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Hans Drewanz dirigiert das Orchester des Staatstheaters Darmstadt im 5. Sinfoniekonzert | ||||
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Claude Debussys
Orchesterstück "Nocturnes" besteht aus drei Sätzen - Nuages,
Fêtes, Sirènes - und entstand in den letzten
Jahren des 19. Jahrhunderts. Hans Drewanz präsentierte davon nur
die ersten beiden Sätze ("Wolken" und ""Feste"), da für den
dritten einen Frauenchor benötigt wird. Debussys Komposition
entführt den Hörer in eine Region jenseits des konkret
Erfahrbaren und erschließt neue Gefühlswelten. Debussy ging
es in seinen Werken um die Wiedergabe feinster psychologischer
Schwingungen und Befindlichkeiten, für die wir in unser
Alltagssprache keine Worte finden. Jeder kennt solche Momente, in denen
zum Beispiel bestimmte Gerüche nicht fassbare Erinnerungen an
lange verschüttete Erlebnisse oder Gefühlslagen wecken. Wir
versuchen dann jedesmal vergeblich, diese Erinnerungen zu
konkretisieren und einem realen Geschehen zuzuordnen. Debussys Musik verfolgt und erreicht denselben Zweck und versetzt uns in einen Zustand zwischen konkreter Erinnerung und vager Sehnsucht. Wir ahnen hinter diesen freigesetzten Emotionen eine andere Welt, können sie jedoch nicht dingfest machen. Debussy befindet sich bei der "Suche nach der verlorenen Erinnerung" in guter Gesellschaft nicht nur von Zeitgenossen wie Marcel Proust oder Georges Seurat, die in ihren schriftstellerischen oder darstellenden Werken eben diese Welt hinter den realen Dingen beschworen. Musikalisch schlägt sich dieser Versuch in fließenden, ineinander übergehenden Motiven wieder, die sich gar nicht erst zu einem Thema im üblichen Sinne entwickeln sondern in der Variation der Andeutung verharren. Die stets wechselnden Klanggebilde ersetzen das Thema und schaffen erst den ambivalenten Erlebnisraum, den manche geradezu hilflos mit Begriffen wie "Schwermut" oder einfach "fin de siècle" zu umschreiben versuchen. Während sich die "Nuages" -
wie nächtliche Wolken unter einem kalt-starren Sternenhimmel - in
einem extremen Legato langsam entwickeln, sich überlagern und
wieder trennen, wartet "Fêtes" mit den extrovertierten
Klängen einer den Alltag übertönenden
Entäußerung auf. Doch nicht um Lebenslust geht es dabei
sondern um die Lust der Verzweiflung, die den von innen aufsteigenden
Fragen und Ängsten nicht mehr zuhören will und sie daher
übertönt. Hörner-Fanfaren, kunstvolle Figuren der
Holzbläser und marschartige Rhythmen prägen diesen Satz, der
schließlich in einer Ermattung endet, die die Nutzlosigkeit der
lauten Feier andeutet und den Kater vorhersagt. Das Orchester brachte
die geradezu somnambule Atmosphäre überzeugend zum Ausdruck
und erzeugte im Saal tatsächlich für einen langen Moment die
sehnsüchtig-morbide Stimmung des späten 19. Jahrhunderts. Das zweite Werk des Abends
erklang in diesen Räumen zum zweiten Mal unter Hans Drewanz (am
Montag genau genommen zum dritten Mal). Bereits Mitte der siebziger
Jahre hatte Drewanz die "Ecclesiatische Aktion" von Bernd Alois
Zimmermann aus dem Jahr 1970 aufgeführt und damit einen
kleinen Theater-Skandal provoziert. Damals sollen die Zuhörer
reihenweise schimpfend den Saal verlassen haben und sogar von
"Blasphemie" geredet haben. Das lässt aufhören, da sich
Theaterskandale im Zeitalter einer "indifferenten Toleranz"
erübrigt haben.
Bernd Alois Zimmermann war ein
zutiefst religiöser und pessimistischer, am Ende deutlich
depressiver Mensch. Sein Freitod wenige Tage nach Vollendung der
"Ecclesiastischen Aktion" spricht in dieser Hinsicht Bände. Sein
tief verwurzeltes Gerechtigkeitsgefühl ließ ihn am Zustand
dieser Welt verzweifeln und so betitelte er diese Komposition auch
detaillierter mit "Ich wandte mich und sah an alles
Unrecht, das geschah unter der Sonne – Ekklesiastische Aktion". Das gut halbstündige Werk besteht aus
Sprache, Gesang und Musik, wobei sich letztere im Wesentlichen auf
kurze Einwürfe der Streicher und vor allem des Schlagzeugs
beschränkt. Zwei Sprecher aus dem Schauspielensemble des
Staatstheaters - Harald Schneider und Aart Veder - tragen im Wechsel
oder überschneidend - wie zwei Instrumente - Texte aus dem alten
Testament und Dostojewskis "Großinquisitor" vor. Anfangs
schleudert Harald Schneider wie ein alttestamentarischer Priester
markante Bibelzeilen ins Publikum, und Aart Veder zitiert das
Gespräch des Großinquisitors mit dem wiedererschienenen und
prompt eingekerkerten Jesus. Dazu singt der Bass Andreas Daum anfangs
die alttestamentarischen Worte nach, um sich später von dem
Vorsprecher zu befreien und andere Bibeltexte zu zitieren. Diese drei
gestalten im Wechsel die halbstündige Aufführung, wobei sich
das Orchester nur punktuell und eher kommentierend zu Wort meldet.
Für die Sprecher und vor allem den Sänger stellt die Partitur eine besondere Herausforderung dar, weil es keine klar erkennbaren Einsatzzeichen gibt. Während die beiden Sprecher dabei nur mit dem "Timing" zu kämpfen haben, muss Andreas Daum auch noch selbst den richtigen Ton finden. Hans Drewanz als Dirigent hat genug mit dem Orchester zu tun, das keiner zeitlich kohärenten Partitur folgt sondern meist aus dem Kontext heraus einsetzen muss. Die Komposition nimmt durch diese Konstellation statuarische, ja nahezu endzeitliche Züge an. Manches erinnert an Carl Orffs "De temporum fine comoedia", die eine Woche vorher am selben Ort Premiere feierte. Nur selten setzt das Orchester als Ganzes ein und präsentiert so etwas wie Orchestermusik. Offensichtlich wollte Zimmermann auf keinen Fall den Schein der schönen Musik verbreiten sondern seine endzeitliche Sicht der "conditio humana" mit musikalischen Mitteln unterstreichen. Dabei sind die musikalischen Momente - keine "moments musicaux"! - weniger atonal als man es von dem historischen Hintergrund des Komponisten annehmen würde. Das musikalische Gebäude, das Zimmermann aufrichtet, stellt sich als Behausung des Jüngsten Gerichts heraus und verbreitet einen entsprechend totalitären Eindruck, womit die Totalität des religiösen Anspruchs gemeint ist, der keine anderen Wertesysteme neben sich kennt. Den eigentlichen Anlass für die Proteste der Zuschauer in den siebziger Jahren bietet der Schluss, der als harmonisch verzerrter Choral der Bläser daherkommt. Man erkennt deutlich den religiösen Charakter, doch die Verzerrungen wirken wie Hohnlachen auf die ursprüngliche Botschaft des Chorals. Heute erkennt man die Absicht als Teil der musikalischen Aussage, damals konnte man mit solchen "Tabubrüchen" offensichtlich viel schlechter umgehen.
Das Publikum zeigte sich von
dieser stimmlichen und instrumentalen Parforce-Tour
außerordentlich beeindruckt und schickte die Beteiligten mit
langem Applaus in die Pause. Dort konnte man jedoch von manchem
Besucher Worte des Unverständnisses und der Ablehnung hören.
Nur für einen Skandal reichte es nicht mehr. Schließlich
will sich niemand wegen Unkenntnis blamieren. Zum Schluss kamen dann auch die
eher konservativen Musikliebhaber zu ihrem Recht, denn jetzt malte Hans
Drewanz den Raum mit Brahms-Musik
aus. Die vierte Sinfonie in e-moll kommt mit eben dieser Attitüde
des pastosen Malens daher. Als Vertreter einer spätromantischen
Verinnerlichungsmusik war ihm die vorwärtsdrängende, nach
Lösung und Erlösung sich sehnende Musik eines Beethoven
nicht mehr möglich. So wie sich Bürger und Schriftsteller in
der Restaurationszeit und vor allem während der verunsichernden
und alles auf den Kopf stellenden Industrialisierung in das Private
zurückzogen, so besann sich auch die Musik auf die Innerlichkeit
und entsagte den großen Themen. Alle vier Sätze dieser
Sinfonie sind von einem breiten Dahinströmen geprägt,
Ausbrüche halten sich in engem Rahmen, und der ganz subjektive
Traum von einer harmonischen Welt ersetzt Aufruhr und Protest. Wer
Brahms' Vierte hört, kann auf die berühmte Frage "Aimez-vous
Brahms?" nur mit "Oui" antworten. In langen Bögen schwingt sich
die Musik durch den Raum, verlässt jedoch nie das harmonische und
thematische Zentrum. Die Musik schließt sich nach außen ab
und verspricht so etwas wie einen inneren Frieden unabhängig von
Realität und Ideologien. Dass dies nicht unbedingt im Sinne von
aufklärerischen Geistern war, lässt sich nachvollziehen, und
so haben viele Zeitgenossen Brahms und seine Musik an dem von ihnen
gesetzten und für absolut erklärten Maßstäben
gemessen. Sie haben dabei nicht bedacht, dass alle solche
Maßstäbe stets von Menschen gemacht sind, mit diesen stehen
und fallen und keinen Absolutheitsanspruch stellen können. So hat
sich auch die in sich ruhende, fast majestätische Schönheit
der Brahmsschen Musik und besonders der vierten Sinfonie über mehr
als ein Jahrhundert gehalten. Hans Drewanz achtete von Anfang
an auf Leichtigkeit und vermied mit Erfolg die bei Brahms leicht
auftretende Breite, die bisweilen bis zur Breiigkeit sich
verstärken kann. Doch bei ihm wirkte die Vierte fast unbeschwert
und bisweilen sogar lyrisch. Vor allem im dritten Satz, einem "Allegro
iocoso", nahm er zu Beginn das Orchester so zurück, dass die
Klarinetten und Flöten mit ihren warmen Tönen geradezu
erblühen konnten. Und der letzte Satz erhielt noch einmal einen
ganz in sich gekehrten Charakter, der Brahms' Befindlichkeit zum Ende
seiner schöpferischen Phase verdeutlicht. Danach hat er
außer dem Doppelkonzert nur noch Kammermusik komponiert. Frank
Raudszus |
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