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"..empfindsamer Berserker,
differenzierter Simplifikator, weiser Ungerechter..." |
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Darmstadts TanzTheater-Leiterin Mei Hong Lin interviewt den Ballett- und Theaterprovokanten Johann Kresnik | ||||
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Mei Hong Lin, die mittlerweile
die deutsche Sprache sehr gut beherrscht, brauchte diese Fähigkeit
während des Interviews kaum zu beweisen, denn - wie sie bereits in
den ersten Worten ankündigte - der wortgewandte und
redefreudige Kresnik bestritt den Abend nahezu alleine. Schon seine kurze
Autobiografie beantwortete einen großen Teil der Fragen, die Mei
Hong Lin ihm anschließend stellen wollte. Denn Kresnik muss man
die Worte wahrlich nicht mühsam aus der Nase bzw. dem Mund ziehen:
er sprudelt von selbst wie eine österreichische Hochgebirgsquelle
im März. Sein Werdegang ist wahrhaft
ungewöhnlich. Im Jahr 1939 geboren, musste er mit drei Jahren
angeblich die Erschießung seines Vaters mit ansehen - allerdings
war seinen Ausführungen zu entnehmen, dass er sich daran nicht
erinnern kann. Von der Hauptschule flog er aus welchen Gründen
auch immer vorzeitig und lernte Werkzeugmacher. Nebenher verdingte er
sich als Komparse bei einem Zirkus - schließlich herrschten karge
Zeiten - und von da an ging sein künstlerischer Aufstieg
unaufhaltsam voran. Er lernte sein neues Handwerk des Tanzes erst als
Gruppentänzer, dann als Solotänzer in Köln und kam
schließlich als Ballettleiter nach Bremen, wo er sich bald einen
Namen und viele Gegner machte. Später ging er als Balletdirektor
nach Heidelberg, dann - nach der Wende! - an die Volksbühne in
Berlin und nach Bonn. Heute arbeitet er in Osnabrück.
Er selbst weist sich als
frühen und überzeugten Marxisten aus, seine heutige
politische Einstellung lässt er dagegen im Halbdunkeln. Einerseits
kann man zu recht vermuten, dass er kein Freund der heutigen Koalition
ist, andererseits weist er ausdrücklich darauf hin, dass er die
unfassbaren Verbrechen von Stalin und Mao erst spät erkannt habe.
Die spontane und etwas schiefe Beförderung von George Bush zum
Dritten dieses Bundes durch einen Zuschauer konnte ihm nur ein
verhaltenes "na ja" entlocken. Diese Bemerkung erschien ihm denn wohl
doch zu
unausgegoren. Doch hatte er den Einwurf selbst provoziert, indem er
wörtlich sagte, er möge die Amerikaner nicht - obwohl er eine
Reihe wunderbarer Freunde unter ihnen habe. Das haben wir so
ähnlich doch schon einmal gehört.... Zeit seines Lebens hat er die
Provokatiion geliebt und sich bemüht, seine Choreographien nicht -
wie andere - an eklektischen Befindlichkeitsneurosen sondern an
handfesten politischen Ereignissen auszurichten. Ob es [jetzt] Ulrike
Meinhof oder Grudrun Ensslin, Rudi Dutschke oder Leni Riefenstahl,
Macbeth oder Uwe Barschel, Gustaf Gründgens oder Ernst Jünger
[ist], bei ihm wird es vor allem immer laut! Kresnik verzichtet auf die
leisen Töne und bringt die Dinge auf den Punkt, und Tanz ist bei
ihm nicht (nur) schöne Kunst sondern vor allem Ausdruck einer
politischen Gesinnung. Er nimmt für sich in Anspruch, Gehirn und
Sprechapparat der Tänzer entdeckt und - theatralisch - in Gang
gesetzt zu haben. Bei einer solch extremen
Persönlichkeit bleibt es nicht aus, dass die Ehr' vieler Feind'
groß ist. Nach seiner eigenen - kleinst-detaillierten - Meinung
haben die Kritiker alle keine Ahnung (O-Ton), doch aus seiner
subjektiven Sicht kann man das sogar nachvollziehen, gleich ob man sie
sich zu eigen macht oder nicht. Johann Kresnik zeigt mit siebzig Jahren
noch eine solche Tatkraft und Unternehmungslust, dass man von ihm noch
Einiges erwarten darf. Zwar spricht der Autor des erwähnten Artikels
von einem langsamen Abstieg in die Provinz, doch in
Osnabrück (sic!) hat er in diesen Tagen mit der Choreografie
"Felix Nussbaum" eine brisante Biografie über den in Auschwitz
umgekommenen jüdischen Maler gleichen Namens erarbeitet. Nach
seinen eigenen Worten ist das Thema Nationalsozialismus zwar langsam
ausgereizt, aber es warten noch genügend jüngere Themen auf
eine Bearbeitung durch Johann Kresnik. Frank Raudszus |
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