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Das Staatstheater Wiesbaden gastiert in Darmstadt mit Ralph Benatzkys Operette "Im weißen Rössl" | ||||
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Man sieht an diesem Feuerschutz
aus der Theoriebatterie, wie schwer sich heute ein renommiertes Theater
doch mit der Operette tut und wie sehr man doch begründen zu
müssen glaubt, warum man zum Beispiel das "weiße Rössl"
im Jahr 2010 aufführt. Die nächstliegende Begründung,
dass es hier um reine Unterhaltung für ein bestimmtes
Nischenpublikum geht, zählt nicht, da der Kulturauftrag des
Theaters lautet, kritische Distanz zur Realität zu schaffen und zu
erhalten. Und so nimmt Busse den Ironiefaden auf und wirkt ihn in diese
Operette und speziell die vorliegende Inszenierung. Damit liegt er
hinsichtlich des Stoffes nicht völlig falsch, allerdings ist die
Ironie - oder gar Satire - in diesen Operetten stets so angelegt, dass
man sie guten Gewissens auch übersehen - wenn man sie nicht
erkennen will - und alles als schönen Abglanz der Realität
betrachten kann. Bei Busse wird dann der berlinernde
Trikotagenfabrikant zur Parodie des städtisch-entfremdeten
Urlaubers in einer authentischen Natur, und im Duo Leopold
(Zahlkellner) und Josepha (Wirtin und dessen Chefin) sieht er
natürlich den Klassenkampf angedeutet. In seinem intelligenten und
tief schürfenden Essay über das "weiße Rössl" hebt
Busse intellektuelle und gesellschaftspolitische Schätze der
Interpretation aus diesem Libretto, auf die man nie gekommen wäre,
Natürlich kann man die
Handlung ironisch verfremden, und Regisseur Ansgar Weigner versucht
dies auch durch verschiedene regietechnische und textliche
Einfälle. Nur kann man den Weg der ironischen Parodie nicht halb
gehen, wenn man die angestrebte Wirkung nicht wieder verlieren will.
Doch Weigner stand vor dem Problem, dass diese Inszenierung
offensichtlich als Lockvogel für eine ironieresistente Zielgruppe
gedacht war. Mit einer konsequenten satirischen Auslegung hätte er
sich gerade diese Klientel vergrault. Also versuchte er sich an der
Quadratur des Kreises, indem er Ironie und vordergründige
Volkstümlichkiet zusammenbrachte. So legt er Nebenrollen wie
Sigismund Sülzheimer durchaus satirisch und den Fabrikanten
Giesecke ironisch an, doch dem Hauptpersonal, dort, wo es um Liebesleid
und -freud geht, gönnt er nur sehr sparsame Dosierungen der
Selbstironie. Schließlich sollen sich die Guten am Ende finden,
und da darf man diese vorher nicht zu sehr durch den Kakao ziehen. Das
größte Fragezeichen steht allerdings hinter dem
Bühnenbild, denn das kann ein feinsinniger Ironiker, der ansonsten
nur schwarze Bühnenräume mit verlorenen Figuren kennt,
durchaus als dick aufgetragene Ironie betrachten, aber eben nur der.
Ein Abonnementsgast, der nun mal den Hang zur Operette hat, kann sich
jedoch mit gleicher Berechtigung an dem herrlichen Alpenpanorama, den
weißen Wolken am blauen Himmel, dem hochstämmigen Bergwald
und dem echt k.u.k-Hotel "Im weißen Rössl" ergötzen,
ohne auch nur einen Hauch von Ironie zu verspüren. Man kann an
diesem volkstümlichen Schauspiel also durchaus seinen naiven
Spaß haben, denn da wird ordentlich gesungen - alles bekannte
Ohrwürmer! - und getanzt, gewatscht und geknutscht. Von Satire
keine Spur mehr. Da ist dann zwar die Karikatur des stets schnarchenden
Kaiser Franz Josef recht nett, und dessen Anreise im weißen
Schwan - was hat "Lohengrin" hier zu tun? - auch einen Lacher wert,
aber ein satirischer Seitenhieb auf die übrigens längst
untergegangene k.u.k.-Monarchie sähe anders aus.
Vergessen wir also die hoch
zielende Ironie-Ankündigung des Hofschreibers Busse und nehmen die
Inszenierung als das, was Libretto und (diese) Inszenierung hergeben.
Dann bleibt ein durchaus schmissiges Singspiel mit hohen
Wiedererkennungseffekten - "Aber zuschaun kann I net". Selbst
Musikfreunde, die Operetten nicht zu ihren Favoriten zählen,
kommen im Laufe der Jahre nicht um die akustische Aufnahme von Liedern
wie "Im Salzkammergut, da kann man gut lustig sein", "Im weißen
Rössl am Wolfgangsee" oder "Was kann der Sigismund dafür..."
herum und erleben hier plötzlich ein seltsames "déjà
entendu". Wenn man solche Ohrwürmer plötzlich "ernsthaft" von
der Bühne vernimmt, stellt sich ein seltsames Gefühl der
Abneigung ein und man möchte am liebsten fragen "Muss das jetzt
sein?". Der durch jahrzehntelanges Abspielen dieser Stücke
gewachsene (Ab)Gewöhnungseffekt ist einfach stärker als die
Wirkung der Geschichte selbst, die dank ihrer Schlichtheit und der - im
Gegensatz zur "Fledermaus", um nur ein Beispiel zu nennen - geringen
intellektuellen Flughöhe den Zuschauer einfach nicht mehr vom
Sessel reißen kann. Für Unwissende zwecks
eigener Urteilsbildung ein Abriss der Handlung: Kellern Leopold liebt
unglücklich Chefin Josepha, die wiederum am Gast Rechtsanwalt
Siedler aus Berlin interessiert ist. Der vertritt den Gegner von
Fabrikant Giesecke, der mit Tochter Ottilie hier Urlaub macht und
ausgerechnet auf Dr. Siedler trifft. Dann trifft auch noch der eitle
Sohn des Prozessgegners ein, und es kommt zu weiteren
prä-erotischen Verirrungen, bis sich alle passenden Paare finden -
auch Leopold und Josepha - und alle sind's zufrieden. Das war's! Kleine
Seitenhiebe auf Befindlichkeiten, Eitelkeiten und menschliche
Schwächen würzen diese nette Handlung, und man kann fast alle
Lieder mitsingen. Das Ensemble des Staatstheaters
Wiesbaden gibt sich alle Mühe, allen voran Thomas die Vries als -
viel zu souveräner - Zahlkellner Leopold und Annette Luig als
Rösslwirtin Josepha, der Inszenierung eine gewisse Kontur zu
verleihen. Jürgen Rust gibt den Fabrikant Giesecke als typisch
preußischen Elefant im Porzellanladen, dagegen fällt Jud
Perrys Dr. Siedler schon etwas ab in die Konturlosigkeit. Erik Biegel
verleiht dem Sigismund durchaus lebendige und satirische Züge,
kratzt aber des Öfteren knapp an der Knappcharge vorbei. Marie
Smolka ist ein witziges Klärchen und Simone Brähler eine eher
statische Ottilie, aber was soll sie aus dieser Rolle auch viel machen?
Zygmunt Apostol erntet als seniler Kaiser Franz Josef zwar einige
Lacher, aber eben nur, weil senile Greise wie auch Betrunkene immer
dankbare Rollen darstellen. Das Orchester unter der Leitung
von Wolfgang Wengenroth verbreitet den typischen Operetten-"Sound":
alles erscheint ein wenig zu leicht und beliebig, eben zum Mitsingen.
Am Ende hat man sich ganz nett unterhalten, aber man hätte sich
durchaus auch eine andere Abendgestaltung vorstellen können, zum
Beispiel ein gutes Buch zu lesen. Weitere
Aufführungen
am 21. und 27. Februar sowie am 26. März Frank
Raudszus Alle
Fotos
© Martin Kaufhold |
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Als
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