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Faszinierender Abend des
neoklassizistischen Tanzes |
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Das Staatstheater Mainz zeigt in dem Program "Rebound" neue alte Wege des Tanztheaters | ||||
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Im Staatstheater Mainz
präsentieren sich in dem Programm "Rebound" mehrere Choreographen,
unter diesen auch der Leiter des Mainzer Balletts, Pascal Touzeau, mit
völlig verschiedenen doch auch ähnlichen Produktionen, indem
sie alle den Schwerpunkt auf das Tanzen im herkömmlichen Sinne als
Körperausdruck legen.
Eine Szenenfolge aus "8 duos for
two dancers" von Marc Spradling leitet den Abend ein. Ein Paar in
weißer (Unter-)Kleidung tanzt zu acht kurzen Konzertstücken
von Béla Bartók ganz unterschiedlichen Charakters. Mal
sind die Stücke getragen oder gar elegisch, mal spritzig und
schnell, mal tänzerisch-beschwingt. Die Choreographie folgt dem
Duktus der Musik in ihrer eigenen Körpersprache und lässt
dabei die ästhetischen Vorzüge des klssischen Tanzes in den
Vordergrund treten. Nicht die Körpersprache als solche steht im
Mittelpunkt sondern die Umsetzung eines musikalischen Ausdrucks in
tänzerische Bewegung. Die Musik ist hier nicht lediglich
Begleitung sondern Vorlage. Bei aller tänzerischen Perfektion
besticht die Choreografie jedoch gerade durch die straffe Schlichtheit,
die Natürlichkeit und den Verzicht auf akrobatische Effekte. Und
auch der Humor kommt hier nicht zu kurz, wie eine Szene zu einer etwas
skurrilen Musik zeigt, die die beiden Tänzer mit einer
karikierenden Haltung kommentieren.
Die zweite Produktion,
"hell.land" betitelt, stammt von Pascal Touzeau und seinen
Tänzern. Sie bezieht sich auf die Kantate für Männerchor
"Helgoland" des österreichischen Komponisten Anton Bruckner, in
der dieser ein Gedicht über den mythischen Freiheitskampf der
Bewohner Helgolands vertont hat. Die Musik dazu kommt vom Flügel
im Bühnenhintergrund in einer der "minimal music" nicht
unähnlichen Ausprägung. Zu Beginn leuchten nur zwei einsame
Scheinwerfer ins Publikum, wie Leuchttürme auf dem dunklen Meer,
und später dreht sich der eine Scheinwerfer tatsächlich wie
ein Leuchtfeuer und wirft sein grelles Licht in den Zuschauerraum. Die
Tänzer zeigen mit ihren blauen Kostümen ebenfalls maritime
Züge, und die anfangs nur einzeln oder in kleinen Gruppen
auftretende Truppe bewegt sich in genau abgezirkelten Figuren zu den
fast schon monoton wiederkehrenden Figuren der Musik. Plötzlich
ändert sich die Musik schlagartig und geht in ein wild bewegtes
Heulen über, das man sowohl als Gesang wie auch als Sturm auf dem
Meer deuten kann. Der Pianist traktiert jetzt die unteren Saiten des
Flügels direkt mit der linken Hand unter Umgehung der Tasten,
womit er einen grollenden, drohenden Klang erzeugt. Auf der Bühne
erscheint die gesamte, blau gekleidete Tanztruppe und bewegt sich wie
wild bewegtes Meer. Die Programmatik des Meeres ist jedoch nie
vordergründig sondern löst sich auf in kunstvolle Figuren
einzelner Tänzer oder ganzer Gruppen. Aus diesem Heulen heraus
entwickelt sich ein choralhafter Duktus der Musik, wie eine Anrufung
höherer Mächte, der sich immer schärfer
herauskristallisiert und dann schließlich wieder in die minimale
Thematik des Gebinns mündet. Die Naturgewalten sind
besänftigt, das Meer kräuselt sich nur noch in den
repetierten Motiven des Flügels.
Die dritte Choreographie ist mit
"E2 7SD" betitelt und stammt von Rafael Bonachena (Musik: Oswaldo
Macia). Der Titel bezieht sich - prosaisch genug - auf die Londoner
Postleitzahlen der beiden Tänzer. Zu einer weitgehend synthetisch
hergestellten Musik mit den unterschiedlichsten Klangeffekten tanzen
ein Tänzer und eine Tänzerin die spannungsvolle Beziehung
eines Paares, die weit über die üblichen Spannungen
hinausgeht. Auch hier wechseln sich zwar Anziehung und Abstoßung,
Harmonie und Aggression ab, darüber hinaus jedoch tauschen die
beiden permanent ihre Rollen. Der weibliche Part ist duchaus nicht auf
Leiden und Bewahrung der Beziehung und der männliche nicht auf
Gewalt und Demütigung ausgelegt, sondern beide Rollen nehmen alle
diese Eigenschaften im Wechsel an. Die Frau kann ebenso aggressiv
werden wie der Mann passiv und leidend. Diesen ewigen Zweikampf der
Geschlechter um die Deutungshoheit in der Beziehung bringen die beiden
Tänzer auf überzeugende Weise zum Ausdruck. Die
spannungsgeladende Musik unterstützt die Wirkung auf kongeniale
Weise, sodass Tanz und Musik eine Einheit bilden. Der Tanz dominiert in
diesem Zusammenspiel jedoch, und hier kommentiert die Musik den Vorgang
auf der Bühne und nicht umgekehrt.
"No Thumb" - kein Daumen -
lautet der Titel der dritten Choreographie dieses Programms, die
ebenfalls von Pascal Touzeau stammt. Die Bedeutung dieser Bezeichnung
erschließt sich dem Betrachter nicht, jedenfalls nicht auf den
ersten Blick, aber das ist auch zweitrangig. Die Musik von Peteris Vask
nimmt das Zhema "Dona nobis pacem" auf und variiert diese auf moderne,
jedoch an die barocke geistliche Musik angelehnte Weise. Die einzelnen
Szenen - ein narrativer Zusammenhang wird bewusst vermieden -
beschreiben immer wieder die Sitiuation von verzweifelnden, um Hilfe
flehenden Menschen. Dazu gehören in die Höhe gereckte
Hände und Köpfe ebenso wie leiderfüllte
Körperhaltung. Auch hier fällt Touzeau jedoch nicht in eine
rein körpersprachliche Ausdrucksweise wie das moderne TanzTheater
sondern betont die fließenden Bewegungen des Tanzes. Einzelne,
längere Soli einer Tänzerin und eines Tänzers
fokussieren das Flehen um Frieden auf das Individuum, und ein zwischen
diese beiden Solo-Tänze platzierter Paartanz symbolisiert die
gemeinsame Bewältigung des Unglücks durch ein heterogenes
Paar. Dazu senkt sich ein rechteckiger Rahmen mit Leuchten wie ein
sakrales Symbol aus dem Bühnenhimmel über die Tänzer,
bleibt einige Zeit über diesen hängen, um am Ende auf den
Boden zu sinken und den Solotänzern einen nicht zu
überschreitenden Rahmen zu setzen. Die entrückt flehende
Musik und der hingebungsvolle Tanz fügen sich bei diesem
Stück zu einer besonders intensiven Wirkung zusammen.
Nach der zweiten Pause beginnt
die letzte Choreographie - die Uraufführung von "Direct /or Cuts"
von Pascal Touzeau - fast verstörend. Auf der abgedunkelten
Bühne steht eine Frau mit dem Rücken zum Publikum. Man
erkennt nur ihre Silhouette, und es geschieht nichts - keine Musik,
kein Tanz. Dieser unerwartete und ein wenig provozierende Anfang
motiviert einen Witzbold zu einem Zwischenruf, der jedoch auf keine
Resonanz stößt. Die Frau schnipst mit den Fingern nach
links, und dort fließt Regen von der Decke. Ein Schnipsen rechts,
dasselbe dort. Langsam erhellt sich die Bühne und zeigt eine Frau
mit großer blonder Perücke, einem langen Zopf, einem langen
roten Kleid und nacktem Oberkörper, die wie eine archaische
Priesterin durch eine urtümliche Landschaft schreitet. Langsam
schälen sich andere Personen aus der Kulisse, die Männer
nackt bis auf eine knappe, fleischfarbene Badehose, die Frauen
ähnlich, doch mit einem durchsichtigen Oberteil. Dazu ertönt
das Präludium cis-moll aus dem "Wohltemperierten Klavier" von
Johann Sebastian Bach, zuerst ein paar Takte lang in der
Originalversion, dann abgewandelt in verschiedenen
Instrumentalversionen. Den herabrauschenden Regen begleitet anfangs ein
kräftiger Gewitterdonner, damit die Naturgewalten markierend. Die
Choreographie zeigt jetzt in einzelnen Bildern die Gefühle einer
archaischen Gesellschaft auf die Umweltbedrohungen. Jeder reagiert auf
seine Weise. Der eine steht auf dem Kopf und wird zum Totempfahl, den
die anderen umkreisen und anbeten, andere versetzen sich in Tiere und
imitieren deren geschmeidige oder staksenden Bewegungen. Dazu schreitet
die einsame Frau durch die Menge und spendet durch ihre stoische
Haltung Vertrauen. Ringsum an den Wänden stehen unter den
Regengüssen Holzkisten, die sich langsam mit Wasser füllen.
Hier hinein legen sich die Tänzer einer nach dem anderen, als
Metapher des Sterbens oder des Hinnehmens des vermeintlichen
Unglücks. Zum Schluss entledigt sich auch die Priesterin ihres
Kleides und legt sich in die letzte Kiste, während der einzige
"Überlebende" aufrecht in seiner Kiste sitzt, in das Kleid der
Priester gehüllt und vor Angst und Kälte zitternd. Die Musik - immer wieder
Variationen des Bach-Präludiums - verstärkt und intensiviert
dieses metaphorisch überreiche Bild und verleiht ihm fast
religiöse Züge. Schließlich ist der assoziative Weg von
Bachs Musik zu religiösen Inhalten nicht lang. Doch diese
Assoziation wird dem Zuschauer nicht auf dem Silbertablett dargereicht,
er muss sie sich selbst erarbeiten. Und wer ganz andere Assoziationen
mit diesem getanzten Urbild verbindet, kann das auch unbeschadet tun.
Das ist die Freiheit der Rezeption. Politisch völlig inkorrekt
wäre es jedoch, wollten wir behaupten, dass den Männern unter
den Zuschauern hier besonders viel geboten wird...... Frank
Raudszus Alle
Fotos © Wolfgang Runkel |
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