Eine anspruchsvolle Jazz-Matinée

Februar 2010












































































 
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Das "Lisbeth Quartett" gastiert in der Reihe "Konzert & Brunch" beim Rheingau Musik Festival


Das Rheingau Musik Festival lädt jedes Jahr zwischen Februar und April junge Nachwuschskünstler zu Konzerten in der Kelterhalle von Schloss Reinhartshausen im Rheingau ein. Die Gäste können im Anschluss an das jeweilige Vormittagskonzert einen Brunch im Hotel einnehmen, der jedoch nicht obligatorisch ist. Wer nur geistig-kulturelle Nahrung aufnehmen will, kann dies gerne tun. Für die jungen Künstler stellen dieser Auftritte eine gute Gelegenheit dar, sich außerhalb ihres aktuellen Umfelds - oft noch der Studienort - einem weiteren Publikumkreis zu präsentieren.

Am 28. Februar trat in diesem Zusammenhang das "Lisbeth-Quartett" mit einem eigenen Jazz-Programm auf. Wer erwartet hatte, an diesem Vormittag einen fröhlichen Jazz-"Frühschoppen" - Dixieland & Co. - genießen zu können, sah sich getäuscht. Hier trat keine musikalische Unterhaltungsgruppe auf, sondern vier junge Leute setzten sich intensiv und engagiert mit der Musikgattung des modernen Jazz auseinander. Der Name des Quartetts ist mit dem zweiten Vornamen der Saxonphon-Spielerin und einzigen Frau, Charlotte Elisabeth Greve, identisch. Zum Quartett gehören außerdem der Pianist und Komponist Manuel Schmiedel, der Kontrabassist Marc Muellbauer und der Schlagzeuger Martin Krümmling. Charlotte Greve hat bereits mehrere Preise gewonnen und dominiert mit ihrem Saxophon den musikalischen Ausdruck des Quartetts, ohne dass dies als Abwertung der anderen Musiker zu sehen ist. Die ausgesprochen jungen Leute, etwa zwanzig bis fünfundzwanzig Jahre, haben sich erst Ende 2008 zusammengetan und seitdem schon - wie an diesem Morgen bewiesen - eine erstaunliche Reife des Zusammenspiels erworben.

Charlotte (E)lis(a)beth Greve
Charlotte (E)lis(a)beth Greve

Den Anfang des Programms machte Charlotte Greves Eigenkomposition "Ise's Mind". Das Stück beginnt zögernd, fast zuckend, das Klavier gibt einige Töne frei, das Saxophon folgt mit ebenfalls zögernden Kurzmotiven, die Rhythmusgruppe wirft ebenso verhalten kurze Kommentare ein. Dann blüht die Musik langsam auf, gewinnt motivisches Gwicht und entfaltet sich in einer langen Saxophon-Improvisation. Das Klavier setzt verhaltene Akkorde oder auch einmal kurze Läufe dagegen, ehe Schmiedel zu einem eigenen langen Solo ansetzt, bei dem das Saxophon schweigt. Dieses Solo beginnt verhalten, besticht jedoch von Anfang an durch seine ebenmäßige binäre Struktur. Mit zunehmender Dauer gewinnen die Improvisationen an Virtuosität und Intensität und leiten dann wieder über zum Saxophon, das den Schlusspunkt setzt.

Auch das zweite Stück, "Grow", stammt von Charlotte Greve. Der Beginn am Klavier wirkt ein wenig wie "minimal music" mit seiner fast ostinaten Betonung eines kurzen, repetierten Motivs. Der Bass steigt mit kurzen Figuren in diesen Vortrag ein, und schließlich entwickelt sich eine motivische Kontur mit versetzten rhythmischen Elementen. Das Saxophon gibt einen kurzen, melancholischen Auftritt, bevor das Klavier zu einem ausgedehnten Vortrag anhebt mit - wie bei allen Stücken - binärem Charakter. Das Saxophon übernimmt wieder und das Klavier beschränkt sich auf akkordische Momente. An diesem Stück beeindruckt vor allem das breite Ausdrucksspektrum des Saxophons aber auch des ganzen Quartetts. Nachdenkliche, verhaltene Momente wechseln sich mit expressiven Passagen ab, und dann und wann klingt die Musik zu sparsamen Einwürfen ab. Der Bass erhält ebenfalls die Gelegenheit zu einem längeren Solo, bei dem ihn nur noch das Klavier im Hintergrund begleitet, und dann setzt - erst nachdenklich, dann virtuos - das Saxophon wieder ein.

Danach erklang eine Ballade, die leider namentlich nicht identifiziert wurde. Ein eingängiges Saxophon-Solo eröffnet das Stück, dann folgt das Klavier. Der Kontrabass liefert einen längeren, von Klavier und Schlagzeug verhalten im Hintergrund kommentierten Solo-Auftritt, und schließlich rundet das Saxophon den Vortrag mit einem melodiösen Ende ab.

Die vierte Stück stammt wieder von Charlotte Greve und heißt "Where Is The Circle?". Der Titel und damit auch die Komposition ergab sich aus einem längeren Gespräch über die Bedeutung des Kreises in der Musik (Quintenzirkel!). Nach einem kurzen Vorspiel des Schlagzeugs setzt das Klavier ein. Dann folgt etwas später das Saxophon mit einem absteigenden Thema, das - ein wenig wie in einer Fuge - vom Klavier überlappend nachgespielt wird. Nach der mehrfachen Präsentation des Themas geht das Klavier in eine längere - wie üblich binäre - Improvisation durch die Skalen über. Dazu servieren Schlagzeug und Bass einen versetzten lateinamerikanischen Rhythmus.

Auch die nächste Komposition kommt aus Charlotte Greves Feder. "Slow Town" beginnt mit nachdenklichen, langsam nachklingenden Akkorden und einem einfachen Thema am Piano. Das Saxophon gesellt sich mit lang gezogenen, introvertierten Motiven hinzu, vom Klavier nur mit einzelnen Akkorden begleitet. Im Hintergrund dazu leise Bass und Schlagzeug. Charlotte Greve baut die Motive zu virtuosen Improvisationen aus, die jedoch den getragenen Duktus beibehalten. Irgendwann übernimmt das Klavier wieder die Führung und bewegt sich in ähnlichen Figuren wie vorher das Saxophon. Später prägen abwärts gerichtete Tonfolgen und wohl kalkulierte Pausen das musikalische Bild, bevor das Stück leise verklingt.

Das letzte Stück - "Mad"? - beginnt fast wie eine Schubert-Sonate mit absteigenden Reibungsakkorden, geht dann aber in ein langes, virtuoses Klaviersolo über. Raffinierte Rhythmik prägt diese Komposition ebenso wie ein ostinates Thema am Klavier und Bass. Das Saxophon spielt auch hier wieder eine tragende Rolle, und Charlotte Greve zeigt an diesem Instrument noch einmal ihr ganzes technisches und interpretatorisches Können.

Der Publikum zeigte sich von dem Auftritt der vier jungen Musiker derart angetan, dass diese mit "Johnsburg, Illinois" von Tom Waits noch eine Zugabe spielten. Auch dieses Stück besticht durch die Intensität seiner langsam und introvertiert vorgetragenen Themen. Und im Gegensatz zu den teilweise recht abstrakten Improvisationen der anderen stehen hier noch einmal eher eingängige Themen im Vordergrund, mit denen sich auch ein weniger "jazz-affines" Publikum anfreunden kann.

Zum Schluss noch einmal kräftiger Beifall und Worte des Dankes von Charlotte Greve, verbunden mit der Hoffnung, sich irgendwann wieder einmal zu begegnen. Wir wollen es hoffen!

Frank Raudszus

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