![]() |
Eine anspruchsvolle Jazz-Matinée |
![]() Ihre Meinung über E-Mail hier |
Das
"Lisbeth Quartett" gastiert in der Reihe "Konzert & Brunch" beim
Rheingau Musik Festival |
|
Am 28. Februar trat in diesem
Zusammenhang das "Lisbeth-Quartett" mit einem eigenen Jazz-Programm
auf. Wer erwartet hatte, an
diesem Vormittag
einen fröhlichen Jazz-"Frühschoppen" - Dixieland & Co. -
genießen zu
können, sah sich getäuscht. Hier trat keine musikalische
Unterhaltungsgruppe auf, sondern vier junge Leute setzten sich intensiv
und
engagiert mit der Musikgattung des modernen Jazz auseinander. Der Name des Quartetts ist mit dem zweiten
Vornamen der Saxonphon-Spielerin und einzigen Frau, Charlotte Elisabeth
Greve, identisch. Zum Quartett gehören außerdem der Pianist
und Komponist Manuel Schmiedel, der Kontrabassist Marc Muellbauer und
der Schlagzeuger Martin Krümmling. Charlotte Greve hat bereits
mehrere Preise gewonnen und dominiert mit ihrem Saxophon den
musikalischen Ausdruck des Quartetts, ohne dass dies als Abwertung der
anderen Musiker zu sehen ist. Die ausgesprochen jungen Leute, etwa
zwanzig bis fünfundzwanzig Jahre, haben sich erst Ende 2008
zusammengetan und seitdem schon - wie an diesem Morgen bewiesen - eine
erstaunliche Reife des Zusammenspiels erworben.
Den Anfang des Programms machte
Charlotte Greves Eigenkomposition "Ise's Mind". Das Stück beginnt
zögernd, fast zuckend, das Klavier gibt einige Töne frei, das
Saxophon folgt mit ebenfalls zögernden Kurzmotiven, die
Rhythmusgruppe wirft ebenso verhalten kurze Kommentare ein. Dann
blüht die Musik langsam auf, gewinnt motivisches Gwicht und
entfaltet sich in einer langen Saxophon-Improvisation. Das Klavier
setzt verhaltene Akkorde oder auch einmal kurze Läufe dagegen, ehe
Schmiedel zu einem eigenen langen Solo ansetzt, bei dem das Saxophon
schweigt. Dieses Solo beginnt verhalten, besticht jedoch von Anfang an
durch seine ebenmäßige binäre Struktur. Mit zunehmender
Dauer gewinnen die Improvisationen an Virtuosität und
Intensität und leiten dann wieder über zum Saxophon, das den
Schlusspunkt setzt. Auch das zweite Stück,
"Grow", stammt von Charlotte Greve. Der Beginn am Klavier wirkt ein
wenig wie "minimal music" mit seiner fast ostinaten Betonung eines
kurzen, repetierten Motivs. Der Bass steigt mit kurzen Figuren in
diesen Vortrag ein, und schließlich entwickelt sich eine
motivische Kontur mit versetzten rhythmischen Elementen. Das Saxophon
gibt einen kurzen, melancholischen Auftritt, bevor das Klavier zu einem
ausgedehnten Vortrag anhebt mit - wie bei allen Stücken -
binärem Charakter. Das Saxophon übernimmt wieder und das
Klavier beschränkt sich auf akkordische Momente. An diesem
Stück beeindruckt vor allem das breite Ausdrucksspektrum des
Saxophons aber auch des ganzen Quartetts. Nachdenkliche, verhaltene
Momente wechseln sich mit expressiven Passagen ab, und dann und wann
klingt die Musik zu sparsamen Einwürfen ab. Der Bass erhält
ebenfalls die Gelegenheit zu einem längeren Solo, bei dem ihn nur
noch das Klavier im Hintergrund begleitet, und dann setzt - erst
nachdenklich, dann virtuos - das Saxophon wieder ein. Danach erklang eine Ballade, die
leider namentlich nicht identifiziert wurde. Ein eingängiges
Saxophon-Solo eröffnet das Stück, dann folgt das Klavier. Der
Kontrabass liefert einen längeren, von Klavier und Schlagzeug
verhalten im Hintergrund kommentierten Solo-Auftritt, und
schließlich rundet das Saxophon den Vortrag mit einem
melodiösen Ende ab. Die vierte Stück stammt
wieder von Charlotte Greve und heißt "Where Is The Circle?". Der
Titel und damit auch die Komposition ergab sich aus einem längeren
Gespräch über die Bedeutung des Kreises in der Musik
(Quintenzirkel!). Nach einem kurzen Vorspiel des Schlagzeugs setzt das
Klavier ein. Dann folgt etwas später das Saxophon mit einem
absteigenden Thema, das - ein wenig wie in einer Fuge - vom Klavier
überlappend nachgespielt wird. Nach der mehrfachen
Präsentation des Themas geht das Klavier in eine längere -
wie üblich binäre - Improvisation durch die Skalen über.
Dazu servieren Schlagzeug und Bass einen versetzten
lateinamerikanischen Rhythmus. Auch die nächste
Komposition kommt aus Charlotte Greves Feder. "Slow Town" beginnt mit
nachdenklichen, langsam nachklingenden Akkorden und einem einfachen
Thema am Piano. Das Saxophon gesellt sich mit lang gezogenen,
introvertierten Motiven hinzu, vom Klavier nur mit einzelnen Akkorden
begleitet. Im Hintergrund dazu leise Bass und Schlagzeug. Charlotte
Greve baut die Motive zu virtuosen Improvisationen aus, die jedoch den
getragenen Duktus beibehalten. Irgendwann übernimmt das Klavier
wieder die Führung und bewegt sich in ähnlichen Figuren wie
vorher das Saxophon. Später prägen abwärts gerichtete
Tonfolgen und wohl kalkulierte Pausen das musikalische Bild, bevor das
Stück leise verklingt. Das letzte Stück - "Mad"? -
beginnt fast wie eine Schubert-Sonate mit absteigenden
Reibungsakkorden, geht dann aber in ein langes, virtuoses Klaviersolo
über. Raffinierte Rhythmik prägt diese Komposition ebenso wie
ein ostinates Thema am Klavier und Bass. Das Saxophon spielt auch hier
wieder eine tragende Rolle, und Charlotte Greve zeigt an diesem
Instrument noch einmal ihr ganzes technisches und interpretatorisches
Können. Der Publikum zeigte sich von dem
Auftritt der vier jungen Musiker derart angetan, dass diese mit
"Johnsburg, Illinois" von Tom Waits noch eine Zugabe spielten. Auch
dieses Stück besticht durch die Intensität seiner langsam und
introvertiert vorgetragenen Themen. Und im Gegensatz zu den teilweise
recht abstrakten Improvisationen der anderen stehen hier noch einmal
eher eingängige Themen im Vordergrund, mit denen sich auch ein
weniger "jazz-affines" Publikum anfreunden kann. Zum Schluss noch einmal
kräftiger Beifall und Worte des Dankes von Charlotte Greve,
verbunden mit der Hoffnung, sich irgendwann wieder einmal zu begegnen.
Wir wollen es hoffen! Frank Raudszus |
|
PDF-Datei zum Ausdrucken |