![]() |
Kontrollierter Klangrausch |
![]() Rheingau Musik Festival 2010 Ihre Meinung über E-Mail hier |
Im Sonderkonzert des Rheingau Musik Festivals dirigiert Lorin Maazel in der Alten Oper Frankfurt die Wiener Philharmoniker | ||||
|
Die Alte Oper bietet von sich aus
bereits ein weit über das übliche Konzertgeschehen
hinausweisendes repräsentatives Ambiente, das Exklusivität
verspricht und damit auch eine Zielgruppe jenseits des
Abonnementspublikums anspricht. Der unbestrittene - ja fast
einzigartige - Ruf der Wiener
Philharmoniker und die Prominenz Lorin Maazels taten ein
Übriges, um die Alte Oper an diesem Abend fast bis zum letzten
Platz zu füllen. Die Tiefgarage war bereits eine Dreiviertelstunde
vor Konzertbeginn besetzt und zwang viele Besucher, in den umliegenden
Parkhäusern eine Bleibe zu suchen. Auf dem Programm standen Anton Bruckners
3. Sinfonie in d-moll sowie Igor Strawinskys
Ballettmusik "Le Sacre du Printemps", in dieser Reihenfolge. Michael
Herrmann, Leiter des Rheingau Musik Festivals, kündigte in seiner
Begrüßung eine Änderung der Reihenfolge an. Über
die Gründe sagte er nichts, sodass Spekulationen erlaubt sind.
Naheliegend ist die Argumentation, dass man das Publikum lieber zu
Beginn mit der auch heute noch provokativen Musik Strawinskys
konfrontieren und mit Bruckners eher bekömmlichen Klangwelt
befrieden wollte anstatt die Besucher mit den verstörenden
Eindrücken des "Sacre" in den restlichen Abend zu entlassen. Doch
auch rein technische, uns nicht bekannte Gründe sind denkbar.
Strawinsky verursachte mit der
Pariser Uraufführung seiner Ballettmusik im Jahre 1913 den ersten
veritablen Theaterskandal des Jahrhunderts, bei dem es
buchstäblich zu Schlägereien und Duellforderungen im Publikum
kam. Details brauchen wir hier nicht weiter auszuführen, da sie
hinlänglich bekannt sind und bei jeder passenden Gelegenheit -
auch im Programmheft dieses Abends - wieder ausgebreitet werden.
Jedenfalls bereiten diese Details den dieses Werks unkundigen Besucher
auf einen herausfordernden Abend vor. Das Stück beginnt jedoch
ganz unauffällig, fast lyrisch: ein einsames Fagott intoniert das
Thema, das sich durch den gesamten ersten Teil ziehen wird, und das
Orchester setzt anfangs nur verhalten, fast zögernd ein. Dazu ist
ein Hinweis auf die Programmatik dieser Komposition hilfreich:
Hintergrund des Balletts ist die musikalische Darstellung eines
archaischen Frühlingsopfers, bei dem die Alten des Stammes nach
einem harten Winter die Vorboten des Frühlings beschwören und
anschließend das Ritual des jährlichen Frühlingsopfers
geradezu liturgisch feiern. Dieses Opfer besteht in der Auswahl einer
jungen Frau, die in einer mythischen Prozedur ausgewählt und
geweiht wird, um sich anschließend vor den Augen des versammelten
Stammes zu Tode zu tanzen. Man kann sich vorstellen, dass eine solche
Vorlage einen jungen Komponisten zum Bruch mit der Tradition des
"schönen" Ballettmusik herausfordern kann. Wenn er dazu noch hoch
begabt ist, liegt der Theaterskandal sozusagen in der Luft. Die kurzen Bezeichnungen -
"Vorboten des Frühling", "Tanz der jungen Mädchen", "Kampf
der feindlichen Stämme" oder "Anbetung der Erde" - verweisen
bereits sowohl auf lyrische wie auch auf expressive Momente, und
Strawinskys Musik wird diesen Ahnungen mehr als gerecht. Bald schon
verklingt das lyrische Thema und harte, vorwärts treibende
Rhythmen der Streicher mit plötzlichen Interpunktionen des
Schlagzeugs übernehmen die Regie. Die Streicher bewegen sich dabei
in extrem dissonanten Akkordstrukturen, die mit langgezogener
Intensität immer wieder den tranceartigen Rhythmus unterbrechen.
Man stellt sich buchstäblich die Krieger vor, die sich bei
nächtlichem Feuerschein, von Naturdrogen und dem restlichen Stamm
angefeuert, willenlos einem wilden Tanz überlassen. Das Ganze
klingt buchstäblich urweltlich-archaisch und beschreibt
eindrucksvoll die ungestümen Kräfte der die gefrorene Erde
aufbrechenden Natur. Diese im wahrsten Sinne des Wortes "unmenschliche"
Seite der Natur konterkarieren die Holzbläser, die sowohl für
die zarten Seiten der aufbrechenden Blüten wie auch der
menschlichen Natur stehen, die über den rohen Naturkräften
steht. Man kann die Komposition durchaus als Zweikampf zwischen einer
ungesteuerten, einem unbekannten Prinzip folgenden Natur und dem
kontrollierenden, strukturierenden Willen der Menschen interpretieren,
die der wilden Natur eine geordnete und ordnende Struktur verleihen
wollen und dabei sowohl grausame als auch anrührende Mittel
einsetzen. Im zweiten Teil, der nahtlos an den ersten anschließt,
steigert sich die Musik schließlich zum ekstatischen Taumel des
Todestanzes, an dessen Ende die junge Frau schließlich tot
zusammenbricht. Die Musik folgt genau diesem
archaischen, wilden und grausamen Muster, mit immer wieder
eingestreuten Versuchen des Erkennbaren und Verständlichen, sprich
Menschlichen, und wirkt in dieser Mischung auch heute, nach hundert
Jahren, immer noch genauso faszinierend - und auch provozierend! - wie
bei dem Skandal im Jahr 1913. Die Wiener Philharmoniker interpretierten
diese extreme Musik mit einem ausgefeilten Sinn für die
Widersprüche und Gegensätze der Partitur. Die lyrischen
Stellen wirkten nie sentimental sondern eher wie ein Aufschrei der
Kreatur, und das Hämmern der Streicher-Akkorde wirkte nie nur laut
oder brutal sondern angstvoll-suchend, eben wie frühe Menschen der
unverstandenen Natur gegenüber gestanden haben mögen. Man
kann mit Recht sagen, dass die Interpretation der Wiener
Philharmonikern diesem Werk neben seiner Wucht sogar eine gewisse
Schönheit entlockte. Nach der dringend erforderlichen
Pause bewegte sich die Musik dann in deutlich konventionelleren Bahnen.
Man kann dies auch programmatisch sehen, denn Bruckner drückte
seine tiefe Religiösität unverkennbar in seiner Musik aus.
Damit markierte die Reihenfolge der beiden Werke auch den Übergang
- wer will, darf "Fortschritt" sagen - von einem archaisch-angstvollen
Naturverständnis hin zu einer geordneten und fast befriedeten
Glaubenswelt. Schon der erste Satz der 3. Sinfonie zeigt deutlich
choralartige Strukturen, wie man sie etwa von J. S. Bach kennt, nur
aufgelöst in spätromantische musikalische Strukturen. Breit
strömen die hymnischen Motive dahin, und die melodischen Figuren
stellen religiöse Metaphern dar. Die aufwärts strebenden
Themen wirken wie die anbetenden Hilferufe und Gebete des Menschen, die
abwärts schreitenden stehen für patriarchalischen Segen und
Trost der göttlichen Kraft. Dieser Dialog wiederholt sich
durch den gesamten ersten, extrem langen Satz. Den zweiten Satz
prägt eine intensive Innigkeit, ja Inbrunst, die man am besten mit
einem langen, stillen Gebet vergleichen kann. Der Aufruhr des
menschlichen Herzens hat sich gelegt und ist der stillen Danksagung
gewichen. Danach folgt im dritten Satz fast ein Fest im ausgelassenen
6/8-Takt. Doch die scheinbare Fröhlichkeit währt nur kurze
Zeit und wird durch eine strenge Ordnung abgelöst, als wolle ein
Vater seine Kinder nach kurzem, aber ausgelassenen Spiel wieder zur
Ordnung rufen. Was bei der klassischen Sinfonie das geregelte, in
fester Metrik voranschreitende Menuett des dritten Satz ist, wird hier
in einem ähnlich strengen Tanz wiederholt, doch ohne die
Leichtigkeit des Menuetts. Auch hier schlägt sich die ernste
Religiosität des Kompinisten nieder. Der vierte Satz fällt
dagegen sowohl thematisch als auch rhythmisch etwas ab. Der 4/4-Takt
wirkt durchgängig ein wenig flach, und auch die Themen erweisen
sich als nicht so markant wie in den Sätzen davor. Dafür
breitet sich jetzt eine Melancholie des Abschieds aus, die bisweilen
entfernt wie eine Mischung aus Johann Strauss und Gustav Mahler klingt.
Ansätze einer eingängigen Melodik werden sofort in
langgezogene Passagen aufgelöst, die den Eindruck der
Vergänglichkeit und der "Vanitas" hervorrufen. Am Ende entsteht
die für das Ende des 19. Jahrhunderts so typische Stimmung, wie
sie auch Debussy oder Mahler mit ihrer Musik erzeugen konnten. Die Wiener Philharmoniker
brachten Bruckners Religiosität und Weltverzweiflung in dieser
Interpretation sprichwörtlich zum Klingen und hinterließen
ein durchaus melancholisch gestimmtes Publikum, das sich jedoch von der
musikalischen Darbietung begeistert zeigte. Um die Zuhörer nach
soviel End- und Urzeitlichkeit doch noch etwas aufzuheitern,
fügten Lorin Maazel und das Orchester noch Johannes Brahms'
Ungarischen Tanz Nr. 1 als Zugabe und begeistert gefeierten
"Rausschmeißer" an. Frank Raudszus |
|
Als PDF-Datei zum Ausdrucken |