Großmut - Geldgier - Geiz - Grausamkeit

Februar 2010


Das Gegenstück: Volpone
















































































































































Ihre Meinung über E-Mail hier



In "Timon von Athen" geht Shakespeare das Problem von Geld und Geiz radikal an




Shakespeare geht in "Timon von Athen" anders vor als Jonson in "Volpone". Während letzterer einen Großteil seines Stücks der eigentlichen Handlung zwischen den Protagonisten im Sinne einer Entwicklung widmet und erst zum Schluss so etwas wie eine Schlussfolgerung zieht, beschränkt sich Shakespeaare auf eine geraffte Darstellung dessen, "was ist". Er schildert nicht im Einzelnen die miesen Eigenschaften seiner Figuren mit all ihren Schattierungen und eventuellen Begründungen sondern stellt lakonisch fest, dass der Mensch eigensüchtig und solidarisch ist. Ihn interessiert in diesem Stück hauptsächlich die Reaktion des Betroffenen und die Handlungsalternativen - soweit welche bestehen. Insofern ist "Timon von Athen" tatsächlich ein komplementäres Pendant zu "Volpone". Shakespeare impliziert mit dem Titel zwar die Schilderung eines historischen Geschehens, unterläuft diesen Eindruck jedoch sofort durch bewusst eingestzte Anachronismen. So heißen seine Protagonisten Timon, Alcibiades - beide Griechen -, jedoch auch Lucius, Lucullus, Flavius und Servilius. Das sind nicht nur - spätere - römische Namen, sondern beziehen sich zum Teil auch auf historische Personen. Diese bewussten Verfremdungen verstärkt er noch mit der permanent verwendeten Anrede "Lord" oder "Mylord". Ach dem letzten Zuschauer seiner Zeit muss damit klargeworden sein, dass Shakespeare nicht ein fernes, akademisch anmutendes Griechenland meinte, sondern das elisabethanische England.

Das Ensemble als Chor
Das Ensemble als Chor

In Darmstadt verweist noch ein anderer Umstand auf die Komplentarität dieser Inszenierung: die Aufführung findet zwar auf der Bühne statt, aber die Zuschauer sitzen ebenfalls dort auf eigens dafür errichteten Rängen und schauen von innen auf den eisernen Vorhang. Sie erhalten sozusagen einen Einblick in die Innensicht der (theatralischen/Timonschen) Welt. Zu Beginn, wenn sich der schwere Vorhang hebt, sitzen die Darsteller verteilt im Parkett des Zuschauerraums und kommen dann auf die Bühne, wo sie als Chor ganz im Stil des antiken griechischen Theaters eine Zusammenfassung des Kommenden geben.

Die Protagonisten sind durchaus ambivalenter, als das Programmheft vermuten lässt. Timon ist nicht nur ein großzügiger Gastgeber, der seine Freunde üppig bewirtet und sie in finanziellen Notfällen mit größeren Beträgen unterstützt, sondern im selben Maße ein schlechter Geschäftsmann und Hausherr, der die Warnungen seines Verwalters vor Verlusten und drohendem Ruin mit einer gelangweilten Geste zur Seite wischt. Man kann dies Großzügigkeit aber auch Leichtsinn oder grobe Fahrlässigkeit nennen, vor allem, wenn er Kredite auch an unseriöse "Freunde" vergibt.

Das Stück beginnt mit einem Festmahl, bei dem bereits die Warnungen des Verwalters sowie Zahlungsforderungen von Gläubigern auf den Tisch kommen. Timon reagiert auf die existentiellen Probleme mit der Bitte um einen Überbrückungskredit an eben diese stets so gut bewirteten Freunde. Einer wie der andere sagen sie aus fadenscheinigen Gründen ab: der eine aus Schadenfreude, dass es dem ach so beliebten Timon endlich auch einmal schlecht geht, und mit guten Ratschläge für ein solides Finanzgebaren; der andere, dem er eine beträchtliche Menge Geldes geliehen hat, entschuldigt sich mit der Ausrede, er habe gerade einen Tag vorher all sein Geld fest angelegt. Wo Timon auch anfragt, erhält er die - nur von ihm nicht - zu erwartende abschlägige Antwort. Das kann man durchaus als Geiz und Gier bezeichnen, aber auch als finanzielle Klugheit. Denn angesichts der unseriösen Finanzen des Timon wäre eine Rückzahlung höchst zweifelhaft. Soviel zur Mehrdeutigkeit. Shakespeare hat diese offensichtlich beabsichtigt, denn mit seiner folgenden eingehenden Beschreibung der Reaktion Timons öffnet er ebenfalls den Raum für mehrdeutige Interpretationen.

Außer Timons Freunden zeigt sich immer wieder der widerspenstige Apemantus, der Timons Freunde als Schmarotzer bezeichnet und sich weigert, mit ihnen bei Timon an einem Tisch zu sitzen. Von Timon erntet er dafür nur spöttische bis ungehaltene Kommentare, ohne dass sich dieser in seiner Lebensführung irritieren lässt. Apemantus verletzt diese Nichtachtung seiner Unbestechlichkeit - man kann es auch Selbstgerechtigkeit nennen - umsomehr, als er sich im Stillen Timons Achtung ersehnt, aber zu seinen Bedingungen. So umkreist er lediglich als Menetekel Timons Gastmahle.

Uwe Zerwer (Timon von Athen), Maika Troscheit, Thomas Cermak, Andreas Manz, Anne Hoffmann, István Vincze
Uwe Zerwer (Timon von Athen), Maika Troscheit, Thomas Cermak, Andreas Manz, Anne Hoffmann, István Vincze

Timon reagiert nämlich einerseits unlogisch, andererseits seinem Muster entsprechend. Großzügig und scheinbar ungerührt ob der unsolidarischen Verweigerung lädt er noch einmal alle Freunde zu einem großen Festmahl ein, nur um sie dann mit einem fürchterlichen Mahl - bei den Göttern wären den Gästen deren eigenen Kinder vorgesetzt worden - und einem zornerfüllten Hinauswurf aus dem Timonschen Paradies zu konfrontieren. Anschließend zieht er als Eremit in die Wüste, wo er sich in ursprünglicher Nacktheit nur noch der Natur überantwortet und der menschlichen Gesellschaft entsagt. Uwe Zerwer als Timon beweist hier den Mut, sich vollständig zu entkleiden, sich mit Dreck einzureiben und anschließend eine gute Dreiviertelstunde nackt zu spielen. Das ist durchaus riskant, weil es leicht danebengehen kann, sobald nur ein Hauch von Unsicherheit ob der Exhibition aufkommt. Doch Zerwer lässt alle enstprechenden Befürchtungen des Publikums in kurzer Zeit gegenstandslos werden, weil er sich so natürlich bewegt, als trage er Anzug und Krawatte. Peinlichkeit kommt keinen Moment auf.

Zu diesem Zeitpunkt führt Shakespeare eine anfangs schwer verständliche Nebenhandlung ein, die zum Verständnis der späteren Ereignisse erforderlich ist. Unabhängig von Timons Aktivitäten zerstreitet sich Alikibiades mit den Senatoren - auch so ein Anachronismus - und geht in die Verbannung. Auf dem Wege dorthin besucht er zusammen mit zwei Prostituierten Timon in seiner Eremitage. Nicht nur die Zusammensetzung dieser Besuchergruppe mutet ein wenig konstruiert an, sondern auch die Tatsache, dass Timon ausgerechnet an seinem kargen Platz in der freien Landschaft Gold gefunden hat. Hier ließ Shakespeare seiner dichterischen Freiheit offensichtlich freien Lauf, um die Handlung vorantreiben zu können. Denn Timon gibt Alkibiades Geld für seinen Krieg gegen das heuchlerische Athen und den beiden "Damen" auch gleich, um möglichst viele Männer Athens anzustecken. Die blanke Rache hat Timon erfasst, und er legt  seinen Rachegelüsten auch verbal keine Zügel an. Wo sich die Gelegenheit bietet, wo er auf Menschen trifft, verflucht er nicht nur Athen und seine Bürger sondern gleich die ganze Welt. Shakespeare bemüht in diesen Tiraden sein ganzes sprachliches Repertoire und zieht alle Register von der Beschimpfung über den heiligen Zorn bis zum bitteren Zynismus. Timon ist im wahrsten Sinne des Wortes außer sich.

Als Alkibiades mit Timons Gold erfolgreich vor die Athener Mauern zieht, kommen die Senatoren zu Timon und bitten um Vergebung mit der Bitte, zurückzukommen und die Herrschaft über die bedrohte Stadt zu übernehmen. Doch Timon kennt keine Gnade und weist sie äußerst rüde ab. Selbst der Zyniker und Beckmesser Apemantus spricht bei Timon vor, offensichtlich, um sich auf seine Augenhöhe als Gegner des (spieß)bürgerlichen Athens zu begeben. Anscheinend hat er es nicht ertragen, das Timon ihm von heute auf morgen die Rolle des einsamen Außenseiters genommen hat. Doch Timon lehnt eine Fraternisierung ab und beschimpft Apemantus als nutzlosen Spötter und eitlen Selbstdarsteller. In einem wahrhaft grandiosen Dialog werfen sich die beiden geradezu existenzielle Beschimpfungen und Denunziationen an den Kopf, bis Apemantus entnervt das Schlachtfeld verlässt, weil er einer solch absoluten Misanthropie nicht standhalten kann. Den Schluss bilden - schöne Selbstironie - die Künstler. Der Maler und der Dichter, ehemals Nutznießer  von Timons Gastmahlen, haben etwas von seinem Gold und seiner bald zu erwartenden Rückkehr erfahren und wollen sich ihm scheinbar naiv-großherzig andienen. Doch Timon erkennt jetzt die Heuchler und jagt sie ebenfalls davon.

Lediglich bei seinem alten Verwalter Flavius wird Timon kurz schwach und gestattet ihm fast, ihm selbstlos weiter zu dienen. Doch dann begnügt er sich damit, ihn mit Gold zurückzuschicken, und wartet auf den Tod, den er als letzer Mensch unter Tieren erleben wird.

Hubert Schlemmer (Flavius), Uwe Zerwer (Timon von Athen)
Hubert Schlemmer (Flavius), Uwe Zerwer (Timon von Athen)

Diese Interpretation der menschlichen Gesellschaft zeigt wahrhaftig endzeitliche Züge, und das G(e/o)ld als institutionelle Macht spielt dabei eine sekundäre Rolle. Zwar wirkt es auch hier als Schmiermittel, doch für Timon steht der Verrat der Freunde im Vordergrund und offenbart aus seiner Sicht die fehlende Solidarität in der menschlichen Gesellschaft. Niemand ist von dieser Fundamentalkritik ausgenommen, denn alle haben zu seinen Freunden gezählt und keiner hat ihm geholfen. So sieht Timon die Welt, doch eben erst nach einer persönlichen Enttäuschung. Apemantus' durchaus zutreffende Sicht der Gesellschaft hat er ignoriert, solange es ihm gut ging, und erst mit dem eigenen Unglück erkennt Timon die Schlechtigkeit der Welt. In dem Exzess der Negativität steckt neben einer inhärenten Ambivalenz auch ein gutes Stück Kritik der Selbstgerechtigkeit, die man durchaus auch Timon vorwerfen kann, bei allem Verständnis für seine Enttäuschung. Er hat sich ein (Wunsch-)Bild von den Menschen gemacht, diese haben es zerstört und sind damit dem Untergang geweiht. Die Stärke des Shakespearschen Textes liegt darin, dass es keine klare Moral im Sinne von Schwarz und Weiß gibt. Denn, die Verhältnisse - die sind nicht so!

Das Ensemble führt diese düstere Tragödie im ebenso düsteren Ambienten des schwarzen Bühnenraumes auf, auf dessen Boden eine Kreidekreis (kein kaukasischer) aufgezeichnet ist, aus dem es für die Menschen offensichtlich kein Entrinnen gibt. Die graue elegant-aktuelle Kleidung verweist auf unsere heutige Zeit, ein Bühnenbild gibt es nicht, abgesehen von ein paar spärlichen Requisiten. Allen voran ist uwe Zerwers Leistung als Timon zu nennen, nicht nur wegen des Muts zur programmatischen Nacktheit sondern auch für seine Ausdrucksbreite und eine Intensität, in die er sich mit fortschreitender Dauer förmlich hineinsteigert. Daneben gibt Tom Wild einen machtbewussten Alkibiades und knallharten Lucullus, Andreas Manz den selbstgerechten Misanthrop Apemantus, der in seiner Widerspenstigkeit so gerne (von Timon) akzeptiert werden möchte, und Hubert Schlemmer einen loyalen, von Magengeschwüren geplagten Verwalter Flavius. Thomas Cermak und Klaus Ziemann treten als schmarotzende Gäste und als weltläufige sprich wendefähige Politiker auf; Tilman Meyn und István Vincze spielen Maler und Poet mit einer für diese gar nicht problematischen Nähe zu Reichtum und Macht. Anne Hoffmann und Maika Troscheit haben vor allem als geschäftstüchtige Prostituierte ihren publikumswirksamen Auftritt, wenn sie Timons Gold förmlich mit allen (symbolischen) Körperöffnungen in sich aufsaugen.

Das Publikum zeigte sich von dieser Inszenierung mehr beeindruckt als begeistert. Man konnte einfach nach diesem existienziellen Abgesang nicht fröhlich "Bravo" rufen, obwohl es einige Darsteller - vor allem Uwe Zerwer - durchaus verdient hätten. Man ging an diesem Abend einfach still nach Hause.

Weitere Aufführungen am 21. Februar sowie am 12. und 28. März

Frank Raudszus

Alle Fotos © Barbara Aumüller


Als PDF-Datei