"..empfindsamer Berserker, differenzierter Simplifikator, weiser Ungerechter..."

Februar 2010





























































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Darmstadts TanzTheater-Leiterin Mei Hong Lin interviewt den Ballett- und Theaterprovokanten Johann Kresnik




Das Staatstheater Darmstadt hat eine neue Reihe inszeniert, die unter dem Titel "Zu Gast bei..." außergewöhnliche Persönlichkeiten aus dem Theaterumfeld vorstellt. Zum Auftakt war der österreichische "Exzentriker" Johann Kresnik bei Mei Hong Lin in den Kammerspielen zu Gast. Die vom Rezensenten freimütig gewählte Bezeichnung "Exzentriker" findet ihre Begründung nicht zuletzt in dem Titel dieser Rezension, der wiederum einem Artikel aus dem Jahr 1990 entnommen ist.

Mei Hong Lin
Mei Hong Lin

Mei Hong Lin, die mittlerweile die deutsche Sprache sehr gut beherrscht, brauchte diese Fähigkeit während des Interviews kaum zu beweisen, denn - wie sie bereits in den ersten Worten ankündigte - der wortgewandte und redefreudige Kresnik bestritt den Abend nahezu alleine. Schon seine kurze Autobiografie beantwortete einen großen Teil der Fragen, die Mei Hong Lin ihm anschließend stellen wollte. Denn Kresnik muss man die Worte wahrlich nicht mühsam aus der Nase bzw. dem Mund ziehen: er sprudelt von selbst wie eine österreichische Hochgebirgsquelle im März.

Sein Werdegang ist wahrhaft ungewöhnlich. Im Jahr 1939 geboren, musste er mit drei Jahren angeblich die Erschießung seines Vaters mit ansehen - allerdings war seinen Ausführungen zu entnehmen, dass er sich daran nicht erinnern kann. Von der Hauptschule flog er aus welchen Gründen auch immer vorzeitig und lernte Werkzeugmacher. Nebenher verdingte er sich als Komparse bei einem Zirkus - schließlich herrschten karge Zeiten - und von da an ging sein künstlerischer Aufstieg unaufhaltsam voran. Er lernte sein neues Handwerk des Tanzes erst als Gruppentänzer, dann als Solotänzer in Köln und kam schließlich als Ballettleiter nach Bremen, wo er sich bald einen Namen und viele Gegner machte. Später ging er als Balletdirektor nach Heidelberg, dann - nach der Wende! - an die Volksbühne in Berlin und nach Bonn. Heute arbeitet er in Osnabrück.

Johann Kresnik
Johann Kresnik

Er selbst weist sich als frühen und überzeugten Marxisten aus, seine heutige politische Einstellung lässt er dagegen im Halbdunkeln. Einerseits kann man zu recht vermuten, dass er kein Freund der heutigen Koalition ist, andererseits weist er ausdrücklich darauf hin, dass er die unfassbaren Verbrechen von Stalin und Mao erst spät erkannt habe. Die spontane und etwas schiefe Beförderung von George Bush zum Dritten dieses Bundes durch einen Zuschauer konnte ihm nur ein verhaltenes "na ja" entlocken. Diese Bemerkung erschien ihm denn wohl doch zu unausgegoren. Doch hatte er den Einwurf selbst provoziert, indem er wörtlich sagte, er möge die Amerikaner nicht - obwohl er eine Reihe wunderbarer Freunde unter ihnen habe. Das haben wir so ähnlich doch schon einmal gehört....
Nun denn, man trägt heute gerne einen sarkastisch unterfütterten Anti-Amerikanismus mit ironischen Ärmelaufschlägen, und da ersetzt das stille Grinsen des Einverständnisses durchaus das Argument. Das Publikum dankte es ihm durch unüberhörbare akustische Zustimmung, sei es in Form von Beifall oder simultanen Kurz-Koreferaten. Kresnik weiß als alter Theaterhase, wie man "dem Affen Zucker gibt", und kennt die eingefräste Weltsicht seines Zielpublikums, das sicher nicht aus silberhaarigen Abonnenten besteht.

Zeit seines Lebens hat er die Provokatiion geliebt und sich bemüht, seine Choreographien nicht - wie andere - an eklektischen Befindlichkeitsneurosen sondern an handfesten politischen Ereignissen auszurichten. Ob es [jetzt] Ulrike Meinhof oder Grudrun Ensslin, Rudi Dutschke oder Leni Riefenstahl, Macbeth oder Uwe Barschel, Gustaf Gründgens oder Ernst Jünger [ist], bei ihm wird es vor allem immer laut! Kresnik verzichtet auf die leisen Töne und bringt die Dinge auf den Punkt, und Tanz ist bei ihm nicht (nur) schöne Kunst sondern vor allem Ausdruck einer politischen Gesinnung. Er nimmt für sich in Anspruch, Gehirn und Sprechapparat der Tänzer entdeckt und - theatralisch - in Gang gesetzt zu haben.

Bei einer solch extremen Persönlichkeit bleibt es nicht aus, dass die Ehr' vieler Feind' groß ist. Nach seiner eigenen - kleinst-detaillierten - Meinung haben die Kritiker alle keine Ahnung (O-Ton), doch aus seiner subjektiven Sicht kann man das sogar nachvollziehen, gleich ob man sie sich zu eigen macht oder nicht. Johann Kresnik zeigt mit siebzig Jahren noch eine solche Tatkraft und Unternehmungslust, dass man von ihm noch Einiges erwarten darf. Zwar spricht der Autor des erwähnten Artikels von einem langsamen Abstieg in die Provinz, doch in Osnabrück (sic!) hat er in diesen Tagen mit der Choreografie "Felix Nussbaum" eine brisante Biografie über den in Auschwitz umgekommenen jüdischen Maler gleichen Namens erarbeitet. Nach seinen eigenen Worten ist das Thema Nationalsozialismus zwar langsam ausgereizt, aber es warten noch genügend jüngere Themen auf eine Bearbeitung durch Johann Kresnik.

Frank Raudszus


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