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In "Timon von Athen" geht Shakespeare das Problem von Geld und Geiz radikal an | ||||
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In Darmstadt verweist noch ein
anderer Umstand auf die Komplentarität dieser Inszenierung: die
Aufführung findet zwar auf der Bühne statt, aber die
Zuschauer sitzen ebenfalls dort auf eigens dafür errichteten
Rängen und schauen von innen auf den eisernen Vorhang. Sie
erhalten sozusagen einen Einblick in die Innensicht der
(theatralischen/Timonschen) Welt. Zu Beginn, wenn sich der schwere
Vorhang hebt, sitzen die Darsteller verteilt im Parkett des
Zuschauerraums und kommen dann auf die Bühne, wo sie als Chor ganz
im Stil des antiken griechischen Theaters eine Zusammenfassung des
Kommenden geben. Die Protagonisten sind durchaus
ambivalenter, als das Programmheft vermuten lässt. Timon ist nicht
nur ein großzügiger Gastgeber, der seine Freunde üppig
bewirtet und sie in finanziellen Notfällen mit größeren
Beträgen unterstützt, sondern im selben Maße ein
schlechter Geschäftsmann und Hausherr, der die Warnungen seines
Verwalters vor Verlusten und drohendem Ruin mit einer gelangweilten
Geste zur Seite wischt. Man kann dies Großzügigkeit aber
auch Leichtsinn oder grobe Fahrlässigkeit nennen, vor allem, wenn
er Kredite auch an unseriöse "Freunde" vergibt. Das Stück beginnt mit einem
Festmahl, bei dem bereits die Warnungen des Verwalters sowie
Zahlungsforderungen von Gläubigern auf den Tisch kommen. Timon
reagiert auf die existentiellen Probleme mit der Bitte um einen
Überbrückungskredit an eben diese stets so gut bewirteten
Freunde. Einer wie der andere sagen sie aus fadenscheinigen
Gründen ab: der eine aus Schadenfreude, dass es dem ach so
beliebten Timon endlich auch einmal schlecht geht, und mit guten
Ratschläge für ein solides Finanzgebaren; der andere, dem er
eine beträchtliche Menge Geldes geliehen hat, entschuldigt sich
mit der Ausrede, er habe gerade einen Tag vorher all sein Geld fest
angelegt. Wo Timon auch anfragt, erhält er die - nur von ihm nicht
- zu erwartende abschlägige Antwort. Das kann man durchaus als
Geiz und Gier bezeichnen, aber auch als finanzielle Klugheit. Denn
angesichts der unseriösen Finanzen des Timon wäre eine
Rückzahlung höchst zweifelhaft. Soviel zur Mehrdeutigkeit.
Shakespeare hat diese offensichtlich beabsichtigt, denn mit seiner
folgenden eingehenden Beschreibung der Reaktion Timons öffnet er
ebenfalls den Raum für mehrdeutige Interpretationen. Außer Timons Freunden
zeigt sich immer wieder der widerspenstige Apemantus, der Timons
Freunde als Schmarotzer bezeichnet und sich weigert, mit ihnen bei
Timon an einem Tisch zu sitzen. Von Timon erntet er dafür nur
spöttische bis ungehaltene Kommentare, ohne dass sich dieser in
seiner Lebensführung irritieren lässt. Apemantus verletzt
diese Nichtachtung seiner Unbestechlichkeit - man kann es auch
Selbstgerechtigkeit nennen - umsomehr, als er sich im Stillen Timons
Achtung ersehnt, aber zu seinen Bedingungen. So umkreist er lediglich
als Menetekel Timons Gastmahle.
Timon reagiert nämlich
einerseits unlogisch, andererseits seinem Muster entsprechend.
Großzügig und scheinbar ungerührt ob der
unsolidarischen Verweigerung lädt er noch einmal alle Freunde zu
einem großen Festmahl ein, nur um sie dann mit einem
fürchterlichen Mahl - bei den Göttern wären den
Gästen deren eigenen Kinder vorgesetzt worden - und einem
zornerfüllten Hinauswurf aus dem Timonschen Paradies zu
konfrontieren. Anschließend zieht er als Eremit in die
Wüste, wo er sich in ursprünglicher Nacktheit nur noch der
Natur überantwortet und der menschlichen Gesellschaft entsagt. Uwe
Zerwer als Timon beweist hier den Mut, sich vollständig zu
entkleiden, sich mit Dreck einzureiben und anschließend eine gute
Dreiviertelstunde nackt zu spielen. Das ist durchaus riskant, weil es
leicht danebengehen kann, sobald nur ein Hauch von Unsicherheit ob der
Exhibition aufkommt. Doch Zerwer lässt alle enstprechenden
Befürchtungen des Publikums in kurzer Zeit gegenstandslos werden,
weil er sich so natürlich bewegt, als trage er Anzug und Krawatte.
Peinlichkeit kommt keinen Moment auf. Zu diesem Zeitpunkt führt
Shakespeare eine anfangs schwer verständliche Nebenhandlung ein,
die zum Verständnis der späteren Ereignisse erforderlich ist.
Unabhängig von Timons Aktivitäten zerstreitet sich
Alikibiades mit den Senatoren - auch so ein Anachronismus - und geht in
die Verbannung. Auf dem Wege dorthin besucht er zusammen mit zwei
Prostituierten Timon in seiner Eremitage. Nicht nur die Zusammensetzung
dieser Besuchergruppe mutet ein wenig konstruiert an, sondern auch die
Tatsache, dass Timon ausgerechnet an seinem kargen Platz in der freien
Landschaft Gold gefunden hat. Hier ließ Shakespeare seiner
dichterischen Freiheit offensichtlich
freien Lauf, um die Handlung
vorantreiben zu können. Denn Timon gibt Alkibiades Geld für
seinen Krieg gegen das heuchlerische Athen und den beiden "Damen" auch
gleich, um möglichst viele Männer Athens anzustecken. Die
blanke Rache hat Timon erfasst, und er legt seinen
Rachegelüsten auch verbal keine Zügel an. Wo sich die
Gelegenheit bietet, wo er auf Menschen trifft, verflucht er nicht nur
Athen und seine Bürger sondern gleich die ganze Welt. Shakespeare
bemüht in diesen Tiraden sein ganzes sprachliches Repertoire und
zieht alle Register von der Beschimpfung über den heiligen Zorn
bis zum bitteren Zynismus. Timon ist im wahrsten Sinne des Wortes
außer sich. Als Alkibiades mit Timons Gold
erfolgreich vor die Athener Mauern zieht, kommen die Senatoren zu Timon
und bitten um Vergebung mit der Bitte, zurückzukommen und die
Herrschaft über die bedrohte Stadt zu übernehmen. Doch Timon
kennt keine Gnade und weist sie äußerst rüde ab. Selbst
der Zyniker und Beckmesser Apemantus spricht bei Timon vor,
offensichtlich, um sich auf seine Augenhöhe als Gegner des
(spieß)bürgerlichen Athens zu begeben. Anscheinend hat er es
nicht ertragen, das Timon ihm von heute auf morgen die Rolle des
einsamen Außenseiters genommen hat. Doch Timon lehnt eine
Fraternisierung ab und beschimpft Apemantus als nutzlosen Spötter
und eitlen Selbstdarsteller. In einem wahrhaft grandiosen Dialog werfen
sich die beiden geradezu existenzielle Beschimpfungen und
Denunziationen an den Kopf, bis Apemantus entnervt das Schlachtfeld
verlässt, weil er einer solch absoluten Misanthropie nicht
standhalten kann. Den Schluss bilden - schöne Selbstironie - die
Künstler. Der Maler und der Dichter, ehemals
Nutznießer von Timons Gastmahlen, haben etwas von seinem
Gold und seiner bald zu erwartenden Rückkehr erfahren und wollen
sich ihm scheinbar naiv-großherzig andienen. Doch Timon erkennt
jetzt die Heuchler und jagt sie ebenfalls davon. Lediglich bei seinem alten
Verwalter Flavius wird Timon kurz schwach und gestattet ihm fast, ihm
selbstlos weiter zu dienen. Doch dann begnügt er sich damit, ihn
mit Gold zurückzuschicken, und wartet auf den Tod, den er als
letzer Mensch unter Tieren erleben wird.
Diese Interpretation der
menschlichen Gesellschaft zeigt wahrhaftig endzeitliche Züge, und
das G(e/o)ld als institutionelle Macht spielt dabei eine sekundäre
Rolle. Zwar wirkt es auch hier als Schmiermittel, doch für Timon
steht der Verrat der Freunde im Vordergrund und offenbart aus seiner
Sicht die fehlende Solidarität in der menschlichen Gesellschaft.
Niemand ist von dieser Fundamentalkritik ausgenommen, denn alle haben
zu seinen Freunden gezählt und keiner hat ihm geholfen. So sieht
Timon die Welt, doch eben erst nach einer persönlichen
Enttäuschung. Apemantus' durchaus zutreffende Sicht der
Gesellschaft hat er ignoriert, solange es ihm gut ging, und erst mit
dem eigenen Unglück erkennt Timon die Schlechtigkeit der Welt. In
dem Exzess der Negativität steckt neben einer inhärenten
Ambivalenz auch ein gutes Stück Kritik der Selbstgerechtigkeit,
die man durchaus auch Timon vorwerfen kann, bei allem Verständnis
für seine Enttäuschung. Er hat sich ein (Wunsch-)Bild von den
Menschen gemacht, diese haben es zerstört und sind damit dem
Untergang geweiht. Die Stärke des Shakespearschen Textes liegt
darin, dass es keine klare Moral im Sinne von Schwarz und Weiß
gibt. Denn, die Verhältnisse - die sind nicht so! Das Ensemble führt diese
düstere Tragödie im ebenso düsteren Ambienten des
schwarzen Bühnenraumes auf, auf dessen Boden eine Kreidekreis
(kein kaukasischer) aufgezeichnet ist, aus dem es für die Menschen
offensichtlich kein Entrinnen gibt. Die graue elegant-aktuelle Kleidung
verweist auf unsere heutige Zeit, ein Bühnenbild gibt es nicht,
abgesehen von ein paar spärlichen Requisiten. Allen voran ist uwe
Zerwers Leistung als Timon zu nennen, nicht nur wegen des Muts zur
programmatischen Nacktheit sondern auch für seine Ausdrucksbreite
und eine Intensität, in die er sich mit fortschreitender Dauer
förmlich hineinsteigert. Daneben gibt Tom Wild einen
machtbewussten Alkibiades und knallharten Lucullus, Andreas Manz den
selbstgerechten Misanthrop Apemantus, der in seiner Widerspenstigkeit
so gerne (von Timon) akzeptiert werden möchte, und Hubert
Schlemmer einen loyalen, von Magengeschwüren geplagten Verwalter
Flavius. Thomas Cermak und Klaus Ziemann treten als schmarotzende
Gäste und als weltläufige sprich wendefähige Politiker
auf; Tilman Meyn und István Vincze spielen Maler und Poet mit
einer für diese gar nicht problematischen Nähe zu Reichtum
und Macht. Anne Hoffmann und Maika Troscheit haben vor allem als
geschäftstüchtige Prostituierte ihren publikumswirksamen
Auftritt, wenn sie Timons Gold förmlich mit allen (symbolischen)
Körperöffnungen in sich aufsaugen. Das Publikum zeigte sich von
dieser Inszenierung mehr beeindruckt als begeistert. Man konnte einfach
nach diesem existienziellen Abgesang nicht fröhlich "Bravo" rufen,
obwohl es einige Darsteller - vor allem Uwe Zerwer - durchaus verdient
hätten. Man ging an diesem Abend einfach still nach Hause. Weitere Aufführungen am 21. Februar
sowie am 12. und 28. März Alle
Fotos © Barbara Aumüller |
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