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Musikalisches Drama im Kammermusikformat |
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Das 6. Kammerkonzert des Staatstheaters Darmstadt kam nach einer turbulenten Vorgeschichte zustande | ||||
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Das Unwahrscheinliche wurde aber
wahr, der Münchner Pianist Oliver Triendl sagte zu, reiste am
Konzerttag morgens um fünf Uhr aus München ab, und
pünktlich um 20 Uhr stand eine völlig neue
Solisten-Konstellation auf der Bühne, die wahrscheinlich so noch
nie miteinander gespielt hat, schon gar nicht dieses anspruchsvolle
Programm. Wenn diese drei den Abend recht und schlecht überstanden
hätten - natürlich immer verglichen mit ihrem sonstigen
Niveau, hätte man sich nicht beklagen dürfen. Ihre wahre
Professionalität zeigten sie aber dadurch, dass sie das Programm
nicht nur technisch perfekt darboten, sondern dabei ein Engagement und
eine musikalische Begeisterung zeigten, die an "Jam Sessions" von
großen Jazz-Musikern erinnerte. Das ursprüngliche Programm
erfuhr aus den erwähnten Gründen eine unvermeidliche
Umgestaltung. So fielen das Scherzo von Johannes Brahms, das Adagio von
Alban Berg und die Violinsonate von Béla Bartók ganz weg
(offensichtlich können auch Profis nicht alles vom Blatt
spielen...), und dafür kam die Violinsonate Nr. 2 d-moll von
Robert Schumann zusätzlich ins Programm. Die Reihenfolge hatte man
offensichtlich auf die Instrumentalkonstellationen abgestellt. Am
Anfang stand Schumanns Violinsonate, dann folgten Alban Bergs "Vier
Stücke für Klarinette und Klavier op. 5", unmittelbar nach
der Pause Robert Schumanns - schon ursprünglich vorgesehene
- "Fantasiestücke für Klarinette und Klavier op 73" und
zum Schluss - als Höhepunkt und einzige "Gemeinschaftsproduktion"
- Béla Bartóks "Kontraste für Klarinette, Violine
und Klavier Sz 111". Robert Schumanns Violinsonate beginnt emphatisch mit expressiven Akkorden beider Instrumente, um dann in eine ausgedehnte langsame Phase überzugehen, in der beide Instrumente vor allem die leisen Töne in den Vordergrund zu stellen. Schon hier fiel der weiche Anschlag Oliver Triendls auf, der dem introvertierten Spiel der Violine viel Gestaltungsraum ließ. Im weiteren Verlauf dieses ausgedehnten ersten Satzes steigert sich die Musik wieder zu expressiver Spannung, die sich immer wieder in forcierten Aufwärtsbewegungen der Geiger und kräftigen Akkorden des Klaviers entlädt. Der zweite Satz fällt vor allem durch seine Kürze auf und zeigt eine aufgekratzte Lebhaftigkeit. Der dritte Satz beginnt fast wie Don Giovannis Ständchen vor Zerlinas Fenster, wenn Christian Tetzlaff die Geige wie eine Gitarre zupft, geht dann aber in ein "bewegtes" Tempo über und bringt noch einmal gedrängte Emotionen zum Vorschein. Tetzlaff und Triendl präsentierten diese Sonate mit einer Sicherheit, als spielten sie schon ewig miteinander. Vor allem die feine Abstimmung der beiden fiel auf, die sich im Verzicht auf eigene Dominanz niederschlug und zu einer ausgewogene Struktur der Interpretation führte.
In den vier Stücken von Alban Berg hatten
es Triendl und Widmann mit weit größeren Problemen zu tun.
Ist schon Schumanns Metrik gegenüber seinen Vorgängern -
Schubert, Beethoven - deutlich aufgelöst, so erkennt man bei Berg
überhaupt keinen Takt mehr. Die Koordination der beiden
Instrumente muss also rein über den Blickkontakt und die
Übereinstimmung des musikalischen Empfindens erfolgen. Dass Berg
sich nicht weiter an die Gesetze der klassischen Tonalität hielt,
betrifft dabei weniger die Musiker als die Zuhörer, die sich erst
an diese Art der Musik gewöhnen müssen. Die einzelnen
Stücke sind, vom letzten einmal abgesehen, ausgeprochen kurz und
dauern nur wenige Minuten. Diese kurze Dauer ist jedoch gefüllt
von einer extrem spannungsvollen, auf wenige, kurze Motive reduzierte
Musik, wobei sich die beiden Instrumente "die Bälle zuspielen", d.
h. in einem Dialog miteinander stehen. Schönklang spielt in dieser
musikalischen Welt keine Rolle mehr, sondern lediglich die musikalische
Figur und der Ausdruck des einzelnen Motivs, ja eines einzigen Tons zählen.
Die Klarinette durchläuft dabei die gesamte Ton- und
Ausdrucksskala, und das Klavier begleitet dazu mal mit verhaltenen,
ostinaten Akkorden oder mit plötzlichen Ausbrüchen. Auch hier
fiel auf, wie schnell sich der im letzten Augenblick eingesprungene
Oliver Triendl einfügte und sich als vollwertiger Partner des
Klarinettisten Jörg Widmann erwies, der sich im Vorfeld dieses
Konzerts natürlich auf einen anderen Partner eingestellt hatte. Nach der Pause trat noch einmal
die gleiche Kombination auf, nun aber mit den auch ursprünglich
vorgesehenen Fantasiestücken von Robert Schumann. Der Vergleich
mit Alban Bergs vier "Stücken" ist recht reizvoll, handelt es sich
doch in beiden Fällen um kurze Kompositiionen für dieselbe
Instrumentenkonstellation, allerdings mit vollständig anderem
historischen Kontext. Schumanns Stücke zeigen noch eine deutliche
thematische und logische Struktur, wie wir sie von der klassischen
Musik her kennen. Zwar löst auch Schumann schon die Strukturen
etwas auf, doch gegenüber Berg bleibt er geradezu ein "Klassiker".
Das klingt zwar im ersten Moment trivial, trennen die beiden
Kompositionen doch über siebzig Jahre in einer bewegten Zeit, wird
aber im driekten Vergleich bsonders deutlich. Die drei
Fantasiestücke haben durchweg liedhaften Charakter, wobei sich die
einzelnen Themen durchaus ähneln und damit die Stücke zu
einem Ganzen werden lassen, das fast wie eine dreisätzige Sonate
wirkt. Zu diesem Eindruck tragen auch die komplementären
Vortragsbezeichnungen - von "Zart..." bis "...mit Feuer" - bei.
Jörg Widmann und Oliver Triendl zeigten sich bei diesem Vortrag
von einer anderen, eher musikantischen Seite, die ihnen genauso viel
Spaß zu machen schien wie der abstrakte Aspekt der Bergschen
Stücke.
Den Schluss bildete dann der
gemeinsame Auftritt aller drei Musiker mit einem Paradestück
für Solisten. Béla
Bartóks ""Kontraste" macht seinem Namen wahrlich Ehre,
führt es uns doch an die Grenzen der tonalen Musik, mit allen
rhythmischen, harmonischen und melodischen Extremen. Das Stück war
ursprünglich zweisätzig für den Klarinettisten Benny
Goodman und den Violonisten Szigeti gedacht, und dabei sollte jeder der
beiden Solisten ausreichend Gelegenheit zu einem ausgedehnten Solo
erhalten. Später hat dann Bartók einen langsamen Mittelsatz
hinzugefügt, der beide Instrumente zu einem harmonischen Dialog
zusammenfügt. Das Klavier hält sich dagegen die ganze Zeit
eher im Hintergrund. Der erste Satz beginnt mit einem Pizzicato der
Geige, geht dann in ein marschartiges Thema über, das sich
später in tänzerischen Rhythmen auflöst. Er basiert auf
einem ungarischen Tanz, der früher zur Brautwerbung oder auch zur
Soldatenanwerbung (welch Gegensatz!) gespielt und getanzt wurde. Der
letzte Satz nimmt verschiedene ungarische und rumänische
Volkstänze und - lieder auf und wagt sich immer weiter in
dissonante, teilweise harte und wilde Klangkombinationen. Zum Schluss
rast die Musik wie ein Derwisch durch den Raum, angetrieben von den
wilden Läufen und schrillen Motiven der beiden Melodieinstrumente.
Vor allem Christian Tetzlaff und Jörg Widmann konnten in diesem
Finale ihre ganzen technischen Fähigkeiten und ihre
Ausdrucksvielfalt auf ihren Instrumenten vorführen, was sie auch
mit viel Musizierlust taten.
Frank Raudszus |
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