gegenüber dem
Flügel, der in dieser Konstellation natürlich besonders in
den Vordergrund trat, auch wenn er hinten stand. Die Streicher mussten
sich also nicht zurückhalten und konnten ihren Part voll
ausspielen. Das taten sie auch, ohne deswegen mit dem Flügel zu
konkurrieren. Aber sie konnten sich gut behaupten, obwohl das
Klavier natürlich im Vergleich zu einem klassischen
Klavierquintett eine wesentlich größere Rolle spielt. Doch
Marie-Luise Hinrichs verzichtete auf ein forcierte Spielweise und
ließ die Streicher voll zur Geltung kommen.
Nach dem Es-Dur-Konzert stand
Alfred Schnittkes Quintett auf dem Programm, das dieser gezielt
für
diese Konstellation komponiert hatte. Daher waren die Rollen für
Klavier und Streicher sozusagen "per definitionem" ausgewogen
gestaltet. Der Titel "In memoriam" beruht auf der Tatsache, dass
Schnittkes Mutter kurz vorher überraschend gestorben war. Daher
rührt auch der pessimistische, streckenweise fast depressive
Grundtenor des Stückes. Schnittke verarbeitete darin den Schmerz
über den Tod der Mutter und nutzte dafür die gegenüber
dem
Klavier erweiterten Möglichkeiten der Streichinstrumente. So
lässt er die vier Streichinstrumente in ganz engen Akkordfiguren
spielen, teilweise nur durch Vierteltöne voneinander getrennt. Das
ergibt einen extrem intensiven, dissonanten Klang, dem der
vordefinierte Klangraum des Klaviers gegenübersteht. Diesen
Kontrast zwischen dem harmonisch beschränkteren Klavier und den
unbegrenzten Streichern nutzt Schnittke immer wieder dazu, extreme
emotionale Zustände zu beschreiben. Vier von den fünf
Sätzen sind betont langsam - vom Moderato
über das Andante bis
zum
Lento - und nur der
zweite kommt im Walzertempo daher. Doch dieser Walzer hat nichts von
Leichtigkeit und Lust an sich, sondern drückt in seinen
harmonischen und melodischen Verzerrungen eher die Verzweiflung des
Komponisten aus. Schnittkes Quintett ist im Jahr
1972 entstanden. Vergleicht man diese Musik mit der des ausgehenden 19.
Jahrhunderts, etwa von Debussy, so fällt auf, dass die
somnambulen, teilweise nahezu mythischen Emotionen, die dessen Musik
weckt, hier nicht mehr zu verspüren sind. Will die Musik des "fin
de siècle" noch die bis aufs Feinste sezierten Gefühle
nachzeichnen, hat die moderne Musik diese Gefühlsebene verlassen
und zeichnet sich durch eine deutliche intellektuelle Distanz aus. Die
Erfahrungen des 20. Jahrhunderts haben es endgültig unmöglich
gemacht, subjektive Emotionen zur Basis der Musik zu machen. Selbst der
Schmerz - wie hier in Schnittkes "In memoriam" wirkt weniger traurig
und rührend als verzweifelnd und resignierend. Dankenswerterweise folgte nach
der - für Musiker und Zuhörer gleichermaßen -
anspruchsvollen Schnittke-Komposition das Klavierkonzert A-Dur KV
414, das die Zuhörer noch einmal in die heitere Welt des mittleren
Mozarts (1782) führte. Entspannt konnte das Publikum jetzt eine
Musik genießen, die bei allem musikalischen Anspruch,
der in ihr steckt, doch auch einfach schön ist. Das Publikum bedankte sich
für diesen kammermusikalischen Abend bei dem Ensemble mit langen
Beifall und auch einige "Bravo"-Rufe waren zu vernehmen. Frank
Raudszus |
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