Sterben - Erben - Werben - Verderben

Februar 2010



Das Gegenstück: Timon von Athen


























































































































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In "Volpone" nimmt Ben Jonson die ewige Erbschleicherei aufs Korn.




Noch heute gilt der Satz, dass sich beim Erben die Charaktere offenbaren, und so manche vermeintliche Familienidylle ist an Mutters Meißner oder Vaters Vermeer zugrunde gegangen. Ben Jonson hat diese Feststellung bereits im frühen 17. Jahrhundert getroffen und in seiner Satire "Volpone" in szenische Bilder umgesetzt. Doch mit der Entlarvung der Erbschleicher ist es bei ihm nicht getan: er lässt auch den Erblasser nicht gut aussehen, sondern zeigt auch dessen Bosheit, wenn er seine Macht über die um sein Erbe kämpfenden und intrigierenden zukünftigen Hinterbliebenen erkennt und sie gnadenlos ausspielt. Irgendwann gerinnt das anfängliche Spiel um Entlarvung und Bestrafung zum Selbstzweck und zur Befriedigung persönlicher Machtphantasien.

Thomas Cermak (Corvino),Tilman Meyn (Mosca) , Hubert Schlemmer (Volpone), Anne Hoffmann (Colomba)
Thomas Cermak (Corvino),Tilman Meyn (Mosca) , Hubert Schlemmer (Volpone), Anne Hoffmann (Colomba)

Der angesehene und wohlhabende Volpone - nomen es omen! - ist wahrhaft ein schlauer Fuchs. Sein Diener Mosca hat listig das Gerücht gestreut, Volpone liege im Sterben, und dieser hat sich mit entsprechend leidendem - und mit weißem Puder verstärktem  - Gesichtsausdruck ins Bett gelegt. Beide harren nun der Dinge, die unausweichlich kommen müssen. Als erstes erscheint der Notar Voltore, um nach dem Sterbenden zu sehen. Seine Beteuerung einer überfließenden Freundschaft und Betroffenheit unterstreicht er mit einem goldenen Becher, dessen Besitz den Todkranken aufmuntern und gesunden lassen soll - offiziell. Beiseite bittet er Mosca, dafür zu sorgen, dass in dem von ihm selbst aufgesetzten Testament schließlich sein Name erscheine, was ihm dieser natürlich mit treuem Augenaufschlag zusagt. Doch nicht nur Voltore hat die Zeichen der Zeit erkannt. Auch der so knauserige wie habgierige Corvino erscheint mit besorgtem Gesicht, muss sich jedoch erst durch einen dezenten Hinweis auf Voltores goldenen Becher zu einer unfreiwilligen Barspende bewegen lassen. Auch er muss seinen Wunsch, auf Volpones Testament als einziger zu erscheinen, Mosca übermitteln, da der hochgradig potentielle Erblasser nur noch vor sich hin röchelt. Als Dritter im Bunde erscheint der greise  Corbaccio mit Rollator. Er hat zwar vom Leben nicht mehr allzuviel zu erwarten, jedenfalls was Zeit betrifft, doch für ihn gilt: "Alter schützt vor Torheit nicht". Um beim Erbschleicherrennen gegen Voltore und Corvino nicht vorzeitig auszuscheiden, lässt er in Ermangelung von Bargeld einen wertvollen Ring als Gastgeschenk zurück. Auch diesen muss ihm allerdings Mosca erst durch die lobende Erwähnung der Großzügigkeit seiner Konkurrenten vom unwilligen Finger ziehen. Der Hinweis auf den Zustand des schwer atmenden Volpone und die Zusage der Alleinerbschaft lassen den Verlust des Ringes als nur kurzfristig verschmerzen.
Doch nicht nur die Männer kennen sich im Kampf ums Erbe aus - die Frauen sind mindestens genauso findig. Plötzlich erscheint Canina, die jahrelang ihre Gunst gegen Geld an jeden solventen Freier verschenkt hat, und gesteht Mosca ihre Liebe zu Volpone. Sie habe genug von all den jungen Mänenrn und wolle in den Hafen der Ehe mit einem reifen Manne einlaufen. Das solle auch sein erotischer Schaden nicht sein. Zum pekuniären Erfolg der Erbschleicher-Abzocke kann sie zwar nicht beitragen, doch hofft sie, andere herausragende Argumente einsetzen zu können.

Bis hierher läuft für das betrügerische Duo alles wie geschmiert, und Volpone springt nach jedem Erbschleicherbesuch fröhlich aus dem Sterbebett und plant den nächsten Coup. Dabei geht es ihm gar nicht so sehr um den finanziellen Gewinn aus den Geschenken sondern vielmehr um die Bloßstellung und Demütigung seiner angeblichen Freunde. Und so fallen ihm schnell noch weiter gehende Peinigungen ein. Dem für  seine Eifersucht bekannten Corvino lässt er über Mosca zutragen, dass er kurzfristig genesen sei und eine Frau verlange. Sein Nachbar habe ihm daraufhin in Erwartung des Erbes bereits für die nächste Nacht seine bildhübsche Tochter zugesagt. Corvino lässt unter solchem Zeitdruck alle kleinbürgerlichen Vorurteile fallen und macht seiner Frau Colomba ihre seelsorgerische Aufgabe am Bett eines Todgeweihten eindringlich klar. Gleichzeitig bringt Mosca den alten Corbaccio auf die Idee, Volpone anstelle seines Sohnes als Erbe einzusetzen. Da ja Volpone sowieso nur wenige Tage zu leben habe, spiele diese generöse Maßnahme praktisch keine Rolle, könne sich aber beim sterbenden Volpone günstig auswirken. Die Karotte von Volpones Gesamterbe vor Augen, unterschreibt Carbaccio.

Tilman Meyn (Mosca) , Hubert Schlemmer (Volpone)
Tilman Meyn (Mosca) , Hubert Schlemmer (Volpone)

Doch damit handelt er sich und dem Betrügerduo ernsthafte Schwierigkeiten ein, denn keiner hat mit Corbaccios Sohn Leone gerechnet, den Mosca in einem Anfall sadistischen Größenwahns über eben diesen Schachzug informiert, um so viel wie möglich Unfrieden unter den Erbschleichern zu stiften. Als Colomba tatsächlich an Volpones Bett zur angeblichen Pflege erscheint, wird dieser plötzlich putzlebendig und versucht, ihre erotische Gunst mit mehr oder weniger sanfter Gewalt zu erringen. Colombas entrüstetes Geschrei ruft Leone auf den Plan, der Volpone nicht nur niederschlägt sondern ihn auch bei Gericht der Vergewaltigung bezichtigt. Jetzt wird es wirklich eng für Volpone, denn auf dieses Vergehen steht die Todesstrafe. Doch Voltore haut ihn mit einem unvergleichlichen Plädoyer heraus, bei dem Leone als Verleumder dasteht und alle anderen Erbschleicher Voltore zustimmen müssen, um nicht die Aussicht auf die Erbschaft zu verlieren.

Als Höhepunkt denkt sich Volpone anschließend die Perfidie aus, Mosca im offiziellen Testament als Alleinerben einzusetzen, dann seinen Tod zu simulieren und sich unter dem weißen Leichentuch an dem Streit der düpierten Erbschleicher zu ergötzen. Wie dieser Plan ausgeht, wollen wir hier nicht verraten, um interessierten Lesern nicht die Spannung zu rauben. So viel können wir jedoch verraten, dass Jonsons Stück wahrhaft doppelbödig ist und immer noch mit einer unerwarteten Volte aufwartet. Gerade diese Mehrdeutigkeit hebt es über eine reine Gesellschaftssatire hinaus, die den Antipoden der verkommenen Gesellschaft gern als zwar desillusionierten aber doch aufrechten "Held" darstellt - Philipp Marlowe lässt grüßen!. Am Ende sind alle Betrüger Betrogene und es gibt keinen wahren Gewinner.

Regisseur Michael Helle hat seiner Inszenierung den von Stefan Zweig aus Jonsons englischer Vorlage frei erstellten Text zugrunde gelegt. Dadurch erhält das Stück sprachlich den Duktus des 20. Jahrhunderts, auch wenn das elisabethanische Versmaß im Ansatz erhalten bleibt. Daher - und wegen der Zeitlosigkeit des Themas - lässt er die Akteure auch in aktuellen Kostümen auftreten, wobei diese bisweilen eher an Zweigs dreißiger Jahre erinnern. Das Bühnenbild hat Achim Römer auf ein Minimum reduziert: eine Klappcouch, die mal als Krankenbett - mit Bettzeug und Tropfständer - und mal als Wohnraum fungiert. Alles andere bleibt der Phantasie der Zuschauer überlassen, und das ist auch gut so. Natürlich fallen während des Stücks Bemerkungen über Geld und Banken, die noch vor wenigen Jahren höchstens ein schwaches Lächeln hervorgebracht hätten, diesmal jedoch jedesmal ins Schwarze trafen. Man hatte sich bei der Auswahl dieses Stückes offensichtliche einige Gedanken zur Aktualität gemacht.

Tilman Meyn (Mosca) , Maika Troscheit (Canina), Hubert Schlemmer (Volpone)Tilman Meyn (Mosca) , Maika Troscheit (Canina), Hubert Schlemmer (Volpone)

Die Darsteller können in ihren Rollen durchweg brillieren, nicht zuletzt, weil die Figuren als Archetypen angelegt sind. Hubert Schlemmer spielt einen herrlich schlitzohrigen und sprunghaften Volpone, der einen teuflichen Spaß darin findet, die Schwächen seiner Mitmenschen gnadenlos auszunutzen und zu denunzieren. Dabei merkt er lange nicht, dass er um keinen Deut besser ist als diese. Schlemmer zeigt sich in dieser Rolle wieder einmal als Meister des hintergründigen Humors, der bei ihm nie platt ausfällt. Tom Wild ist als redegewandter und skrupelloser Notar in seinem Element. Mit hochgezogenen Schultern und mal liebedienerischem, mal großmäuligem Auftreten weiß er sich wie ein Chamäleon jeder Situation anzupassen. Andreas Manz ist als tattriger und doch habgieriger Corbaccio mit grauem Langhaar kaum wiederzuerkennen und bringt die Verschlagenheit dieses skrupellosen Greises deutlich zum Ausdruck. Thomas Cermak ist ein cholerischer Corvino, der sich stets um sein Recht gebracht und von seiner Frau betrogen fühlt; kurz: jemand, der sein gefühltes Verlierertum in Aggression umwandelt. Tilman Meyn gbt einen anpassungsfähigen und geschmeidigen Mosca ganz im Sinne des Truffaldinos der Comedia dell'arte, der im Hintergrund des Geschehens scheinbar absichtslos die Fäden zieht. István Vinczes Leone ist als einziges wirkliches Opfer zu Recht empört und versteht diese Welt aus Lug und Betrug nicht mehr. Maika Troscheit gibt die Canina als eiskalte Intrigantin, die nach vorne lächelt und nach hinten auskeilt und ansonsten die seit ältesten Zeiten erfolgreichen Mittel gegen die Männer einsetzt. Da kann man auch einmal die Blicke eines Mannes auf den angeblich wertvollen Schmuck im Ausschnitt lenken und sich lasziv auf der Couch drapieren. Anna Hoffmann gibt mit Colomba das genaue Gegenstück: eine verschüchterte und verklemmte junge Frau, die mit der Welt und vor allem ihrem Mann nicht zurechtkommt und am liebsten im Boden versinken möchte. Klaus Ziemann als Oberst der Polizei und Uwe Zerwer als Richter bekleiden Nebenrollen mit eher geringen Möglichkeiten der Ausgestaltung.

Das Publikum zeigte sich äußerst angetan von dieser temporeichen und bei allem Witz nie klamaukhaften Inszenierungen und erwartete gespannt die zweite Halbzeit mit "Timon von Athen".

Weitere Aufführungen am 21. Februar sowie am 12. und 28. März

Frank Raudszus

Alle Fotos © Barbara Aumüller


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