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In "Volpone" nimmt Ben Jonson die ewige Erbschleicherei aufs Korn. | ||||
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Der angesehene und wohlhabende
Volpone - nomen es omen! - ist wahrhaft ein schlauer Fuchs. Sein Diener
Mosca hat listig das Gerücht gestreut, Volpone liege im Sterben,
und dieser hat sich mit entsprechend leidendem - und mit weißem
Puder verstärktem - Gesichtsausdruck ins Bett gelegt. Beide
harren nun der Dinge, die unausweichlich kommen müssen. Als erstes
erscheint der Notar Voltore, um nach dem Sterbenden zu sehen. Seine
Beteuerung einer überfließenden Freundschaft und
Betroffenheit unterstreicht er mit einem goldenen Becher, dessen Besitz
den Todkranken aufmuntern und gesunden lassen soll - offiziell.
Beiseite bittet er Mosca, dafür zu sorgen, dass in dem von ihm
selbst aufgesetzten Testament schließlich sein Name erscheine,
was ihm dieser natürlich mit treuem Augenaufschlag zusagt. Doch
nicht nur Voltore hat die Zeichen der Zeit erkannt. Auch der so
knauserige wie habgierige Corvino erscheint mit besorgtem Gesicht, muss
sich jedoch erst durch einen dezenten Hinweis auf Voltores goldenen
Becher zu einer unfreiwilligen Barspende bewegen lassen. Auch er muss
seinen Wunsch, auf Volpones Testament als einziger zu erscheinen, Mosca
übermitteln, da der hochgradig potentielle Erblasser nur noch vor
sich hin röchelt. Als Dritter im Bunde erscheint der greise
Corbaccio mit Rollator. Er hat zwar vom Leben nicht mehr allzuviel zu
erwarten, jedenfalls was Zeit betrifft, doch für ihn gilt: "Alter
schützt vor Torheit nicht". Um beim Erbschleicherrennen gegen
Voltore und Corvino nicht vorzeitig auszuscheiden, lässt er in
Ermangelung von Bargeld einen wertvollen Ring als Gastgeschenk
zurück. Auch diesen muss ihm allerdings Mosca erst durch die
lobende Erwähnung der Großzügigkeit seiner Konkurrenten
vom unwilligen Finger ziehen. Der Hinweis auf den Zustand des schwer
atmenden Volpone und die Zusage der Alleinerbschaft lassen den Verlust
des Ringes als nur kurzfristig verschmerzen. Bis hierher läuft für
das betrügerische Duo alles wie geschmiert, und Volpone springt
nach jedem Erbschleicherbesuch fröhlich aus dem Sterbebett und
plant den nächsten Coup. Dabei geht es ihm gar nicht so sehr um
den finanziellen Gewinn aus den Geschenken sondern vielmehr um die
Bloßstellung und Demütigung seiner angeblichen Freunde. Und
so fallen ihm schnell noch weiter gehende Peinigungen ein. Dem
für seine Eifersucht bekannten Corvino lässt er
über Mosca zutragen, dass er kurzfristig genesen sei und eine Frau
verlange. Sein Nachbar habe ihm daraufhin in Erwartung des Erbes
bereits für die nächste Nacht seine bildhübsche Tochter
zugesagt. Corvino lässt unter solchem Zeitdruck alle
kleinbürgerlichen Vorurteile fallen und macht seiner Frau Colomba
ihre seelsorgerische Aufgabe am Bett eines Todgeweihten eindringlich
klar. Gleichzeitig bringt Mosca den alten Corbaccio auf die Idee,
Volpone anstelle seines Sohnes als Erbe einzusetzen. Da ja Volpone
sowieso nur wenige Tage zu leben habe, spiele diese generöse
Maßnahme praktisch keine Rolle, könne sich aber beim
sterbenden Volpone günstig auswirken. Die Karotte von Volpones
Gesamterbe vor Augen, unterschreibt Carbaccio.
Doch damit handelt er sich und
dem Betrügerduo ernsthafte Schwierigkeiten ein, denn keiner hat
mit Corbaccios Sohn Leone gerechnet, den Mosca in einem Anfall
sadistischen Größenwahns über eben diesen Schachzug
informiert, um so viel wie möglich Unfrieden unter den
Erbschleichern zu stiften. Als Colomba tatsächlich an Volpones
Bett zur angeblichen Pflege erscheint, wird dieser plötzlich
putzlebendig und versucht, ihre erotische Gunst mit mehr oder weniger
sanfter Gewalt zu erringen. Colombas entrüstetes Geschrei ruft
Leone auf den Plan, der Volpone nicht nur niederschlägt sondern
ihn auch bei Gericht der Vergewaltigung bezichtigt. Jetzt wird es
wirklich eng für Volpone, denn auf dieses Vergehen steht die
Todesstrafe. Doch Voltore haut ihn mit einem unvergleichlichen
Plädoyer heraus, bei dem Leone als Verleumder dasteht und alle
anderen Erbschleicher Voltore zustimmen müssen, um nicht die
Aussicht auf die Erbschaft zu verlieren. Als Höhepunkt denkt sich
Volpone anschließend die Perfidie aus, Mosca im offiziellen
Testament als Alleinerben einzusetzen, dann seinen Tod zu simulieren
und sich unter dem weißen Leichentuch an dem Streit der
düpierten Erbschleicher zu ergötzen. Wie dieser Plan ausgeht,
wollen wir hier nicht verraten, um interessierten Lesern nicht die
Spannung zu rauben. So viel können wir jedoch verraten, dass
Jonsons Stück wahrhaft doppelbödig ist und immer noch mit
einer unerwarteten Volte aufwartet. Gerade diese Mehrdeutigkeit hebt es
über eine reine Gesellschaftssatire hinaus, die den Antipoden der
verkommenen Gesellschaft gern als zwar desillusionierten aber doch
aufrechten "Held" darstellt -
Philipp Marlowe lässt grüßen!. Am Ende sind alle
Betrüger Betrogene und es gibt keinen wahren Gewinner. Regisseur Michael Helle hat
seiner Inszenierung den von Stefan Zweig aus Jonsons englischer Vorlage
frei erstellten Text zugrunde gelegt. Dadurch erhält das
Stück sprachlich den Duktus des 20. Jahrhunderts, auch wenn das
elisabethanische Versmaß im Ansatz erhalten bleibt. Daher - und
wegen der Zeitlosigkeit des Themas - lässt er die Akteure auch in
aktuellen Kostümen auftreten, wobei diese bisweilen eher an Zweigs
dreißiger Jahre erinnern. Das Bühnenbild hat Achim
Römer auf ein Minimum reduziert: eine Klappcouch, die mal als
Krankenbett - mit Bettzeug und Tropfständer - und mal als Wohnraum
fungiert. Alles andere bleibt der Phantasie der Zuschauer
überlassen, und das ist auch gut so. Natürlich fallen
während des Stücks Bemerkungen über Geld und Banken, die
noch vor wenigen Jahren höchstens ein schwaches Lächeln
hervorgebracht hätten, diesmal jedoch jedesmal ins Schwarze
trafen. Man hatte sich bei der Auswahl dieses Stückes
offensichtliche einige Gedanken zur Aktualität gemacht.
Die Darsteller können in
ihren Rollen durchweg brillieren, nicht zuletzt, weil die Figuren als
Archetypen angelegt sind. Hubert Schlemmer spielt einen herrlich
schlitzohrigen und sprunghaften Volpone, der einen teuflichen
Spaß darin findet, die Schwächen seiner Mitmenschen
gnadenlos auszunutzen und zu denunzieren. Dabei merkt er lange nicht,
dass er um keinen Deut besser ist als diese. Schlemmer zeigt sich in
dieser Rolle wieder einmal als Meister des hintergründigen Humors,
der bei ihm nie platt ausfällt. Tom Wild ist als redegewandter und
skrupelloser Notar in seinem Element. Mit hochgezogenen Schultern und
mal liebedienerischem, mal großmäuligem Auftreten weiß
er sich wie ein Chamäleon jeder Situation anzupassen. Andreas Manz
ist als tattriger und doch habgieriger Corbaccio mit grauem Langhaar
kaum wiederzuerkennen und bringt die Verschlagenheit dieses
skrupellosen Greises deutlich zum Ausdruck. Thomas Cermak ist ein
cholerischer Corvino, der sich stets um sein Recht gebracht und von
seiner Frau betrogen fühlt; kurz: jemand, der sein gefühltes
Verlierertum in Aggression umwandelt. Tilman Meyn gbt einen
anpassungsfähigen und geschmeidigen Mosca ganz im Sinne des
Truffaldinos der Comedia dell'arte, der im Hintergrund des Geschehens
scheinbar absichtslos die Fäden zieht. István Vinczes Leone
ist als einziges wirkliches Opfer zu Recht empört und versteht
diese Welt aus Lug und Betrug nicht mehr. Maika Troscheit gibt die
Canina als eiskalte Intrigantin, die nach vorne lächelt und nach
hinten auskeilt und ansonsten die seit ältesten Zeiten
erfolgreichen Mittel gegen die Männer einsetzt. Da kann man auch
einmal die Blicke eines Mannes auf den angeblich wertvollen Schmuck im
Ausschnitt lenken und sich lasziv auf der Couch drapieren. Anna
Hoffmann gibt mit Colomba das genaue Gegenstück: eine
verschüchterte und verklemmte junge Frau, die mit der Welt und vor
allem ihrem Mann nicht zurechtkommt und am liebsten im Boden versinken
möchte. Klaus Ziemann als Oberst der Polizei und Uwe Zerwer als
Richter bekleiden Nebenrollen mit eher geringen Möglichkeiten der
Ausgestaltung. Das
Publikum zeigte sich äußerst angetan von dieser temporeichen
und bei allem Witz nie klamaukhaften Inszenierungen und erwartete
gespannt die zweite Halbzeit mit "Timon von
Athen". Weitere Aufführungen am 21. Februar
sowie am 12. und 28. März Alle
Fotos © Barbara Aumüller |
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